Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 8,3-11

Pfarrer Frank Briesemeister

08.07.2001 in der Stephanusgemeinde, Bensheim

Liebe Gemeinde,
ich kann mir die Situation lebhaft vorstellen:
Eine Gruppe von Männern - Pharisäer und Schriftgelehrte, zerren eine Frau herbei.
Entschlossenen Schrittes, mit herausfordernden Blicken, kommen sie immer näher. Manche haben ein richtiges Siegergesicht. Sie reden hitzig miteinander. "Dort sitzt er". "Jetzt ist er dran." "Diesmal kriegen wir ihn"
Und als sie Jesus erreichen, stoßen sie die Frau direkt vor ihn hin und bauen sich um sie herum auf.

"Ehebruch hat sie begangen" rufen sie Jesus zu. "Sie ist auf frischer Tat ertappt worden!
Zu leugnen gibt es nichts. Klare Sache. Das Gesetz sagt: Todesstrafe durch Steinigung." Und die Steine haben sie schon mitgebracht, die aufgewühlte Meute, und sie wiegen sie in ihren Händen. Bereit zum Wurf.

Die Frau hat angesichts dieser Situation keine Chance. Sie wird herumgestoßen, vorgeführt. Die nackte Angst ist ihr ins Gesicht geschrieben. Jederzeit muss sie damit rechnen, dass die ersten Steine sie treffen, Wunden in ihre Haut reißen, Schmerzen sie überfluten, sie zu Boden fällt und sich krümmt, bis sie tot ist.

Mir fallen, liebe Gemeinde, die Bilder aus der Tagesschau vom 11. Juni ein. Hier wurde die Todeszelle gezeigt, in der der Bombenleger aus Oklahoma -City: Timothy McVeigh mit drei Giftspritzen hingerichtet wurde.
Und ich weiß noch genau, wie es mir angesichts dieser Bilder und der Berichterstattung eiskalt über den Rücken gelaufen ist.
Ist es richtig, was eine aufgeklärte Gesellschaft im 21.Jh.hier mit einem Verbrechern tut??
Gewiss hat es sich bei diesem Bombenleger um einen Schwerverbrecher gehandelt, der 168 Menschenleben auf dem Gewissen, 500 Menschen verletzt hat und dazu die zugefügten Qualen, die die Angehörigen durchmachen müssen.

Dass die Betroffenen Gefühle der Rache hegen, kann ich verstehen. Aber nicht, dass ein demokratisches Land zu Mitteln der Todesstrafe greift.

In unserer Erzählung handelt es sich um eine Frau, die des Ehebruches beschuldigt wird. Von der Tat her, natürlich kein Vergleich zum Bombenleger.
Ehebruch ist eine Tat, über die in heutiger Zeit wenig Worte verloren werden.
Wir leben mit einer hohen Scheidungsrate. Ehebruch taugt eigentlich nur als ein Thema zum Tratschen.
Bestes Beispiel sind unsere beiden Kultfiguren Boris Becker und Franz Beckenbauer, die ohne weiteres ein außereheliches Kind gezeugt haben und niemand regt sich groß darüber auf.

In unserer Geschichte ist übrigens auffallend, dass die Frau, deren Namen wir nicht erfahren, überhaupt nicht nach ihren Gründen gefragt wird.
Vielleicht hatte sie ihre guten Gründe für den Ehebruch.
Vielleicht wurde sie von ihrem Mann lange Zeit geschlagen, vielleicht war die Ehe bereits beziehungstot,
vielleicht lebten sie schon lange schweigend nebeneinander her.
Vielleicht wurde sie aber auch nur einmal schwach, weil ER ihr so viele Komplimente machte ...

Wie dem auch sei, ich könnte mir vorstellen, die meisten von uns hegen Symphatie für die Frau, wie sie so bedrängt um ihr Leben fürchten muss.

Und doch, gibt es noch eine andere Seite.
Die Ehe ist ein schützenswertes Gut und nicht leichtfertig auf´s Spiel zu setzen.
Denn wenn zwei Menschen sich das Jawort gegeben und womöglich Kinder in die Welt gesetzt haben, tragen sie große Verantwortung füreinander.
Und jeder Ehebruch bringt Schaden für die Betroffenen.
Anstatt sich leichthin in die Arme eines anderen/einer anderen fallen zu lassen, ist es immer besser, Wege zu suchen, es miteinander auch über Durststrecken hinweg zu schaffen: zu reden, sich notfalls fachmännische Hilfe zu holen, sich einander nach den guten Seiten hin betrachten und nicht das ständige Vorhalten der ewig gleichen Vorwürfe.

Ehebruch bedeutet immer auch Schuld auf sich zu nehmen mit der man hinterher klar kommen muss.
Doch wer spricht hierüber das letzte Urteil?

    Hoffentlich nicht jene Moralisten und Saubermänner wie die, die in unserer Erzählung das Wort ergreifen und die Frau mit sich zerren. Hoffentlich nicht jene, die das Gesetz haargenau kennen und darüber wachen. Und wehe es wird jemand erwischt, der sich nicht daran hält. Der wird vorgeführt, abgekanzelt, fertig gemacht. Und das manchmal auch ganz einseitig, so wie hier, denn der ehebrechende Mann kommt ungeschoren davon.

    Das Ganze hat Tradition:

    • Im Mittelalter wurden Menschen, die einer Schuld überführt waren, an den Schandpfahl auf dem Marktplatz gebunden, damit jeder Vorübergehende sich an ihnen auslassen konnte.
    • Im Dritten Reich waren es dann die Judensterne, die Kriminellen- und Homosexuellenzeichen, die die einzelnen Menschen brandmarkten.
    Und das Ganze hat Funktion:
    • Wenn ich andere anklagen kann, fühle ich mich gut, weil ich mich selbst damit aufwerte und mich im Kreise der Anständigen wähne. Der andere wird zum Buhmann und Sündenbock, auf den ich alle meine eigenen Unzulänglichkeiten abwälzen und übertragen kann.
    • Andere an den Pranger stellen, das passiert entsprechend auch in unserer Zeit.
    • Wer kennt es nicht von sich selbst, den Finger auf andere zu zeigen und weiß dabei Schlechtes von ihnen zu erzählen?

    Wer kennt es nicht, hinter vorgehaltener Hand über diesen und jenen Menschen einiges zu tratschen?

    In der Begegnung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten bekommen wir einen Spiegel vorgehalten.

    Wir erkennen uns selbst in der Rolle desjenigen, der weiß, was Recht ist, was gerne dazu führt, dass ich mich über andere erhebe.

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    In der vorliegenden Erzählung geht es allerdings um noch mehr.
    Denn Ziel- und Angriffspunkt ist vor allem Jesus, der Vielen schon lange ein Dorn im Auge ist.

    Ja, jetzt ist Jesus dran:

    • Denn entweder stimmt er der Steinigung und damit dem Gesetz zu, dann hat er sich als Heiland der Sünder verraten und als wortbrüchig erwiesen, der vorgibt, zu vergeben und dann doch letztlich dreinschlägt, wie es die Welt vorgibt.
    • Oder aber er ist gegen die Steinigung und erweist sich damit als Gesetzesverächter. Jetzt ist Jesus fällig.

    Das Schicksal einer Frau, für die es um Leben und Tod geht, muss herhalten, um Jesus auf ´s Glatteis zu führen. Welch tiefe Menschenverachtung begegnen wir hier.
    Um den anderen fertig zu machen, wird kein Mittel gescheut, das Ziel zu erreichen, auch wenn es auf Kosten anderer geht.
    Entsprechend ist die Situation. Die Ankläger haben die Frau fest im Griff, wütende Gesichter stehen Jesus gegenüber, knisternde Hochspannung herrscht unter den Versammelten ...
    Ruhe vor dem Sturm!!!!
    Und dann ist die Antwort Jesu zu hören: "Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein."

    Bums, das sitzt, dieser Satz trifft mitten hinein bis ins Mark.
    Aus Anklägern werden auf einmal Betroffene. Und jedem wird klar: Es gibt keinen Schuldlosen.
    Niemand ist perfekt, keiner vollkommen - Gott sei Dank!

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    Gewiss, liebe Gemeinde, hat die Frau nach dem Gesetz ihr Leben verwirkt.
    Nur: Können Sünder eine Sünderin steinigen und damit das letztgültige Urteil sprechen?
    "Wer ohne Schuld ist ..., das sitzt.
    Und die Ankläger schleichen sich davon.
    Hände, in denen Steine waren, öffnen sich verstohlen.
    Mit Steinen vollgestopfte Taschen werden schnell und möglichst geräuschlos geleert.

    Wo auf das Fingerzeigen auf andere, die Selbstprüfung folgt, da können keine Steine mehr fliegen und Worte bleiben im Halse stecken.
    Und so, liebe Gemeinde, schleichen alle von dannen, einer nach dem anderen und zurück bleiben die Frau und Jesus.

    Eines ist klar, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
    Die Frage nach Schuld und Strafe für die Frau, steht noch immer im Raum.

    Und dann die Worte: "Hat dich niemand verdammt" //
    "Niemand, Herr!" // "Dann verurteile ich dich auch nicht!"

    Liebe Gemeinde, wenn Jesus die Frau nicht aburteilt, bedeutet das nicht, dass er ihr Tun rechtfertigt oder gutheißt.
    Schuld bleibt Schuld und ist keineswegs unter den Teppich zu kehren. Die Frage ist, wie mit ihr umgegangen wird.

    Jesus kluge Antwort auf die Fangfrage der Gelehrten, will im Grunde das kleinkarierte Schwarz-Weiß-Denken, das Kategorisieren in Gut und Böse überwinden.
    Er will einen Denkprozess in Gang setzen über sich selbst und das Zusammenleben mit anderen. Schnelles richten und verurteilen helfen nicht weiter. Denn niemand ist vollkommen.

    Dem Leben eine Chance geben, ist Dreh- und Angelpunkt auf dem Jesus sich bewegt. "Du kannst gehen, du bist frei". "Fange dein Leben neu an", sind entsprechend seine befreienden Worte.

    Er traut der Frau zu, ihr Leben neu zu ordnen und Verantwortung zu übernehmen, auch für das, was vorgefallen sein mag.

    Entscheidend ist nun, was folgen wird.

    Amen