Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lied Nr. 95 EG "Seht hin, er ist allein im Garten"

Bärbel Karoline Bürner

01.04.2007

Gemeinde auffordern, das Lied aufzuschlagen

sitzend
Jesus in Gethsemane: Von dieser Szene gibt es viele Darstellungen: Altarbilder, auch lebensgroße Bildhauerwerke an der Außenseite von Kirchen - die schlafenden Jünger, der betende Jesus: allein, konzentriert, Angstschweiß im Gesicht. Spüren wir hin, an diese Szene.
Seht hin, er ist allein im Garten.
Er fürchtet sich in dieser Nacht,
weil Qual und Sterben auf ihn warten
und keiner seiner Freunde wacht. ---
Allein sein - inmitten von Menschen. ---
Allein sein - verlassen von einem Menschen, mit dem man eigentlich alt werden wollte, der zum eigenen Leben gehört hat. ---
Allein sein - weil niemand versteht, was man meint, was man - eigentlich - will, was einem wichtig ist.---
Seht hin - auf den Nachbarn, auf den Arbeitskollegen ---
Seht hin - auf die Klassenkameradin, auf die Frau in der Warteschlange an der Ladenkasse. ---
Seht hin - auf das Gefühl des Alleinseins im eigenen Leben: jetzt oder irgendwann in der Vergangenheit. ---

Seht hin: er, Jesus, ist allein im Garten. ---
Er, Jesus, kennt mein und dein Alleinsein. ---
Seht hin: er, Jesus, fürchtet sich. ---
Er, Jesus, hat sich auch gefürchtet - wie du und ich. ---
Seht hin: … und keiner seiner Freunde wacht. ---
Er, Jesus, hat auch gespürt, wie es ist, verlassen zu werden - verlassen zu sein. ---

STILLE

stehend-betend:
Du hast die Angst auf dich genommen, du hast erlebt, wie schwer das ist.
Wenn über uns die Ängste kommen, dann sei uns nah, Herr Jesus Christ! ---
Herr Jesus Christus, sei allen nah, die allein sind - sei nah allen, die sich verlassen fühlen.
Guter Gott, deine Nähe tröstet, deine Nähe heilt, deine Nähe ist wie eine gute Freundin, wie ein guter Freund.
Heiliger Geist, gib uns Mut und Kraft, auf die, die allein sind, auf die, die sich allein fühlen, zuzugehen, sie anzusprechen oder mit ihnen zu schweigen.
GOTT, erhöre uns - höre auf uns, wenn wir jetzt singen (Vers 1 im Wechsel Männerschola: Gemeinde)

STILLE

sitzend
Die Gefangennahme: Bewaffnete stürmen den Berg herauf, voran der Verräter, Petrus zieht das Schwert - Jesus weist ihn zurück:
Seht hin, sie haben ihn gefunden.
Sie greifen ihn. Er wehrt sich nicht.
Dann führen sie ihn fest gebunden
dorthin, wo man sein Urteil spricht.---
Verurteilt werden - vorverurteilt werden: aufgrund des Geschlechts, der Herkunft, der Hautfarbe. ---
Verurteilt werden - von übler, von böser Nachrede, von Gerüchten. ---
Verurteilt werden - sich gefangen fühlen in den Meinungen anderer - und gebunden sein in eigenen, fest gefügten Bildern und Vorstellungen. ---
Seht und hört hin, was an Halbwahrheiten unter die Leute gebracht wird.
Seht und hört hin, wo ein Kind - eine Frau - ein Mann schreit - oder verstummt, weil die Urteile anderer schmerzen: das Scheidungskind, die - angeblich - mannstolle Frau, der - angeblich - arbeitsscheue Mann. ---
Seht und hört hin, im eigenen Leben: wo sind, wo waren Kränkungen durch falsche, durch üble Nachrede - oder auch Kränkung (nur!) durch unbedachte, vorschnelle Äußerungen. ---

Seht hin: sie haben ihn, Jesus gefunden. ---
Er, Jesus, ist aufgespürt worden von denen, die es übel mit ihm meinten. ---
Seht hin: sie greifen ihn, er, Jesus, wehrt sich nicht.
Er, Jesus, hat hingespürt, wo es sinnlos ist, sich zu wehren. ---
Seht hin: wo man sein Urteil spricht. ---
ER, Jesus, hat erfahren, wie es ist, wenn viele, wenn die Masse sich verschwört.

STILLE

stehend-betend:
Du ließest dich in Banden schlagen,
dass du uns gleich und hilflos bist.
Wenn wir in unsrer Schuld verzagen,
dann mach uns frei, Herr Jesus Christ.
Herr Jesus, bitte - mach uns frei von fremden und eigenen Meinungen, die uns fesseln.
Guter Gott, du hast uns frei erschaffen; Freiheit ist dein großes Geschenk an uns. Lass uns "die Freiheit eines Christenmenschen" begreifen und lass uns versuchen, sie zu leben.
Heiliger Geist, gib uns Mut und Kraft, Verstickungen bei unseren Mitmenschen wahrzunehmen und hilf , dass wir uns einsetzen für Freiheit in dir, Freiheit mit dir in den großen und kleinen Kreisen unseres Lebens.
GOTT, erhöre uns - höre auf uns, wenn wir jetzt singen (Vers 2 im Wechsel Männerschola: Gemeinde)

STILLE

sitzend
Jesus vor dem Hohen Rat: Ein Gerichtsszenario: Schuld soll gefunden, Schuld soll festgestellt werden - ein Angeklagter, von dem wir wissen, dass er ohne Schuld ist:
Seht hin, wie sie ihn hart verklagen,
man schlägt und spuckt ihm ins Gesicht
und will von ihm nur Schlechtes sagen.
Und keiner ist, der für ihn spricht
Verletzt werden - durch Worte, durch Gewalt, mit Waffen. ---
Verletzt werden - durch Schweigen, durch Unterlassung, durch Nichtbeachtung. ---
Verletzt werden - und verletzen ---
macht Wunden, die man sieht, die man oft aber auch nicht sieht, nicht sehen will. ---
Seht hin: wo ein Kind in der Turnstunde, im Schwimmbad sich nicht ausziehen traut. ---
Seht hin: auf die Frau, die ihre Blutergüsse mit Stolpern auf der Treppe erklärt. ---
Seht hin: auf den Mann, der so stark erscheint und doch irgendwie schwach wirkt. ---

Seht hin: wie sie ihn, Jesus verklagen. ---
Er, Jesus, war auch menschlicher Härte ausgeliefert.
Seht hin: man schlägt und spuckt ihm - Jesus - ins Gesicht.
Er, Jesus, ist auch gedemütigt worden.
Seht hin: …und keiner ist der für ihn spricht ……..

STILLE

stehend-betend:
Wenn wir an andern schuldig werden
und keiner unser Freund mehr ist,
wenn alles uns verklagt auf Erden ,
dann sprich für uns, Herr Jesus Christ.
Herr Jesus Christus, sei du Fürsprecher aller deiner Geschwister auf Erden - für uns: Sünderinnen und Sünder.
Guter Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit sprichst du zu uns, sprichst du für uns - lass uns hinhören.
Heiliger Geist, gib uns Mut und Kraft unsere Stimme zu erheben gegen menschliche Härte. Lass uns die Stimme erheben, wo verletzt wird - auch, wenn keine andere, kein anderer sicht traut.
GOTT, erhöre uns - höre auf uns, wenn wir jetzt singen (Vers 3 im Wechsel Männerschola: Gemeinde)

STILLE

sitzend
Jesus vor Pilatus: Stellen wir uns diese beiden Männer vor, wie sie sich gegenüberstehen. Beide ahnen wissend, was ihnen bevorsteht - die Szene sieht äußerlich nicht so aus, aber heute wissen wir: diese beiden Männer stehen einen Schritt vor der Zeitenwende:
Seht, wie sie ihn mit Dornen krönen,
wie jeder ihn verspotten will,
wie sie ihn schlagen und verhöhnen.
und er schweigt zu allem still.
Alleinsein - verurteilt werden - Verletzungen ---
Spitzen der Dornenkrone. ---
Krone ---
eigentlich eine Zierde der Prinzessin. ---
eigentlich das Machtsymbol des Königs. ---
Für den, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist, eine Krone, die verspottet ---
die verletzt --- die verunziert, verunstaltet. ---
Spott und Hohn, --- Schläge ---
er sollte sich wehren, schreien! ---
… und er schweigt zu allem still … ---

STILLE

Seht hin: bei ihm, bei Jesus, ist es anders:
Seine Krone zeigt Ohnmacht, nicht Macht.
Seht hin: bei ihm, bei Jesus, läuft es anders:
auf den jubelnden Einzug und die Hosiannahrufe folgen Schmach, Verrat, Verurteilung.
Seht hin: er, Jesus, macht es anders:
… er schweigt und schweigt und schweigt und schweigt ……….

STILLE

stehend-betend
Du leidest Hohn und Spott und Schmerzen -
und keiner, der voll Mitleid ist:
wir haben harte, arme Herzen.
Erbarme dich, Herr Jesus Christ.
Herr Jesus Christus, wir sind angewiesen auf dein Erbarmen.
Guter Gott, dein Erbarmen durchweht die Schöpfung und hat in unserem
Bruder Jesus Namen und Gesicht.
Heiliger Geist, gibt uns Mut, Kraft und Einsicht, dass wir empfangenes Erbarmen weitergeben und barmherzig handeln mit der belebten und unbelebten Welt.
GOTT, erhöre uns - höre auf uns, wenn wir jetzt singen (Vers 4 im Wechsel Männerschola: Gemeinde)

STILLE

Amen.