Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 7,53-8,11

Pfarrer Martin Franke (ev)

23.06.2013 in den Gottesdiensten der Evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen

zum 4.So.n.Trinitatis in Seligenstadt mit KonfirmandInnen-Mitwirkung

Gnade sei mit euch – und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

es gibt Bibeltexte, die haben ihre eigene Geschichte. „Jesus und die Ehebrecherin“, eine der bekanntesten Jesuserzählungen, die wir gleich hören, ist erst spät in die Bibel eingewandert: Bis ins dritte Jahrhundert ist sie den Handschriften unbekannt. Und als sie dann im 4. Jahrhundert, also über 300 Jahre nach Jesu Tod, in lateinischen und griechischen Abschriften auftaucht, wird sie an ganz unterschiedlichen Stellen eingefügt: Mal bei Lukas, mal bei Johannes, meist in den letzten Tagen Jesu vor dem Passa und der Verhaftung in Jerusalem – und schließlich dort, wo wir sie heute kennen: mitten im Johannesevangelium und der Auseinandersetzung mit den jüdischen Rechtsgelehrten jener Zeit.

Diese Geschichte hat sich gleichsam durchgesetzt. Vielleicht, so mutmaßt der Journalist in mir, weil es um „Sex and Crime“ geht, genauer gesagt, um die Sehnsucht nach erotischer Befriedigung und um eine Hinrichtung. „Sex sells“ und für Sex, Tod und schwere Krankheit findet man nach alter Journalistenregel immer Leserinnen und Leser. Für religiöse Themen, welche der Welt und der Begrenztheit des Lebens einen Sinn zu geben versuchen, übrigens auch.

Hören wir also erneut diese starke Geschichte, die heute im Johannesevangelium im 8. Kapitel (Joh.7, 53-8, 11) zu finden ist:

53 Und jeder ging heim.

1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.

3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte

4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.

5 [a] Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: [a] Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.

10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?

11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und [a] sündige hinfort nicht mehr.

Im Deutschen ist sogar die Rede vom „ersten Stein“ nach Luthers Übersetzung sprichwörtlich geworden. Vielleicht ist es doch nicht nur „Sex and Crime“, welche diese Geschichte in der Bibel und den Evangelien unverzichtbar gemacht hat; vielleicht passt ihr Inhalt einfach so gut zu dem, was Menschen brauchen und von Jesus auch nach der Auferstehung erwarten, erhoffen und glauben, dass diese Geschichte weitererzählt werden musste. Wenn eine Geschichte erzählt wird, dann wird sie auch gebraucht – und missbraucht:

Diese Geschichte hat jahrhundertelang dazu gedient, die jüdische Religion als grausam und unbarmherzig hinzustellen, so als habe es dieses Todesurteil wegen Ehebruchs jemals gegeben. Tatsächlich ist es, wie die gesamte Geschichte, frei erfunden. Zur Zeit Jesu im besetzten Israel gibt es kein einziges Todesurteil durch jüdische Gerichte und kann es nicht geben. Denn diese dürfen ausschließlich über Religionsangelegenheiten entscheiden. Alle Kapitalverbrechen und ihre Bestrafung unterliegen dem staatlichen römischen Recht. (Ein Todesurteil durch ein jüdisches Gremium wäre ungefähr so, wie wenn heute ein Kirchenvorstand Gemeindeglieder per Beschluss ins Gefängnis bringen könnte.)

Die Geschichte ist frei erfunden – und eben leider in einem antijüdischen Bewusstsein, das ich nicht teilen kann und das Christinnen und Christen zur blutigen Verfolgung ihrer Mutterreligion aufstachelte. Insofern muss man schon fragen, ob diese Geschichte heute noch in unseren Religionsbüchern stehen und gepredigt werden sollte.

Die Geschichte ist frei erfunden und gut erfunden. Sie wurde gebraucht, als die Kirche im 4. Jahrhundert zur Staatskirche geworden war – und sich damit auseinandersetzen musste, dass sie kein heiliger Raum mehr war. Auch in der groß gewordenen Kirche lebten nicht mehr alle fromm und in Frieden zusammen, auch in ihr gab es Betrug, Vertragsbruch und Unrecht – damals und auch heute. Diese bewegend erzählte Geschichte, in der ich für die Frau, die kaum beschrieben wird, mitzittere und bete, richtet sich gegen Moralapostel und Rigoristinnen in der Kirche selbst. Statt „päpstlicher als der Papst“ zu sein sollten wir häufiger „Gnade vor Recht ergehen lassen“, lautet die Moral, die uns Hörende trifft und treffen sollte, nicht andere, schon gar nicht Glaubende einer anderen Religion.

In Wirklichkeit handelt die Geschichte, die hier auf den Juden Jesus und seine Gesprächspartner zurückprojeziert wird, von uns, von den Lesenden. Und gerade weil sie gut erfunden und hervorragend erzählt ist, gibt sie uns auch die Möglichkeit, uns in jede der Figuren hineinzuversetzen. Die Frau, die mit einem anderen Mann geschlafen hat, ist uns genauso nah wie die Gebildeten, die den Wert der Ehe und verlässlichen Partnerschaft schützen.

Die jüdischen Rechtsgelehrten kommen zusammen, um Recht zu sprechen – und wollen das Gesetz möglichst korrekt anwenden. Das Gesetz behandelt alle gleich – und im 3. Buch Mose (20,10) steht: „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen BEIDE des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin…“ Merkwürdig, dass in dieser Geschichte nur über die Frau gerichtet wird. Selbst falls der Mann vor der Verhaftung fliehen konnte, würde ich heute doch zumindest eine Verurteilung in Abwesenheit erwarten. Hat die Ehebrecherin seinen Namen nicht preisgegeben? – Ich fürchte, diese Geschichte ist nicht nur antijüdisch, sondern auch frauenfeindlich. Der Erzähler (ich kann mir nur einen Mann denken) verschweigt einfach die Rolle des Mannes.

Glücklicherweise denken wir heute nicht mehr an die Todesstrafe – aber so ganz falsch ist das alte Gesetz deswegen doch nicht: Menschliches Zusammenleben beruht auf Vertrauen und Verlässlichkeit. Ehebruch stand schon in ganz frühen Kulturen unter Strafe, nicht nur wegen der unehelichen Kinder, die man nicht alle mitdurchfüttern konnte und die auch heute noch häufig ein Armutsrisiko darstellen. In einer Partnerschaft wünsche ich mir Verlässlichkeit und das bleibende Ja, des Partners oder der Partnerin zu mir. Der Seitensprung stellt diese Verlässlichkeit, dieses umfassende Ja, in Frage: Wirst du da sein, wenn ich dich brauche? Oder bist du dann gerade bei einem anderen, einer anderen?

„Das Gesetz ist nicht falsch oder dumm, denn es gibt kein Zusammenleben in Frieden ohne Regelung der Sexualität.“1

Aber wenn die Regel nicht falsch ist, warum brechen Menschen sie doch so häufig? Ich glaube nicht, dass es nur die Lust am Verbotenen ist, erst recht nicht mehr im liberalen Zeitalter nach der Pille.

Ich denke, Ehebruch ist eine fleischgewordene Sehnsucht: Die Sehnsucht nach Verschmelzung, danach, einmal ganz „erkannt“ zu werden (wie die Bibel sagt), so wie ich bin: nackt und verletztlich, voll Spannung, Aufregung und doch zugleich geborgen, voll wilder Lust und einfühlsamer Zärtlichkeit, ganz bei mir und doch ganz gemeinsam, ganz durchschaubar und zugleich geheimnisvoll.

Diese Sehnsucht teilen die meisten Menschen mit der Ehebrecherin in der Geschichte. Sie treibt uns immer wieder aufeinander zu, sie ist ein Teil unserer gottgeschenkten Liebesfähigkeit.

Aber zugleich kann dieser große Wunsch in seiner Gegensätzlichkeit nicht erfüllt werden, nicht in der Ehe, aber auch nicht anders. Ich ersehne einfach zu viel auf einmal: Spannung und Geborgenheit, völliges Einswerden und Selbstständigkeit, Durchschaubarkeit und die Aufregung des Geheimnisvollen. Auch der Seitensprung hält selten das, was er verspricht – wie könnte ich Geborgenheit aufbauen, wenn ich selbst zerrissen bin zwischen dem anderen, der anderen, und meiner Partnerschaft?

Jesus weiß um die menschliche Sehnsucht, ihre Spannung und Unerfüllbarkeit. Ich glaube nicht, dass er aus Angst, selbst verklagt zu werden, schweigt. Ich denke, dass ihn dieses Dilemma verstummen lässt.

Er gewinnt Zeit, indem er mit dem Finger auf die Erde schreibt, sich nicht zu einer vorschnellen Antwort drängen lässt. Er lässt sich nicht vereinnahmen – nicht für die Rechtsgelehrten, die menschliche Beziehungen anerkennen und schützen wollen, aber auch nicht für die Unruhe und Sehnsucht des menschlichen Herzens, wie es in der Ehebrecherin zum Ausdruck kommt.

Jesus weiß um die Verwechslung, die hier vorliegt: Die Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, der Erfüllung von dauerhafter Gemeinschaft und Selbstständigkeit zugleich, die kann und darf ich nicht von Partner oder Partnerin erwarten – erst recht nicht in der Ehe. Dieser Verschmelzungswunsch ist eine Gottessehnsucht und darf auch nur auf ihn projiziert werden. Alle anderen, auch ich selbst, müssen daran zerbrechen.

Unruhig ist unser Herz bis es ruht in Dir, Gott, schreibt Augustinus. Der lebenslustige und auch wechselnden Abenteuern zugetane junge Mann findet in seiner Bekehrung damit den Weg, mit seiner eigenen Sehnsucht umzugehen.

Das Gesetz ist richtig, aber hilflos, weil es die menschliche Sehnsucht nicht besiegen kann. Es wird immer und immer wieder gebrochen werden. Strafen werden nichts nützen – vor allem heilen sie keine gebrochene Beziehung.

Deshalb schweigt Jesus –wie sollte er das alles verdeutlichen in einem kurzen Prozess am Morgen?

Vielleicht würde Jesus auch weiterschweigen, wenn er nicht bedrängt würde – vielleicht würde er auch gern allein mit der Frau sprechen. Die Situation schreit eher nach einem Seelsorgegespräch als nach einer Verurteilung.

Und dann findet die gut erzählte Geschichte diesen genialen Satz, der in 13 Worten die gesamte Situation erhellt: das Recht des Gesetzes und das Recht der menschlichen Sehnsucht, die Sinnlosigkeit von Strafen und die Notwendigkeit der Liebe:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Und alle verstehen ihn: Die Rechtsgelehrten, die Frau, vor allem aber auch wir Zuhörenden, ob in der byzantinischen Staatskirche oder heute. Die Ältesten und Rechtsgelehrten lassen die Steine liegen und gehen weg – auch wir werden keinen mehr aufheben. Denn wer hätte eine so gute Verdrängung, dass er oder sie sich noch nie bei einem falschen Wort oder Gedanken ertappt hätte? Es ist ein Satz, der klug macht, weise und lebenstüchtig.

Die Männer haben gelernt, dass die Brüche dieser Welt, das Unrecht des Kosmos, nicht durch Steinigung zu heilen sind – sondern wenn überhaupt nur durch den, der selbst rein, ganz rein ist. Das kann nur Gott. Steinigen darf nur, wer ohne Sünde ist. Alle anderen, wir Menschen, müssen vergeben, weil wir selbst vergebungsbedürftig sind.

Vergebung setzt Schuldbewusstsein voraus. So wie auch Josephs Brüder sich bei ihm entschuldigen, wie wir in der Lesung gehört haben. Vergebung heißt nicht: Das macht nichts, das war ja nicht so schlimm. Vergebung heißt, dass der Bann der Schuld gebrochen wird, ich mich nicht mehr rechtfertigen muss, sondern zu meinem Fehler stehen kann, weil mein Gegenüber ihn verzeiht. Dass ich stark werde, weil ich schwach sein darf: durchschaut und doch angenommen.

Eines der schönsten Bilder in dieser Geschichte ist der Sand, in den Jesus mit dem Finger schreibt. Es wird nicht gesagt, was Jesus in den Sand schreibt; aber was immer es auch ist - das Gesetz, das Urteil oder die Schuld der Frau - der Wind wird es verwehen, Schritte werden es verwischen und auslöschen, schon nach kurzer Zeit. Jesus führt keine Rechnungsbücher, die unsere Schuld aufrechnen.

Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?

11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Es ist ein Freispruch, den die Frau annehmen kann, den auch wir annehmen können – nicht, weil wir uns weiter durch unsere Sehnsucht verführen lassen wollen. Sondern weil wir durch diesen Freispruch verstehen, was uns getrieben hat und treibt. Jetzt können wir bewusst mit unserer Sehnsucht umgehen, und mit ihrer Unerfüllbarkeit. Wir lernen mit unserer Begrenztheit zu leben, weil Gott uns auch mit unserer Sünde annimmt und liebt.

Eine frei erfundene Geschichte, die sich durchgesetzt und unverzichtbar gemacht hat – nicht nur, weil sie von Sex und Tod handelt, sondern weil wir sie brauchen. Weil Gott es mit uns gut zu machen gedenkt (Gen.50, 20), selbst wenn wir schuldig werden, nicht immer verlässlich sind und oft nicht liebevoll handeln. Weil Gottes Geist auch unter uns Gebrochenen wirkt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

1 Fulbert Steffensky in: Im Namen Gottes – 5.Predigtreihe, Stuttgart 2012, S.283.