Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Kolosser 3,12-15

Pastor Dirk Jonas (ev.-luth.)

26.04.2009 in der St. Martinskirche Eimbeckhausen

Konfirmation

„Von alten und neuen Klamotten und einem Kleiderständer“

Liebe Festgemeinde,
und vor allem: Liebe …

(Pastor nennt die Vornamen der Konfirmand(inn)en, die schräg rechts von ihm sitzen)

Rund drei halbe Jahre Konfirmandenzeit liegen hinter Euch. Etwa ein erstes Drittel mit meinem Vorgänger Pastor Woldert; unsere guten Wünsche für ihn mögen unsere Gedanken heute begleiten. Ein zweites Drittel habt Ihr während der Vakanzzeit mit Diakonin Ina Schulz verbracht, von der ich Euch heute herzlich grüßen darf. Und schließlich die vergangenen sechs Monate haben wir uns regelmäßig getroffen. Woche für Woche. Ein bleibender Eindruck nach unserem Kennenlernen am 13. November letzten Jahres war für mich und ist bis heute dieser: Ich war und bin fasziniert darüber, wie lebendig, wie unterschiedlich, wie bunt Ihr als Gruppe zusammengesetzt seid. Ihr acht – zusammen mit den anderen acht. Diese Faszination über die Vielfalt der Kinder Gottes erlebt mancher eher als Last denn als Lust. Für mich blieb es Lust. Und wenn Eure so vielfältige Lebendigkeit mal mühsam wurde, für mich oder für Euch mit mir, dann hat mich jedenfalls der Blick auf jede und jeden von Euch als einzelne je liebenswerte Persönlichkeiten ermutigt. Denn das seid Ihr – und das sage ich nicht aus netter Freundlichkeit, sondern weil ich davon überzeugt bin: Ihr seid liebenswerte Kinder Gottes. Und dass Ihr das für IHN auch seid, darum feiern wir Konfirmation.
Konfirmation ist wie ein Siegel, das Gott Euch einprägt und sagt: „Du bist in meinen Augen wertgeachtet.“ Wenn Menschen sich gegenseitige Achtung untereinander immer wieder streitig machen, vergiss nicht: Du bist von Gott geliebt.

Ihr habt eineinhalb Jahre Kirche kennen gelernt. Ihr habt regelmäßig Gottesdienste besucht. Fremdes Gelände. Für machen vielleicht sogar vermint, weil man im Alltag insgeheim immer mit den Schlechtigkeiten des Lebens rechnet. Ich hoffe, Ihr konntet Kirche und Gottesdienste jedenfalls dann und wann als „Ausnahmezustand“ für unsere oft bedrängten Seelen erleben. Als Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann. Auftanken. Zuspruch erleben.

Ihr habt Kirche erlebt im Auf und Ab. In bewegten (auch schwierigen) Zeiten. Ich hoffe, es waren auch gute Zeiten für Euch dabei. Helle Momente. – Ältere Erwachsene fragen oft: „Was wird hängen bleiben davon?“ Vielleicht fragt Ihr Euch das auch. Lasst Euch überraschen! Und bleibt neugierig. Bleibt verbunden mit Eurer Gemeinde und Eurem Pastor. Denn das sollt Ihr wissen: Wenn Ihr etwas auf dem Herzen habt, jemanden zum Reden braucht – kein anderer soll aber davon erfahren – dann könnt Ihr kommen. Jederzeit.

„Was wird hängen bleiben?“ Ich will das heute auch fragen. Genauer: Was wünsche ich mir (und vor allem Euch!), dass es hängen bleibt? Um das zu veranschaulichen, habe ich etwas mitgebracht.

(Pastor holt aus der Sakristei einen Kleiderständer und stellt ihn für alle gut sichtbar in den Raum.)

Ein Kleiderständer. – Die Garderobe aus dem Gemeindehaus konnte ich nicht abbauen, darum habe ich meinen privaten mit rüber gebracht. Er steht zeichenhaft für das, was grundsätzlich für den heutigen Tag und darüber hinaus feststeht. Von Gott festgeschrieben ist: dass Ihr Auserwählte Gottes seid, seine Heiligen und Geliebten. Mit dieser Feststellung beginnt der Predigttext, den ich für Eure Konfirmation ausgesucht habe: „Kleidet euch nun als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten …“ Mancher Moralapostel unter uns hört zuerst und vielleicht sogar allein die Aufforderung: „Kleidet euch…“. Aber wichtig ist zuallererst die Voraussetzung: Seht Euch den Kleiderständer an: Er ist leer. Ich stelle mir vor (was nicht stimmt), dass Eure festlichen Konfirmationskleider hier alle gehangen haben. Nun tragt Ihr sie, und der Ständer ist leer. Das macht deutlich: So wie Ihr neu eingekleidet heute dasitzt, so verlasst Ihr diese Kirche nachher neu gesegnet mit der festen Zusage: Jede / jeder von Euch ist von Gott auserwählt, geliebt, geachtet, wertgeschätzt – bedingungslos. Das ist das Erste und Wichtigste. Bei aller Missachtung, allem Ärger und aller Respektlosigkeit, die Euch immer wieder im Leben entgegenschlagen werden (das hört ja mit dem heutigen Tag nicht auf), sollt Ihr wissen: Von Gott seid Ihr erwählt, ganz und gar angenommen. Das heißt übrigens, ein „Heiliger“ sein. Ein Heiliger ist nicht ein moralisch fast unmöglich emsiger Mensch, sondern einer, der ganz und gar von Gott angenommen ist – und der das weiß, der darauf vertraut.

Wer solches für sich ahnen kann, für den berühren sich Himmel und Erde. Da kann alles neu werden. Das kann sein, wie wenn man alte Kleider von sich wirft und neue anzieht. Nicht nur weil neue Klamotten an sich cool sind. Bei Menschen, die eine Lebenskrise durchgestanden haben, erlebt man das manchmal: eine neue Frisur, ein neuer Style, ein neuer Look – weil das Leben eben wieder neu in Fahrt kommt. Gott sei Dank!

Ich lese Euch jetzt mal, was der alte Bibeltext vorschlägt, womit sich Auserwählte Gottes und von ihm Geliebte zum Beispiel kleiden. Und für jedes dieser Dinge, hängt unsere Kirchenvorsteherin Adelheid Günther einen alten Kleiderbügel an den Ständer, während ich lese:

„So kleidet euch nun als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten,
(1.) mit herzlichem Erbarmen,
(2.) Freundlichkeit,
(3.) Demut,
(4.) Sanftmut,
(5.) Geduld;
(6.) und ertrage einer den andern
(7.) und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
(8.) Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Acht Vorschläge, sich als Christenmensch zu kleiden. Acht Kleiderbügel, die das veranschaulichen. Für Euch (für uns) im Jahre 2009 sind das ja ziemlich alte Formulierungen, vor über 1900 Jahren aufgeschrieben. Aber von so altvertrauten Dingen leben und zehren wir Menschen:

  • von der Barmherzigkeit Gottes – von den guten Mächten also, die unser Leben gelingen lassen wollen,
  • von der Menschenfreundlichkeit Gottes, die uns in Predigten zugesprochen werden soll,
  • von Demut – ein altes Wort, dass man mit „gegenseitiger Anerkennung“ und „Achtung“ übersetzen könnte,
  • von Sanftmut – dem Gefühl von Geborgenheit also, in das uns Lieder, Gedichte, Gebete und Kerzenschein hineinnehmen möchten,
  • von Geduld – also von der regelmäßigen Erinnerung daran, von Gott angenommen zu sein, zum Beispiel in vielfältig gestalteten Gottesdiensten = Atempausen, die uns immer wieder neu auftanken lassen wollen in den Stürmen des Alltagsgeschäftes.
  • Wir leben davon, manchmal dies oder jenes auch nur ertragen, also aushalten zu können: Krankheit oder Traurigkeit.
  • Wir Leben von der Vergebung, die wir als Kirche zeichenhaft im Abendmahl feiern, im gemeinsamen Essen und Trinken in der Gemeinschaft mit Jesus.
  • Mit einem Wort: Wir leben von der Liebe, die Gott uns in der Taufe schenkt; von der Liebe die wir uns gegenseitig schulden, wenn unser Zusammenleben nicht im Chaos versinken soll.


Acht alte Kleiderbügel als Zeichen dafür, warum die Konfirmandenzeit dazu dient, die alten Riten, Generationen von Menschen vertraute Texte und Lieder kennen zu lernen.

Aber das ist nicht alles! Wovon lebt die Kirche noch – und wir alle mit Ihr?
Davon, dass immer wieder Menschen Ihre Begabungen einbringen, die Ihnen geschenkt sind. Davon, dass so unterschiedliche Menschen, wie Ihr acht es seid entdecken, dass es eine Bereicherung ist, verschieden zu sein. Respektvoll, offen und kreativ, gemeinsam statt einsam. Die alte Liste wie wir uns als Auserwählte Gottes kleiden können, ist nicht abgeschlossen. Jede und jeder von Euch bringt ja schon etwas mit, ist begabt. Das glaubt Ihr nicht? Oh doch! Darum ergänze ich unseren Kleiderständer symbolisch jetzt zum Abschluss mit acht neuen Kleiderbügeln. Für jeden von Euch einen. Und ich nenne dazu nicht umfassend, sondern – ich betone: beispielhaft – eine Gabe oder Begabung, mit der jede und jeder von euch auf seine Weise die Konfirmandenzeit in meinen Augen bereichert hat:

(Erster Gottesdienst, 9.30 Uhr)

(1.) Marvin – Deine Begeisterung für Fußball zum Beispiel. Wenn Dich etwas interessiert, dann bist Du voll dabei, das ist toll.
(2.) Anina – dass Du Dich am 1. März im Gottesdienst hast taufen lassen, das war mutig und wunderbar.
(3.) Christina – wenn Du lachst, dann wird der Raum von einem Strahlen erhellt; darum: lach’ doch gerne öfter.
(4.) Christian – ich schätze Deine hohe Aufmerksamkeit und die vielen Talente, die in Dir stecken; das wurde mir z.B. beim Schlittschuhlaufen während der Konfi-Freizeit so deutlich.
(5.) Vanessa – Du bist sensibel im Umgang mit den Menschen um Dich herum und einfühlsam, das ist wahrhaft ein Gottesgeschenk.
(6.) Daniel – von Deiner Verlässlichkeit und Deiner stillen neugierigen Aufmerksamkeit kann sich mancher eine Scheibe abschneiden, finde ich.
(7.) Bianca – Du kannst auf eine feine Art mit Ironie und Humor andere zum Lachen bringen. Das ist schön, denn: Gott ist mit den Fröhlichen! Und last but not least:
(8.) Patrick: Wenn ich das jetzt sage, dann schmunzeln alle, aber was ich sage, ist für mich sozusagen ein Abbild für etwas im Grunde ganz Tolles, was du in meinen Augen hast: Deine verschiedenen Hairstylings haben mich immer beeindruckt: Dahinter steckt für mich Dein inneres Wissen, dass Individualität zum Leben gehört. Du lässt Dich nicht so leicht verbiegen. Du bist du.

(Zweiter Gottesdienst, 11.15 Uhr)
(1.) Johanna – Deine Gabe zu integrieren, Dein Blick für die Gruppe, das keiner außen vor bleibt, etwa wenn wir in Kleingruppen gearbeitet haben, das war wohltuend.
(2.) Christopher – die Klugheit und Präzision mit der Du nachdenkst und nachfragst habe ich als Bereicherung erlebt.
(3.) Tim – mir scheint Du hast eine gesunde Skepsis, mit der Du an Dinge gehst. Und auch wenn Du es manchmal nicht so zeigst: Du kannst dich begeistern lassen – wunderbar.
(4.) Ole – du brichst Dir keinen Zacken aus der Krone, mit deinem Pastor Lieder auf der Gitarre zu begleiten, obwohl z.B. Deine Band ganz anders rockt. Vielleicht klappt es noch mit einem Konzert von Euch hier in der Kirche? Ich würde uns beiden das zutrauen!
(5.) Kimberly – mich hat beeindruckt, wie engagiert Du Deine Taufe mit vorbereitet hast; vorher, als es darum ging, wie es denn werden sollte. Und dann wurde es ein wunderschönes Fest!
(6.) Katharina – Kathi, du warst gerne zu Späßen aufgelegt, oder? Das ist gut, denn: Gott ist mit den Fröhlichen.
(7.) Nico – mir scheint, Du warst im Grunde einer der Aufmerksamsten, Dein wacher Blick schien dieses oder jenes förmlich aufzusaugen für Deine eigene innere Auseinandersetzung mit einem Thema. Und last but not least:
(8.) Marcel – Du strahlst Gelassenheit aus, Dich bringt so schnell nichts aus der Ruhe, scheint mir. Alles hat seine Zeit – eine wunderbare Begabung in unserem hektischen Alltag.

Da hängen sie nun, Eure acht Kleiderbügel. Symbolisch für Euch, für beispielhafte Begabungen, mit denen Ihr ausgezeichnet seid. Ich würde mich freuen, sie dann und wann auch nach der Konfirmation wahrnehmen zu dürfen – und Euch: auf den Straßen, in den Häusern hier im Ort und gerne auch in diesem alten Gotteshaus.
Die neuen Kleiderbügel hängen zusammen mit den alten. Die alten stehen als Symbol dafür, was dieses uralte Gemäuer Kirche geprägt hat; und die Menschen geprägt hat, die vor Euch, mit euch und nach Euch gemeinsam singen und beten, feiern und bekennen, sich versöhnen lassen und auftanken, hören und bedenken. – Neues und Altes zusammen, davon lebt die Kirche – und wir Menschen auch.

Ihr Lieben, was mache ich denn nun mit den Kleiderbügeln?
Die neuen bleiben hier in der Gemeinde – Zeichen dafür, dass Ihr zur Gemeinde Jesu Christi dazugehört, und Zeichen dafür, dass Ihr das mit dem heutigen Tag bekräftigt.
Die alten – habt Ihr sie eigentlich wiedererkannt? Sie hingen bis vor ein paar Wochen drüben im Gemeindehaus, wo wir uns regelmäßig getroffen haben. Jede und jeder von Euch bekommt nach der Einsegnung mit der Konfirmationsurkunde einen dieser alten Bügel geschenkt – als Erinnerung an diesen Tag, an diese Predigt und als Zeichen dafür, was die alte Mutter Kirche für Euch ein Leben lang bereithält.

„Und der Friede Gottes“ – so endet der Predigttext für heute und mit ihm auch meine Predigt für Euch – „der Friede Gottes, zu dem ihr auch berufen seid in einer Gemeinschaft, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.“
Amen.