Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 02,(1-14).15-20

Pfarrer Oliver Elsässer

in der Evangelische Kirchengemeinde Kirnbach - 1. Weihnachtstag 2002

Liebe Gemeinde,

Folgendes trug sich gestern in den Nachmittagsstunden hier in einem Haushalt zu: Ein Kind fand die beiden Türen zum Wohnzimmer auf einmal verschlossen.
"Warum darf ich da nicht rein?" fragt das Kind.
"Überraschung" lautet lapidar die Auskunft der Eltern.
"Ich will aber auch da rein, so wie ihr!" sagt das Kind.
"Das geht jetzt nicht. Es ist wegen dem Christkind. Heute abend ist doch Weihnachten und es wird alles vorbereitet! Laß dich überraschen. Im übrigen ist das bei allen Kindern so an Weihnachten, daß die am 24. Dezember nicht mehr ins Weihnachtszimmer dürfen. Jedenfalls bei Papa und Mama war das so, als die klein waren."
"Aber ich will auch da rein zum Christkind; jetzt!" quengelt das Kind.
"Nein, da darfst du jetzt nicht rein. Nur Papas und Mamas dürfen am Weihnachtstag ins Wohnzimmer. Kinder dürfen erst am Abend rein, sonst ist´s ja keine Überraschung mehr.
Geh in dein Zimmer und spiel so lange was!"

Nach einer Weile gibt es das erste Mal Tränchen:
"Ihr seid da drin, und ich muß in meinem Zimmer sein. Ich bin so allein!"
"Gut," sagt der Papa. "dann geh ich jetzt in die Küche. Und wenn du mitkommst, dann erzähl ich dir eine Geschichte zu Weihnachten."
"Ich will aber keine Geschichte zu Weihnachten, ich will ins Wohnzimmer!" sagt das Kind.
"Nein, das geht nicht." (Die Gründe sind bekannt.)

So geht es weiter. Die Tür zum Wohnzimmer wird jetzt bewacht.
Aber leider gibt es, wie bereits erwähnt, zwei Türen.
Und die wichtigen Dinge, Überraschungen und Geschenke werden immer gerade durch die andere Tür gebracht, und immer huscht einer durch, wenn man gerade nicht hinschaut.

Das Finale ist furios. Ja, zornig ist das Kind jetzt. Es wird heftig an die Türen geklopft und sogar getreten!
"Ich will da jetzt rein!"
"Nein. Du mußt warten. Überraschung!"
Und da sagt das Kind im höchsten Zorn:
"Gut, dann will ich halt gar nicht mitfeiern, dann bleib ich halt heut abend in meinem Zimmer, Ätschibätschi! Und Geschenke will ich auch nicht, na und, selber schuld. Dann bin ich jetzt halt traurig!"
Und noch mehr Tränen.

Und ich als Vater bin hin- und hergerissen, muß einerseits ein wenig schmunzeln über solche Drohungen, da der kleine Mann es doch seit Tagen kaum noch erwarten kann, daß endlich der Weihnachtsabend da ist und es die lang ersehnten Geschenke gibt - und nun will er sie gar nicht mehr haben! - (sagt er);
und traurig bin ich doch zugleich auch, weil mein Kind wütend und motzig ist, und dabei wollen meine Frau und ich ihm doch eine Freude machen, wollen es überraschen.

Der Heilige Geist muß zu dieser Zeit des vorweihnachtlichen Nachmittags wohl besonders intensiv durch unsere Wohnung geweht haben,
denn nicht nur gilt die Sanftmut als Frucht des Heiligen Geistes - und obwohl meine väterliche Geduld auf manch harte Probe gestellt wurde, konnte ich gestern Nachmittag Ruhe bewahren, geduldig sein mit meinem Kind -,
zudem sah ich das Geschehen plötzlich als gleichnishaft für das Himmelreich an,
und auch dazu hat mich nach meinem Dafürhalten der Heilige Geist inspiriert:

Verhält es sich doch mit dem Himmelreich wie mit einem Kinde,
das leidenschaftlich gern und um jeden Preis
in das noch verschlossene Weihnachtszimmer hineinsehen,
ja hineingehen wollte.

Und ich wünsche es meinem phantasievollen, leidenschaftlichen und doch zugleich so lieben und sanften Kind, daß es auch dann, wenn es älter geworden und der Himmel nicht mehr im Wohnzimmer zu finden, sondern in größere Fernen gerückt ist,
dass mein Kind sich auch dann noch genauso leidenschaftlich und begeistert um um seinen, ja um den Himmel mühen kann,
mit genausoviel Leidenschaft und Phantasie darum kämpft, einen Blick hineinwerfen, ja: hineingehen zu dürfen.

Und ich wünsche solche himmlische Leidenschaft nicht nur meinem Kind,
sondern auch mir, ja allen, denn nicht wahr liebe Gemeinde: für die allermeisten Erwachsenen gilt doch, dass der Zauber der Weihnacht irgendwann verloren gegangen ist,
und mit dem Weihnachtsmann ließ man auch gleich das Kind in der Krippe hinter sich.
Wo bleiben dann Phantasie und Leidenschaft für das Himmelreich?
Auf der Strecke!
Mit Grausen muß ich an die Äußerung eines Schülers denken, der zum Thema "Weihnachten feiern" ganz cool sagte: "Wenn man mir nur die Geschenke hinlegen würde, sie müßten nicht einmal eingepackt sein - auf alles andere könnte ich an Weihnachten gern verzichten!"
Das sind dann später als Erwachsene diejenigen, die sagen:
"Ich hab´doch alles, ich brauche nichts geschenkt..."

"Ach, ihr armen Reichen!", sagt Jesus zu solchen Menschen.
Worauf wollt ihr noch hoffen, wenn ihr jetzt schon alles habt?
"Wenn ihr euch nicht ändert und werdet wie die Kinder, dann werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen."
Wer nicht leidenschaftlich an die Türen des Himmelreiches pochen,
wer nicht darum weinen, kämpfen und zornig sein kann,
wenigstens einen Blick in das Reich Gottes werfen zu dürfen,
für den wird der Himmel niemals offen stehen wie für die Hirten auf dem Feld,
ja, für den wird es wohl fraglich sein, ob denn überhaupt ein heller Himmel hinter dem Dunkel dieser Welt leuchten kann...

Was bleibt solchen geistlosen, unkindlichen, hoffnungslos aufgeklärten Erwachsenen dann noch anderes übrig, als die Weihnachtsgeschichte als solche in Frage zu stellen?
Ist es überhaupt ein geschichtliches Ereignis, was da berichtet wird?
Ist es Weltgeschichte?
Ist die Weihnachtsgeschichte nicht bloß eine Geschichte für Kinder,
das "Märchen von der Heiligen Nacht",
von Art und Charakter gleich den Märchen aus "Tausendundeiner Nacht",
ein Stück Weltliteratur also, aber nie und nimmer das größte Ereignis der Weltgeschichte!?

Dass der Himmel offen stand und die Himmlischen Heerscharen das "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden" sangen,
das titulieren hoffnungslos aufgeklärte, "erwachsene Erwachsene" einen religionsgeschichtlichen Mythos,
meinen, damit sei alles gesagt .
"Engel mit Flügeln - das gibt es nicht!", sagen die "erwachsenen Erwachsenen".
Aber wenn dann das Händelsche "Ehre sei Gott" auf CD verklungen ist,
der Stecker gezogen und die Blinklichter am Weihnachtsbaum verloschen sind,
dann sitzen wir ach so aufgeklärten Geister allein da
im Dunkeln unserer Lebensgeschichte, in der Trostlosigkeit des Weltendunkels.
Ja, was hat ein Mensch noch zu hoffen, der sich doch nur an das sichtbar Gegebene klammert?

Wenn wir uns nicht ändern und werden wie die Kinder,
dann werden wir niemals den Himmel offen sehen, dann werden wir für immer und ewig im Dunkeln tappen.
Dann sind wir wie Leute, die keine Hoffnung haben , so ist uns gesagt.

Wie aber können wir Erwachsenen wieder wie ein Kind werden?
Indem wir die Weihnachtsgeschichte so hören, wie unsere Kinder sie hören und gelten lassen, nämlich unmittelbar.
Unsere Kinder haben ja keine Schwierigkeiten damit zu glauben, dass bei der Geburt des Jesuskindes der Himmel wirklich offenstand; unmittelbar verstehen sie es, dass der Engel des Herrn den Hirten erschien, und aus vollem Herzen "Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all!" singend können sie sich eilend auf den Weg zum Stall machen.

Ja, solche unmittelbar hörenden, solch kindliche Erwachsene laßt uns werden,
laßt uns solche Leute sein, die sich die Weihnachtsbotschaft sagen,
das Licht der Weihnachtsgeschichte leuchten lassen!

Und doch wollen wir das Licht unserer Vernunft und Klugheit nicht unter den Scheffel stellen, denn das wäre kindisch.
Aber erleuchten wollen wir uns lassen von dem Licht, das in der Weihnachtsgeschichte selbst schon leuchtet, wahrhaft aufklären wollen wir uns lassen, füllen von der Klarheit, die Gott der Heilige Geist schenkt.
Sehen wir also:

Zunächst nehmen wir wahr, dass der Evangelist Lukas uns zweifelsohne ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung erzählen will:
Wer Rang und Namen hatte in jenem Teil der damaligen Welt zur damaligen Zeit wird von Lukas aufgezählt, um einen würdigen äußeren Rahmen abzugeben für die Geburtsgeschichte Jesu in Bethlehem,
ja, der römische Kaiser selbst steht mit seinem Namen dafür ein, dass die Geschichte im Stalle zu Bethlehem wirklich geschehen ist: "Es begab sich zu der Zeit, daß ein Gebot ausging von dem Kaiser Augustus, daß alle Welt geschätzet würde..."
Die Geburt Jesu ist Teil unserer Weltgeschichte.
Wir brauchen das nicht in Zweifel zu ziehen!

Ja, gewiß wurde das Kind Jesus geboren, doch, so lautet der weitere Einwand,
die Geburt eines göttlichen Kindes zur Errettung der Welt, die Engel, der offene Himmel, das alles sind doch mythische Motive, religionsgeschichtlich bekannt und geläufig.

Schön. Und?
Nennt es doch meinetwegen einen Mythos!
Aber die entscheidende Frage ist doch, was ein Mythos eigentlich ist, was sein Sinn ist.
Halten wir fest: Ein Mythos ist eine Geschichte, die eine Wahrheit erzählt, die wir nicht sehen, nicht messen, nicht mit unseren fünf Sinnen fassen können.
Ein Mythos erzählt eine Geschichte, deren Wahrheit transzendent ist, größer als unsere Wirklichkeit.
Und dennoch, ja gerade deshalb weil sie eine transzendente Wahrheit erzählt, eine Wahrheit, die "höher ist als unsere Vernunft" , deshalb ist es eine wirklich wahre Geschichte,
eine Geschichte, die das Leben in den Horizont der Wahrheit stellt:
Klarheit herrscht da, Klarheit des Gottes, der die Quelle des Lebens und das Licht ist.

Ach, was ist das für eine eine Klarheit, wenn Menschen, die eben noch im Dunkeln tappten, plötzlich ihrer selbst ansichtig werden, klar sehen über sich und diese Welt:
Die Nacht über unserer Welt ist nicht ewig.
Wir Menschen sind nicht allein gelassen mit unserem Schicksal.
Der Himmel steht uns offen, Gott ist uns nahe.
Das ist Evangelium, gute Nachricht, die einen neuen Lebensmut schöpfen läßt!

Denn hätte Lukas uns nur erzählen wollen, dass ein Kind namens Jesus von der obdachlosen Mutter Maria geboren und mangels besserer Herberge in einer Futterkrippe gewiegt wurde -die Botschaft wäre das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben wurde!
Wen interessiert schon das namenlose Elend dieser Welt?
Die Mächtigen, die Reichen,
ja uns
nicht.

Aber
Gott interessiert es, erzählt die Weihnachtsgeschichte.
Gott, der wahre Schöpfer,
Gott, die Quelle des Lebens,
Gott, der letzte und tiefste Sinn in und über unserem Leben,
der unvergleichliche und herrliche Gott
kommt dahin, wo die Lüge, der Tod, die Sinnlosigkeit herrschen.
Als ein scheinbar hoffnungsloser Fall kam Gott in unsere Welt,
damit alle, die nichts mehr zu hoffen wagen,
Hoffnung zum Leben bekommen.

Das, liebe Gemeinde, erzählt uns die Weihnachtsgeschichte in Wahrheit.
Das macht das Ereignis der Geburt Jesu in Wahrheit zum größten Ereignis der Weltgeschichte.
Die Aussage ist uns unbegreiflich; sie geht über unsere Vernunft.
Es ist deshalb ja auch nicht verkehrt, die Wahrheit der Weihnachtsgeschichte mythisch zu nennen, denn "Mythos" wollten wir eine Geschichte nennen, die wir mit den Mitteln unserer Logik und Vernunft nicht erfassen können.
Verkehrt aber wäre es, wenn wir sagen wollten:
Ein Mythos ist eine wahre Geschichte, aber keine wirkliche Geschichte.
Der Mythos vom Weltenretter, der als Kind geboren wird, hat sich in Wirklichkeit nie ereignet.

Doch, sagen wir und bekennen das als apostolische Wahrheit :
Der Mythos ist eingegangen in die menschliche Wirklichkeit,
die ewige Wahrheit ist geschichtliches, kontingentes Ereignis geworden.
Das eigentlich Unsagbare - es ist mitten unter uns geschehen,
das eigentlich Unsichtbare - wir haben es gesehen.
das doch Unfaßbare - wir haben es mit unseren Händen berühren können.
Und das Unerhörte - wir haben es gehört, ja vermelden seine Botschaft.
So sagen die Apostel.
Christ ist geboren!
Gott ward Mensch!

Ja, wer das erkennen kann und darf!
Um den und in dem leuchtet dann die Klarheit des Herrn ,
ebenso wie sie die Hirten umleuchtete.

Aber die Geschichte läßt uns nicht am Ende drei Fuß über dem Boden schwebend hängen.
Auf das Handfeste und durch und durch Irdische verweist uns schon der Engel:
"Euch ist heute der Heiland geboren...", sagt er. "Und das habt zum Zeichen. Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen."

Windeln, liebe Gemeinde, sind etwas sehr Reales, Diesseitiges, Irdisches, das kann man sehen und riechen.
Und eine Krippe als Bett für ein Neugeborenes war auch zur damaligen Zeit kein Luxusartikel.
Armselig mag man das Zeichen nennen, das die Hirten finden:
Ein Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Armselig ist das, was vor Augen ist, in der Tat.
Im Stall zu Bethlehem war nichts vom Gesang der Engel zu hören.
Aber gerade das Kind in der Krippe ließ die Hirten froh werden. Wußten sie doch:
Armselig macht sich Gott, damit die Armen selig werden!

Oh, mögen wir sagen, die Hirten hatte immerhin die Klarheit Gottes umleuchtet!
Solch evidentes Erkennen wird uns selten zuteil. Wir müssen uns oft genug mit dem Zeichenhaften zufriedengeben, die Sache selbst bleibt uns verborgen.

Doch denken wir nicht zu gering von dem Zeichenhaften!
Darin reicht das Himmelreich jetzt schon in unserer Wirklichkeit hinein.
Im Zeichenhaften haben wir jetzt schon einen Vorgeschmack auf das, was im Himmelreich sein wird. Und das mag durchaus ein Trost für uns sein, wenn wir im Glauben auf das Kommende angefochten und irre geworden sind.
Für meinen kleinen Sohn jedenfalls war es ein kleiner Trost, gestern in der Küche, als er einen Vorgeschmack auf das Kommende bekam:
"Siehst du, das gibts heute abend da drin im Weihnachtszimmer, versuch doch schon mal." Hier ein Häppchen und da ein Versucherchen vom gleichsam himmlischen Abendmahl half meinem Kind, die Zeit des Wartens zu überbrücken und die Vorfreude noch zu steigern.

Und doch will das Kind irgendwann einmal selbst und mit eigenen Augen sehen,
worauf es so sehnsüchtig wartet.
Und auch wir, die wir im Glauben leben und noch nicht im Schauen, wollen manchmal für unser Leben gern sehen, was wir glauben.
Und bisweilen, liebe Gemeinde, läßt Gott uns Menschen jetzt schon den Himmel sehen,
gleichnishaft zwar verborgen in die Dinge unserer irdischen Wirklichkeit,
aber wir sehen doch wirklich und wahrhaftig den Himmel auf Erden.

Und es geschah so:
Als zum Schluß die Tür zum Weihnachtszimmer aufging und unser Kind hineingehen durfte in den Glanz und den Kerzenschein und den Duft und die festlichen Klänge,
und teilhaben durfte an Essen und Trinken und Liedersingen und Geschenke erhalten,
und als dann - endlich! - Freude und Friede einkehrten,
da war für mich auch Freude und Friede im Heiligen Geist ,
und für einen Augenblick reichte auch für mich ein Stück Himmel in unser Wohnzimmer hinein.

Denn als mein Joshua beim Eintreten ins Weihnachtszimmer aus tiefstem, staunendem Kinderherzen "Oh!" sagte,
da sah ich gleichnishaft, wie es einmal sein wird, wenn Gott uns die Tür zu den Himmeln hinter unserer dunklen Wirklichkeit aufschließt:

Dann wird das Himmelreich gleich sein den staunenden Kindern, die hineingehen in das himmlische Weihnachtszimmer, und Gott der Herr selbst öffnet die Tür und spricht:
"Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist! Kommt, denn alles ist bereit!"
Und wir werden hineingehen zum Freudenfest unseres Gottes.

Amen.