Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 7,28+29

Pfarrer Hanns Günther

24.12.2000 in der Evangelischen Petruskirchengemeinde, Stuttgart-Gablenberg

Weihnachten feiern, liebe Gemeinde, ist heutzutage schwierig geworden!
Nein, nicht weil einem der Appetit auf den Festtagsbraten oder die Wurstplatten aufgrund der Nachrichten der letzten Tage vergangen ist. Auch nicht weil man vor Weihnachten immer vor lauter Hektik nicht zur Ruhe kommt und das Schenken zum Stress wird, weil bei uns alle schon alles haben. Ich meine auch nicht, weil es mal wieder keinen Schnee gibt und die richtige Stimmung fehlt.

Nein, Weihnachten feiern, so richtig in seiner Bedeutung, ist deshalb schwierig, weil man vor lauter Weihnachtsrummel oft gar nicht mehr weiß, was der Kern dieses christlichen Festes ist.

Irgendetwas losmachen, irgendwie feiern kann man natürlich immer. In Japan zum Beispiel ist Weihnachten seit neuestem sehr beliebt, obwohl kaum jemand sagen kann, was er da feiert. Es ist einfach Mode geworden wie bei uns Halloween. Lichterketten und Dekorationen nach amerikanischem Geschmack bringen eine stimmungsvolle Atmosphäre, die die Japaner anspricht und damit den Umsatz der Geschäfte steigert. Was da gefeiert wird, davon haben die Japaner, wie kürzlich aus Radiointerviews zu entnehmen war, keinen blassen Schimmer. Warum auch, sie sind fast zu hundert Prozent Buddhisten, was soll ihnen ein christliches Fest sagen? --

Sagt es uns etwas? - noch etwas? - oder feiern wir im christlichen Abendland oft auch nicht viel anders als die Japaner, eben Atmosphäre, die Familie, Stimmung ...?

Wie sagte eine Konfirmandin vor Jahren: "Was, an Weihnachten, da ist doch so viel los, da feiert ihr auch noch einen Gottesdienst? " - - Wie gesagt: Richtig Weihnachten feiern ist schwierig geworden. Heute haben wir dazu noch einen recht schwierigen Predigttext, nur zwei trockene Verse:

Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wißt, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt. (Joh 7,28-29)

Dieser Text ist spröde, schwer zugänglich. Ein erzählerischer Einstieg soll uns zunächst den historischen Hintergrund erschließen:
Die Sonne stand schon hoch, als sie die Türme Jerusalems vor sich sahen und sich jetzt anschickten zum Tempelberg hinaufzusteigen. Dieses Jahr wollten sie zum Fest in der Heiligen Stadt selbst sein. Vater und Sohn hatten sich diese Pilgerreise schon seit langem vorgenommen. Drei Tage Fußmarsch über staubige Straßen und Wüstenpfade hatten sie hinter sich, die Hitze war tagsüber teils mörderisch gewesen und nun waren sie am Ziel. Aron, der Sohn, der drei Jahre zuvor Bar-mizwa gefeiert hatte und sich leidenschaftlich für die Thora und die Geschichte der Väter Israels interessierte, wollte unbedingt einmal zum Laubhüttenfest in Jerusalem sein. Immer wieder mussten sie die Reise verschieben. In diesem Jahr hatte Jitzchak, sein Vater, sich frei nehmen können.

Die Stadt brodelte, durch alle Tore der Stadtmauer kamen Pilger herein und strömten zum Tempel. Diesen hatten Aron und Jitzchak inzwischen auch erreicht. Sie staunten über das prächtige Bauwerk, das der König Herodes, ein Herrscher, der sich im Volk nicht gerade besonderer Beliebtheit erfreute, hatte errichten lassen.

Jetzt standen sie vor dem ersten Tor und wurden einer Menge gewahr, die sich dort um einen Mann drängte und laut und aufgebracht miteinander diskutierte. "Mose hat euch doch die Beschneidung gegeben ... und ihr beschneidet Menschen auch am Schabbat" rief der Mann, der offensichtlich dort einen Lehrvortrag hielt. "Wenn nun ein Mensch am Schabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz des Mose gebrochen werde, was zürnt ihr dann mir, weil ich am Schabbat den ganzen Menschen gesund gemacht habe? - Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht".

Aron zog seinen Vater hinüber zu der Menge. Der, der da so vollmächtig lehrte, konnte nur Jesus von Nazareth sein, der Rabbi aus Galiläa, der mit einer Schar von Jüngern durch die Gegend zog und mit seinen Reden und Taten immer wieder für Aufsehen sorgte. "Vater, das ist Rabbi Joshua, ein begnadeter Mann, von Gott gesandt, einige sagen, er sei der Messias, der neue König. Ihn wollte ich immer schon mal kennen lernen." "Ach, wieder so ein aufgeblasener eingebildeter Prophet, einer der sich selbst für wichtiger hält als alle Lehrer Israels" brummte der Vater und die Begeisterung des Sohnes konnte ihn überhaupt nicht anstecken. "Ist das nicht der, den sie zu töten trachten?" rief einer aus der Menge "und sie lassen ihn hier so frei reden"? - "Sollten unsere Oberen nun doch erkannt haben, dass er der Christus ist" schrie ein anderer.

"Nein, wo denkt ihr hin, wir wissen doch woher dieser ist - aus Galiläa, dort gibt es viele solche Volksaufwiegler. Aber das weiß man doch schon lange: Aus Galiläa steht kein Prophet auf". Das war auch die Meinung Jitzchaks und deshalb wollte er seinen Sohn aus dieser Menschenansammlung wegziehen, aus der heraus gerade ein anderer brüllte: "Wenn der Christus eines Tages kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist"

So ging die Debatte und die Reaktion Jesu darauf ist nun eben unser Predigttext am heutigen Heiligen Abend:
TEXT Joh7,28+ 29 (nochmals vorlesen)

Die entscheidende "Weihnachtsfrage" damals und bis heute, liebe Mitchristen: 'Ist dieser Galiläer der von Gott gesandte Retter oder sollen wir auf einen anderen warten?' wie es Johannes der Täufer von Anfang an durch seine Jünger fragen ließ.

Und nun merken wir, dass dieser kurze Text bei aller seiner Trockenheit ein Weihnachtstext ist. Denn er führt uns genau auf den Kern der Weihnachtsbotschaft: "Christ der Retter ist da" .

Hat das etwas mit meinem Leben zu tun? Glaube ich, dass in dieser Heiligen Nacht Gott zur Welt kommt. Das ist das Kernbekenntnis des Christfestes. Wenn Christen bekennen, dass Jesus, der armselig in einer Krippe zur Welt gekommene, der Heiland sei, dann hat das Konsequenzen. Dann widersprechen wir damit allen Gesetzen des äußerlichen Erfolgs. Und wir halten dagegen: der Wert des Menschen ist nicht an Erfolg, Einfluss, Schönheit oder Leistungsfähigkeit zu messen, sondern der Mensch erhält seine Würde und seinen Wert allein von Gott, der ihn nach seinem Ebenbild geschaffen hat und der in Jesus Christus zur Welt kommt, in einem Stall, auf der Flucht, als Kind armer Leute, aus Galiläa. Das ist für die Zeitgenossen damals ein Anti - messias.

"Den kennen wir", "aus Galiläa kann nichts Gescheites kommen", "wenn einer von Gott kommt, dann muss es ein Starker, ein König sein." - Dass er auch noch am Kreuz scheitert, das war völlig undenkbar. -
Dass nach seinem Tod aber Menschen davon überzeugt waren, dass genau in dieser Schwäche, in dieser Armut, Gott zur Welt gekommen war, und sich mit den tiefsten Abgründen des Menschseins solidarisiert hat, das eben ist die Revolution des Christentums, das ist der Punkt, in dem wir, bei allem interreligiösen Dialog, uns von allen anderen monotheistischen Religionen unterscheiden.

Dieses unser Bekenntnis hat Konsequenzen für unser Menschenbild. Wenn der Mensch seine Würde und seinen Wert nicht durch Leistung oder perfekte Funktionsfähigkeit bekommt, dann hat auch das behindert geborene Kind seine Würde, auch wenn es nie lesen und schreiben lernen wird, oder genauso der alte Mensch, der Mühe hat mit dem Leben Schritt zu halten und nichts zur Steigerung des Bruttosozialprodukts beitragen kann.

Diesen kritischen Einwurf, liebe Mitchristen, haben wir zu machen, wenn menschliche Regierungen, egal wo auf der Welt, menschliche Embryonen als Forschungsmaterial und Rohstofflager für menschliche Ersatzteile betrachten, wie das dieser Tage in Großbritannien gesetzlich abgesegnet wurde. Nichts gegen das gut gemeinte Vorhaben, Krankheiten heilen zu wollen! Aber kritische Christen wissen, dass es von der verbrauchenden Embryonenforschung bis zur menschenverachtenden medizinischen Selektion des menschlichen Erbguts nur ein ganz winziger Schritt ist. Sind wir als Menschen stark genug, der Versuchung zu widerstehen, selbst Menschen zu machen nach unserem Bilde? oder wird es so sein, wie es ein kritischer Wissenschaftler kürzlich gesagt hat, dass bevor der erste Parkinsonkranke geheilt wird, das erste geklonte Baby aus der Retorte fertig ist.

Es war bislang noch immer so, dass Erfindungen und technischer Fortschritt auch Nachteile, Probleme oder gar handfesten Missbrauch mit sich brachten. Die Erfindung der Kernspaltung eröffnete nicht nur die Möglichkeit zur Energiegewinnung, sie brachte auch die Geisel der Atombombe mit sich, und bis heute ist es möglich, mit den vorhandenen Waffenarsenalen sämtliches Leben auf diesem Globus mehrfach zu vernichten. "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden", die Umsetzung dieser so oft im heimeligen Kerzenschein zitierten Weihnachtsbotschaft ist noch immer eine Herausforderung, eine vom Menschen noch immer nicht gelöste Aufgabe.

Wenn ich glaube, dass in dieser Heiligen Nacht Gott zur Welt kommt, mehr noch, dass Gott Mensch wird, dann hat Gott doch wohl ein Interesse an den Menschen und will sie durch die Friedensbotschaft, die Jesus verkündigt hat, vor ihren Irrwegen warnen. - Irrwege ?

Solche zeigen sich immer wieder. Nicht nur die Entwicklung der Atombombe ist einer oder das Klonen menschlicher Stammzellen, das sich als solcher herausstellen dürfte. Auch der Rinderwahnsinn, den es schon lange gibt, von dem man aber erst jetzt wieder spricht, markiert, wenn man es ernst betrachtet, das Ende eines Irrweges! Es ist der Irrweg der widernatürlichen sogenannten "modernen" Fleischproduktion, die Schafe und Rinder zu Kanibalen und überhaupt zu Fleischfressern gemacht hat und sie unter qualvollen unmenschlichen / untierischen Bedingungen hält, und völlig vergessen hat, dass auch Tiere Mitgeschöpfe sind und nicht nur Material um unseren maßlos gewordenen, luxurierenden Lebensstil zu befriedigen, der obendrein möglichst nichts kosten darf. Theologisch gesprochen ist das eine Sünde gegen die Schöpfung. Das hat sich auf die Dauer noch immer irgendwie gerächt.

"Ihr wisst woher ich komme, aber es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt" sagt Jesus in unserem kurzen Predigttext zu seinen Zeitgenossen, die im Tempel herumstanden. Wenn man unsere Welt so anschaut dann merkt man, dass er es genauso zu uns in die heutige Zeit sagen muss: wisst ihr eigentlich, wer ich wirklich bin? Ihr meint vielleicht mich zu kennen, aber habt ihr wirklich begriffen, wer ich bin? Das kurioseste Missverständnis dessen, wer Jesus sei, ist dieser Tage aus Amerika bekannt geworden:

Eine Initiative in Kalifornien will tatsächlich Jesus als Klon wiederkommen lassen. Sie hofft auf die sogenannten 'Kontaktreliquien': also das Turiner Grabtuch , die Kreuzesnägel ..., daran, so die Theorie, klebe die DNA Jesu. Dieses Erbgut solle man extrahieren und in eine menschliche Eizelle einsetzen. Was wir vielleicht zum Lachen finden wird in den USA ernsthaft diskutiert. Zahlreiche Jungfrauen sind bereit, das Ei auszutragen. Zu Ihrer Beruhigung: biologisch-technisch ist es nicht möglich ! Die Leute glauben trotzdem an ihr Unternehmen. Ich erzähle das, um deutlich zu machen, zu welch abwegigen (ich sprach von Irrwegen) Ideen der moderne Mensch in der Lage ist . Diesen Leuten müsste man ganz dick unterstrichen die Frage stellen: "Ihr meint mich zu kennen, aber ihr kennt den nicht, der mich gesandt hat" und darauf kommt es an.

Ich hatte gesagt, heutzutage Weihnachten wirklich zu feiern ist schwierig.
Jesus ist mehr als seine DNA, mehr als ein vorbildlicher Mensch, mehr als ein Revolutionär, mehr als ein charismatischer Prophet, mehr als ein weitsichtiger Heiliger. Jesus ist Gottes Sohn. Und genauso ist Weihnachten eben mehr als stimmungsvolle Atmosphäre, mehr als abendländische Folklore, mehr als Familienharmonie. Das Weihnachtsfest wirklich im Kern ergriffen, stellt die Frage nach Gott.

An Weihnachten geht es um die zentrale existenzielle Frage: "Wo ist mein Lebensgrund, was macht meine innere Mitte aus, unabhängig von meinen Genen, meinem sozialen Umfeld, unabhängig von meinem Berufsalltag mit allen möglichen Sachzwängen. Die Weihnachtsidylle, die nur das "herze Jesulein" sieht oder den Stall mit Ochs und Eselein romantisch verbrähmt, die verstellt den Blick für den Weg zu Gott, für den Weg zum Heil, das ich nicht aus mir selbst heraus erzeugen muss, sondern das außerhalb meiner selbst liegt und mein Leben hält.

Und wenn dieser Abend heute ein wenig zur "Ernüchterung" in diesem Sinne beiträgt, ich meine, wenn dieser Abend uns zur Besinnung bringt, dass hinter Weihnachtsgans, romantischem Kerzenschein, Christbaum und Lametta eigentlich die Anfrage steht: wisst ihr, wer der ist, der mich gesandt hat? dann kann unser Leben in dieser Nacht einen neuen Impuls bekommen, einen starken Anstoss zu spirituellem Tiefgang und Lebendigkeit. Vielleicht gelingt es ja, dass die eine oder der andere sich vornimmt, im neuen Jahrtausend sich wirklich neu auf die Suche zu machen nach Gott, um seinem Leben einen Schwerpunkt, eine innere Mitte zu geben, die frei macht.

Wie das konkret geht? - Es beginnt damit, die Spur des Christkindes, die Spur des Jesus von Nazareth aufzunehmen und zu verfolgen. Täglich sich fünf Minuten Ruhe einzuräumen, um einen Bibelvers zu lesen und zu bedenken. . Nur ein paar Minuten Konzentration auf einen Bibeltext täglich und es kann einem manches an neuer Tiefe aufgehen. Wer das alleine nicht schafft, kann natürlich in unsere Gottesdienste gehen und sich dort Anstöße und Anregungen aus der Bibel geben lassen. Vielleicht nimmt sich das ja auch jemand vor: im neuen Jahr zehn mal irgendeinen Gottesdienst zu besuchen und neu anzufangen, seinem Leben Tiefgang zu geben, sprich anzuknüpfen an Gott als das Geheimnis des Kosmos, das in der Weihnacht zur Welt kam.

Dann haben Sie es bis zum nächsten Jahr schon ein wenig leichter, Weihnachten zu feiern.