Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes und Philipper 2,5-11

Pastorin Ulrike Oetken (ev.)

12.04.2016 Kirche St. Ansgarii in Bremen

Karfreitag

Predigt am Karfreitag 2016 zur Passion nach Johannes und Philipper 2, 5-11 und einem Text von Franz Werfel aus: Cella oder die Überwinder

„Ich spürte, dass wir alle, die wir da knieten, saßen, hockten, lagen, immer hässlicher wurden von Minute zu Minute, immer erbärmlicher, immer weniger liebenswert. Das war kein gewöhnliches Hässlich werden oder Hässlich sein, sondern ein geheimnisvolles Herabsinken in einen Zustand der Niedrigkeit.

Erniedrigung macht niedrig. Das ist ein Seelengesetz. Der Gegenstand einer anhaltenden Grausamkeit rechtfertigt am Ende diese. Darin liegt eine der härtesten Härten des Lebens…

Man muss schon Gottes Sohn sein, um gegeißelt, bespieen und mit Dornen gekrönt ein schöner Mensch zu bleiben.

Ja, wir Entehrten, wir vergewaltigten waren erloschen, niedrig, hässlich, verabscheuungswürdig.

Und doch, niemals  war meine Seele entfernter von Hassgefühlen, von Zorn und Rachsucht gegen meine Erniedrigung als in dieser Stunde.

Nichts war für mich persönlichkeitsloser und daher verantwortungsloser als diese Gesellen in weißen Strümpfen, mit Wind-und Lederjacken. Auch der hass braucht Berührungspunkte, um sich zu entladen. Zwischen mir und jenen aber gab es keinen Berührungspunkt.

Mich erfüllte nichts anderes als das schmutzige Gefühl der Niedrigkeit - - - Ich bin schmutzig bis in die Knochen.“

 

Predigt

Im letzten Sommer in den österreichischen Alpen direkt an der Grenze zur Schweiz.

Neben der Alpe ein in den Boden eingelassenes gemauertes Geviert. Auf dem Grund Schlamm und Mist. Dunkle Pfützen.

Plötzlich eine Bewegung in der einen Ecke. So als würde die flüssige Jauche umgerührt.

Da ist etwas. Ein Wesen kriecht über den Boden. Langsam , mit unsicheren, tastenden Bewegungen wie blind. Suchend, klammernd und sich immer wieder auf den kahlen Zementboden duckend.

Das Herz beginnt zu pochen beim Zusehen. Das wird doch wohl nicht etwa!... Das kann doch nicht sein….!“

Plötzlich ein Blick. Leere Augen. Und es ist wahr.

Ein Mensch.

 

„Seht, welch ein Mensch! ruft Pilatus“.

Und ich erschrecke, dass ich so lange gebraucht habe um zu erkennen, dass da eine Frau um ihr Leben kriecht und dass sie zunächst kaum zu unterscheiden war von dem Schlamm, in dem sie lag.

Ich hörte eine Stimme, die sagte: „Erniedrigung macht niedrig. Das ist ein Seelengesetz. Der Gegenstand einer anhaltenden Grausamkeit rechtfertigt am Ende diese. Darin liegt eine der härtesten Härten des Lebens…“

Und ich sah und hörte und verstand, dass es das gibt: dass ein Mensch durch Grausamkeit und Erniedrigung nichtig werden kann. Dass er sich selber so beschreiben und sehen kann. Dass er lebend ausgelöscht werden kann, weil andere, Mächtige in ihm nichts sehen, was menschlich ist. Und dass ein Mensch irgendwann anfangen kann, dies selbst zu glauben.

Erniedrigung.

Das habe ich dort gesehen und gespürt.

Es war ein Theaterstück, das unter freiem Himmel am Berg gespielt wurde. Schauspieler haben das Schicksal jüdischer Flüchtlinge gezeigt, die während des Hitler-Regimes über die Grenze in die Schweiz fliehen wollten. Einige haben es geschafft, andere nicht. Sie wurden verhaftet und deportiert.

Aber schon bevor sie sich auf den gefährlichen Weg gemacht hatten, haben sie Erniedrigung erlebt. Die Flucht war bereits ein Teil davon. Das Recht, in ihrer Heimat zu leben, war ihnen schon genommen worden.

Keiner hatte gesagt: „Seht, welch ein Mensch!“

 

Jesus war ausgeliefert worden. Die Leute machten mit ihm, was sie wollten. Zunächst wurden Recht und Gesetz bemüht. Irgendetwas würde man ihm sicher nachweisen können. Und als er verurteilt war, durfte die Menge über ihn lachen, ihn bespucken, ihn taumeln sehen. Eine Dornenkrone auf dem Kopf. ‚Welch‘ ein Spaß, und das will ein König sein!‘

Sie haben ihm beim Sterben zugeschaut. Stundenlang. Haben versucht, den Moment abzupassen, wenn er die Augen schließt. Ein Spektakel. Zwischendurch haben sie sich die Zeit vertrieben mit Spielen und kleinen Quälereien.

Und was haben sie in ihm gesehen? Einen Menschen?

Einen wie ihresgleichen? Oder einen, mit dem man es machen darf? Wo das schon in Ordnung ist und die Rede davon, dass alle Menschen sich doch in den meisten Dingen gleichen und dasselbe Recht und dieselbe Würde besitzen, ‚Gutmenschentum‘. 

Erniedrigung, das ist, wenn ein Mensch dem anderen sein Menschsein absprechen und wegnehmen möchte. Das gibt es und das gelingt immer wieder. Durch Worte, durch Unterdrückung, durch Verfolgung und durch Gewalt. Sehr oft auch durch Gleichgültigkeit.

Die Passion und die Kreuzigung Jesu ist der Mittelpunkt unseres Glaubens. Die Antwort Gottes darauf, dass Menschen so sind.

„Seht, welch ein Mensch!“.

Manche Menschen, auch Christen, finden, dass der christliche Glaube viel attraktiver wäre, wenn diese grausamen und negativen Seiten nicht dabei wären. Wenn das ganze heiterer und positiver daherkäme. Aber Jesus sagt: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll“.

Und die Wahrheit ist: dass Menschen dazu neigen, einander das Leben zu nehmen. Auf alle möglichen Weisen.

Die Wahrheit ist, dass Menschen dazu neigen, Unterschiede untereinander festzustellen und zu bewerten.

Die Wahrheit ist auch, dass Menschen einander erniedrigen und dass sie in der Lage sind, anderen die Freude am Menschsein zu nehmen.

 

„Seht, welch ein Mensch!“

Das denke ich, wenn ich durch die Straßen gehe und die Menschen sehe, wie sie zu Fuß, mit der Straßenbahn, mit dem Auto oder dem Fahrrad zur Arbeit fahren, in die Schule, oder in den Park zum Joggen oder in die Kneipe um die Ecke.

„Welch‘ ein Mensch“, denke ich, wenn ich unter einem Haufen von Decken und Schlafsäcken einen Fuß oder eine Hand hervorlugen sehe, wenn ich sehe, wie die Menschen vorübereilen, wenn ich sehe, wie jemand stehen bleibt und ein Geldstück in die Pappschachtel legt.

„Welch‘ ein Mensch“, denke ich, wenn ich im Fernsehen junge Frauen sehe, die Woche für Woche vor einem Millionenpublikum ihren Gang trainieren und sich für ihre Persönlichkeit zur Rede stellen lassen, weil sie ein Topmodel werden wollen. Ich denke das auch, wenn ich Erwachsene sehe, die mit blasiertem Jurorenblick diese jungen Frauen begutachten.

„Welch‘ ein Mensch“, denke ich, wenn ich ein kleines Kind sehe, das sich in der Sandkiste mit seiner Freundin streiten und sich wieder vertragen kann.

„Welch‘ ein Mensch“, denke ich, wenn ich Bilder von Terroristen sehe, die anderen einen Sack über den Kopf ziehen und ein Messer an den Hals halten.

„Welch‘ ein Mensch“, denke ich, wenn ich sehe, wie Frauen, Kinder und Männer mit Rucksäcken auf dem Rücken im Winter durch einen Fluss waten und dann doch durch einen Stacheldraht aufgehalten werden.

„Welch‘ ein Mensch“, denke ich, wenn eine sagt: wir schaffen das“ und wenn andere sagen: „uns hat auch niemand geholfen“.

„Welch‘ ein Mensch“ denke ich, wenn ich mir Petrus vorstelle, der sagt: „ich kenne diesen Mann nicht“

Alles Menschen.

Und Gott ist mit Jesus weit gegangen darin, ein Mensch zu sein. Bis an die Grenzen des Menschseins und noch darüber hinaus.

Bis dahin, wo ein Mensch danken kann:  „hier kommt Gott nicht mehr hin. Jetzt hat er mich verlassen“.

Das hat nichts Schönes, Erhabenes, Heiliges mehr. Hier ist nur noch Hässlichkeit und Niedrigkeit.

Es ist schwer auszuhalten, dass wir Menschen so sind und das bewirken können und dass wir solche Erfahrungen machen können. Wir wollen das nicht. Und wir wollen es nicht sehen. Deshalb ist der Christus, den wir uns sterbend vorstellen, wohl auch immer so schön.

„Man muss schon Gottes Sohn sein, um gegeißelt, bespieen und mit Dornen gekrönt ein schöner Mensch zu bleiben“.

Der Sohn Gottes kann nicht schön gewesen sein als er starb.

Denn er wollte die Wahrheit bezeugen und die ist eben auch niedrig, hässlich, verabscheuungswürdig.

Niemand, der die Welt heilen will, kann an dieser Wahrheit vorbei.

Deshalb beschreibt Paulus in seinem berühmten Hymnus im Philipperbrief  den Weg Gottes in die Menschlichkeit als einen Abstieg, als eine Erniedrigung und verkündigt: Auch wenn es nicht den Anschein hat: Diese Welt ist nicht Gott verlassen und es lohnt sich,  in ihr zu leben, zu lieben und zu glauben.

Genau hinzusehen, den Menschen sehen und das Beste zu hoffen.

So wie Paulus damals (Philipper2):

Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Amen