Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Kolosser 2,3-10

Pfarrer Georg Eberhardt

24.12.2001 in St. Katharina, Schwäbisch Hall

"In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. Ich sage das, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden. Denn obwohl ich leiblich abwesend bin, so bin ich doch im Geist bei euch und freue mich, wenn ich eure Ordnung und euren festen Glauben an Christus sehe.
Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid reichlich dankbar.
Seht zu, daß euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Weit und nicht auf Christus. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr Teil an ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist."

Selten ist soviel über Gott, den Glauben und über Religion gesprochen und geschrieben worden wie in den vergangenen Monaten. Ich kenne es so, daß Zeitungen und Magazine einmal im Jahr an Weihnachten Leitartikel oder Titelgeschichten mit einem Thema über den christlichen Glauben oder die Kirche veröffentlichen. In der Regel eher als eine Art Abgesang, Kritik. Oft eher ätzend als konstruktiv.
In diesem Jahr ist alles anders. Soviel Suche nach Vergewisserung war nie. Soviel suchendes Fragen nach den Fundamenten unserer Kultur ist lange nicht mehr gehört worden. Die "Wiederentdeckung der Religion" wird konstatiert (SZ, Nr. 286). Sogar der "Spiegel" versucht in einem lesenswerten Titelbeitrag positiv den "Glauben der Ungläubigen" zu beschreiben.
Zugleich ist eine große Sprachlosigkeit in diesen Dingen zutage getreten. Die geistigen Quellen unserer Kultur fließen immer noch, aber es fehlt das Handwerkszeug, zu schöpfen.

"Viele westliche Intellektuelle tun sich sehr schwer damit, die Symbole der jüdischen und der christlichen Religionskulturen Europas zu entschlüsseln. Wie wollen sie dann die frommen Mentalitäten von Menschen anderer Religionskulturen verstehen?" So wird einer Buchbesprechung dieser Tage gefragt, in dem ein Werk Albert Schweitzers vorgestellt wird. Es heißt: "Kultur und Ethik der Weltreligionen". Schweitzer notiert darin die fast schon verzweifelte Frage: "Wer will den Glauben der anderen deuten, wenn ihm der eigene fremd geworden ist?"

Höchst aktuell diese Frage, da doch der Glaube der anderen, deren Religion, mit kaum überbietbarer Gewalt in unser Bewußtsein eingeschlagen hat.

So ist das mit der Religion. Sie ist offen nach beiden Seiten, zum Guten hin wie zum radikal Bösen.
Weil das so zwiespältig ist, haben viele Menschen in Europa die Religion gerne verabschiedet und sich selber von religiösem Denken und Empfinden gelöst. So viele andere Schätze der Erkenntnis und der Weisheit taten sich ihnen auf, faszinierende Einsichten der Naturwissenschaften z.B. Wozu da noch nach Gott fragen?

Aber mit diesem einen Schlag haben viele Menschen hier begriffen, daß das in allen anderen Teilen der Welt nicht so ist wie bei uns; ihnen ist klar geworden, daß unser offenes Denken, unsere freiheitliche Lebensform nicht einfach da ist, sondern erstritten sein will gegen andere Überzeugungen. Die sind uns lange genug nichts angegangen. Jetzt aber gehen sie uns an, und wie.
Die Gretchenfrage ist nicht in einem verstaubten Buch vermodert; sie ist lebendiger denn je. "Nun sag: wie hast du's mit der Religion?" Müde oder gelangweilt oder gleichgültig abwinken reicht nicht, reicht nicht mehr.

Wir sind heute an einem Abend in der Kirche beisammen, der mehr als jede andere Zeit religiös gesättigt ist. Ein Bundestagsabgeordneter hat sogar vorgeschlagen, Heiligabend zum Feiertag zu machen und dafür den zweiten Feiertag abzuschaffen.

Zwei Fragen darum, und der Versuch, Antwort zu geben. Wie halten wir es mit der Religion der anderen? Konkret gesagt, mit dem Islam? Und wie halten wir es mit unserer Religion?

Zunächst also: Wie halten wir es mit der Religion der anderen?
Viele Menschen, die sich bisher an Religion gar nicht interessiert haben, reagieren mit Angst vor etwas, das sie nicht kennen. Angst aber lähmt und bringt nichts Gutes hervor. Am liebsten wäre es denen, es gäbe diese frommen Moslems unter uns nicht; und wenn es sie gibt, dann sollen sie bitte nicht auffallen und schon gar nicht Moscheen bauen wollen.
Wenn wir aber im Frieden leben möchten, dann dürfen wir den andern das Beten nicht verbieten und nicht, daß sie sich dafür Räume schaffen. Dazu ist es wichtig, daß wir einander aufsuchen.

Was nicht sein darf ist, daß Menschen die Freiheit hier nützen, um sie im Namen der Religion verächtlich zu machen oder sie mit Worten und Taten zu bekämpfen. Vielleicht haben Sie ja auch in den letzten Wochen zur Kenntnis genommen, daß es in Köln einen sog. Kalifenstaat gibt, dessen Aggressivität erschrecken läßt.
Und vielleicht waren Sie auch erstaunt, in welcher Offenheit dort gegen Ideen gearbeitet wird, für die wir leben.

Es ist heute kein Zeichen von Weltläufigkeit, wenn Verantwortliche einer Stadt wie in Köln offenbar meinen, alle religiösen Äußerungen seien gleich zu bewerten. Es ist vielmehr ein Ausdruck von Ahnungslosigkeit und Bequemlichkeit - und höchste Zeit, sich kundig zu machen und zu reagieren. Klar muß sein:
Wer Recht bricht, darf sich nicht hinter seiner religiösen Überzeugung verstecken. Wo aber immer Menschen anderen Glaubens unsere Gesetze und unserer freiheitliche Ordnung achten, sollen sie unseren Respekt erfahren. Interesse auch. Und warum nicht in einen Wettstreit treten darin, wer die besseren Antworten auf die Fragen des Lebens hat?

Wie aber halten wir es mit unserer Religion?
Es gibt Christenmenschen, die sagen: Ach, es gibt doch nur einen Gott. Und alles ist doch "irgendwie eines". Wer einwendet und sagt - Gott, der sich in der Bibel und in Christus kenntlich macht, sei doch wohl nicht das, was im Koran von Gott steht, der wird schnell intolerant und eng geheißen.

Nur, es ist nicht alles "irgendwie das gleiche" mit Gott. An Weihnachten feiern wir als Christen, daß Gott leibhaftig in einem Menschenkind Gestalt annimmt. Für einen Moslem so ziemlich das Lästerlichste, was wir von Gott glauben. Die Mitte unseres Glaubens unterscheidet sich grundlegend von seiner. Und das müssen wir einander sagen, wenn die Begegnung mit Moslems redlich sein soll.

Mit zwei verschiedenen Religionen ist es wie mit einem Schachspieler und einem Football-Spieler. Beide sagen, sie betreiben einen Sport. Beide haben Regeln und müssen sehr viele Spielzüge im Kopf haben. Einer meiner Schüler hat mir erzählt, als Spielmacher seiner Football-Mannschaft habe er 120 höchst komplizierte Spielzüge im Kopf. Bei einem guten Schachspieler wird es ähnlich sein.
Aber keiner, der eine Ahnung von Schach und Football hat wird sagen, das sei doch eigentlich ganz gleich: Das sei je ein Sport mit Regeln und mit vielen Spielzügen und am Ende gebe es Gewinner und Verlierer.

Genau so aber verhalten sich die, die sagen: Der Gott der Bibel und der Gott des Korans sei doch das gleiche. Gott eben. Machen Sie es sich nicht so einfach. Die Antwort auf die Frage, was wir von Gott glauben, ist keine graue Theorie und in den Theologenstuben verborgen gut aufgehoben. Vielmehr: Unsere freie Lebensweise ist wirklich ein Geschenk des Himmels, ist Folge dessen, was wir glauben. In anderen Gegenden der Weit sieht es deshalb ganz anders aus.

Unsere freie Lebensform begründet sich in der Bindung an den Gott, der in Christusus Gestalt annimmt; der jeden einzelnen Menschen wahrnimmt und respektiert. In Jesu Namen kann kein Mensch einer noch höheren Idee wegen um sein Daseinsrecht gebracht werden.

Viele meinen ja, wenn schon Religion, dann dafür, daß Menschen moralisch leben lernen. Das sei ihr Nutzen. Nur: Christus ist zunächst nicht deshalb in der Welt, um aus uns bessere Menschen zu machen. Darum ist er da, damit wir Gottes Dasein für uns besser verstehen.
Wenn Gott in einem Menschen lebt, lacht und leidet, dann meint das: Gott geht unseren ganzen Weg mit. Nicht nur an den gelungenen Tagen - und an den anderen war er leider verhindert.
Das ist die Erkenntnis, die wir in Christus gewinnen: Da gibt es nichts, was Dich von Gott trennt: Kein noch so großes Glück, in dem du meinst, auf Gott nun nicht angewiesen zu sein. Und keine noch so tiefe Verzweiflung, in der du meinst, da könne kein Gott mehr hinkommen. Er ist schon lange da gewesen und ist es auch noch heute.

Das ist die heilende Ur-Bindung unseres Glaubens: Vom Anbeginn der Geburt bis Ostern ist Gott mit uns auf dem Weg. -
Aber über Golgata. Es geht in keinem Leben ohne Kreuz: "Es werden die Tage kommen von denen werden wir sagen: Sie gefallen uns nicht." Ja. Doch es wird kein Tag kommen, an dem Gott von Dir läßt. Das haben wir von Christus, in dem die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt.

Alles andere leitet sich aus dieser Ur-Bindung an Gott ab: Unsere Freiheit, die uns als Gottes erwachsene Töchter und Söhne zukommt. Sie läßt uns anderen die Freiheit geben. Und unsere Bindung an die guten Weisungen Gottes. Auch deren Umgang können wir bei Jesus lernen.

Von Christus her habe ich zwei Fragen gestellt. Sie werden daran weiterdenken: Wie halten wir es mit der Religion der anderen und wie mit unserer?
Es ist gut, wenn Gott im Gespräch ist. Es geht dann immer auch um uns und das, was uns im Tiefsten und bis zu unserer letzten Stunde angeht. Von Christus her können wir Antwort um Antwort empfangen. Tag um Tag. Hören Sie nicht auf, in der Gestalt Christi nach Gott zu suchen. Hören Sie nicht auf zu fragen. Sie werden nicht ohne Antwort bleiben.

Amen