Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 7, 28-29

Pfarrerin Susanne Graap (ev)

24.12.2013 in der Klosterkirche St. Trinitatis in Neuruppin

Christvesper 2012

Der Kindheit entwachsener Weihnachtsglaube

Johannes 7, 28-29

Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich, und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn, denn ich bin von ihm und er hat mich gesandt.

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,

fröhlich schwatzend geht es auf dem Seniorennachmittag im Advent zu. Die beliebten Advents – und Weihnachtslieder „Alle Jahre wieder“, „Tochter Zion“ und der „Christbaum ist der schönste Baum“ sind schon gesungen, da steht die Älteste unter den Seniorinnen auf, geht nach vorn und sagt: „Ich will von einem Weihnachtsfest erzählen, das jetzt wahrscheinlich nicht in die fröhliche Stimmung passt. Aber es ist meine Weihnachtsgeschichte.“

„1963 war ich 43 Jahre alt.“ - beginnt die nun schon über 90zig jährige Dame zu erzählen. „Meine Stiefmutter war, wie wir alle, mit den Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt. Sie packte Päckchen, schrieb Briefe an ihre Freundinnen und Verwandten. `Ich gehe noch schnell zur Post,´ ruft sie mir aus dem Hausflur zu. Ich höre noch, wie die Tür ins Schloss fällt. Etwa zwei Stunden später klingelt mein Telefon. Der Anruf kommt von der Notaufnahme des Krankenhauses. `Ihre Mutter wurde von einem Motorradfahrer in der Nähe der Post angefahren. Sie hat eine schwere Kopfverletzung und wird gerade operiert.´ Ich lasse den Höherer sinken.“ Die Tage vor Weihnachten sind für mich mit diesem Schicksal schwer zu ertragen. Ich besuchte meine Mutter im Krankenhaus. Ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Nach Weihnachten feiern war mir damals nicht mehr zumute.“ – sagt die Dame nachdenklich und sieht in die Runde. Dann fährt sie fort, „Zum Glück ist da mein Sohn. Der nimmt die Weihnachtsvorbereitungen in die Hand, bittet mich den Weihnachtsbaum zu schmücken und an den Braten zu denken.“ So tut die junge Frau, was sie jedes Jahr zu Weihnachten macht. Und zwischendurch besucht sie ihre Mutter im Krankenhaus. Am Heiligen Abend summt sie auf dem Weg ins Krankenhaus ein Lied, das ihr plötzlich in den Sinn gekommen ist. „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann diese Nacht nicht traurig sein“- Ist es die schöne zarte Melodie des Weihnachtsliedes, die da in ihr zu klingen beginnt? Oder ist es der Text, der von der Hoffnung erzählt, dass da ein kleines verletzliches Licht in dunkler Nacht scheint? Sie kann es nicht genau sagen, aber das Lied ist in ihr und trägt einen Funken Hoffnung in ihr Herz, dass ihre Mutter es schaffen würde, dass es am Ende irgendwie gut werden würde.

Da ist nichts schrill, nichts laut, da ist keine Fröhlichkeit. Da ist nur die zarte Melodie und der Text, der mit jeder Strophe die Gewissheit von Geborgenheit in ihr Herz singt. Gott ist das Licht in der Finsternis – da ist eine Ahnung von einem Trost, der sie trägt. Niemals wird die Frau später erklären können, wie es geschehen konnte, dass sie in diesen schweren Tagen durch ein einfaches Lied getröstet wurde.

Später sitzt sie dann am Bett ihrer Mutter und singt für sie dieses Lied. Ihrer Stiefmutter geht es weiter schlecht, daran ändert sich nichts.

Es ist so schwer ist an Gott zu glauben, wenn Dinge mit uns geschehen, die wir nicht verstehen. Es ist so schwer an Gott zu glauben, wenn ich daran denke, dass der Junge in Newtown so viele Kinder und Erwachsene mit in den Tod genommen hat; die Mutter, die gerade erst ein Kind geboren hat sterben wird, weil sie Krebs hat; die Bewohnern in Palästina und Israel, das Recht auf ein friedliches Leben, schon so lange verwehrt bleibt.

Gott kommt in unsere Welt. Er fragt nicht, ist es dir in diesem Jahr recht, dass ich komme. Er zeigt sich in dem kleinen verletzlichen Licht eines Kindes. Gott kommt nicht mit der Macht, die alles Leid abwendet. Ich kann mir die Augen zuhalten, weil ich es gerade nicht aushalte. Aber das Licht ist da. Gott kommt mit seiner verletzlichen Macht.

Damit das Kind unsere Geschichten vom Leben aushalten kann, ist Gott geheimnisvoll in ihm. Wenn ich dem Gesang der Engel glaube, dann darf ich meine Schicksalsgeschichten zu dem Kind in die Krippe tragen.

Auf der Seniorenweihnachtsfeier ist es ganz still geworden. Da ruft eine Frau:

„ Bitte, kann es wieder etwas fröhlicher an diesem Nachmittag werden?“ – ihre Stimme verhallt ungehört.

Da lag die Weihnachtsgeschichte plötzlich so ganz anders auf den bunten Tellern.

Jesus sagt: Ihr kennt mich, und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn, denn ich bin von ihm und er hat mich gesandt.

Was mich in dieser Nacht erwartet ist der Zauber, der von diesem Kind ausgeht. Die Hoffnung, dass am Ende meine Geschichte etwas Glanz von dem Geheimnis bekommt, weil dieser Glanz seit 2012 Jahren einfach da ist. Weil dieser Glanz größer ist als mein Begreifen, meine Logik und meine Erwartung. Dieser Glanz dringt durch alles Leiden und nicht Verstehen. Wir feiern an Heiligabend den Glanz Gottes, der durch ein Kind mein Leben berührt.

Am Ende erzählt die Frau: „Wenige Tage nach Weihnachten stirbt meine Mutter. Am 6. Januar ist die Beisetzung. Am Grab meiner Mutter möchte ich das Lied singen „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein“ – es hat uns beide in den letzten Tagen ihres Lebens begleitet. Ihre Familie hält das für unmöglich, dass die Tochter am Grab ihrer Mutter überhaupt in der Lage ist das Lied zu singen. Alle befürchten, ihre Stimme erstickt unter den Tränen. Am Ende steht sie am Grab ihrer Mutter und singt „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein, der immer schon und nahe war, stellt sich als Mensch den Menschen dar. „Sie singt... Strophe für Strophe... - Gott weiß, wer ihr die Kraft dazu gab. Amen