Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 9,1-3.6-7.13-17.28-41

Pfarrer Matthias Blaha (rk)

03.04.2011 in der Pfarrkirche St. Anton, Ingolstadt

zum 4. Fastensonntag A

Schöne Gesichter

In der kirchlichen Jugendarbeit können junge Menschen viel Wert­volles für ihr Leben lernen. Erwachsene, die in der Jugendarbeit tätig sind, lernen ebenfalls immer noch etwas dazu. Auch ich. Beispielsweise bei der Diözesanversammlung der Landjugend im letzten November. Zum Schwerpunkt-Thema „Zivilcourage“ war ein Polizist als Referent eingeladen. Der ist in den Saal gekommen, hat sich hingestellt und uns aufgefordert: „Der oder die von euch, die das schönste Gesicht hat, kommt bitte vor zu mir.“ Wir waren verdutzt, haben uns gegenseitig angeschaut – und keiner hat sich getraut vorzugehen. Während wir überlegt haben, was denn ein schönes Gesicht ausmacht und wer von uns ein solches besitzt, hat der Polizist erklärt: „Jede und jeder von euch hat ein schönes Gesicht. Es ist schön, weil es kein zweites auf der Welt gibt, das genauso ausschaut. Gott hat dir dieses Gesicht gegeben, weil er in genau dieses Gesicht schauen und dir versichern will: ‚Ich bin stolz darauf, dass ich dich gemacht habe. In meinen Augen bist du schön.‘“
Bemerkenswerte Worte aus dem Mund eines Polizisten. Auf dieser Grundlage, dass jeder Mensch ein schönes Gesicht hat, hat der Referent uns ermutigt: Hab Respekt vor dir selber, hab Selbstver­trauen. Hab Respekt vor jedem anderen Menschen, und hab Mut einzugreifen, wenn du siehst, dass ein anderer Mensch bedroht wird – zeige Zivilcourage. Denn, so der Polizist: Der andere, der verbal oder körperlich angegriffen wird, hat auch ein schönes Gesicht in den Augen Gottes. Und dieses schöne Gesicht musst du schützen. Was man in welcher Situation macht, hat er uns dann noch genauer erklärt – hier würde das zu weit führen. Darum geht es mir jetzt auch nicht. Mir geht es vielmehr um die Aussage des Polizisten: Jeder Mensch hat ein schönes Gesicht – auch du. Hab Achtung vor dir selber, hab Achtung vor den anderen. Und stell dich denen ent­gegen, die jemanden missachten und fertig machen wollen.

 

*   Liebe Schwestern und Brüder, schauen Sie sich ruhig ein bisschen um in Ihrer Nachbarschaft hier in der Kirche. Sie blicken in lauter schöne Gesichter – und wer Sie anschaut, sieht ebenfalls ein schö­nes Gesicht. Alle sind wir einzigartig, alle sind wir schön in den Augen Gottes, und deswegen sollten wir einander – und auch uns selbst – mit hoher Achtung begegnen.

 

*   Du bist schön in Gottes Augen! Ich habe Hochachtung vor dir! Jesus hat dies meisterhaft den Menschen vermittelt, die er getroffen hat. Ein besonders markantes Beispiel hat uns das Evangelium geschildert.
Jesus trifft einen Mann, der seit seiner Geburt blind ist. Niemand bietet ihm die Freundschaft an. Im Gegenteil, die Leute verachten ihn, stempeln ihn als Sünder ab. So lange er lebt, hat er noch kein freundliches Wort gehört.
Die Verachtung, die ihm von überallher entgegengebracht wird, löst in dem Mann Selbst-Verachtung aus. Er hat keinerlei Selbstver­trauen mehr, fühlt sich völlig nutzlos und wertlos. Das führt zu einer Blindheit im übertragenen Sinn: Der Mann kann sich nicht mehr ins Gesicht schauen, er ist blind geworden für seine eigene Schönheit.

 

*   Jesus sieht diesen Blinden, schreibt der Evangelist. Dieses Sehen ist mehr als ein bloßes Erblicken; Jesus gibt dem Blinden Ansehen, begegnet ihm mit Hochachtung. Vielleicht hat das der Blinde zum ersten Mal in seinem Leben erfahren. Mit diesem Verhalten zeigt Jesus Zivilcourage, indem er sich an die Seite dessen stellt, den die anderen niedermachen.
Und dann befreit Jesus den Mann von seiner Blindheit. Erde und Speichel schmiert er ihm dazu auf die Augen – das ist kein Zufall.
Erde, Dreck also, symbolisiert hier das Unschöne und Unsaubere im menschlichen Leben. Und Speichel gilt als Heilmittel. Mit bei­dem gibt Jesus dem Blinden zu verstehen: Versöhne dich mit deiner Vergangenheit. Versöhne dich mit den Verletzungen – vor allem mit denen, die deiner Seele zugefügt wurden. Versöhne dich mit den Brüchen und Enttäuschungen deines Lebens. Versöhne dich auch mit deinen Unvollkommenheiten und Schwachstellen. Lass dich heilen von mir, von Jesus. Ich sehe dich nicht als perfekten Menschen, ich sehe dich mit all dem Dreck deines Lebens. Und so wie du dastehst, schenke ich dir Ansehen. Denn auch du hast ein schönes Gesicht in den Augen Gottes!

 

*   Durch dieses Ansehen, das er von Jesus bekommt, wird der Blinde fähig, sich selber Ansehen zu schenken. Er söhnt sich aus mit seiner Geschichte, er kann die Verletzungen und Enttäuschungen als Teil seines Lebens akzeptieren, er kann sich endlich selber ins Gesicht schauen, weil er durch Jesus gespürt hat: Auch wenn ich nicht voll­kommen bin, auch wenn ich meine Schwachstellen und dunklen Seiten habe, bin ich doch schön in den Augen Gottes! Das gibt dem Blinden Selbstvertrauen.

 

*   Dieses Selbstvertrauen kann der vormals Blinde jetzt nutzen, um anderen Menschen, die er jetzt sieht, das zu schenken, was er selber von Jesus bekommen hat, nämlich Ansehen. Deswegen muss er sich in einem Teich namens Schiloach waschen, was auf Deutsch „Der Gesandte“ heißt. Dadurch wird dem jetzt Sehenden klar: Ich bin Gesandter von Jesus. Jesus sendet mich zu den Menschen, damit ich ihnen vermittle: Auch du hast ein schönes Gesicht in den Augen Gottes! Vor dir habe ich Hochachtung!

 

*   Liebe Schwestern und Brüder, mit dieser Begebenheit will uns Jesus versichern: Auch euch begegne ich mit Hochachtung. Auch euch will ich Dreck und Speichel auf die Augen schmieren. Auch euch lade ich ein, euch mit eurer Vergangenheit zu versöhnen. Seid nicht verbittert über das, was in eurem Leben nicht so gelaufen ist, wie es laufen hätte sollen. Tragt Enttäuschungen und Verletzungen nicht ewig mit euch herum. Und ärgert euch nicht ständig über eure Schwächen. Akzeptiert euch, wie ihr seid. Achtet euch, wie ihr seid. In Gottes Augen jedenfalls habt ihr lauter schöne Gesichter. Gott schaut euch gern an, weil er stolz drauf ist, euch gemacht zu haben. Deshalb – wenn ihr das eigene Gesicht im Spiegel seht, lächelt euch doch mal selber zu!
Und schon seid auch ihr Gesandte: Ich, Jesus, sende euch zu euren Mitmenschen. Lasst sie wissen, dass auch sie ein schönes Gesicht haben in den Augen Gottes. Am besten fangt ihr gleich damit an…