Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 8,1-11

Diakon Dr. Barthel Schröder (kath.)

21.03.2010

Die Ehebrecherin im heutigen Evangelium hat die Verantwortung für ihr Versagen auf sich genommen. Sie hat vor Jesus keine Entschuldigungen vorgebracht wie: „Der Mann hat mich doch verführt“ oder „Ich hatte zu viel getrunken und wusste nicht, was ich tat“. Sie hat sich ihrer Schuld gestellt und hat sich nicht zu rechtfertigen versucht.

Die Frage nach Schuld und der Umgang mit Schuld wurden in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Zu erinnern ist an den Rücktritt von Margot Käßmann, an den Einsturz des Stadtarchivs und an den Umgang der Kirche mit pädophilen Klerikern.

Die Bischöfin Margot Käßmann hat ihr Vergehen, alkoholisiert Auto gefahren zu sein, zugegeben und aus ihrem Fehlverhalten die in ihren Augen notwendigen Konsequenzen gezogen. Sie hat zur Verharmlosung ihrer Schuld keine Erklärungen und Entschuldigungen vorgebracht. „Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue“: Margot Käßmann hat zu ihrem Tun ohne Wenn und Aber gestanden, die Schuld nicht geleugnet oder kleinzureden versucht. Sie hat um Vergebung gebeten.

Ein Jahr ist seit dem Einsturz unseres historischen Stadtarchivs vergangen, und noch hat keiner die Verantwortung dafür übernommen, geschweige denn Schuld eingestanden: nicht der ehemalige Oberbürgermeister, nicht das zuständige Vorstandsmitglied der KVB, nicht die Geschäftsleitung der beteiligten Baufirmen, nicht die Bauleiter. Bei Margot Käßmann ging es um eine mögliche Gefährdung von Menschen, beim Einsturz des Stadtarchivs starben zwei Menschen, verloren zahlreiche Familien ihr Zuhause und ihr Hab und Gut, verlor die Stadt Köln ein Teil ihres Gedächtnisses.

Seit ein paar Monaten ist bekannt, dass sich auch in Deutschland Kleriker an Kindern vergangen haben. Erschreckend wurde deutlich, dass Ordensobere und Bischöfe die Täter nicht an die Justiz übergaben, sondern meistens nur versetzten, sodass sie häufig an anderen Orten ihre kriminellen Übergriffe, und um nichts anderes handelt es sich, fortsetzen konnten. Bis heute haben weder die betroffenen Ordensoberen noch die betroffenen Bischöfe die Verantwortung für ihr Wegschauen und Vertuschen übernommen und sich zu ihrer Schuld bekannt. Während eine Frau, die sich von ihrem prügelnden Mann scheiden lässt, bis zu ihrem Lebensende exkommuniziert ist, wurden den Tätern immer wieder neue Pfarreien anvertraut. Bei Margot Käßmann ging es um kein Verbrechen, bei dem pädophilen Tun der Kleriker geht es um das Verbrechen, die Seelen von weltweit Tausenden von Kindern dauerhaft geschädigt zu haben, ein Schaden, den keine Therapie heilen kann.

Friedrich Dürrenmatt hat unsere Zeit mit den Worten gekennzeichnet: „… es gibt keine Schuldigen und keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt“. Oder wie Tommy Engel es in seinem Lied zum Gedächtnis der zwei Toten des Einsturzes formuliert: „Un dann es et widder keiner jewäse, un dann wor et widder keiner schuld. Et hät wie su off an jet anderem jeläje. Un et hät jo och keiner jewollt. Nä, un et hät jo och keiner jewollt“.

Mit Beginn der Neuzeit wurde Gott als Herr der Geschichte verabschiedet, und der Mensch setzte sich selbst an seine Stelle. Technik und Naturwissenschaften verführten zu einem Fortschrittsglauben, der die heile Welt als machbar verkündete.

Wer aber entlastete den Menschen als Täter der Geschichte, als alleiniger Gestalter seines Lebens von Schuld, die er auf sich geladen hatte? Menschen können, so zeigt es die Erfahrung, auf Dauer nicht mit Schuld leben, haben zudem nicht die Möglichkeit, sich selbst zu entlasten. Daher wandelte sich gesellschaftlich der Stolz, selber der Herr des Tuns zu sein, in die Kunst, Schuld und Verantwortung auf andere, am besten auf eine anonyme Größe abzuwälzen.

Beim Einsturz des Stadtarchivs war die angeblich Schuldige zunächst eine nicht vorhersehbare und nicht beeinflussbare Naturkatastrophe in Gestalt eines Grundwassereinbruchs, dann ging die Schuld auf die gesetzlich zwar erlaubte, aber unglückliche Verlagerung von Kontrollbefugnissen über, dann auf Baumängel, und schließlich auf den Diebstahl von Baustahl. Ein treffendes Beispiel für die Kunst, es nicht selbst verantworten zu müssen, sondern die Verantwortung und Schuld auf andere abzuwälzen.

Zur Erklärung des gehäuften Auftretens von Pädophilie unter Klerikern wurde durch den Bischof von Augsburg die sexuelle Revolution der 68iger Jahre herangezogen. Das jahrzehntelange Wegschauen und Vertuschen durch Ordensobere und Bischöfe wurde mit Unkenntnis über die fehlende Therapierbarkeit der Täter und mit dem Schutz der Missbrauchten vor der Öffentlichkeit begründet. Es fehlte auch nicht der Hinweis, dass Pädophilie ein generelles gesellschaftliches Problem sei, und auch, wenn nicht sogar häufiger, in Familien, Sportvereinen und anderen Schulen vorkomme. Auch hier ein eklatantes Beispiel für die Kunst, es nicht selbst verantworten zu müssen, sondern die Verantwortung und Schuld auf andere abzuwälzen.

Die Ehebrecherin im heutigen Evangelium hat sich ihrer Schuld gestellt, hat sich nicht zu rechtfertigen versucht, hat der Konsequenzen geharrt, die auf sie zukommen würden.

„Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“. Jesus verharmlost und bagatellisiert das Vergehen der Ehebrecherin nicht. Er rechtfertigt nicht die Sünde, und seine Vergebung hat auch ihren Preis: die Konfrontation mit der eigenen Schuld und die Umkehr zu einem anderen Verhalten.

Mit seinem „Auch ich verurteile dich nicht“ eröffnet er der Frau eine neue Zukunft, indem er sie so behandelt, als hätte sie die Schuld gar nicht auf sich geladen. Seine Vergebung ermöglicht einen wirklichen Neuanfang. Da in dem Verhalten Jesu Gott als derjenige sichtbar wird, der den Verlorenen und Sündern bis ins Äußerste nachgeht und Vergebung zuspricht, können Menschen uneingeschränkt eingestehen, schuldig geworden zu sein. Gott befreit damit durch Jesus die Menschen von dem Zwang, Schuld auf andere abwälzen zu müssen.

Die Ehebrecherin des Evangeliums nimmt das Urteil, das ein Freispruch ist, an. Und da keiner sie verurteilt hat, wird sie sich auch selbst nicht weiter verurteilen.

Wer dankbar realisiert, dass er trotz seiner Fehler und Schwächen von Gott angenommen ist, kann diese Fehler und Schwächen zugeben und die negativen Folgen seines Handelns übernehmen.

Die Bischöfin Margot Käßmann hat diese Botschaft des Jesus von Nazareth aufgenommen und entsprechend gehandelt. Ihr haben die Menschen vergeben.

Die Verantwortlichen für den U-Bahn-Bau haben sich anders verhalten. Die Bürger haben jedes Vertrauen in die Verwaltung dieser Stadt und ihre Politiker verloren.

Auch die Ordensoberen und Bischöfe haben nicht den Mut gehabt, sofort und ohne öffentlichen Druck ihre Fehler des Wegschauens und Vertuschens zu zugeben. Sie haben damit dem Ansehen und der Autorität unserer Kirche sehr geschadet. Unsere Kirche wurde in die Mitte gezerrt, und viele weiden sich, wie im heutigen Evangelium, schaulustig an der Schande, hat sie doch ihren eigenen moralischen und ethischen Ansprüchen nicht genügt. Kirche und Kleriker sind Teil dieser Gesellschaft und unterliegen damit den Gesetzen und gesetzlichen Vorschriften wie jeder Bürger. Für eigene Ermittlungswege ist da kein Platz. Nur eine ehrliche Konfrontation mit der eigenen Schuld, die zu Reue, Wiedergutmachung, soweit möglich, und zu einem anderen Umgang mit pädophilen Klerikern geführt hat, wird den Missbrauchten, der Öffentlichkeit und auch Gott es ermöglichen, Vergebung zu gewähren.

Margot Käßmann schloss ihre Erklärung zu ihrem Rücktritt mit den Worten: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand“.