Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Kantate 117 Sei Lob und Ehr

Pfarrer Wolfgang Buchholz (ev)

20.10.2013 in der Alten Kirche Wellinghofen

Kantatengottesdienst

Wie unendlich groß ist Gottes Schöpfung, wie unbeschreiblich schön kann diese Erde sein. Worte allein können die Fülle dieses Reichtums an Leben nicht annähernd beschreiben. Nur die Musik mag erreichen, die Schöpfermacht unseres Gottes zu preisen, die uns Leben schenkt und es in mancherlei Bedrohung erhält, auch wenn die Schattenseiten von menschengemachter Gewalt und Missbrauch von Macht uns manchmal in tiefe Zweifel und zum Himmel schreiende Klage führen.

Dennoch. Der Kreislauf von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter soll, solange es diese Erde gibt, nicht aufhören. Dafür verbürgt sich der Schöpfer selbst, der uns unsere Lebensgrundlagen  geschenkt hat. In der Herbstzeit, in der Ernte spüre ich auf‘s Neue diese Dankbarkeit in mir. Dank für alles, was er mir hat zukommen lassen. Sei Lob und Preis. Genau das richtige Lied auch und gerade für Menschen, die nicht mehr selber säen und ernten, doch von diesen Gütern leben und als planende, produzierende, bauende, verwaltende, lehrende  Menschen mit in dieses Schöpfungswerk mit hineingenommen sind. Ob wir unserer großen Verantwortung bewusst sind? ihr gerecht werden? Ein Motor, sich für die Bewahrung der Schöpfung zu engagieren, ist für mich eher die Freude an der Schöpfung und die Ehrfurcht vor Gott und dem Leben.

Mit dem Lied und der Vertonung durch Bach stimmen wir ein in das Lob und bringen Gott die Ehre als Schöpfer und Erhalter der Welt und des ganzen Kosmos. Bach hat bekanntlich sein ganzes Schaffen unter dieses eine in der Kantate herausgehobene Motto gestellt „allein zur Ehre Gottes“, wie auch unser Lieddichter Johann Jakob Schütz mit Nachdruck und massiver Wiederholung die Ehre, die wir Gott geben, ins Zentrum unseres Glaubenslebens stellt.

Die Menschen im Kreislauf der Natur, auf den Feldern arbeitend, bei der Saat und bei der Ernte.

Im Herbst preisen sie mit den Früchten der Erde Gottes Schöpfermacht, die alles also wohl bedacht.

Das war vor über dreihundert Jahren, Deutschland war ein im wesentlich durch Landwirtschaft bestimmtes Land, Naturwissenschaften und Technik steckten in den Kinderschuhen. Heute wissen wir unendlich viel mehr als unsere Vorfahren, wir können viel mehr und sind in einem unvergleichlich großen Maßstab Gestalter von Welt und Leben.

Heute arbeiten wir anders. Wir sind eine Industrienation, eine Gesellschaft, deren Wohlstand sich dem Wissen und der Anwendung von Wissen verdankt, in Konkurrenz zu den anderen, zum Teil durch ihre Bildungsanstrengungen aufstrebenden Nationen, zumal in Asien.

Und die Explosion des Wissens in den letzten Jahrhunderten?

13,8 Milliarden Jahre und der Urknall. 100 Milliarden Galaxien mit je 100 Milliarden oder mehr Sonnen und unsere Erde ein… - ja was? - im Universum. Ein Staubkorn?

Vor 3/2 Milliarden Jahren erste Spuren von Leben auf der Erde. Beginn eines so mannigfaltigen evolutionären Prozesses. Vor 2 Millionen dann erste Anzeichen, dass eine Gattung namens Mensch sich anschickt, diesen Planeten zu bewohnen, zu gestalten, zu plündern und zu bedrohen. Denn jede Daseinssteigerung, jede Erfindung birgt Segen in sich und Fluch, etwa die Entdeckung der Atomphysik. Das 20. Jahrhundert brachte neben den Abgründen zweier Weltkriege weitere revolutionäre Erkenntnisse, die nur noch Eingeweihten verständliche Erkenntnis der Quantenphysik, die Erfindung von Computer und Internet, mit den Möglichkeiten völlig neuer Dimensionen in der Kommunikation von Menschen und Systemen bis hin zur Anwendung in der Forschung, gerade auch in der Biologie und Medizin

Die Erforschung des Lebens selber mit der Entdeckung unseres Erbgutes. Überhaupt medizinisches Wissen, welches so viel Leben rettet und bewahrt und gleichzeitig in Bereiche vorstößt, in denen man sich fragt: Fangen hier Menschen an, Gott zu spielen, wird hier der neue Mensch designt, entworfen? Wie weit darf die Forschung mit Embryonen gehen, dürfen wir wirklich in der Zukunft ein werdendes Kind in seiner genetischen Zusammensetzung so disponieren oder auswählen, damit ein Kind nach unserem Bilde entsteht. Wo sind die menschlichen Götter am Werk, welche Phantasien müssen wir kritisch hinterfragen? Die falschen Götzen macht zu Spott! So werden wir gleich singen.

Die Menschen verlassen sich in hohem Maße auf Naturwissenschaft und Technik. Sie vertrauen darauf und das vollkommen zu Recht, weil Fortschritt und die Verbesserung der Lebensumstände von Entdeckungen und Entwicklungen zu erwarten sind.

Das meint Georg Mandl, ein Naturwissenschaftlicher aus Graz.

Er mahnt uns Christen und alle, die an Gott den Schöpfer und Erhalter dieser Welt glauben, die menschlichen Fähigkeiten Eigenmächtigkeit, die durch unseren Verstand geschaffene Weltgestaltung und Welterforschung wahr und ernst zu nehmen… Es wäre in der Tat fatal, wenn unser Schöpfungsglaube sich den Erkenntnissen der Wissenschaften verweigern würde, wenn wir in der Kirche am Sonntag für eine Stunde all das vergessen oder verdrängen müssten, was wir so wissen. Alles kommt darauf an, dass wir eines nicht tun, die Dinge durcheinander werfen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse einerseits und religiöse Bekenntnisse andererseits.

Die Sprache der Bibel ist keine naturwissenschaftliche Faktensprache, sondern ein Bildersprache, die Tatsachen deuten will, die auf die Hintergründe und Urgründe des Seins hinweisen will und einen Gott verkündet, der alles Geschaffene ins Leben ruft.

Das bekannteste Beispiel: Die 7 Tage der Schöpfung. Wäre es eine naturwissenschaftliche Aussage hieße es 7 mal 24 Stunden und fertig…

Doch wirkliche Zeiträume will die Bibel gar nicht festlegen, sondern eine Ahnung geben. Schöpfung ist ein Prozess des Werdens, hat gewiss einen Anfang und ist noch nicht abgeschlossen. Das Entscheidende für den Glauben: In das Sein gerufen wird das alles durch das Schöpferwort Gottes.

Die Bibel konkurriert nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern bekennt, dass jenseits aller menschlicher Erkenntnisse ein Gott geglaubt wird als die alles bestimmende Wirklichkeit.

Unser Schöpfungsglaube ist ein großes Staunen darüber, dass es uns und diese Schöpfung gibt. Wenn wir bekennen: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, dann staunen wir über die Existenz der Welt, ob sie nun vor 5 oder 13,8 Milliarden entstanden ist oder gar davor noch etwas war. Wir preisen das Wunder, dass überhaupt etwas existiert und nicht nichts.

Dieser Lobpreis schließt uns zusammen mit allen Dingen von den Galaxien zu den kleinsten Teilchen.

Er durchzieht alles wie Musik und bringt uns zum Klingen.

Da darf uns durchaus eine Ehrfurcht packen, die wir da singend auch über uns selbst nachdenken, wer wir denn sind in diesem ganzen gigantischen Konzert der Schöpfung, die wir betend Gott loben preisen und ehren.

Die wir uns begreifen dürfen als - wenn es gut läuft - Gottes partnerschaftliches Gegenüber, als Mandatsträger und Mitgestalter an Gottes Werk, was er geschaffen hat und erhalten will - auch mit uns.

Bebauer und Bewahrer. Das ist des Menschen Adel und das ist gleichzeitig des Menschen große Versuchung: Mit unserem stattlichen Potential und nicht zu stillender Neugier unseres Verstandes die weltüberlegene Größe und Weite, mit einem Wort die Macht Gottes anzukratzen.

Gebt unserem Gott die Ehre. Dringender denn je!

Ich möchte allen zurufen, die sehr viel von Naturwissenschaft und Technik halten, mir zuerst:

Ja, unsere Gedanken können die Welt durchdringen und vieles schaffen, wir aber können uns selbst nicht schaffen noch letztlich erhalten.

Gebt Gott die Ehre!

Wir können so viel auf dieser Welt erhalten und sollten ernster denn je um einen Lebensstil ringen, der Zukunft auch für nachfolgende Generationen ermöglicht. Wir können so viel erhalten, nur uns selbst nicht.

Mensch, geh in dich. Das weckt doch eine Ahnung weit überlegener Gedanken, die auch uns geschaffen haben: Gebt Gott die Ehre!

AMEN

(als Kanzelgruß)
Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.