Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Lukas 10,25-37

Pädagoge Eberhard Forst

im Sextanergottesdienst 2000

Ein frommer, gelehrter Mann, heute würde man sagen „ein Pfarrer“ oder „Theologieprofessor“ fragt Jesus, wie er leben müsse, um vor Gott bestehen zu können und das ewige Leben zu bekommen.

Jesus, der sofort weiß. wen er vor sich hat antwortet: “Das weißt du doch selbst, das steht doch in der Bibel, die du genau kennst.“

Und schon nennt der Frager, natürlich auswendig, die beiden wichtigsten Stellen aus den Mosebüchern, die wir ja auch im Spiel gehört haben: „Du sollst Gott, deinen Herrn, mit deinem ganzen Herzen, mit deinem ganzen Willen und Denken und mit all deiner Kraft lieben, ebenso auch deinen Mitmenschen (bzw. Nächsten) wie dich selbst.“

Jesus kann dem Mann nur zustimmen. Aber nun beginnt die eigentliche Schwierigkeit: Wer sind denn eigentlich meine Nächsten? Sind es nur meine Nächsten oder auch fernere Verwandte, sind es die Bewohner meiner Straße, meiner Stadt, meines ganzen Volkes oder gar alle Menschen? Wie soll ich Nächstenliebe zeigen oder mich als Mitmensch erweisen, wenn ich gar nicht weiß, wer mein Nächster bzw. Mitmensch ist?

Jesus merkt, daß ihn der Frager in Schwierigkeiten bringen will; denn auf diese Frage kann man keine eindeutige Antwort geben. Trotzdem antwortet er, indem er eine Geschichte, eine Art Krimi erzählt::

Ein Mann wird das Opfer eines Gewaltverbrechens. Als man ihn entdeckt, sind die Täter über alle Berge. 2 andere Männer kommen nach ihm am Tatort vorbei, ohne ihm die geringste Hilfe geleistet zu haben. Schließlich erscheint noch ein 3. Passant. Als er den Schwerverletzten erblickt, tut er alles, um ihm zu helfen.

Der Tatort des Raubüberfalls ist die Straße, die das 800 m hoch gelegene Jerusalem, die Hauptstadt, wo sich Jesus und seine Jünger gerade befinden, mit Jericho, der 200 m unter dem Meeresspiegel liegenden Oasenstadt verbindet. Heutzutage schafft man die 27 km Entfernung durch die fast menschenleere Wüste in einer guten halben Stunde. Damals brauchte man - natürlich ohne Bus oder Auto- zu Fuß oder mit Kamel bzw. Esel bergab ca. 5 bis 6 Stunden, bergauf noch erheblich länger.

Der Schriftgelehrte und alle Zuhörer Jesu kennen die Straße aus eigener Erfahrung oder durch die Erzählung anderer. Daher wissen sie, daß dort der ideale „Lebensraum“ für Räuber aller Art ist: Gewaltverbrecher, die sich der Bestrafung entziehen wollten, verarmte Bauern, Handwerker und Händler, die das Ausrauben wehrloser Wanderer als letzte Möglichkeit ansahen, um selbst zu überleben. Vor allem aber waren es Widerstandskämpfer, sog. Zeloten, die die römische Besatzungsmacht mit allen Mitteln bekämpften, und dabei auch nicht davor zurückschreckten, ihre eigenen Landsleute auszurauben, wenn sie sich zur Wehr setzten. Auch ein Schüler, bzw, Jünger Jesu hatte früher zu ihnen gehört.

Alles das wissen Jesu Zuhörer, und wenige Jahre, nachdem Jesus diese Geschichte erzählt hatte, wurde tatsächlich an dieser Stelle eine Wachstation zum Schutze der Reisenden errichtet. Noch heute wird Touristen diese Stelle gezeigt.

Doch da, wo ein normaler Krimi erst richtig anfängt, schweift Jesus scheinbar völlig vom Thema ab, das Kernstück jedes Krimis, die Jagd nach dem Täter findet nicht statt. Jesus interessieren weder die Täter im einzelnen noch die Gründe für ihre Tat. Auch von dem Überfallenen, der höchstwahrscheinlich ein Israelit war, erfahren wir nur, daß er „unter die Räuber fiel“. War er ein frommer Mann, der wie der Priester und Levit vom Gottesdienst in Jerusalem zurückkehrte, war er ein reicher Händler, der geschäftlich in Jerusalem zu tun hatte (in unserem Spiel war er es sicher nicht!), oder war er gar selber ein Räuber, der der Konkurrenz in die Hände fiel? - Jesus interessiert das alles nicht.

Ihn interessieren merkwürdigerweise die, die im normalen Krimi allenfalls Randfiguren sind: die Leute, die dem Opfer begegnen: Was machen sie? Wie verhalten sie sich?

Die beiden ersten, ein Priester und ein Levit, d.h. ein Tempelbeamter, gehen schnell an dem Überfallenen vorbei. Sie hatten Grund zu der Annahme, der Mann sei bereits tot. Und im Unterschied zu heutigen Priestern und Pfarrern, durften sie sich nicht mit Toten abgeben. Noch heute sollen Juden, deren Namen Levi, Cohn oder Cohen lautet und damit auf priesterliche oder levitische Vorfahren schließen lassen, keinen Friedhof betreten. Diese beiden Passanten verhalten sich also wohl rechtlich einwandfrei, d.h. man hätte sie nicht wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht anklagen können. Und trotzdem ist ihr Verhalten nicht richtig. Nach diesen beiden prominenten und äußerst angesehenen Vertretern der offiziellen Kirche, kommt noch ein 3. Mann, ein Samaritaner bzw. Samariter, am Tatort vorbei.

Aufgrund dieser Geschichte meinen viele heutige Bibelleser, die Samariter seien sozusagen von Natur aus gutmütige und hilfsbereite Menschen gewesen. Deshalb gebe es ja auch neben den Johannitern und Maltesern einen Samariterhilfsdienst. Zur Zeit Jesu sah die Wirklichkeit freilich ganz anders aus. Die Samariter wurden von den rechtgläubigen Israeliten gehaßt und umgekehrt. Der Haß rührte daher, daß die Samariter im Laufe ihrer besonderen Geschichte vieles von dem, was in der Bibel der Israelieten, unserem heutigen Alten Testament , steht, verändert oder abgeschafft hatten. Deshalb galten sie als Glaubensverräter, als Ungläubige, die man in jedem Gottesdienst verfluchte. Deshalb wurden Kontakte mit ihnen in jeder Form abgelehnt. Zur Zeit Jesu hatte sich die Feindschaft noch dramatisch zugespitzt: Fanatische Samaritaner hatten kurz vor dem Pascha, dem höchsten jüdischen Fest (etwa zur Zeit unseres Osterfestes), die Asche von Toten auf dem Tempelplatz von Jerusalem ausgestreut. Glücklicherweise, wurde es noch rechtzeitig entdeckt, sodaß das Passa nach einer entsprechenden Reinigung dann doch noch ordnungsgemäß begangen werden konnte. - Auf alle Fälle waren Samaritaner für Jesu Zuhörer, vor allem den frommen Fragesteller; nicht ohne Grund wie ein rotes Tuch. Und ausgerechnet ihn macht Jesus zum Helden der Geschichte, der als einziger dem Überfallenen hilft. Was für einen Beruf er hat, und warum er sich im Gebiet seiner Glaubensfeinde aufhält, solche verständlichen Fragen, spielen für Jesus keine Rolle.

Statt dessen beschreibt er erstaunlich genau, was er tut: Nachdem er das Opfer gesehen hat, hält er an und leistet die notwendige erste Hilfe, indem er seine Wunden wie damals üblich zuerst mit Wein desinfiziert und sie dann zur besseren Heilung mit Olivenöl beträufelt. Dann verbindet er ihn, hebt ihn auf sein Lasttier und bringt ihn zur nächsten Herberge. Abgesehen davon, daß er sich etwas Zeit nimmt und den Wirt aus eigener Tasche bezahlt, was damals nicht sehr viel bedeuteten tut er nichts Besonderes. Deshalb sagt Jesus ja auch zum Schluß: geh hin und handle genauso!

Warum verhält sich nur der Samariter so, wie sich eigentlich jeder verhalten sollte und könnte? Von allen drei Personen, am Tatort vorbeikommen, wird gesagt: Sie sahen den Überfallenen. Aber während sich die beiden ersten - vielleicht aus verständlichen Gründen davonmachen, hilft der Dritte, der Samariter, er hat Mitleid. Er folgt seinem Gefühl: Hier ist ein Mensch wie ich, der Hilfe braucht, die ich leisten kann. Diesen Sachverhalt hat der Künstler Thomas Zacharias in seinem Farbholzdruck eindrucksvoll festgehalten:

Vor dem violett-grünen Hintergrund der Wüste fallen uns sofort die beiden hellen Gestalten unten und oben rechts ins Auge. Der untere steif und gekrümmt dasitzende Mensch ist offensichtlich der Überfallene, der unter die Räuber fiel. Der Mensch oben ist der Samariter. Er ist zwar noch weit vom Überfallenen entfernt, hat aber schon Kontakt aufgenommen. Denn er ist dabei, seinen bisherigen Weg zu verlassen und sich mit offenen zur Hilfe ausgestreckten Armen dem Opfer zuzuwenden.

Betrachten wir das Bild noch etwas genauer, entdecken wir links oben noch 2 weitere Gestalten, die hoch aufgerichtet und scheinbar ungerührt an dem Überfallenen bereits vor übergegangen sind. In ihrem violetten Blau heben sie sich kaum von der Umgebung ab. Anscheinend haben sie nur Gott und seinen blauen Himmel im Sinn. Der Samariter dagegen ist wie der Überfallene in der Farbe der Erde gemalt.

Echte Hilfe, macht das Bild deutlich, kommt einem hilfsbedürftigen Menschen nur von einem anderen Menschen zu, der so menschlich ist wie er selbst, der mit ihm leidet und der nur die Not des anderen sieht, unabhängig von seiner Nationalität, Religion oder Hautfarbe.

Auch der fromme Bibelgelehrte muß zugeben, daß weder der Priester noch der Levit, die sich doch soviel Gedanken über Gott und die Welt machen, sondern der verhaßte Samariter mit seinem falschen Glauben sich als einziger menschlich verhalten hat. Er spricht zwar den Namen "Samaritaner" auch jetzt nicht aus, sagt aber eindeutig: „der Mitleid gezeigt hat.“

Und nun kommt noch etwas sehr Wichtiges; Überraschendes. Wo das Märchen mit dem Sieg des Helden und der Krimi mit der Überführung des Täters glücklich endet, bezieht Jesus seine – damaligen - und heutigen Zuhörer ein.

Denn er sagt zu dem Fragesteller: Wenn jemand danach fragt, wie er sich wirklich richtig im Leben verhalten soll, der soll sich diesen Samariter zum Vorbild nehmen. Mache es so wie er, habe Mitleid, und hilf, wo Hilfe nötig ist, ohne danach zu fragen, was für ein Mensch deine Hilfe braucht.

Selbstverständlich meinte Jesus mit dieser Aufforderung nicht nur: Leiste 1. Hilfe bei einem Raubüberfall oder - auf heute übertragen - bei einem Verkehrsunfall! In eine solche Lage kommen die wenigsten Menschen in ihrem Leben. Jemandem zu helfen, der unter die Räuber gefallen ist, bedeutet viel mehr.

Wer unter die Räuber fällt, dem wird von anderen Menschen gewaltsam und unrechtmäßig sein Eigentum, seine Gesundheit, sein Lebensglück oder sogar sein Leben selbst geraubt oder zerstört, sofern nicht andere Menschen rechtzeitig auf ihn aufmerksam werden und ihm aus Mitleid helfen.

Wer unter die Räuber fällt, braucht das Mitleid und die Tatkraft anderer Menschen, die ihn wieder auf die Beine bringen und den Schaden wieder gut zu machen helfen. Unter die Räuber der unterschiedlichsten Art, fallen nicht nur einzelne Erwachsene wie der namenlose Mann in unserer Geschichte und die vielen Menschen in allen Teilen der Erde, wo Gewalt, Krieg, Hass und Hunger herrschen.

Unter die Räuber fallen - und das ist am allerschlimmsten - auch unzählige Kinder.

In unserer Gesellschaft sind es unter anderem Kinder von Aussiedlern, Ausländern und Asylsuchenden, die wegen ihres anderen Aussehens oder mangelnder Deutschkenntnisse von deutschen Mitschülern verspottet werden oder Kinder, die wegen gestörter Familienverhältnisse sich selbst überlassen bleiben.

Weitaus schlimmer aber sieht es für Millionen von Kindern in anderen Ländern aus, auf die in diesem Jahr auch in Bonn die UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, durch viele Veranstaltungen aufmerksam macht.

Während ihr, liebe neue Schülerinnen und Schüler wohl manchmal drüber klagt, jeden Tag in die Schule gehen zu müssen, um euch auf das spätere Leben vorzubereiten, haben unzählige Kinder in vielen Teilen der Welt nie die Möglichkeit dazu.

Stattdessen müssen sie unter unsäglichen Bedingungen in Teppichknüpfereien, Plantagen oder Bergwerken - schuften, mit Betteln oder Stelen oder Müllsammeln ihre Familie miternähren, ja sogar als Soldaten ihr Leben für den Krieg der Erwachsenen aufs Spiel setzen bis ihr freudloses Dasein nach 30 oder 40 Jahren zu Ende geht.

Auch wir wollen heute an solche Kinder denken, nicht an irgendwelche namenlose, sondern an solche, von denen wir genau wissen, dass sie „unter die Räuber gefallen sind“ und denen wir ein wenig mit unseren Fähigkeiten und Mitteln helfen können.

Ein ehemaliger Schüler unserer Schule, M.F., der jahrelang mit seiner Familie in Thailand gelebt hat, hat nach dem Abitur zusammen mit seiner Schwester, das „Projekt Kinder des Isan“ gegründet. Mit diesem als gemeinnützig anerkannten Verein werden ungefähr 4o Kinder in der ärmsten Gegend von Thailand (dem im Nordosten liegenden Isan) gefördert. Für 300 DM kann einem Kind der Schulbesuch für 1 Jahr ermöglicht werden.

Inzwischen haben schon die ersten der so geförderten Kinder ihre Schulzeit beendet und eine Arbeit bzw. ein Studium aufgenommen.

Wer sich für eine Partnerschaft interessiert, erfährt natürlich den Namen und die Lebensumstände „seines“ Patenkindes und wird persönlich auf dem laufenden gehalten.

Es wäre schön, wenn wir durch unsere Spenden heute wenigstens einem Kind 1 Schuljahr ermöglichen würden.


 


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