Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 10,25-37

Dr. Rainer Fischer

12.03.2006 in der Gnadenkirche Bergisch Gladbach

Anlässlich der Einführung als Krankenhaus- und Altenheimseelsorger am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach

Anlässlich der Einführung als Krankenhaus- und Altenheimseelsorger am Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach

Diakonie zwischen Machbarkeit und Menschenwürde

Lukas 10,25-37: Lesung mit verteilten Rollen (S = Schriftgelehrter / J = Jesus)
S:   Jesus, Du kennst Dich mit dem Glauben aus.
      Was muss ich tun, um Anteil zu haben am ewigen Leben?
J:   Was steht in den Weisungen der Schrift?
      Was liest Du dort?
S:   Es heißt dort:
     Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
     von ganzem Herzen, von ganzer Seele,
     mit allen Kräften und mit ganzem Verstand.
     Und deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.
J:   Das hast Du ganz richtig gesagt.
     Tu das, so wirst Du leben!
S:   Aber - wer ist denn mein Nächster?
J:   Da war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho
     und fiel unter die Räuber;
     die zogen ihn aus und schlugen ihn und ließen ihn halbtot liegen.
     Zufällig zog ein Priester dieselbe Straße hinab;
     und als er ihn sah, ging er auf der anderen Seite vorüber.
     Kurz darauf kam ein Tempeldiener an der gleichen Stelle vorbei.
     Als er ihn sah, machte er einen großen Bogen um ihn.
     Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin;
     und als er ihn sah,
     ging es ihm zu Herzen;
     und er ging zu ihm,
     goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie,
     hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.
     Am nächsten Tag gab er dem Wirt zwei Silbergroschen und sagte:
     Pflege ihn;
     solltest du mehr ausgeben, will ich dir's bezahlen,
     wenn ich wiederkomme.
      Wer von diesen dreien, meinst du,
     ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
S:   Der die Barmherzigkeit an ihm tat.
J:   So geh hin und tu desgleichen!

Vorweg eine Frage:
Fühlen Sie sich/fühlt Ihr Euch gesund?
Einige zögern, einige runzeln die Stirn, einige nicken mit dem Kopf …
Der Kölner Arzt Rudolf Groß, pensionierter Professor für Innere Medizin, würde sagen:
Wer sich gesund fühlt, ist noch nicht oft genug untersucht worden.
„Ob jemand gesund ist, hängt davon ab, wie viele Untersuchungen man macht.
Macht man fünf Untersuchungen, sind 90 Prozent gesund,
macht man 20 Untersuchungen, noch 36 Prozent.“
Eine provozierende Aussage.
Sie macht den Unterschied deutlich
zwischen dem subjektiven Empfinden, wie gesund man sich fühlt,
und der objektiveren Datenerhebung einer ärztlichen Untersuchung.

Wenn zwischen beiden eine Lücke klafft, fangen die Probleme an
für das diakonische Handeln, also das Helfen aus christlicher Nächstenliebe:
Was ist, wenn jemand ständig das Gefühl hat, Hilfe zu brauchen,
obwohl von außen betrachtet kein Grund dafür zu erkennen ist -
außer vielleicht, dass diese Person kein Vertrauen zu sich selber hat?
Verschlimmere ich vielleicht dieses mangelnde Selbstvertrauen, wenn ich helfe?
Und was ist, wenn jemand meint, nichts und niemanden zu brauchen,
obwohl Hilfe dringend geraten scheint?
Das ist nicht nur bei Suchtkrankheiten ein Problem.
Wie verträgt sich hier die Sorge um das Wohl des Nächsten
mit dem Respekt vor seinem Willen?

Das hätte ich Jesus gerne gefragt, wäre ich der Schriftgelehrte gewesen,
der mit Jesus diskutieren wollte über die Nächstenliebe.
Und unversehens bin ich schon im Gespräch mit dem biblischen Text.
Ich meine, darum geht es auch im ersten Leitsatz der Diakonie,
wie er in einem Grundsatzpapier der Evangelischen Kirche in Deutschland steht:
Wir orientieren unser Handeln an der Bibel.
Orientierung heißt nicht,
dass wir in der Bibel prompte Antworten auf alle Fragen des Lebens finden,
wohl aber Entscheidungshilfen und Wegweisungen -
und auf jeden Fall ein paar gute Fragen.

Jesus stellt eine interessante Frage,
denn er dreht die Anfrage des Schriftgelehrten um.
Der Schriftgelehrte hatte gefragt: Wer ist mein Nächster?
Wie weit muss ich die Reichweite meiner Nächstenliebe ausdehnen?
Jesus macht ihm mit seiner Beispielgeschichte klar:
Frage Dich umgekehrt:
Wem kann ich der Nächste sein?
Welche Fähigkeiten, welche Möglichkeiten habe ich, anderen zu helfen?
Was berührt mich besonders, was motiviert mein Handeln?

Ich muss mir also über meine eigene Rolle klar werden.
Dazu gehört für mich auch die spirituelle Dimension der Diakonie.
Ich mache die Erfahrung:
Je mehr ich mich auf Gott verlasse, desto mehr finde ich zu mir selber.
Und zugleich werde ich freier, mich auf den Nächsten, den Anderen einzulassen.
„Gott, jetzt musst Du Dir mal eine Zeitlang Gedanken machen über das,
was mir an Problemen durch den Kopf geht,
und Dir auf´s Herz laden, was mir das Herz schwer macht,
damit ich den Kopf und das Herz frei habe,
ganz für den Menschen da zu sein, dem ich jetzt begegne“ -
so bete ich manchmal,
bevor ich Patienten im Krankenhaus oder Bewohner in den Seniorenheimen besuche.

Es fällt mir dann leichter, auf den Anderen zuzugehen,
ihn wahrzunehmen als Person mit subjektiven Empfindungen,
damit ich ihm nicht die Hilfe aufdränge, die ich für die Beste halte,
ihn nicht zum Objekt meiner Hilfe mache,
ihn nicht festlege auf eine bestimmte Funktion:
auf den zu behandelnden Fall oder den zu betreuenden Kunden.
Das widerspräche nämlich dem zweiten Leitsatz der Diakonie:
Wir achten die Würde jedes Menschen.

Damit stecken wir aber mitten in der Zwickmühle
zwischen Menschenwürde und Machbarkeit:
Einem Menschen helfen,
ohne ihn herabzuwürdigen zum Objekt meines Tuns -
das ist gar nicht so einfach!
Nehmen Sie das seelsorgliche Gespräch …
Darin soll der Andere mit seinen Empfindungen im Mittelpunkt stehen.
„Klientenzentriert“ sagt die moderne Methodik dazu.
In dieser Bezeichnung steckt schon das ganze Dilemma:
Ein „Klient“ ist von der Wortbedeutung her ein Höriger, ein Schützling.
Klientenzentrierte Gesprächsführung soll aber in erster Linie
den Anderen zu Wort kommen lassen.
Wie bringe ich das zusammen?
Nur dann, wenn diese Methode für mich nicht die allein seligmachende ist!

In der Regel ist es hilfreich und richtig,
sich ganz auf das zu konzentrieren, was der andere sagt.
Wir leisten Hilfe und verschaffen Gehör,
heißt es in den Leitlinien der Diakonie:
Gehör bei uns selber und vielleicht auch im größeren Zusammenhang.
Manchmal ist es aber auch hilfreich und wichtig,
eine eigene Position zu beziehen,
einzustehen für das, was man selber für richtig hält.
Der Samariter versucht auch nicht,
mit dem halb bewusstlosen Überfallopfer erst einmal darüber ins Gespräch zu kommen, wie er sich jetzt fühlt und was er gerne möchte.

Wer anderen hilft - medizinisch und pflegerisch, seelsorglich und begleitend,
gerät in Zwickmühlen zwischen Machbarkeit und Menschenwürde.
Oft möchten wir mehr machen und geraten an unsere Grenzen, haben das Gefühl,
dem Anderen nicht ganz gerecht geworden zu sein.
Manchmal sollte vielleicht auch nicht alles gemacht werden,
was gemacht werden kann,
weil das dem Anderen sein eigenes Schicksal nimmt
und damit auch einen Teil seiner Würde.
Ich bin froh, dass wir im Krankenhaus für solche Zwickmühlen
ethische Fallbesprechungen eingeführt haben,
in denen wir uns über die Möglichkeiten und Grenzen unseres Handelns beraten können.

Auch die Geschichte, die Jesus über das Helfen erzählt, ist voller Zwickmühlen:
Priester und Tempeldiener machen einen großen Bogen um den Hilfsbedürftigen - vermutlich nicht, weil sie schlechte Menschen waren, unsensibel und egoistisch.
Nein, sie befinden sich in der Zwickmühle
zwischen dem, was sie für die höchste Pflicht halten,
nämlich die religiöse Ordnung einzuhalten,
den Tempeldienst nicht zu versäumen, sich rituell nicht zu verunreinigen,
und der moralischen Schuldigkeit der Hilfeleistung.
Sie bleiben im Dilemma der Entscheidung dem Buchstaben des Gesetzes treu.
Und verraten gerade dadurch den Geist des Gesetzes.
Denn die fünf Bücher Mose enthalten nicht nur Pflichtenkataloge für den Tempeldienst, sondern auch - wie der Schriftgelehrte richtig erkannt hat -
die Liebe als höchstes aller Gebote.
Priester und Tempeldiener bleiben auch in der außergewöhnlichen Herausforderung streng ihrer Kirchenordnung verpflichtet
- und erweisen sich so als dumme Menschen.
Dummheit ist, wie Dietrich Bonhoeffer feststellte,
kein intellektueller, sondern ein „menschlicher Defekt“:
Die Unfähigkeit, „zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden“.
Das Leitbild der Diakonie will diese Dummheit vermeiden und uns ermutigen,
auf der Basis des Vertrauten auch einmal das Ungewöhnliche und Neue zu wagen:
Wir sind aus einer lebendigen Tradition innovativ.
Darum sollten wir, wie ein weiterer Leitsatz sagt,
dort sein, wo uns Menschen brauchen -
und nicht da auf ihr Kommen warten, wo wir sie gerne hätten.

Der barmherzige Samariter verhält sich nicht dumm.
Doch auch er steckt in einem Dilemma:
Samariter und Juden haben menschlich nichts miteinander zu schaffen,
haben aus gemeinsamen religiösen Wurzeln verschiedene Bekenntnisse gemacht,
die sie verbissen gegeneinander abgrenzen.
Aber der Samariter springt über seinen eigenen Schatten,
hört auf die Stimme seines Herzens,
auch wenn er damit seine nationale Identität verrät.
Für Jesus zählt offensichtlich eine Verbindlichkeit des Helfens,
die hinausreicht über die Grenzen von Nationalitäten und Rassen,
religiösen Bekenntnissen - ja, und auch von Krankenkassen!

Entscheidend für die Menschenwürde ist,
dass ich mein Herz offen halte für den Anderen,
dass ich mich in seine Lage versetze und frage:
Was kann ihm jetzt helfen?
Für den Samariter hat die mitfühlende Nähe allerdings auch eine Grenze:
Er leistet Hilfe, soweit er kann,
leitet dann aber die Pflege über in die Hände eines Professionellen
(damals war das ein Gastwirt).
Und er sorgt sogar noch für die nötige finanzielle Absicherung.
(Das Thema Geld wäre übrigens ein eigenes Kapitel
im Dilemma zwischen Machbarkeit und Menschenwürde …)

Diese Aufteilung der Hilfe nimmt in gewisser Weise
den nächsten Leitsatz der Diakonie vorweg:
Wir sind eine Dienstgemeinschaft von Frauen und Männern im Haupt- und Ehrenamt.
Ich bin dankbar, dass auch Ehrenamtliche aus unseren Einrichtungen
heute in diesem Gottesdienst vertreten sind.
Eine der großen Aufgaben der Diakonie wird in Zukunft sein,
Ehrenamtliche nicht durch Fachpersonal,
aber auch Fachpersonal nicht durch Ehrenamtliche ersetzen zu wollen.

Zum Dilemma von Machbarkeit und Menschenwürde
gehört gerade für die hauptamtlichen Mitarbeitenden,
dass sie gerne mehr Zeit hätten für die Menschen,
die sie betreuen, behandeln und pflegen.
Aber natürlich können sie die Verluste in unserer Gesellschaft,
die Verluste an Kommunikation und Miteinander,
an Nachbarschaftshilfe und Familienzusammenhalt, nicht ausgleichen.
Das wäre eine Überforderung.
Hier sind Ehrenamtliche gefragt.
Sie können gewissermaßen Bypässe der Kommunikation und des Miteinanders legen.

Wichtig ist für alle, die ehren- und hauptamtlich in der Diakonie mitarbeiten,
wie der barmherzige Samariter die eigenen Grenzen einschätzen zu können.
„Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst“, hatte der Schriftgelehrte richtig zitiert.
Beides umfangen von der Liebe, der Beziehung zu Gott,
die Herz, Seele, Verstand und alle Kräfte fordert, sie aber auch freisetzt -
ja, immer mehr Herz, Seele, Verstand und Kräfte freisetzt, wo sie fordert!

Leitsätze sind gut und schön.
Wir müssen nur aufpassen, dass es uns mit ihnen nicht so geht,
wie es vor Jahren ein guter Freund aus Ungarn karikierte.
Er sagte über Leitbilder und Werbekampagnen in der Kirche:
„Die Gefahr ist, dass es dabei zugeht
wie früher zu sozialistischen Zeiten in unseren Geschäften
- da wurde auch all das dekorativ ins Schaufenster gestellt,
was es im Laden gerade nicht gab …“
Gott schenke uns,
dass wir nicht nur die Schaufenster, sondern auch das Innenleben der Diakonie
mit Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllen
und dabei die Balance halten zwischen Machbarkeit und Menschenwürde!

Amen.

 

Anmerkungen:
Auf die Untersuchungsergebnisse von Rudolf Groß wurde ich aufmerksam durch das Buch von Manfred Lütz: Lebenslust. Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult. Ein Buch über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheit und darüber, wie man länger Spaß am Leben hat, München 2002.

Die Leitsätze der Diakonie entstammen dem Leitbild des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland, angenommen von der Diakonischen Konferenz auf ihrer Sitzung am 15. Oktober 1997 in Bremen.

Dietrich Bonhoeffers Gedanken über die Dummheit sind Teil eines Textes, der die Überschrift trägt „Nach zehn Jahren“ und seinen Freunden zum Jahreswechsel 1942/43 zugedacht war. Er ist veröffentlicht als erstes Stück in der von Eberhard Bethge unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ herausgegebenen Sammlung von Briefen und Aufzeichnungen Bonhoeffers aus der Haft.