Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Lukas 10,38-42

Andreas Beuchel

06.02.2005

Liebe Gemeinde !

Wie ist das bei Ihnen zu Hause, wenn sich Besuch angesagt hat – oder wenn Besuch plötzlich kommt?
Gibt es dann eine rege Geschäftigkeit?
Bei vielen Menschen ist das so. Die Wohnung muß noch schnell in Ordnung gebracht werden. Einige Dinge werden hastig weggeräumt. Ein Blick in den Kühlschrank oder in den Küchenschrank, denn man möchte ja seinen Gästen auch etwas Schönes und Leckeres anbieten.
Alles soll wirklich schön sein. Die Gäste sollen sich so wohl wie möglich fühlen.
Der Besuch soll einfach spüren, daß er uns wertvoll und wichtig ist.
Zum „Luftholen“ kommen wir dann meistens erst, wenn alle am Tisch sitzen.
Dann beginnt das Erzählen und Zuhören.
So etwas ganz Alltägliches - eine uns so bekannte Situation finden wir auch in einer Erzählung der Bibel wieder.

Sie steht bei Lk 10,38-42
38 (Maria und Marta) Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf.
39 Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. 40 Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! 41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.
42 Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Liebe Gemeinde !
Ich muß gestehen, dass ich diese kleine Erzählung, die sich übrigens nur bei Lukas findet, sehr gerne mag.
Ganz selbstverständlich gönnt sich Jesus bei seiner Wanderung eine Pause und geht zu den beiden Frauen.

Dort trifft er auf Marta. Die im Haushalt geübte Gastgeberin nutzt die Gelegenheit ihrem Freund und Heiland zu dienen, mit dem, was sie gut kann. Jesus ist ihr wichtig. Und sie selbst ist es sich wert, ihn zu bewirten. Sie will Jesus etwas Gutes tun.
Maria hat sich ebenso gefreut, wenn auch auf andere Weise.

Zwei Frauen, die das Ihre tun, um Wert und Achtung auszudrücken.
Und Jesus läßt sich dies gefallen. Erst nach einer Weile kommt es zu einer Verstörung. Marta bittet Jesus, er möge Maria zur Mithilfe im Haushalt auffordern.
Nun wird Jesus vor die Wahl gestellt. Er soll eine der beiden Tätigkeiten den größeren Wert aussprechen. Und Marta rechnet fest damit, daß ihr Recht gegeben wird, sie die größere Anerkennung bekommt.
Aber Jesus anerkennt in diesen Augenblick auch das Tun der Maria – ihr Zuhören.
Mit keinem Wort übrigens spricht Jesus der Marta ihren Wert ab.
Im Gegenteil, er bestätigt Sorgen und Mühen, aber er verleiht auch dem Wert, was Maria tut und was Marta nicht bereit ist anzuerkennen.

Wir Menschen suchen nach Bestätigung für unser Tun, wir suchen nach Werten.
Für uns, hier in Deutschland, ist diese Selbstbestätigung eng mit der Arbeit verbunden. Mit der Erwerbsarbeit – der bezahlten Arbeit, wie sie bezeichnet wird.
Die Nachrichten, dass über 5. Mill. in Deutschland ohne dies Arbeit sind, hat gerade in der vergangenen Woche viele wieder erschrecken lassen.
Die soziale Absicherung funktioniert ja zum Glück noch. Aber, was wird passieren, wenn diese auch aufgrund der demografischen Entwicklung nicht mehr finanzierbar sind?
Auch die Kirche, als Arbeitgeber steht hier unter enormen Druck. Wenn kein Geld mehr da ist, also weniger Kirchensteuereinnahmen zu verzeichnen sind, muss sie auch Mitarbeiter entlassen oder Arbeitsverhältnisse kürzen.
Von Kritikern wird den Verantwortlichen dann immer vorgeworfen:
„Das sei unchristlich!“ Oder mit der Frage „Was hätte Jesus dazu gesagt?“, wird behauptet, Jesus sei ein naiver Sozialreformer gewesen.
Jesus war weder ein Revolutionär noch ein schwärmerischer Sozialist. Die Zeloten, eine revolutionäre Gruppe seiner Zeit z.B., haben sich deshalb enttäuscht von Jesus abgewendet.
Zum andern wird unter den Deckmantel „Kirche“ oft jegliche Leistung verteufelt.
Die Folge ist, dass in unserer Kirche häufig die soziale Komponente vor der Leistungsfähigkeit steht. Sozial kann man aber erst dann sein, wenn man auch die Leistung gebracht bzw. eingefordert hat. Oder anders gesagt, erst muss etwas erwirtschaftet sein, bevor es ausgegeben werden kann.
Überhaupt scheinen viele Christen (auch Pfarrer in West und Ost) religiösen Sozialismus Gedanken nachzutrauern.

Egon Friedeli versucht in seinem Buch „Selbstanzeige“ (1983 Löcker Verlag, Wien) das so zu erklären:
„Mir scheint überhaupt, dass die ganze geistige Einstellung der Heutigen, die sich
mit Vorliebe auf das Evangelium berufen, auf einem Missverständnis beruht…
Er (Jesus) weiß, dass im "Segen der Arbeit" ein geheimer Fluch verborgen ist: die Gier nach Geld, nach Macht, nach Materie. Der Sozialismus will die Armen reich machen; Jesus will ganz im Gegenteil die Reichen arm machen; der Sozialismus beneidet die Reichen, Jesus bedauert sie; der Sozialismus will, dass womöglich alle arbeiten und besitzen, Jesus sieht den idealen Gesellschaftszustand darin, dass womöglich niemand arbeitet und besitzt.
Und damit berühren wir die eigentliche Stellung Jesu zur sozialen Frage:
er lehnt sie einfach ab…
Er erblickt seine Mission darin, die Menschen zum Göttlichen zuführen, ein sozialer Reformator hat es aber immer nur mit der Welt zu tun. Es ist daher die größte Blasphemie, die man gegen Jesus begehen kann, wenn man ihn in eine Reihe mit jenen … stellt, die die Menschheit auf nationalökonomischem Wege erlösen wollten! Er ist von allen diesen nicht dem Grad, sondern der Art nach verschieden.
Seine Wohltaten waren geistige, nicht materielle, und man kann ihn mit solchen Volksmännern überhaupt gar nicht vergleichen,…
Die einen haben Geld, die anderen haben noch keines; aber um Geld dreht es sich da wie dort. Heute würde Jesus nicht mehr sagen: "Selig sind die Armen", denn diese sind heute ebenso unselig geworden wie die Reichen – dank den sozialistischen Theorien, die die degenerierte Plattheit unserer Tage aus seinen Worten herausgelesen haben.“

Bonhoeffer versuchte die Spannung, die sich im Leben der Christen damit ergeben, mit den Begriffen „Vorletztes“ und „Letztes“ zu erklären. Paulus sprach vom „Buchstaben“ und „Geist“. „Vorletztes“ meint unsere Welt - „Letztes“ meint Gottes Welt, die noch nicht Wirklichkeit ist.
Soziale und wirtschaftliche Probleme mit religiösen und moralischen Forderungen lösen zu wollen, funktioniert nicht.
Auch das Problem der hohen Arbeitslosigkeit werden wir so nicht lösen können.
Wir, Menschen, wollten den technischen Fortschritt, mit alle den Erleichterungen und Vorteilen, nun müssen wir auch nach Lösungen suchen, wie wir mit den negativen Folgen z. B. der hohen Arbeitslosigkeit umgehen können.
Ein erster Schritt auf diesem Weg wäre es schon, wenn endlich damit aufgehört würde, vor allem vor Wahlen, zu versprechen, dass es wieder mehr Arbeit geben wird.
Ich kann das Thema leider nicht weiter ausführen. Möchte Sie aber mit dieser Predigt zu einem intensiven Gedankenaustausch in unserer Gemeinde einladen.

Jesus jedenfalls geht es immer um den einzelnen Menschen.
Ihm will er durch seine Nähe Wert und Bestätigung geben.
Auch beide Frauen hatten dies in der Begegnung mit Jesus gesucht und in diesem Augenblick gefunden. Der Konflikt entstand, als Marta eine Rangfolge aus den Tätigkeiten Dienen und Hören einfordern wollte.

Kurz vor dieser Begegnung hatte Jesus einem Menschen, der nach dem ewigen Leben gefragt hatte, das Dienen – das Tun ans Herz gelegt. Ihm hatte er nicht empfohlen sich hinzusetzen und zuzuhören. Ihm hatte Jesus mit der kleinen Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“ gezeigt wie das Dienen aussehen soll.
Sie kennen die Geschichte, wo ein Mann unter die Räuber fällt und nur ein Samariter, ein Ausländer, diesem Menschen hilft.
Es gibt also keine Rangfolge von Hören und Dienen. Es gibt keinen größeren Wert beim Hören oder beim Dienen. Das Hören ersetzt das Dienen nicht. Und das Dienen ersetzt das Hören nicht.
Im Sinne Gottes leben, ist also Hören und Dienen – Dienen und Hören; jedes zu seiner Zeit.
Auf den Weg zum Hören gehen die Tempeldiener in der Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“ eilig an dem Verletzten vorbei. Das ist nicht gut und geschieht doch gerade in unserem Alltag all zu oft. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Menschen, die vor lauter Dienen – vor lauter Dienst das Hören und Zuhören versäumen.
Es ist nicht leicht in solchen Momenten das Richtige zu tun.
Gebe ich dem Obdachlosen etwas Geld? Bringt es dem so Bettelnden wirklich was? Oder ist es vielleicht besser erst einmal von Organisationen zu hören, die diesen Menschen wirkliche Hilfe geben können.
Wie gesagt es gibt keine Rangfolge von Hören und Dienen, es gibt für beides nur die richtige und die falsche Zeit.
Wir dürfen darüber entscheiden und sicher machen wir bei dieser Entscheidung auch Fehler, die uns nicht entmutigen sollten. Denn auch wer Fehler macht verliert dadurch nicht seinen Wert. Jesus gibt Wert, den beiden Frauen und auch jeden von uns.

Liebe Gemeinde !
Eine alltägliche Situation, die uns die Bibel erzählt. Vielleicht gelingt es uns durch das Nachdenken darüber in Zukunft eine bessere Balance zwischen Hören und Dienen – Dienen und Hören zu gewinnen. Gerade wenn z.B. wieder einmal Besuch kommt.

Amen.


 


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