Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 10,25-37

Domvikar Dr. Hans Bauernfeind

11.07.2004 Katholische Morgenfeier übertragen in Bayern 1

Der barmherzige Samariter und wir

Muss ich einem Bettler Almosen geben, wenn er mich darum bittet? - Ich kann mich erinnern, dass ich einmal in die Fußgängerzone von Passau gegangen bin, um mir Zucker zu kaufen. Auf dem Heimweg ging ich an dem Ort vorbei, an dem häufig ein Bettler mit wüstem Bart, rührseligem Blick und einer fordernden Stimme saß. Er rief stets: „Ein bisschen Kleingeld bitte.“ Ich wusste schon von weitem, dass er mich das fragen würde. Eigentlich wollte ich vorübergehen. Aber ich konnte nicht. Meine Füße blieben vor ihm am Boden kleben. Schon griff ich nach dem Geldbeutel. Aber da waren nur noch ein paar Cent. Und ehrlich gesagt, hätte ich mich geschämt, ihm diese zu geben. In meiner Not sagte ich zu ihm: „Ich hab nur dieses Packerl Würfelzucker.“ - Er antwortete: „Das nehm ich auch.“ Schon wandte er sich an einen anderen Passanten mit seinem üblichen Spruch. Und ich ging ohne Zucker nach Hause. - Muss ich einem Bettler Almosen geben, wenn er mich darum bittet? - Ich weiß darauf keine endgültige Antwort - nicht zuletzt bei der steigenden Zahl von Bettlern. Aber es gibt Situationen, da kann ich einfach nicht vorübergehen. Wie würden sie handeln?

Zur Zeit Jesu wurde der menschliche Umgang mit Armen, mit Bettlern und mit dem Nächsten als Chance gesehen, das ewige Leben zu gewinnen.
Und so steht auch im heutigen Evangelium die Frage nach dem ewigen Leben ganz am Anfang. Es heißt dort:
In jener Zeit
wollte ein Gesetzeslehrer Jesus auf die Probe stellen.
Er fragte ihn:
Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz?
Was liest du dort?
Er antwortete:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen und ganzer Seele,
mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken,
und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.
Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet.
Handle danach,
und du wirst leben.
Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen
und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
Darauf antwortete ihm Jesus:
Ein Mann ging von Jerusalem nach Jéricho hinab
und wurde von Räubern überfallen.
Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder;
dann gingen sie weg
und ließen ihn halbtot liegen.

Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab;
er sah ihn und ging weiter.

Auch ein Levit kam zu der Stelle;
er sah ihn und ging weiter.

Dann kam ein Mann aus Samárien, der auf der Reise war.
Als er ihn sah, hatte er Mitleid,
ging zu ihm hin,
goss Öl und Wein auf seine Wunden
und verband sie.
Dann hob er ihn auf sein Reittier,
brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.
Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor,
gab sie dem Wirt
und sagte: Sorge für ihn,
und wenn du mehr für ihn brauchst,
werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Was meinst du:
Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen,
der von den Räubern überfallen wurde?
Der Gesetzeslehrer antwortete:
Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.
Da sagte Jesus zu ihm:
Dann geh und handle genauso!

Musik:
Stück 16: Vamping, aus: Wolfgang Muthspiel, Bearing Fruit (LC 12260), 00.00-00.53

Es gibt vielerlei Arten von Fragen, z. B. die Alltäglichen: „Wie geht es ihnen?“ - oder „Hat ihnen das Essen geschmeckt?“. Es gibt die Fragen, die ein Informationsbedürfnis stillen, z. B.: „Wie komme ich am schnellsten zum Bahnhof?“ - oder „Wie lange hat das Museum noch offen?“ Es gibt die besorgten Fragen: „Herr Doktor, wie schaut mein Befund aus?“ - oder „Habe ich die Prüfung bestanden?“. Arrogant wirken Fragen wie: „Was will er denn von mir?“ - oder „“Was will mir die schon sagen?“. Oft genug hören wir von Fragen, die mit einer Unterstellung verbunden sind und am Schluss das Fragezeichen mit dem Ausrufezeichen ersetzen, z. B.: „Deutschland vor dem Ruin“ - Fragezeichen oder doch Ausrufezeichen? - oder „Hat sich diese oder jene Persönlichkeit bestechen lassen“ - Fragezeichen oder vielleicht doch lieber Ausrufezeichen? Wenn es um die Kirche geht, sind die Fragen auch nicht immer eindeutig und ehrlich gemeint, sondern oft mehrdeutig und beschuldigend: „Wie viel Geld hat die Kirche?“ - oder „Ist die Kirche altmodisch?“ Oft steht bei solchen Fragen nicht das Informationsbedürfnis im Vordergrund, als vielmehr der Wille, Stimmung gegen die Kirche zu machen. Unterstellungen werden ausgesprochen und mit dem Fragezeichen abgesichert.
Diese Art von Fragen finden wir auch im Neuen Testament wieder. „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ fragt ein Gesetzeslehrer Jesus. Er stellt diese Frage nicht, um eine gute Antwort zu erhalten, sondern um Jesus auf die Probe zu stellen, besser gesagt, um ihn zu linken. Jesus durchschaut diese Art von Frage und er lässt sie den Lehrer selbst beantworten. Er fragt ihn nun seinerseits: „Was steht denn im Gesetz, was liest du denn dort?“ Und dieser antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken“ und „deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“.
So verwandelt Jesus die ursprünglich doppelbödig gemeinte Frage zu einer, die alle Menschen im Tiefsten angeht und damit auch den Gesetzeslehrer.
Die Frage an uns lautet: „Was müssen wir tun, damit wir das ewige Leben gewinnen?“ Haben sie für sich schon bedacht, dass es ein ewiges Leben gibt und dass dieses ewige Leben mit einem Gericht verbunden ist, mit einer Beurteilung, wie ich gelebt habe?
Im Alltag kommt dieser Gedanke zu kurz.
Jesus lässt den Gesetzeslehrer die Antwort geben, die uns allen gilt. Sie liegt in einem einzigen Wort konzentriert: „Liebe“. Dieses so oft genannte und bis zur Unkenntlichkeit zersprochene und entstellte Wort ist das Passwort, das zum ewigen Leben führt; ist jenes Wort, nachdem wir beurteilt werden; ist jene Lebensweise, die im Gericht gewürdigt wird.
„Lieben“. Welche Bedeutung geben sie diesem Wort? Wie würden sie es übersetzen? Die Bibel versteht es im Blick auf Gott so, nicht für sich allein zu leben, sondern im Herzen mit Gott verbunden. Sie sagt: „Lebe jeden Tag so, dass dir bewusst ist, du kommst von Gott, du lebst aus ihm und du wirst in ihn wieder eingehen. Bedenke, dass dein Leben ein Geschenk ist und vertraue darauf, dass du aus Gottes Händen nicht herausfallen wirst.“ Im Lukas-Evangelium heißt es ganz schlicht: „Den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, lieben.“

Dann ist die Rede davon, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Zur Zeit Jesu ist mit dem Nächsten der Nachbar gemeint, der Freund, aber auch der Fremde, der im Land lebt. Grundsätzlich geht es immer um den, der in deiner Nähe weilt. Im Zeitalter leerer Kassen hat dieses Wort vom Nächsten eine elementare Bedeutung. Dennoch ist es beinahe selbstverständlich geworden, dass die Sorge um den Nächsten auf Institutionen abgeschoben worden ist. Dann muss es das Sozialamt richten oder die Caritas soll sich darum kümmern oder die Ausländerbehörde soll es regeln. Gott sei Dank gibt es viele Frauen und Männer, die sich um ihren Nächsten noch persönlich kümmern. Ich denke an die Menschen, die bei sich zu Hause Alte pflegen, die in ihrer politischen oder kirchlichen Gemeinde die Augen offen halten, Nachbarschaftshilfe leisten oder mit den Menschen in Asylheimen in Kontakt sind. Ich denke aber auch an diejenigen, die Kultur und Brauchtum an kommende Generationen weitergeben, denen es ein Herzensanliegen ist, dass Kinder und junge Leute mit dem Glauben vertraut werden und etwas von der wertvollen Erfahrung vermitteln, Gott und den Nächsten zu lieben.

Im Evangeliumstext heißt es, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst. Wir alle kennen den berühmten Spruch: „Wer sich selbst nicht mag, wie kann er anderen Gutes tun!“ Da steckt ein großes Stück Wahrheit drinnen. Menschen, die mit sich unzufrieden sind, strahlen eine Aura aus, die sie bei anderen unsympathisch ankommen lässt. Wer sich selber nicht leiden kann, vermag er oder sie dann wirklich andere zu „leiden“, kann er oder sie mit anderen „mitleiden“, sich in sie hineinfühlen?
Was sich so negativ anhört, kann auch positiv benannt werden: Wer über den eigenen Schatten springt, findet auch zum Nächsten. Wer sich in Gott geborgen weiß, empfindet dies ebenso für den Nächsten. Wer spürt, wie wertvoll das eigene Leben ist, fühlt es genauso für den Nächsten. Diese Gedanken belegen, wie wichtig es ist, sich selber anzunehmen, sich als Geschenk Gottes zu sehen und ernst zu nehmen. Dennoch darf die Nächstenliebe nicht vom Grad der Selbstliebe abhängen. Vielmehr wird im Evangelium nach Lukas davon gesprochen, wie dringlich die Nächstenliebe ist - genauso dringlich wie die Selbstliebe.

Es ist schon faszinierend, wie Jesus aus der Fangfrage des Gesetzeslehrers eine existentielle Frage gemacht hat. Sie trifft uns bis ins Mark. Wer sich nämlich ernsthaft fragt, wie das eigene Leben ewig sein könne, wird vor Gott, vor dem Nächsten und vor sich selbst zur Liebe finden.

Musik:
Stück 5: Morgenlicht, aus: Christof Frankhauser, Goldflügel, (LC 6190), 00.00-01.15

Rein theoretisch ist das Wort von der Liebe sehr leicht ausgesprochen. Wenn es dann um das wirkliche Leben geht, sieht die Sache schon ganz anders aus. Sie haben wahrscheinlich alle von Untersuchungen gehört, bei denen man testen wollte, wie Menschen auf herausfordernde Situationen reagieren. Beispielsweise hat man in einer Fußgängerzone einen gestellten Raubüberfall inszeniert. Drei Männer überfallen eine Frau und rauben ihr die Handtasche. Das geschieht vor aller Augen, bei hellem Tageslicht. Die Frau schreit um Hilfe und die Passanten ... - gehen vorbei, schleichen sich um den Tatort herum.
Ein anderes Beispiel: Ein gestellter Autounfall. Ein Auto steht am Straßenrand. Im Wagen sichtbar über das Lenkrad gebeugt, sitzt der Autofahrer. Er wirkt leblos. Viele Autofahrer sehen die Szenerie und sehr viele fahren vorbei. Warum ist das so? Auf ihr Verhalten hin befragt, antworten die einen, dass ihre Erwartung war, jemand anders werde helfen. Wieder andere sprachen davon, wie unangenehm ihnen diese Situation vorkam, ja, dass sogar Angst in ihnen hochstieg und sie deshalb nicht reagierten. Bei den wenigsten war es also Bosheit oder Gleichgültigkeit, die sie antrieb, keine Hilfe zu leisten. Bei den meisten war es Hilflosigkeit und Unvermögen. Die Herausforderung der Liebe war eigentlich allen klar, aber es war in diesen Situationen so schwer, sie mit Leben zu erfüllen.
Ich werde mich hüten, diesen Menschen einen Vorwurf zu machen. Wie würden sie oder wie würde ich in so einer Situation reagieren? Welchen Weg gibt es aber dann, dass sich meine Liebe dem Leben stellt, dass wir wirklich lieben können, wo es notwendig ist?
Hier wirkt die Geschichte Jesu wie eine Befreiung. Sie ist die Antwort auf die Frage: „Wer ist denn mein Nächster und was kann ich ihm wirklich an Liebe geben?“
Mit seiner Erzählung vom barmherzigen Samariter öffnet uns Jesus die Augen, hält den Spiegel vor und lässt uns verblüfft antworten: „Ja, so ist es! Ja, so sollte es sein!“
Auch hier kommen die Leute vor, die eine schwerwiegende Situation einfach ignorieren. Ein Priester und ein Levit sehen den von Räubern schwer verwundeten Mann am Boden liegen und sie eilen an ihm vorbei, obwohl sie gerade vorher noch im Tempel zu Jerusalem ihren Opferdienst für Gott vollzogen haben. Sie haben ihm dort die Ehre erwiesen. Und jetzt gehen sie am niedergeschlagenen Menschen vorbei. Jesus sagt nicht, aus welchen Motiven sie das tun. Indem er es verschweigt, fordert er uns geradezu heraus, zu überlegen, warum wir vorbeigehen würden. Wäre es bei uns überfordernde Angst gewesen, hätte es zu viele Umstände gemacht oder hätten wir vielleicht Hilfe geholt?
Zweimal gibt uns Jesus die Gelegenheit darüber nachzudenken, anhand des Priesters und anhand des Leviten. Zweimal fordert er uns zur Antwort heraus.
Und dann verblüfft Jesus seine Zuhörerschaft und uns mit dem Samariter. Der Mann, der aus Samárien stammt, dem nördlichen Teil Israels, dieser Mann hilft. Der wendet sich dem Überfallenen zu, von dem die Zeitgenossen Jesu sagen: „Das sind doch keine richtigen Juden, die haben sich mit heidnischen Völkern eingelassen, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Mit denen will Gott nichts zu tun haben.“ Eben deshalb, weil seine Zuhörerinnen und Zuhörer so denken, überrascht er sie mit dem Mann aus Samárien. Er sagt: „Ihr, die ihr euch für die wahren und guten Menschen haltet, ihr wäret doch auch an dem Verletzten in den allermeisten Fällen vorbeigegangen, nicht wahr? Aber schaut euch den Samariter an, den ihr verachtet. Er bleibt stehen und er hat Mitleid mit dem Menschen, der hier liegt. Er achtet nicht auf die Feindschaft, die zwischen eurem Volksstamm und dem seinen herrscht. Für ihn zählt der Mensch. Und er handelt aus Erbarmen. Er achtet nicht auf die Gefahr, die ihm selber droht, weil er sich in eurem Land aufhält. Vielmehr beugt er sich hinab, gießt Öl und Wein auf seine Wunden und verbindet sie. Dann hebt er ihn auf sein Reittier hinauf und bringt ihn zu einer Herberge. Seinen Besitz setzt er ein, weil er sich um diesen Menschen von Herzen sorgt. Und dem Wirt gibt er sogar noch Geld und verspricht ihm noch mehr, falls es nötig ist. Dem Mann soll es an nichts fehlen.“
Mit dieser Geschichte erschüttert Jesus die Menschen bis ins Innerste hinein. Wenn der Samariter schon hilft, dann müssen wir es doch erst recht tun. Hätten wir es wirklich so getan?
Jesu Geschichte vom barmherzigen Samariter ist ein Meisterstück. Sie stimmt nachdenklich, egal ob sie die Menschen seinerzeit gehört haben oder ob wir sie heute hören.
In ihr führt Jesus darüber hinaus eine Perspektivenwende im Umgang mit Menschen ein. Es ist eine Wende, die uns immer zum Menschen hinführt. Während der Gesetzeslehrer noch ganz von seiner Warte her fragt, wer denn sein Nächster sei, dem die Liebe gelten solle, kehrt Jesus die Blickrichtung um. Er betrachtet die Situation aus der Sicht des Hilfsbedürftigen. Und aus dieser Perspektive geht es gar nicht mehr anders, als dass ich mit dem Menschen mitleide und von meinem inneren Empfinden her barmherzig bin. Diese Einsicht wirkt um so schärfer, je klarer mir wird, dass der Hilfsbedürftige ich selber sein kann. Auch ich will nicht, dass mir die Liebe verweigert wird. So wirkt Jesu Erzählung vom barmherzigen Samariter tatsächlich wie eine Befreiung. Sie kehrt unser Herz um und wir entdecken die Liebe, die sich im Alltag barmherzig bewährt. Diese Liebe atmet Ewigkeit.

Musik:
Stück 1: Bells, aus: Wolfgang Muthspiel, Bearing Fruit (LC 12260), 00.00-01.09

Die Erzählung vom barmherzigen Samariter zählt gewiss zu den bekanntesten aus dem neuen Testament. Im Laufe der Kirchengeschichte hat sie tief auf das Selbstverständnis der Christen und Christinnen gewirkt. Im Samariter haben viele das Bild Jesu erkannt und wer wie Jesus sein wollte, also Christ und Christin, sollte wie der Samariter handeln. Dessen selbstvergessene Liebe zum Nächsten schuf eine Kultur der Nächstenliebe, wie sie unauslöschlich in die Geschichte der Menschen eingeschrieben ist. Im Dienst des Diakons der frühen Kirche, in den vielen Hospitälern des Mittelalters bis hin zum modern organisierten Dienst der Caritas hat diese Nächstenliebe Gestalt angenommen. Und diese organisierte Nächstenliebe lebt nicht aus sich selbst, sondern von Menschen, die ihr Atem einhauchen. Im Laufe der Jahrhunderte hatten christliche Frauen und Männer von diesem persönlichen Engagement ganz konkrete Vorstellungen. So wenn von den sieben leiblichen und den sieben geistigen Werken der Barmherzigkeit die Rede ist. Zu den sieben leiblichen Werken zählten sie: Hungrige zu speisen, Durstigen zu trinken zu geben, Fremde aufzunehmen, Nackte zu bekleiden, die Kranken zu besuchen, ungerecht Gefangene zu befreien und überhaupt Gefangene nicht allein zu lassen und schließlich Tote zu bestatten. So wurden in der frühen Kirche am Morgen von der christlichen Gemeinschaft Diakone an den Strand entsendet, damit sie dort nach Schiffbrüchigen Ausschau hielten. Wenn jemand noch lebte, dann sollte er sich um ihn kümmern. War die gestrandete Person jedoch schon tot, hatte er den Auftrag, diese würdig zu beerdigen. Zu den geistigen Werken der Barmherzigkeit zählte man: Unwissende zu lehren, Zweifelnden einen guten Rat zu geben, Trauernde zu trösten, sogar Irrende zurecht zu weisen, Unrecht zu ertragen, Beleidigungen zu verzeihen und für Lebende und Tote zu beten.
Unrecht zu ertragen und Beleidigungen zu verzeihen, das kommt uns heute vielleicht seltsam vor. Und gewiss geht es nicht darum, Unrecht und Beleidigungen einfach hinzunehmen. Vielmehr ist hier von der Fähigkeit die Rede, den Weg zum Frieden und zur Versöhnung niemals aus den Augen zu verlieren.
Ein Beispiel für diese leibliche und geistige Barmherzigkeit hat mir vor wenigen Wochen eine engagierte Frau gegeben, die sich um regelmäßige Hilfstransporte nach Rumänien kümmert. Sie zeigte mir Bilder von dort lebenden Menschen. Ich betrachtete mir die alten Frauen und Männer mit ihren vielen Falten im Gesicht, dem müden Lächeln und den tiefliegenden Augen. Ich fiel aus allen Wolken, als mir die Frau sagte, dass diese Menschen zwar uralt aussähen, aber eigentlich erst um die 50 seien. Solche Bilder, betonte sie, müsse man gesehen haben, um immer wieder neu die Energie zu finden, sich aufzumachen, erneut Hilfsmittel zu sammeln und sie dort vor Ort bei den Menschen anzubringen. Weniger wohlmeinende Menschen haben diesen nicht versiegenden Dienst als aktionistisch bezeichnet und den handelnden Frauen und Männern ein Helfersyndrom unterstellt.
Solche Aussagen sind bösartig. Es kann schon sein, dass engagierte Nächstenliebe manchmal aufdringlich wirkt, vor allem, wenn man um Hilfsmittel bittet. Aber eigentlich steht dahinter jene dreifache Liebe, zu sich selbst, zum Nächsten und zu Gott.
Zu sich selbst, weil ein Mensch so bei sich ist, dass er die Not des anderen an sich selber spüren kann.
Zum Nächsten, weil jemand nicht nur von sich ausgeht, sondern auch von der Sicht des anderen Menschen her denken und fühlen gelernt hat.
Schließlich Liebe zu Gott - weil sich die Helfenden in ihrem Tun ganz eins mit Gott empfinden. Sie spüren, dass das, was sie tun, im Sinne Gottes ist und ewig von ihm als selig gewürdigt wird. So würde Jesus auf die Frage nach dem ewigen Leben heute antworten: „Mach´s wie die Frau und die vielen Helfer und Helferinnen, die sich selbstlos für die Menschen in Rumänien einsetzen.

Am Ende dieser katholischen Morgenfeier lade ich sei ein, mit mir zu beten: Gott, du bist die Liebe. So sehr hast du die Welt geliebt, dass du deinen Sohn für sie hingegeben hast. In ihm liebst du mich und nimmst mich an. Du willst, dass ich dich liebe, dich und den Nächsten und alles, was du geschaffen hast. Sende mir deinen Heiligen Geist und hilf mir, aus dieser Liebe zu leben. (Gotteslob 4,4)

So segne sie, die sie heute zugehört haben, und alle ihre Angehörigen der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.