Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 6,55-69

Ulrike Burkhardt (ev)

03.04.2011 in der Evangelischen Lutherkirche Oberhausen

Liebe Gemeinde, was für ein Text!

 Man hört’s und weiß nicht so recht, was man dazu sagen soll. Was Jesus da sagt, irritiert, provoziert, ja es stößt ab. Die Art, wie er hier spricht. In drastischer Weise redet er davon, dass wir sein Fleisch essen und sein Blut trinken sollen und dass wir dadurch wahres Leben finden sollen.

Worum geht es hier? Zur Zeit haben ja in Fernsehen und Kino die sog. „Twilight“- Geschichten Hochkonjunktur - Geschichten von Vampiren, die sich vom Blut anderer ernähren. Horrorfilme kommen einem in den Sinn. In den Anfängen des Christentums sind die Christinnen und Christen verdächtigt worden, Kannibalismus zu betreiben. Mit dieser Anklage sind viele Christen unter Nero hingerichtet worden. Für Außenstehende hatte das Abendmahl den Charakter eines Opferrituals, bei dem - weil ja hier beim Brotbrechen vom Leib und beim Weintrinken vom Blut Christi gesprochen wurde - ein Mensch geopfert und gegessen wurde. Das klingt für uns vollkommen abwegig, aber wenn man so einen Text hört, wie heute? In der katholischen Kirche gibt es die Vorstellung der Wandlung. Danach verwandeln sich bei der Eucharistie Brot und Wein - nicht äußerlich, aber dem Wesen nach - in den Leib und das Blut Christi. Nun - wir sind evangelisch. Diese Vorstellung haben wir so nicht.

Aber was sollen wir dann mit damit anfangen, wenn Jesus sagt, wir sollten sein Fleisch essen und sein Blut trinken? Offenbar haben diese Worte schon damals, zur Zeit Jesu, Menschen irritiert, befremdet, ja so abgestoßen, dass sie die christliche Gemeinschaft wieder verlassen haben. Was sollen wir tun? Auch gehen? Ich denke nicht. Ich denke, wir sollten bleiben, denn vielleicht bieten diese Worte nicht nur Anstößiges, das uns wegtreibt, sondern vielleicht können sie ein wertvoller Anstoß sein, der uns neu zum Abendmahl hinführt, uns anregt, neu über das Abendmahl nachzudenken, das wir heute ja auch in diesem Gottesdienst feiern wollen, die uns das Abendmahl neu erleben lassen.

Wenn wir Abendmahl feiern - was tun wir da? Was erleben wir da? Was spüren wir da? Warum gehen wir da hin? Was suchen wir? Was bekommen wir? Es ist kein Essen, keine Mahlzeit, an der wir teilnehmen, um körperlich satt zu werden. In der Urgemeinde gehörte das zusammen. Da hat man erst richtig zusammen gegessen, sich zusammen satt gegessen, was besonders für die Armen der Gemeinde wichtig war. Und dann hat man das Abendmahl gefeiert. Da ging es nicht mehr ums Sattessen auf körperlicher Ebene, sondern um etwas anderes. Etwas was genauso wichtig ist. Es geht um ein anderes Brot, das wir genauso nötig haben, wie das tägliche Brot für den Leib. Es geht um das Brot für die Seele.

Einige Verse vor unserem Predigttext wird die Geschichte von der Speisung der 5000 erzählt. 5000 Menschen werden satt - von 5 Broten und 2 Fischen. Als die Menschen das sehen, wollen sie Jesus ergreifen, so heißt es da, um ihn zum König zu machen. Wäre das nicht etwas, wenn sie einen hätten, der für immer den Hunger beseitigen würde, der ihnen ihr tägliches Brot garantieren würde? Wäre dann nicht alles gut, alles? Wäre dann nicht ihr Glück vollkommen? Wenn es keinen materiellen Mangel mehr gäbe, wäre das nicht das Heil? Hätten sie dann nicht, alles was sie bräuchten für ein gutes Leben? Nein, sagt Jesus, das ist nicht alles, was sie brauchen, damit wäre ihnen nicht von vornherein gutes Leben garantiert. Um das zu erklären schließt er seine Brotrede an das Wunder an, zu der auch unser Predigttext gehört. Eine Rede, in der er von dem anderen Brot spricht, das wir genauso nötig haben, das Brot, das vom Himmel kommt und das in ihm Fleisch geworden ist.

Was brauche ich zum Leben? Für ein gutes Leben? Bei vielen Kindern und Jugendlichen erlebe ich heute häufig, dass sie äußerlich alles haben.

Sie haben genug zu essen. Sie tragen Markenkleidung. Sie haben einen Computer. Sie haben das neueste Handy. Aber sie sind nicht glücklich. Es geht ihnen nicht gut.

Weil ihnen etwas anderes fehlt, vieles fehlt, was man nicht kaufen kann: Liebe und Zuwendung, Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Anerkennung. Wenn wir Abendmahl feiern, spüren wir unsere Bedürftigkeit, spüren, dass wir noch mehr brauchen als das tägliche Brot, als das Materielle - so wichtig das auch ist - dass wir auch Brot für die Seele brauchen, um ein gutes Leben zu haben, ein erfülltes Leben - und das ist ewiges, bleibendes, beständiges Leben. Und wir erfahren zugleich sichtbar, spürbar, dass Gott uns dieses Brot geben will.

Im Abendmahl wird für uns noch einmal sinnlich spürbar und sichtbar, was Jesus mit seinem ganzen Reden und Leben verkündet hat: Gott gibt uns das Brot des Lebens, das wirklich und wahrhaftig satt macht, lebendig und heil, indem er uns seine Liebe, seine Anerkennung zeigt, Vergebung und Begleitung auf allen Wegen, auch den dunkelsten Wegen, zusagt, uns verspricht, die Zukunft offen zu halten, immer wieder neu. 

Jesus hat dieses Brot ausgeteilt, wo immer er Menschen begegnet ist. Eigentlich sind praktisch alle Geschichten, die von ihm erzählt werden, auf ihre Weise Speisungsgeschichten, weil in ihnen Menschen mit dem Himmelsbrot genährt und gestärkt werden. Da ist die Geschichte von der Heilung des Gelähmten. Jesus war in einem Haus und predigte. Das Haus war brechend voll und die Freunde des Gelähmten hatten keine Chance zu ihm durchzukommen. Da deckten sie das Dach des Hauses ab und ließen den Gelähmten auf der Trage nach unten. Und Jesus heilte ihn, indem er zu ihm sagte „Deine Sünden sind dir vergeben.“

Mit diesem Satz nahm er ihm, was ihm auf der Seele lag, ihn zu Boden drückte und lähmte und gab ihm die Kraft, neu aufzustehen, neu ins Leben zu gehen. Dieser Satz war für den Gelähmten Himmelsbrot. Da sind die Begegnungen mit Aussätzigen, mit Menschen, die vollkommen isoliert waren, die am Rande der Gesellschaft lebten, mit denen keiner Kontakt haben wollte. Jesus ist auf sie zugegangen und hat sie berührt, ist nicht vor ihnen geflohen wie die anderen. Dadurch wurden sie geheilt, bekamen neue Kraft und Lebendigkeit. Diese Berührung, diese Begegnung war für sie Himmelsbrot. Da ist die Geschichte von den Eltern, die ihre Kinder zu Jesus brachten, damit er sie segnete. Kinder galten damals nicht viel, sie waren - zumindest wenn sie noch klein waren und noch nicht mitarbeiten konnten - eher eine Belastung, sie waren nicht nützlich. Die Jünger wollten die Eltern zurückweisen. Aber Jesus sagte: Lasst die Kinder zu mir kommen. Und zeigte: Vor Gott ist nicht wichtig, dass wir etwas vorweisen können, dass wir etwas leisten können, dass wir nützlich sind. Wir sind so wertvoll und wichtig, wie wir sind, ob wir jung oder alt sind, krank oder gesund, arbeiten können oder nicht.

Diese Botschaft ist Himmelsbrot, das Kraft gibt, aufrichtet, lebendig macht. Mit seinem ganzen Reden und Leben hat Jesus Himmelsbrot ausgeteilt, bis zu seinem Tod. Sein Tod hat die Botschaft noch einmal zugespitzt, indem deutlich wurde, dass wir Gott so wichtig sind, dass er alles für uns einsetzt und auch in den tiefsten Tiefen des Lebens an unserer Seite ist. Diese Botschaft ist Himmelsbrot, das stärkt,  tröstet, ermutigt, aufrichtet. Das Abendmahl lässt uns schmecken und sehen, macht sinnlich spürbar, dass Gott uns dieses Himmelsbrot geben will, damit wir gutes, volles Leben finden. Und lädt uns ein, dieses Himmelsbrot, diese Liebe, die er uns schenkt, diese Wertschätzung, diese Zusage, uns in allem zu begleiten und Zukunft zu schenken, anzunehmen.

Diese Sätze nicht nur zu hören, sondern zu verinnerlichen, sie ganz in uns aufzunehmen, sie bei uns in Fleisch und Blut übergehen zu lassen.  So wie wir vom Brot nur satt werden, wenn wir es in den Mund nehmen, beißen, kauen, schlucken und verdauen, so sollen wir auch das, was in Jesus Fleisch und Blut geworden ist, die Liebe Gottes, ins Innere hinein lassen. Unser Text heute ist ja schon ziemlich drastisch, wenn er vom Fleisch essen spricht, aber eigentlich ist er in dieser Übersetzung schon etwas geglättet.

Im griechischen Urtext heißt es, dass wir sein Fleisch „kauen“ sollen.  Ernährungsexperten sagen es uns immer wieder: kauen ist wichtig. Nur wenn wir unsere Nahrung richtig durchkauen, wird sie auch vollständig verwertet. Nur dann können alle Nährstoffe, die in dem Lebensmittel stecken, wirksam werden und uns ihre ganze Energie geben. Und nur wenn wir richtig kauen, haben wir den vollen Geschmack von dem, was wir essen, nur dann können sich alle Aromen entfalten. Wenn man ein Stück trockenes Brot ganz gründlich kaut, habe ich gelesen - und das kann ja jede und jeder mal für sich ausprobieren, dann schmeckt es auf einmal süß, denn durch das Kauen und den Speichel wird das Brot in seine Bausteine, vor allem seine Stärke- und Zuckermoleküle zerlegt. Wenn wir es schnell herunterschlingen, merken wir nichts davon und haben womöglich den Eindruck, dass das Brot nur fade schmeckt. „Jeder, der mich kaut, wird durch mich leben.“ So steht es in unserem Text.

Das, was in Jesus Fleisch geworden ist, die Liebe und Zuwendung Gottes, seine Botschaft, dass wir Gott, so wie wir sind, unendlich wichtig sind, das sollen wir uns im Munde zergehen lassen, richtig auskosten, nicht schnell herunterschlingen, sondern gut durchkauen. Gutes Kauen braucht Zeit. Wir sollen uns Zeit nehmen, das Himmelsbrot in uns aufzunehmen. Wir sollen uns Zeit nehmen, nachzudenken, Gottes Botschaft, Jesu Leben und Worte zu bedenken, darüber nachzudenken, das zu betrachten - von allen Seiten, um alles herausschmecken zu können, was darin steckt. Wenn wir es dann „schlucken“, dann kann es sich auch ganz in uns entfalten, mit allen seinen Wirkungen und wirklich Kraft geben, Energie für ein gutes, erfülltes Leben.

Und es ist gut, so wie es im Abendmahl geschieht, wenn wir dieses Brot nicht allein essen und durchkauen, sondern dies in einer Gemeinschaft tun. Es ist gut, wenn wir uns gemeinsam Zeit nehmen, Gottes Botschaft, Jesu Worte und Leben zu bedenken, dem Geschmack dieser Botschaft, dieser Worte auf die Spur zu kommen, uns darüber auszutauschen, was wir herausschmecken, wo es süß, wo es bitter oder sauer schmeckt, wo wir uns die Zähne ausbeißen, wo uns etwas schwer im Magen liegt, wo wir auf den Geschmack gekommen sind.

Es ist gut, gemeinsam das Himmelsbrot zu kosten, auszukosten, es miteinander zu teilen, sich mitzuteilen. Wenn man mit anderen zusammen isst, das erleben wir ja auch sonst, dann schmeckt es viel besser, dann tut das gut.

 Ich glaube so ist das auch, wenn wir das Himmelsbrot zusammen essen - im Gespräch mit einem anderen, im Austausch am Bibelabend oder anderen Stellen. Wir werden gleich das Abendmahl miteinander feiern.

Vielleicht gibt uns der Text heute, der zunächst so anstößig wirkte, den Anstoß, das heute noch etwas bewusster zu tun und neu zu erleben, wozu wir eingeladen sind, wenn es heißt: „Schmeckt und seht, wie freundlich unser Gott ist.“ Amen.