Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Kolosser 4, 2-6

Dr. Markus Junker (ev), Prädikant und Mathematiker

19.07.2013 in der Auferstehungsskirche in Freiburg

Sonntag Rogate 2013

Liebe Gemeinde,

Jubilate, Kantate, Rogate - jubelt, singt, betet! - mit diesem Dreiklang an Imperativen sind die drei Sonntage vor Christi Himmelfahrt benannt. Gewissermaßen bilden diese Aufforderungen ein Programm dafür, die österliche Freude zu bewahren und Gottes Nähe immer wieder ins eigene Leben hineinzuholen. Jubelt, singt, betet: Wenn man im Jubel vor allem die Bewegung sieht (David drückte seinen Jubel durch Tanzen aus, als er die Bundeslade nach Jerusalem holen ließ ), dann sind damit Körper, Seele und Geist angesprochen: ein stimmiger, abgerundeter Dreiklang also.

Es gibt viele biblische Texte über das Beten: Geschichten, in denen gebetet wird - am eindrücklichsten vielleicht die Schilderung von Jesus in Gethsemane - Gleichnisse von Jesus über das Beten (Lk 18, 9-14), Anweisungen, wie man sich beim Beten verhalten solle (Mt 6, 5-9), und natürlich all die wunderbaren Gebete selbst: die Psalmgebete, das Vaterunser, das Magnifikat, das Hohelied der Liebe. Weniger bekannt dürfte da der Predigttext aus dem 4. Kapitel des Kolosserbriefs sein. Es sind einige Schlussermahnungen an die christliche Gemeinde am Ende des Schreibens, vor den abschließenden Grüßen:

(2) Haltet fest am Gebet, wachen Sinnes und voller Dankbarkeit! (3) Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für sein Wort öffne und wir das Geheimnis Christi verkündigen können, um dessentwillen ich in Fesseln liege, (4) damit ich es offenbar machen und davon reden kann, wie es meine Aufgabe ist. (5) Denen draußen begegnet mit Weisheit, kauft die Zeit aus! (6) Eure Rede soll stets Anklang finden und doch voller Würze sein; ihr sollt imstande sein, jedermann Rede und Antwort zu stehen.


Drei Gedankenstränge will ich an diesen Text anschließen, die vielleicht als Anregung zum Nachdenken über das eigene Beten dienen können. Die Erfahrungen selbst mit dem Beten dürften allerdings so vielfältig sein wie die Menschen.

[Teil I: Jubilate, Kantate, Rogate]
Jubilate, Kantate, Rogate - jubelt, singt, betet! Auf den ersten Blick sieht es vielleicht so aus, als würde das Beten aus diesem vorhin erwähnten Dreiklang herausfallen: Das Jubeln und Singen gibt es auch außerhalb der Kirche; man sieht beidem nicht unbedingt an, dass es auch außerhalb des Gottesdienstes eine Verbindung zu Gott schaffen kann. Das Beten dagegen scheint etwas dezidiert Religiöses zu sein. Luther defniert das Gebet als "ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung." Mich hat in der Vorbereitung ein Satz von Viktor Frankl sehr angesprochen, der auch das Gebet in einem weiteren Raum sieht, oder vielmehr, wie man es beim Jubeln und Singen auch tun könnte, das Religiöse dort aufdeckt, wo es nicht unbedingt schon für alle sichtbar auf dem Etikett steht. Er sagt: "Immer, wenn wir in letzter Einsamkeit, Offenheit, Ehrlichkeit mit uns selbst sprechen, kann man füglich sagen, dass dieser Gesprächspartner, an den wir uns adressieren, Gott genannt werden kann." Und damit wäre dann alles, was man so spricht, auch Gebet zu nennen.

Und so wie man in vielerlei Weise mit jemandem und auch mit sich selbst sprechen kann, gibt es auch viele Arten des Gebets. Haltet fest am Gebet, wachen Sinnes und voller Dankbarkeit! Betet zugleich auch für uns, hieß es im Predigttext: Hier klingen Dankgebet und Fürbitte an; Luther hat noch Bitte und Anbetung hinzugefügt; aber auch Lob und nicht zu vergessen Klage können Inhalt von Gebeten sein, und sehr oft wird sich all dies vermischen.

Gebete können viele Formen annehmen: vom Stoßgebet bis zu festen Gebetszeiten, Stundengebete, Gebete vor den Mahlzeiten, Gute-Nacht-Gebete; vom frei formulierten Gebet oder gar dem wortlosen, um Worte ringenden Gebet hin zu festen Formulierungen wie Psalm 23 oder dem Vaterunser. Manche beten überall, andere ziehen spezielle Orte dafür vor: Kirchen, Kapellen, einen geschmückten Altar, oder für sie "heilige" Orte, besonders eingerichtete Ecken in der Wohnung vielleicht, wo man wie Mose vorm Dornbusch die Schuhe auszieht. Manchmal braucht es eine spezielle Vorbereitung, man will sich sammeln, zur Ruhe kommen, sich würdig erweisen für das Gespräch mit Gott, sich würdig verhalten. Nimmt man eine spezielle Haltung ein? Hier in der Kirche stehen wir auf, viele falten die Hände, wie wir es meist als Kinder gelernt haben als Zeichen für die besondere Tätigkeit. Die Körperhaltung soll nicht zufällig sein, doch senken wir den Blick, zur Versenkung, zur Konzentration, oder aus Demut, knien vielleicht sogar, oder stehen wir mit freiem, leuchtendem Blick nach oben dar? Das wird eben ganz von der Umgebung abhängen und davon, welche Art von Gebet es gerade ist. Wenn es wirklich ein Gespräch des Herzens mit Gott ist, dann ist die Form ganz gleichgültig (auch wenn man manchmal versucht ist zu bemerken, dass Gott durchaus nicht schwerhörig ist).

Dass es aber bei all dieser Vielfalt doch auf etwas Weiteres ankommt, dafür steht der entscheidende Hinweis gleich zu Beginn des Predigttextes: Haltet fest am Gebet oder in etwas
eindrücklicherer Übersetzung: Seid beharrlich im Gebet! "Beharrlich" ist auch so eines der etwas ältlichen, nicht unbedingt mehr positiv besetzten Wörter, denen man im biblischen oder kirchlichen Kontext häufiger begegenet. Sicher würde man heute eher "ausdauernd" schreiben; "beharren" kommt zu häufig in Situationen vor, wo man Sturheit, Dickköpfigkeit, Schwerfälligkeit darin hört. Und dennoch hat "beharrlich" etwas, was mir gut gefallt• im Zusammenhang mit dem Gebet und was ich gar nicht gut beschreiben kann, eine Art eifrige Dauer, ein Festhalten "trotz allem".

Vielleicht liegt meine Begeisterung für das Wort aber auch daran, dass es mit meiner Beharrlichkeit im Gebet leider nicht besonders weit her ist und ich ein Ideal darin sehe, dem ich gerne näher käme. Mich hat sehr die Erzählung über einen ehemaligen Bischof beeindruckt, der sich jeden Samstag für eine Stunde zurückgezogen hat zum Gebet für andere, was auch immer an Arbeit anstand - das Gebet war wichtiger.

[Teil II: Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.]
Dass das Beten uns gut tut - sei es Klage, Dank oder Lob - ist, so hoffe ich, eine Erfahrung, die jeder schon einmal gemacht hat. Beim Bitten und bei der Fürbitte wünscht und erhofft man sich aber mehr vom Gebet, nämlich eigentlich doch, dass die Bitten erfüllt werden und die Fürbitten nützen mögen. Und, so fürchte ich, es hat wohl jeder auch schon die Erfahrung gemacht, dass dies nicht immer der Fall ist. Hierüber will ich ein bisschen nachdenken, weil mich dies eine Zeitlang sehr beschäftigt hat und eigentlich noch immer beschäftigt, auch wenn ich keine wirkliche Antwort auf die Fragen habe.

Es ist ja irgendwie klar, dass nicht alle unsere Bitten erfüllt werden können: Wir haben immer wieder Wünsche, die zueinander im Gegensatz stehen, oder Bitten, die Naturgesetzen oder den Freiheiten anderer oder gar den christlichen Maßgaben zuwiderlaufen, und haben auch viel zu wenig Überblick und Verständnis, um die Welt vernünftig am Laufen halten zu können.

Aber andererseits gibt es in der Bibel doch alle diese Versprechungen: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben, und euch wird nichts unmöglich sein. (Mt 17, 20) Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen. (Mk 21, 22) Und: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben (Joh 16, 23b).

Dies sollten ja nun keine leeren Worte sein, wenn unser Glauben mit den Evangelien ein rechtes Fundament hat. Natürlich gibt es da immer die Einschränkungen: "wenn ihr recht glaubt", "wenn ihr bittet in meinem Namen\, und auch sind die Worte zunächst einmal an die direkten Jünger Jesu gerichtet. Aber diese Aussagen doch irgendeinen wahren Kern haben müssen, daran glaube ich, auch wenn ich ihn nicht erkenne.

An zwei literarische Umsetzungen dieses Thema musste ich denken; ich will sie ihnen kurz vorstellen.

Von Lars Gustafsson gibt es eine köstliche Erzählung, "Als Gott erwachte". So, wie ein Autofahrer manchmal kurz den Blick von der Straße nimmt, um etwas zu überdenken, hat in der Erzählung Gott seine Gedanken kurz abschweifen lassen - aber für Gott ist "kurz" eben gleich ein paar Millionen Jahre lang. Als Gott wieder zurück auf die Galaxien schaut, sind da plötzlich die Menschen da und ihre Gebete zu vernehmen, und Gott erfüllt sie einfach, so wie sie eintreffen, ganz gleich, um welche Wünsche es sich handelt, völlig ohne moralische Hemmungen. Die Friedensgebete führen dazu, dass sich alle Waffen in pures Gold verwandeln, die Börsen und die Wirtschaft brechen daraufhin völlig zusammen, aber außer ein paar Politikern interessiert das schon lange niemanden mehr. Es herrschen überall größte Ausgelassenheit und Ausschweifungen. Die Kirchen reagieren besorgt und in einem Hirtenbrief der Bischofskonferenz heißt es: Niemand könne dem Allmächtigen vorschrieben, welcher Mittel er sich bedienen solle, aber ein wahrer Christ müsse doch mit seinem Gewissen ausmachen, welche Gebete mit dem Willen Gottes in Einklang stünden. Die Bischofskonferenz sehe sich genötigt, die Gläubigen zu größter Enthaltsamkeit in ihren Gebeten aufzufordern. Natürlich verhallt dieser Ruf ohne große Beachtung . . .

Die andere Version steht im "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupery. Da besucht der kleine Prinz mehrere Asteroiden mit merkwürdigen Bewohnern. Auf einem trifft er einen König, dem es leider an Untertanen mangelt, und der vielleicht deshalb eine gewisse Weisheit über den Umgang mit ihnen entwickelt hat. Er sagt: "Wenn ich einem General beföhle, wie ein Schmetterling von einer Blume zur andern zu fliegen, oder eine Tragödie zu schreiben, oder sich in einen Meeresvogel zu verwandeln, und der General würde den empfangenen Befehl nicht ausführen, wer wäre dann im Unrecht, er oder ich? - Sie, sagte der kleine Prinz mit fester Stimme - Genau. Man darf von jedem nur das verlangen, was er geben kann, antwortete der König."

Was hier humoristisch überspitzt wird, hat einen ernsten Kern. Vielleicht sollten wir froh sein, nicht die volle Verantwortung dafür zu tragen, welche unserer Wünsche sich erfüllen und welche nicht. Vielleicht sollten wir froh sein, dass wir auch das Unmögliche einfach erst einmal erbitten dürfen, ohne nachdenken zu müssen, ob es zumutbar ist. In Jesu Namen zu bitten, heißt dann vielleicht, so zu bitten, wie es Jesus getan hätte. Und wenn man daran denkt, wie Jesus gebetet hat in Gethsemane: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! (Mk 14, 36), dann mag es erträglicher werden, dass nicht alle Gebete in Erfüllung gehen. Und manche Gebete werden vielleicht trotzdem erfüllt, nur anders, als wir es uns vorstellten. Und auch hier glaube ich, dass die Beharrlichkeit viel tut. Zähneputzen und Sport helfen auch nicht, wenn man es nur in akuter Not tut.

[Teil III: Denen draußen begegnet mit Weisheit, kauft die Zeit aus! ]

Schließlich noch eine Beobachtung am Predigttext, von dem ich mich nun weit entfernt habe.
Denen draußen begegnet mit Weisheit, kauft die Zeit aus! hieß es in der Briefstelle, falls sie es noch im Ohr haben. Ich weiß nicht, ob sie vorhin beim Hören darüber gestolpert sind, wie es mir beim Lesen passiert ist: Kauft die Zeit aus? Seltsamerweise steht in fast allen Bibelübersetzungen diese Wendung, und ohne weiteren Kommentar, und auch die Predigten und Vorbereitungshilfen, die ich mir angeschaut haben, scheinen sie ganz normal zu finden. In neueren Wörterbuchern habe ich unter "auskaufen" nur die Bedeutung "leerkaufen" gefunden, die sicher nicht gemeint ist; in meinem alten Wörterbuch aus den 30er Jahren steht "ausnutzen" als Bedeutung, und so findet es sich auch in neueren Übersetzungen wie der Guten Nachricht:
"Nutzt die Zeit aus". "Carpe Diem" - "Nutze den Tag" sind denn auch manche Predigten über unseren Brief überschrieben, und rasch wird aus dem "Nutze den Tag" sogar ein "Genieße den Tag".

Ich denke aber, dass dies in eine falsche Richtung führt. Luther hat nicht eine verlorene alt-deutsche Formulierung gewählt, sondern im griechischen Original steht die gleiche merkwürdige Zusammensetzung "aus-kaufen". Ich verstehe es als ein Aus-Lösen, ein Freikaufen, ein Heraushandeln, und die Zeit ist hier sowieso nicht die gleichmäßig verfließende Zeit, sondern der rechte, der günstige Zeitpunkt. Also gerade nicht "nutzt die Zeit gut aus" oder gar "genießt sie", sondern "bewirkt durch euer Tun, dass sich die rechte Zeitspanne ergibt, löst durch euer Tun die günstige Zeit heraus". Es ist eben nicht immer für alles die rechte Zeit, und manchmal müssen
wir aktiv dafür sorgen, dass die rechte Zeit kommt. Warum sollte nicht auch das beharrliche
Gebet dazu beitragen?

Schließen will ich mit einem Text von Karl Rahner (bei zeiten S. 39):

Gewiss gibt es Gebete in vielleicht kurzen und seltenen Augenblicken, in denen
der Engel Gottes das Herz berührt . . .Gewiss mögen wir diese Augenblicke höher schätzen als das Gebet des Alltags und geneigt sein, sie allein Gebet zu nennen. Aber solche Augenblicke der Begnadigung sind selten. Und was würden sie nützen, wenn sie langsam im Lauf des Lebens immer seltener, immer schwächer würden, wie die immer seltener werdenden Einfälle eines verbummelten Genies? . . . Nur wenn wir täglich beten, scha ffen wir die Voraussetzungen für die großen Stunden des Gebetes. Nur wenn wir uns mühen, auch wenn es mühsam ist, unser Herz o ffen, unsern Geist wach, unsere Aufmerksamkeit und Bereitschaft gespannt zu halten, nur dann werden die großen Gnadenstunden des Lebens ncht verpasst, die Stunden, in denen Gott uns plötzlich neu begegnet.

Darum: Haltet fest am Gebet, wachen Sinnes und voller Dankbarkeit!
Amen.