Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 7,27-29

Pfarrer Stephan Dedring

24.12.2006 in der Evangelischen Hauptkirche Rheydt

Christvesper

Christvesper

Liebe Gemeinde,

„Eigentlich bin ich ein Anderer, aber ich komme so selten dazu!“ [Ö.v.Horvath]
Vor Kurzem bin ich diesem Satz begegnet, und er ist mir im Gedächtnis geblieben. Eigentlich bin ich ein Anderer, aber ich komme so selten dazu. Stimmt das? Sollte ich, sollten wir noch einmal nachdenken über das Bild, das wir von uns selbst und das andere von uns haben, über unser Bild von anderen, und über unsere Vorstellung von und unsere Beziehung zu Gott?
Das Weihnachtsfest unterbricht unseren Alltag; es will ihn heilsam unterbrechen, weil es in der Tat Wichtiges über uns und über Gott zu hören und zu feiern gibt.
Eigentlich bin ich ein Familienmensch, aber die Belastung im Beruf nimmt so viel Zeit und Energie in Anspruch... Eigentlich bin ich ein geselliger Mensch, aber oft weiß ich nicht, woran ich bei den anderen bin... Eigentlich bin ich ein religiöser Mensch und bräuchte mehr spirituelle Übung, aber der Alltag läuft so schnell dahin und die Frage nach Gott geht darüber verloren...
Vermutlich könnten wir heute Abend hier diese Reihe von Sätzen locker ergänzen.
Eigentlich sind wir andere, aber wir kommen so selten dazu.
Erinnern Sie sich noch an die Hockey-WM im Sommer in unserer Stadt und an die Fußball-WM in unserem Land? An diese Stimmung schwarz-rot-goldener Leichtigkeit internationalen Feierns? Das Ausland kannte uns so nicht, und wir uns auch nicht. War das ein Ausrutscher oder eine Seite, die wir viel zu oft unter ernstem und trübem Pessimismus verstecken?
In vielen Städten gab es in diesem Jahr die „free hugs campaign“, die „Kampagne für kostenlose Umarmung“, in Australien entstanden (und im Internet bei YouTube anzusehen): mit einem Schild „Kostenlose Umarmung“ stellten sich Leute in die Fußgängerzonen der Städte. Ein WDR-Team tat das auch in Köln. Nach anfänglichem Zögern gab es viele, die das Angebot annahmen und sich umarmen ließen. Zwei Holländern gefiel das in Köln so gut, dass sie das Schild zur Fortsetzung der Aktion in Holland mit über die Grenze nahmen. Spricht das für die Suche nach mehr Menschlichkeit und Nähe in unserer oft zu isolierten und kalten Konkurrenzgesellschaft?
Das Weihnachtsfest lädt uns ein, uns selbst, das Leben und seine Sehnsüchte und Gott noch einmal neu kennenzulernen.

In der Weihnachtsgeschichte sehe ich viele, die Neues entdecken:
Josef bleibt trotz aller Beziehungsprobleme an der Seite seiner schwangeren Maria und begegnet so unverhofft der großen Liebe.
Die Weisen aus dem Morgenland schließen ihre Institute und ihre Häuser ab, beauftragen ihre Verwalter und lassen sich noch einmal ein auf mühsame Wege und eine entbehrungsreiche Reise, um zu finden, was die Welt bewegt, bis sie entdecken, dass sich in Bethlehem die ganze Welt in die große Nähe Gottes verwandelt hat.
Die Hirten haben keine Lust, wegen ihrer ruppigen Art und der üblichen Betrügereien
immer nur als Unterschicht, als „Prekariat“ angesehen zu werden, sammeln ihre Kräfte und all ihren Mut, um dem Hinweis des Engels zu folgen und die Krippe des Heilands zu suchen, dessen Liebe allen Menschen gilt und dessen Liebe alle in Bewegung setzt. Auch wenn das Knien vor einem Kind eine Seite war, die sie noch nicht an sich kannten.
Und da ist sie dann wieder, diesmal in ihrem zentralen Ursprung: die Leichtigkeit internationalen Feierns, weil die Liebe ausgerufen ist in diesem Christuskind. Kostenlose Umarmung zwischen verschiedenen sozialen Schichten, weil die Wärme der Liebe Gottes plötzlich so deutlich spürbar ist.
Und wir sind gefragt, ob wir dabei sein wollen, ob wir heute mit ihnen an der Krippe feiern wollen. Die Hirten und die Weisen ziehen jedenfalls los, um alle zu Liebe und Gotteslob einzuladen. Dabei sind sie damals bestimmt auf skeptische Fragen gestoßen und vielleicht auch selber wieder ins Zweifeln geraten: ein Kind, Krippe und Stall: sollte das wirklich...? Sollte dort wirklich Gott zu finden sein?
Dem erwachsenen Jesus ist es nicht anders ergangen, erzählt der Evangelist Johannes im Predigttext: „Den kennen wir doch! Das ist Jesus von Nazareth, der Zimmermann!“ „Nein, nein! Der Christus müsste spektakulär vom Himmel erscheinen!“ Und Jesus antwortet: „Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Und doch bin ich von Gott gesandt, den ihr nicht kennt!“
Gott ist ein Anderer. Und wir kommen so selten dazu, ihn zu erkennen. Gott ist ein Anderer, als unsere Spekulationen hergeben:
ein Retter in Schwäche,
ein Heiland in Windeln,
ein Zimmermann in Vollmacht,
ein Gekreuzigter, der den Tod besiegt,
ein Gott, der darum ganz nahe ist, uns ganz nahe, näher, als wir denken und spüren.
Und darum sind wir Andere, als wir selbst oft von uns denken. Aber heute dürfen wir es wieder merken: wir sind Gottes Kinder mit diesem Kind in Bethlehem, wir sind Brüder und Schwestern, weil in Bethlehem Gottes Geschichte mit uns und der Welt neu anfängt.
Gott ist da! Wir gehören zu ihm, am Fest und im Alltag. Wir brauchen nur die Aufmerksamkeit dafür. Ich bin ein Anderer. Ich muss es nur merken und zulassen. Und wenn uns das gelingt, wird jeder Tag ein kleines Weihnachtsfest!
Wie gut, das wieder hören zu dürfen. Wie gut, dass es Weihnachten gibt!

Amen.