Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Kolosser 4, 2-4

Pfarrer em. Hans-Jürgen Feldmann (ev.-luth.)

13.05.2012 in der Altstädter Nikolaikirche Bielefeld

Sonntag Rogate 2012

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, daß Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muß.

 

 

            Liebe Gemeinde!

Auf einem sinkenden Schiff gibt es keine Atheisten. Wer zu ertrinken droht, fleht um Rettung. Auch Menschen, die sonst nicht beten und meinen, nicht wirklich an Gott zu glauben, klammern sich dann an ihn wie an einen Strohhalm. In einem Gemisch aus schierer Verzweiflung und einem letzten Rest an Hoffnung rufen sie ihn an und halten sich wie an einem Notanker an ihm fest. Nur er allein kann, wenn es ihn gibt, ihre ausweglose Lage noch durch ein Wunder zum Guten wenden und sie aus diesem Todesrachen herausholen. Und so wünschen sie jetzt nichts sehnlicher, als daß Gott existiere und eingreife und daß das, was sie vorher über ihn gedacht und von ihm gehalten hatten, um Himmels willen falsch sein möge.

In Notsituationen wird viel gebetet. Bei Katastrophen und nach großen Unglücksfällen, die für die Betroffenen schrecklich sind und sogar weit darüber hinaus Bestürzung und Erschütterung hervorrufen, füllen sich die Kirchen. So war es auch bei der Loveparade vor zwei Jahren in Duisburg, als 21 – meist junge – Menschen ums Leben kamen und außerdem 541 Besucher zum Teil schwer verletzt wurden. So ist es ebenfalls, wenn jemand, den wir lieben, plötzlich ernsthaft erkrankt und eine Diagnose erhält, die nichts Gutes erwarten läßt. Dann falten sich die Hände, auch solche, die vorher nur zupacken konnten und meinten, die Dinge im Griff zu haben und das Leben aus eigener Kraft und ohne Gottes Beistand meistern zu können.

„Not lehrt Beten“, sagt ein Sprichwort, und trifft damit genau diesen Sachverhalt. Aber in Wirklichkeit lehrt sie vielleicht nur das punktuelle Beten, das Stoßgebet, den Schrei nach Gott aus einem augenblicklichen Elend heraus, in dem einem das Wasser bis zum Halse steht. In den meisten Fällen ist es aber nicht nachhaltig. Ist die Bedrängnis erst vorüber, die Fassungslosigkeit über ein furchtbares Geschehen abgeklungen und haben die alltäglichen Dingen ihren Platz zurückerobert, dann verebbt es meistens wieder und wird vergessen. Die Andachten nach menschlichen Tragödien bleiben in der Regel ebenfalls isolierte Ereignisse. Viele suchen in ihnen Trost; aber eine dauerhafte Wirkung bleibt in der Regel aus. Es erwächst daraus kaum der Wunsch, dergleichen fortzusetzen, z.B. im sonntäglichen Gottesdienst.

Trotzdem empfiehlt auch die Bibel, in der Bedrängnis zu beten „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen“, heißt es im 50. Psalm. Und Jesus sagt in der Bergpredigt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Wir müssen freilich genau auf den Wortlaut solcher Sätze achten. Was steht da, und was steht nicht da?

Gottes Zusage, „Ich will dich erretten“, läßt offen, worin die Rettung denn besteht, und wenn Jesus verspricht, „Euch wird gegeben“, so erfahren wir ebenfalls nicht, welche konkrete Gabe Gott für uns bereithält und uns schenken will. Gott hört unsere Gebete, das ist das Wichtigste, und darauf kommt es an. Was er dann daraus macht, deckt sich allerdings oftmals nicht mit dem, was wir selbst begehren und von ihm erbitten. Wir müssen und wir dürfen es ihm überlassen.

So will Gott den Ertrinkenden vielleicht nicht aus den todbringenden Fluten reißen, sondern ihn durch sein Sterben hindurch zu sich rufen in ein Leben, das nicht mehr vom Tode bedroht ist und nicht mehr vergeht. Gott wird eine böse Krankheit vielleicht ebenfall nicht heilen, sondern den Betroffenen die Kraft und Zuversicht geben, mit ihr zu leben und die Zukunft, wie immer sie sich auch gestalten mag, aus seiner Hand anzunehmen. Gott möchte uns vor allem den Glauben schenken, daß uns von seiner Liebe nichts scheiden kann, und das allein kann uns durch unser Dasein tragen, weil es uns im Leben und im Sterben auf einen festen und unvergänglichen Grund stellt.

 

II.

Der heutige Sonntag heißt „Rogate“ – auf deutsch „Betet“ oder „Bittet“. Der Predigttext dafür spricht allerdings fast gar nicht vom Bittgebet, höchstens von einer besonderen Spielart, der Fürbitte. Dabei aber geht es nicht um unser persönliches Verlangen und Begehren, sondern um die anderen Menschen.

Vor allem werden Themen angeschnitten, die uns wohl nicht als erste einfallen, wenn wir an das Beten denken. Aber der Text hat auch wohl kaum blutige Anfänger im Blick, sondern richtet sich an Fortgeschrittene, freilich auch an solche, die es werden wollen.

Trotzdem geht es nicht zu wie in der Schule, wo der Stoff mit der Zeit immer schwieriger wird und manchen vor dem Ziel die Waffen strecken läßt. Im Grunde ist alles sehr einfach und leicht zu begreifen. Es erfordert keine Gedankenakrobatik von uns, wohl aber die Bereitschaft, uns über die Kurzatmigkeit des Betens hinausführen zu lassen. Denn wer nur die Hände faltet, wenn er festsitzt und selbst nicht weiterweiß, macht schwerlich Erfahrungen mit der Kraft des Gebets. Da folgt oft nur die Enttäuschung auf dem Fuß. Es hat scheinbar nichts bewirkt, nichts verändert, nicht das Vertrauen auf Gott gestärkt. Am Ende steht möglicherweise nur der Verdacht, Beten sei sinnlos, weil es scheinbar ins Leere ging und ohne erkennbare Reaktion blieb.

Unser Text aber möchte uns vor solchen Holzwegen bewahren und uns zu einem Beten verhelfen, das uns Gott nahebringt und uns ihm näher kommen läßt. Er beginnt mit der Aufforderung: „Seid beharrlich im Gebet“, anders übersetzt: „Laßt nicht nach im Beten“ oder, wie im Römerbrief: „Haltet an am Gebet.“

Vielleicht regt sich in uns bei diesen Worten zunächst innerer Widerwille. Sie klingen nach Anstrengung, nach einem bestimmten Pensum, nach Pflicht. Machen wir uns von solchen Gedanken aber zunächst einmal gänzlich frei. Denn dem Gebet soll kein Zwang anhaften. Es ist vielmehr die großartigste Möglichkeit, intensiver, bewußter, offener und auch getrösteter zu leben. Es ist nichts Geringeres als das Atmen des Glaubens und der Seele.

Es geht nicht nur davon aus, daß Gott uns zuhört, sondern daß er schon für uns da ist, bevor wir überhaupt den Mund auftun und aussprechen, was wir auf dem Herzen haben. „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Wir sind umfangen von seiner Güte, und diese Güte saugen wir, wenn wir beten, wie die Luft beim Atmen in uns ein. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag“, dichtet Dietrich Bonhoeffer und auch: „so laß uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet“.

Das Gebet ist keine Pflichtübung, auch keine fromme Pflicht; aber es will, wenn es rein ist, auch Gott zu nichts verpflichten. Es verzichtet darauf, mit ihm zu handeln; es will von ihm nichts erreichen. Wenn wir beten, treten wir vielmehr ein in den Raum seiner Gnade und seines Segens. Zugleich werden wir sensibler, hellhöriger und hellsichtiger für die Botschaften, die uns aus der Ewigkeit erreichen möchten, für die Signale seiner Liebe, die täglich zu uns dringen, aber auch für die Gefahren, auf die er uns durch Warnhinweise aufmerksam macht.

Auf der anderen Seite geschieht das, was wir mit dem Ausatmen vergleichen können. Wir breiten vor Gott unsere Sorgen aus, vertrauen ihm an, was uns beschwert, was wir erwarten und worunter wir leiden. Wir bedenken vor ihm unsere Entscheidungen, bevor wir sie treffen, unsere Probleme, unsere Schwierigkeiten mit anderen Menschen und die Gedanken, die wir uns über die machen, die uns nahestehen, die Ängste, die wir vielleicht um sie haben. Aber das Beten ist keine Technik, mit der wir Gott dazu bringen könnten, uns zuzustimmen oder uns zu Willen zu sein. Es ist das Miteinander mit Gott, in dem wir uns seiner geheimnisvollen Gnade und seinem Frieden, der höher ist als alle Vernunft, anvertrauen.

„Seid beharrlich im Gebet“ – ich möchte es verstehen als eine Lebenshaltung, in der alles zu Gott hin offen ist und alles dazu drängt, vor ihm bedacht und ausgesprochen zu werden.

Vor allem bin ich selbst zu Gott hin offen. Er überschaut nicht nur den äußeren Verlauf meines Lebens, sondern er blickt ganz tief in mein Wesen hinein, bis auf den tiefsten Winkel, kennt mich von Grund auf, und nichts ist ihm verborgen. Das kann ein beängstigender Gedanke sein, aber nur dann, wenn wir Gott zu einem kleinlichen Aufpasser verkleinert haben oder ihn für einen Richter und Staatsanwalt in einer Person halten. In Wirklichkeit ist er um Jesu Christi willen unser Richter und unser Verteidiger, unser Beistand – auch gegen die Anklagen, die das eigene Herz gegen uns erhebt. Und in Wahrheit ist es eine große Befreiung, daß er uns so genau kennt. Wir können uns vor ihm nicht verstellen, aber wir brauchen es auch nicht. Im menschlichen Miteinander werden wir es wohl nie ganz vermeiden können, uns zu verstellen; denn die Menschen sind unbarmherziger als Gott. Vor ihnen sich eine Blöße zu geben, kann gefährlich sein. Aber vielleicht können wir uns nur selber ertragen und mit uns ins Reine kommen, wenn wir wissen, daß der Blick der Güte Gottes bleibend auf uns ruht und daß wir ihn um Vergebung bitten dürfen, was immer auch dazu Anlaß gab.

 

III.

Beten ist keine Pflichtübung, sondern eine Lebenshaltung. Allerdings sollten wir es nicht unseren Bedürfnissen überlassen, ob wir überhaupt die Hände falten und mit Gott sprechen. Uns ist nämlich die Sprache gegeben, damit wir denken und unsere Gefühle ausdrücken können und uns darüber klarzuwerden vermögen, was wir überhaupt wollen. Durch die Sprache treten wir in Kontakt zueinander, und selbst Gesten ohne Worte werden nur uns dadurch verständlich, das wir sie in Sprache übersetzen und auf diese Weise verstehen, was sie uns „sagen“ wollen. Ohne seine Sprache wäre der Mensch nur ein dumpfes Lebewesen, das ohne wirkliche Beziehung zu den anderen, zu seiner Umwelt und zu seinem Gott dahinvegetieren müßte.

Das bedeutet für unser Gebete, daß wir sie auch formulieren müssen. Das jedoch fällt uns nicht immer leicht, da wir oft nicht wissen, was wir denn überhaupt beten sollen. Auch wenn wir gleichsam im Angesicht Gottes leben, haben wir ihm oft nur wenig zu sagen. Das hängt aber vielleicht damit mit einer falschen und verhängnisvollen Voraussetzung zusammen. Oft bilden wir uns ein, was echt ist, müßte auch spontan aus uns hervorquellen und möglichst originell sein. Ganz schnell verläßt uns, wenn wir so denken, die Lust und das Bedürfnis zu beten. Doch unmerklich beginnt sich der Kontakt zu Gott auf diese Weise zu verflüchtigen. Der Gaube wird steril, verliert seine Leuchtkraft und Wärme, pulsiert nicht mehr durch das Leben, und am Ende bleibt von ihm nur eine Art papierene private Weltanschauung übrig, die keinen Halt mehr gibt und die sich auch nicht lohnt, an andere weitergegeben zu werden.

Beharrlichkeit im Gebet bedeutet auch, es regelmäßig zu praktizieren und es nicht den eigenen Launen und Stimmungen zu überlassen, ob man überhaupt beten will oder nicht. Es ist sinnvoll, sich feste Gebetszeiten einzurichten und diese auch einzuhalten. Die Pausen vor dem morgendlichen Aufstehen und dem abendlichen Einschlafen eignen sich besonders dazu. Es ist ebenso sinnvoll, sich von dem Gedanken der Spontaneität zu verabschieden und statt dessen Gebetstexte zur Hilfe zu nehmen, wie sie uns die Bibel und das Gesangbuch in reichem Maße anbieten.

Leider haben junge Menschen nicht mehr viele von ihnen auswendig gelernt, weil das lange in der Schule verpönt und auch im kirchlichen Unterricht kaum noch zu vermitteln war. So konnten solche Texte nicht mehr in die tieferen Schichten des Unbewußten eindringen und daraus im Stillen Gutes bewirken, heilsame Gedanken freisetzen und Hoffnung stiften. Manche halten es für bloßes Nachplappern, etwa mit einem Psalm oder einem Gesangbuchvers zu beten, und man ist dabei wohl auch nicht immer ganz bei der Sache und von Anfang bis Ende konzentriert. Aber mit der Zeit werden solche Texte doch zu etwas Eigenem, und man erfährt immer mehr, wie sich das eigene Leben in ihnen spiegelt, wie manche Dinge durch sie ein anderes Gesicht bekommen. Darüber hinaus helfen sie einem auch, eigene Worte zu finden.

 

 

IV.

Unser heutiger Text spricht nicht von Bittgebet, es sei denn von der Fürbitte. Die möchte ich in dieser Predigt jedoch übergehen – nicht, weil sie unwichtig wäre, sondern weil die Zeit nicht reicht. Unser Augenmerk soll sich aber noch auf eine bedenkenswerte Beobachtung richten: In einem Atemzug ist zugleich von der Beharrlichkeit im Beten und vom Dankgebet die Rede: „Wacht ... mit Danksagung.“ Der Dank ist auch ein Ausatmen der Seele und wahrscheinlich sogar die wichtigste aller Gebetsarten. Denn darin machen wir uns bewußt, was Gott uns an Gutem erwiesen hat.

Für das Danken eignen sich besonders der Abend und die Nacht. Sie geben nämlich Gelegenheit, den jeweiligen Tag noch einmal Revue passieren zu lassen und dabei die einzelnen Stunden und Ereignisse in der Erinnerung durchzugehen. Auf diese Weise bekommt unsere Lebenszeit Konturen. Was habe ich erlebt? Was ist mir gelungen? Wer ist mir begegnet? Worüber konnte ich mich freuen? Wofür habe ich zu danken? Wir erfahren dabei, daß auch die unerfreulichen und schwierigen, ja, selbst die traurigen Geschehnisse eingebettet waren in positive Begebenheiten. Wichtig ist, dabei die scheinbaren Kleinigkeiten und Alltäglichkeiten nicht zu vergessen; denn auch in ihnen kommt Gott uns nahe. Er ist ja ohnehin sparsam mit Spekulativem und Sensationellem, dafür aber um so unermüdlicher im Detail.

Ihm zu danken, und zwar nicht nur irgendwie dankbar zu sein, sondern den Dank konkret auszusprechen, das schafft ein Kapital an Zuversicht und Hoffnung auch für die Zukunft. Es vergewissert uns: „Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben.“ „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht.“

Auch in ganz schweren Zeiten ist das Dankgebet eine unschätzbare Hilfe, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen. So haben etwa Trauernde, wie auf manchen Todesanzeigen zu lesen ist, schon oft in folgender Aussage Dietrich Bonhoeffers Trost gefunden: „Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kost­bares Geschenk in sich."

Amen.