Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 7,37-38

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

28.02.2010 in München

"Wasser des Lebens" - "Wort des Lebens"

Liebe Gemeinde,

unvergesslich ist mir der Ausruf eines Kindes: "Wasser kommt." Begeistert hob es seine verstaubten Hände in den Himmel, um die Regenstropfen aufzufangen und an seinen Mund zu führen. Es strahlte und jubelte, wie verwelkende Blumenblätter, die auf Wasser begossen werden. Wochenlang war mehr in der Gegend kein Regen gefallen. Die staubige Straßen, Felder mit ihren verdorrenden Früchten und flimmernde Luft bestimmten die Landschaft unter dem sonnigen Himmel. Das Wasser wurde knapp und wurde für Menschen und Tieren rationiert. Mit Sorge sahen die Bauern auf ihre Felder und erwarteten sehnsüchtig den Regen, um wenigstens einen Teil ihrer Ernte noch retten zu können. Gerade Kleinkinder litten am meisten unter der sengenden Sonne an Durst. Nun fiel zunächst tröpfchenweise und dann immer stärker Regen aus den schweren schwarzen Wolken des Himmels. Voller Freude mit leuchtenden Augen streckten die Dorfbewohner ihre Hände dem Regen entgegen, öffneten ihren Mund dem Wasser und begannen fröhlich zu singen und zu tanzen. Sie genossen den Regen in vollen Zügen. Dass sie nass wurden, störte sie nicht. Sie stellten Töpfe, Kannen und Eimer auf die Straßen, um das Wasser des Himmels aufzufangen. Sie waren wie verwandelt, neue fröhliche Menschen.

Beim Betrachten der glücklichen Menschen erinnerte ich mich an den Schlagertext der 60ger Jahre: "Am Tag als der Regen kam, da kamst du... " Ein Liebeslied eines wartenden Mädchens auf ihren Freund. Sein Kommen vergleicht sie mit dem Regen. Ihr sehnliches Warten findet Erfüllung: "...lang ersehnt auf die durstigen Felde..." Ein einprägsames Beispiel existentieller Betroffenheit zwischen ihr und dem Geliebten, das mit dem langersehnten Regenbeginn bildlich veranschaulicht wird. Durch den Regenbeginn wie auch durch das Kommen des Freundes gewinnt Warten Sinn. Neues kann beginnen.

Vielleicht denken Natur und Menschen in betroffenen Not- und Erwartungssituationen in ähnlicher Weise, wie die wartende liebende junge Frau. Ihre Frage lautet: "Wie lässt sich Leben erhalten?" Mensch und Natur wissen um die Lebenskraft. Sie zeigen sich kämpferisch und erfinderisch. Ihnen gelingt es auch in langen Notzeiten auf die zu erwartenden Lebensenergie auszuharren. Wenn dann die lebensspendende Kraft kommt, jubilieren sie in gleicher Weise: "Endlich die lebensspendende Speise. Endlich das lebensspendende Wasser". Neu präsentieren sich fröhlich Mensch und Natur in ihrer Lebenskraft und in ihrer Blütenpracht.

Bewusst ist seit Anfang der Schöpfung der Menschheit das Wasser als lebensspendende Macht. In allen Kulturen der Erde wird Wasser als Lebensbringer besungen. Nicht umsonst erinnert der Schöpfungsbericht 1.Mose 2, 5: "Als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, gab es zunächst noch kein Gras und keinen Busch in der Steppe; denn Gott hatte es noch nicht regnen lassen." So wichtig erscheint dem biblischen Schöpfungsbericht, den Regen als Gabe Gottes zu erwähnen. Er und damit Wasser erscheinen nicht als etwas Selbstverständliches. Biblischen Geschichten erzählen, wie um die Wasserstellen gerungen wurde. Spannend ist 1. Mose 26 zu lesen, wie sich Issak und seine Leuten mit den Hirten von Gerar um den gegrabenen Brunnen stritten. Erst aus dem dritten Brunnenbau konnten Isaak und seine Leute für sich und ihre Tiere Wasser entnehmen. Verständlich, dass Isaak Gott für diese Lebensgabe Wasser dankte: "Der Herr hat uns freien Raum gegeben; hier werden wir uns ausbreiten können". Wasser ist Kraft zum Leben, Wohnen und zur Kultur. Eine einfache Geschichte, die aber bis heute Modellcharakter hat. Wasserrechte regeln auch heute in den Ländern Afrikas, Asiens und Amerikas den Wasserverbrauch ihrer Länder unter einander. Denn wer Zugang zum Wasser hat, der hat reiche Ernte. Deshalb wird bei jedem Staudammbau, auch wenn er noch so klein ist, die Wasserrechte festgelegt, um Friede in der Gemeinschaft und zwischen den Völkern zu ermöglichen. In den Entwicklungsgebieten auf der Welt, weiß jeder Bauer an einem Staudamm, wann er und wie lange er Wasser auf seine Felder leiten darf. Recht schafft Recht zum Leben und zum Frieden.

In den Industrienationen zeichnet sich Knappheit für gesundes Trinkwasser aufgrund der verursachten Wasserverschmutzung ab. Die Regierungen planen zum Wohl ihrer Bevölkerung weniger Ölpipelines für die Energieversorgung zu bauen. Sie streben vielmehr an, Wasserpipelines anzulegen, um aus den sauberen Seen Nordeuropas für ihre Bevölkerung gesundes Wasser heranzuschaffen. Einsichtig erscheint der Satz: "Wo Wasser, da Leben". Deshalb hat die UNO den 22. März zum Weltwassertag mit Slogan: "Clear water, haelthy human" ausgerufen. Weltklimakonferenzen planen Vorkehrungen gegenüber unnötiger Verschmutzung der Natur. Herumgesprochen hat sich, dass wenn die Natur gesund ist, dann bleibt auch der Mensch gesund.

Von dieser Erkenntnis spricht die Bibel in eindringlichen Bildern. Sie weiß um die Wirkung des schlechten Wassers von Jericho, das Fehlgeburten bei Mensch und Tier verursachte. Durch den Propheten Elischa machte Gott der Herr das Wasser wieder gesund, so dass es keinen Schaden mehr anrichteten konnte. (2. König 2,21). Die Bibel kennt die menschliche Sorge um Wasser. Als die Isareliten durch die Wüste in das gelobte Land zogen, hatten sie mehr als einmal Durst. Sie hätten deswegen beinahe Mose gesteinigt. Dieser schrie zum Herrn heißt es 2. Mose 17, 4. Gott selbst kommt Mose zur Rettung und weist ihn an: "Schlag an den Felsen, dann wird Wasser herauskommen, und das Volk kann trinken". Für das Volk war dies ein Gottesbeweis und ein Beleg, dass er mit seinem Volk ist und es erhält.

Menschen wissen um die Bedeutung des Wassers zum Leben. Menschen wollen mehr als nur den alltäglichen Durst stillen. Sie wollen das Wasser des Lebens, das Elexier des ewigen Lebens. Menschen sind von Haus aus religiös und erahnen, dass ihr innerer Mensch Durst nach dem Ewigen, nach Gott dem Schöpfer hat. Dieses Wissen zeichnet Menschen aus. Im Bild des schreienden Hirschens beschreibt der Psalmist seine Sehnsucht als Beispiel aller Menschen nach Gott: "Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so sehne ich mich nach dir, mein Gott". (Ps. 42, 1) Sein Verlangen nach Gott ist groß: "Ich dürste nach Gott, nach dem wahren, lebendigen Gott". Durst nach Gott scheinen wir, heutige Menschen, wohl kaum noch in einem solchen Bild zu benennen. Trotzdem dürfen wir, uns heutigen, nicht diesen Durst nach Gott abstreiten lassen. Er ist indirekt da, wenn sich Menschen nach einem gelingenden Leben in der Zeit sehnen. Jeder weiß, dass ihm das Leben vorgegeben ist und dass er aus seinem Leben etwas machen kann. Gewiss ereignet sich dieses nicht so einfach. Bekannt sind die Schwierigkeiten des Alltags-, Berufs- und Familienlebens. Die Sorgen um das Weiterkommen, machen einem schon zu schaffen. Nach Hilfe wird öfters als wir meinen Ausschau gehalten. Die Erinnerung an Gott kommt auf. Die Frage nach Gott lautet heute nicht mehr so allgemein formuliert: "Wo ist Gott?", sondern konkret aus der Notsituation: "Kann mir Gott helfen?" und noch persönlicher ausgedrückt: "Gott, hilf mir". Es sind kurze echte Gebete. Die eine konkrete und sichtbare Erhörung erwarten. Sie rufen nach Gottes Kraft zur Lebensmeisterung. Sie sprechen Gott auf die Kraft für ihre Innenleben an, aus dem sie wirken können.

Jesus hat diese Bitte um Lebenskraft, um Lebenswasser im Gespräch mit den Menschen sowohl als äußere, wie auch als innere verstanden. Deutlich wird dies in der Unterredung mit der Samariterin am Brunnen, die er um Wasser bat. Aus der Frage nach dem Wasser entwickelt sich zwischen Jesus und ihr ein Gespräch um Lebensgestaltung. Er verbindet wohl wissenden um den Zusammenhang von Wasser und Leben die Bitte um den Wassertrunk mit dem Lebenswasser. Jesus lenkt das Gespräch mit der Frau aus den alltäglichen Belangen auf das Wasser des Lebens, das für immer den Durst, den inneren Durst löscht: "Wer aber von dem Wasser trinkt, dass ich ihm gebe, wird niemals Durst haben. Ich gebe ihm Wasser, das in ihm zu einer Quelle wird, die ewiges Leben schenkt." (Johannes 4, 14) Jesus führt im Gespräch und durch den Verweis auf seine Person und sein Tun die Frau zu Gott. Ihm geht es dabei um die Wesensbestimmung des Menschen aus Gott. Gott ist die Quelle des Lebens. Aus ihr möge der Mensch immer trinken und andere auf Gott als Lebensgrundlage verweisen. Jesus verdeutlicht Menschen, dass Gottes Kraft sie durchs Leben trägt und ihnen dabei hilf das Schwere des Lebens zu meistern. Gewiss wird Gottes Handeln an uns Menschen uns erst im Nachhinein einsichtig, wenn wir über unserer Leben nachdenken und staunend erkennen, dass wir das Schwere geschafft haben. Jesus will durch seine Bildworte und seine konkreten Taten den Menschen auf seine Gottesbeziehung zurückführen und bittet ihn sie zu leben. Jesus sieht in ihr die Kraftquelle des Lebens. Darum ist der Glaube des Menschen an Gott für ihn so wichtig, weil er die Wirkkraft Gottes erkennen lässt. Das Vertrauen zu Gott ermöglicht Lebensmeisterung.

Jesus spricht zum besseren Verständnis und zur Erkenntnis Gottes in Bildern der Natur, die der Mensch kennt und die ihm manches deutlicher veranschaulichen. Die Wirkkraft des Wassers erfasst, erspürt und erkennt jeder Menschen. Deshalb predigt Jesus zum Passahfestes zu den nach Jerusalem pilgernden Menschen, die nach dem langen Fußmarsch durstig sind: "Wer durstig ist, soll zu mir kommen und trinken - jeder, der mir vertraut! Denn in den heiligen Schriften heißt es: "Aus seinem Innern wird lebendiges Wasser strömen". (Johannes 7, 37-38) Jesus bietet dem zu ihm kommenden durstigen Menschen zu trinken an. Er setzt auf die belebende Wirkung des Wassers. Der Trinkende spürt, wie der Wassertrunk ihn innerlich erfrischt. Jesus überträgt diese Erfahrung des Trinkenden auf die Botschaft seiner Worte und deren Geistmächtigkeit. Wie das Wasser einen Menschen innerlich erfrischt und verändert, so geschieht dies durch seine Worte und deren Geist. Durch sein Wort macht Jesus Menschen lebendig. Lebendig sein heißt für ihn geistig sein. Im Bild des Wassers gesprochen, möge der erfrischte Mensch wieder "Ja" zum Leben sagen.

Vertrauen stellt die Verbindung zwischen Jesus und dem Menschen her. In der geistigen Gemeinschaft mit ihm begreift der Mensch, dass Jesus Worte als Gottes Wort in ihrer Kraft wie Wasser wirken. Sie erneuern Menschenleben. Wer Jesus Worte bildlich gesprochen getrunken hat, der wird zu einer Quelle, aus dem lebendiges Wasser strömt.

Wenn Jesus auffordert: "Wer durstig ist, soll zu mir kommen". Dann gilt es für uns glaubende Menschen, die Kraft und Antworte auf unsere Fragen beim ihm zu suchen, sich darauf einzulassen und zuzuhören, was Jesus dem Inneren-Menschen sagen möchte. Jesus Worte wirken wie Wasser, die Durstige erfrischen und lebendig machen wollen. Seine Worte sind Wortes des Lebens.

Amen.


 


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