Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 11,1-13

Gisela Borchers (ev.-ref.)

27.07.2008 in der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Loga (Leer, Ostfriesland)

Und es begab sich, dass Jesus an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns be-ten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.

Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung.

Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zu-geschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.

Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!



Lukas 11, 1 - 13


Musik: Jenseits von Afrika


Liebe Gemeinde,

wir hörten Musik aus einem meiner Lieblingsfilme, aus dem amerikani-schen Spielfilm „Jenseits von Afrika“, gedreht 1985 mit Meryl Streep, Ro-bert Redford und Klaus Maria Brandauer in den Hauptrollen. Der Film basiert auf einem autobiographischen Roman der dänischen Schriftstellerin Karen Blixen. Erzählt wird darin die Geschichte von Karen Blixen, die durch die Heirat mit ihrem Cousin Baron Bror von Blixen 1913 nach Kenia auswandert. Dort wollen sie eine Rinderzucht aufbauen. Ihr Ehemann stellt sich als wenig geschäftstüchtig und als sehr untreu heraus. Der blaublütige, aber arme Baron hat ihre Mitgift verbraucht, um eine Kaffeeplantage zu kaufen statt einer Rinderherde. Außerdem zeigt er wenig Neigung, in dieser Plantage zu arbeiten, sondern zieht es vor, auf die Jagd zu gehen. Karen ist gezwungen, die Kaffeeplantage selbständig zu managen und findet in dem Großwildjäger Denys Finch Hatton die Liebe ihres Lebens.

In einer der wichtigen Szenen des Films  -  nämlich als ihr Geliebter sich entscheidet zu ihr auf die Farm zu ziehen  -  spricht Karen Blixen einen Satz aus, der mir ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben ist: „Wenn die Götter einen strafen wollen, dann erhören sie seine Gebete.“  Ein merkwürdiger Satz. Gebetserhörung als Strafe? Stellen Sie sich vor, Sie wünschen sich etwas, und das, was Sie gewünscht haben, tritt tatsächlich ein  -  würden Sie auf die Idee kommen, die Erfüllung sei Gottes Strafe für Ihren Wunsch? Ich kann nicht glauben, dass Gott uns so straft, wenn er es überhaupt tut.

Wie ist es mit dem Gebet und der Gebetserhörung?

Im Gottesdienst ist das Gebet ein fester Bestandteil, ganz selbstverständlich beten wir gemeinsam. Dabei haben wir bestimmte Formen und allen geläufige Formulierungen, die wir gemeinsam sprechen.

Das Gebet eines jeden Einzelnen, einer jeden Einzelnen ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Die Art und Weise, wie ich bete, wann ich bete, gibt Auskunft über meinen Glauben und mein Verständnis von Gott und Welt. So wie ich Gott erfahre, wie ich über ihn und damit über mich und mein Leben denke, so bete ich auch.
Die Auffassungen, wie das persönliche Gebet aussehen kann, gehen weit auseinander.
Da gibt es zum einen die Meinung, dass schon die stumme Betrachtung eines wunderbaren Sonnenunterganges ein Gebet sein kann, weil ich mich dann dem Schöpfer nahe fühle.

Das geht weiter mit dem vor Jahren umstrittenen Gedanken Dorothee Sölles, dass das morgendliche Zeitungslesen ein Gebet sein kann, weil ich mir einen Überblick über den "Gesamtzusammenhang" meines Lebens verschaffe.

Andere erleben die tiefsten Gebetserfahrungen in der Meditation, in der sie versuchen, eben keine Worte zu machen, sondern ganz still und leer zu werden und dann zu warten, was geschieht.

Und dann sind da noch die Menschen, die der Meinung sind, dass das Gebet nur dann richtig sei, wenn das, worum ich bitte, auch eintritt und die sehr gezielt danach fragen, wie denn richtiges Beten eigentlich funktioniert.


Als junges Mädchen war ich einige Zeit Mitglied einer christlichen Jugendgruppe. In dieser Zeit waren wir dort auf der Suche nach Antworten auf die Frage, was es heißt, bewusst und verbindlich als Christen zu leben. Dazu gehörte nach unserer Auffassung auch das regelmäßige persönliche Gebet, morgens und abends. Dazu gehörte das Gebet miteinander, die regelmäßige Gebetsgemeinschaft. Dazu gehörte auch das Ringen um die Frage, wie viel und wann beten (ausgehend von dem Satz des Paulus: Betet ohne unterlass!), dazu gehörte die Frage nach dem richtigen Beten.

Trotz aller auch guten Erfahrungen mit dem Gebet in dieser Zeit blieb bei mir ein Unbehagen zurück. Unter dem Strich fand ich diese Art des Betens – anstrengend. Aus der Distanz betrachtet, empfinde ich diese Form der Gebetspraxis sehr zwanghaft mit einem gewissen Leistungsdruck.

Viel leichter, ganz alltäglich geht Jesus mit dem Gebet um.

Jesus macht uns Mut zum Beten, indem er Geschichten aus dem Alltag erzählt.

Das erste Beispiel handelt von dem Mann, der seinen Freund um Mitter-nacht aus dem Bett holt, weil er überraschenden Besuch bekommen hat und ihn nicht bewirten kann.

Wir können uns hier ein einfaches Haus vorstellen, ein Haus mit nur einem Zimmer, in dem die ganze Familie auf Schlafmatten die Nacht verbringt. Die Türflügel sind mit einem Riegel verschlossen, und sie würden laut quietschen und die Kinder wecken, wenn sie jetzt geöffnet würden. Dennoch gebietet die orientalische Gastfreundschaft, dass man dem Gast etwas zu essen vorsetzt, auch zu ungewöhnlicher Stunde. Was soll man da tun, wenn die Brotfladen im eigenen Haus aufgegessen sind und vielleicht nur der Nachbar noch Brot hat? Man geht hin zu ihm, egal, wie spät es ist, und bittet ihn: Leih mir was!

Die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu kennen noch nicht die anonyme Massengesellschaft, wo sich abends jeder hinter seine Jalousien zurückzieht und keiner den anderen zu fragen wagt.
Und die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu wissen: Wenn der Freund dem Freund nicht wirklich aus Freundschaft hilft, dann wird er ihm doch helfen, weil er das Klopfen und das Rufen vor seinem Hause nicht lange aushält. Die lauten Geräusche könnten schließlich auch die anderen Nachbarn wecken, und wie stünde er am nächsten Morgen vor ihnen da, wenn er träge und geizig liegen geblieben wäre?

Das zweite Beispiel, das Jesus bringt, erscheint vielleicht noch alltäglicher und selbstverständlicher als das erste. Ein Sohn bittet seinen Vater um einen Fisch und ein Ei.

Das sind noch keine ausgefallenen, unverschämten Forderungen; das ist noch nicht der Sohn, der vom Vater ein Auto finanziert bekommen möchte oder der einen Zuschuss verlangt, um sich eine eigene Wohnung einrichten zu können. Der Sohn hat ganz einfach Hunger.

Welcher Vater wird da seinem Sohn eine giftige Schlange in die Hand drücken oder ihn mit einem stechenden Skorpion abspeisen? Solch ein Vater wäre unvorstellbar!, denken die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu.

Und Jesus sagt: Wenn schon ihr so vernünftig und menschlich und hilfreich reagieren könnt, ihr, die ihr doch Sünder seid und euch oft genug auf Abwege locken lasst –, wie viel mehr wird dann euer himmlischer Vater auf euch hören, wenn ihr ihn bittet, und euch geben, was ihr braucht!

Diese Schlussfolgerung leuchtet ein. Wir Menschen können uns gegenseitig Wünsche erfüllen, können Bedürfnisse erkennen und darauf eingehen. Wenn schon wir das können – dann müsste Gott es wohl erst recht können. Wenn wir schon bei Eltern, Nachbarn und Freunden anklopfen und Hilfe erwarten dürfen –, dann dürfen wir erst recht bei Gott anklopfen, der ja unser Vater und Freund sein will. Und wenn schon Eltern und Nachbarn und Freunde unsere Bitten verstehen und angemessen darauf antworten können –, dann wird erst recht unser höchster Vater und unser bester Freund uns verstehen und beschenken, er, der die Quelle alles Lebens und der Geber aller guten Gaben ist!

Trotzdem bleibt die Frage: Werden Gebete erhört? Hilft Beten?

Sir Francis Galton war ein neugieriger Mann. Er glaubte, wenn Beten hilft, dann müsste man das erforschen können. Er lebte im 19. Jahr-hundert und fragte sich, für wen wird denn regelmäßig gebetet. Und das waren damals die Könige und Fürsten. Jeden Sonntag wurde um Gesundheit und ein langes Leben des Obrigkeit gebetet. Also, so Francis Galton, wenn beten hilft, dann müsste die Lebenserwartung von Königen doch weit über dem Durchschnitt der restlichen Bevölkerung liegen. Er untersuchte dies genau. Das Ergebnis war niederschmetternd: die Lebenserwartung der europäischen Fürstenhäuser lag weit unter dem Durchschnitt der Bevölkerung. Ähnliche Ergebnisse fand er für die Geistlichen. Er ging davon aus, dass die Gemeinden regelmäßig für ihre Pfarrer betet. Doch die Lebenserwartung war nicht höher als die der anderen - allerdings auch nicht so schlecht wie die der Könige!

Bittet, so wird euch gegeben?

Wie viele Bitten gehen in jeder Minute gen Himmel!

Hier wird um eine gute Mathearbeit gebeten, dort um Gesundung in schwerer Krankheit.
Da bittet eine Schwangere mit ihrem Mann für eine gute Geburt, dort fleht ein Mensch Gott an, ihn endlich von seinem Leiden zu erlösen.

In manchen Teilen der Welt beten Menschen darum, dass ihnen ihre guten Lebensverhältnisse erhalten bleiben. In anderen Gegenden sind bessere Lebensbedingungen ständiger Gegenstand der Fürbitte im sonntäglichen
Gottesdienst.

Genauer betrachtet gibt es zwei große Formen von Bitten. Die eine kommt aus dem Dank, die andere aus der Klage.

Es gibt zwei Situationen, in denen wir dankbar fühlen:

- wenn wir beschenkt werden und
- wenn uns geholfen wird.
 
Beides empfinden wir in dem jeweiligen Moment nicht als selbstverständlich. Und aus diesem Gefühl heraus, dass etwas nicht selbstverständlich ist, ich kein Recht darauf habe, schlägt der Dank in die Bitte um:
das, was mir heute geschenkt wurde, erbitte ich auch für morgen. Aus dem Dank für die Hilfe heute erbitte ich die Unterstützung morgen. Was heute ein Geschenk ist, da kann ich morgen kein einklagbares Recht haben.

Die Bitte und die Fürbitte entspringen aus dem Gefühl, das viele Dinge, eigentlich alle, nicht selbstverständlich sind.

Die andere Form der Bitte entspringt aus der Klage, aus dem Gefühl, ich habe einen Mangel, aus dem sehnlichen Wunsch, dass eine für mich oder andere schwere, ja auch oft unerträglich scheinende Situation sich zum Guten wenden möge.

Dann tragen wir Gott unsere Bitten, unsere Wünsche vor, mal still und ruhig, mal flehend oder auch verzweifelt und mit kaum noch echter Hoffnung auf Erhörung...

Wie viele Menschen sich von Gott abgewandt haben, weil ihre Wünsche nicht in Erfüllung gingen, ihre Bitten nicht erhört wurden, das weiß nie-mand.

Weit verbreitet ist die Vorstellung, mit dem Bittgebet ginge es so wie mit dem Cola-Automaten: wenn ich oben das Richtige einwerfe kommt unten das Gewünschte heraus. Diese Vorstellung begegnet in der einfachen Form, beim Schüler, der um die Eins in der Mathearbeit betet und bitter über die Fünf enttäuscht ist. Darüber mag man lächeln.

Sie begegnet aber auch bei Menschen, die sehr ernsthaft danach fragen, wie oft und wie man beten muss, damit die Bitten in Erfüllung gehen. Das sind sehr engagierte Christinnen und Christen, die intensiv um die Frage des richtigen Betens ringen, bis hin zu heftigen Selbstzweifeln und –vorwürfen. Denn wenn es dann mit dem Bitten nicht klappt, muss ich schuld sein. Dahinter steckt letztlich auch die Vorstellung von Gott als einem Automaten: Wenn ich alles richtig mache, bekomme ich das Gewünschte.

Dann gibt es noch die Vorstellung: wenn ich ein guter Mensch bin, dann muss Gott meine Bitten doch erhören. Dahinter steckt die Vorstellung von Gott als einer Art Schiedsrichter, der über mein Leben, oft auch mein Gebet urteilen muss. Und entscheiden muss, ob meine Anstrengung ausreicht für die Belohnung. Im Blick auf ein möglichst langes weiterhin glückliches und ruhiges Leben wird so gebeten: Wenn ich mich bemühe, dies oder jenes tue, dann sorg du doch dafür, dass es immer so schön weiter geht...

Damit sind wir wieder bei der Frage: Wie bete ich richtig?

Vielleicht sollten wir das Beten nicht so sehr als Handlung, sondern eher als Haltung sehen.
 
Es ist eine Art, die Welt, sich selbst und Gott zu sehen, eine Art des Um-gangs mit dem, was mir bewusst wird.

Beten heißt, mir über mich und mein Leben, über meine Erfahrungen Gedanken zu machen – in dem Horizont, dass da jenseits meiner sichtbaren Welt jemand ist, der mich in Händen hält, dem ich mein Leben verdanke, der mit mir unterwegs ist und mich am Ende aufnimmt.

Beten ist mehr eine Haltung als eine Handlung.

Beten macht Gott-bewusster.

Menschen, die mir begegnen, schöne und schreckliche Ereignisse, von denen ich erfahre oder die ich erlebe  –  sie lösen Gedanken, Fragen, Gefühle aus. Über diese denke ich nach, unter der Perspektive der Gegenwart Gottes. Egal ob in Gedanken oder laut ausgesprochen  -  Beten kann ein ständiges Zwiegespräch mit Gott sein, ohne Zwang und Anstrengung.

Wir brauchen Gott nicht "dazwischenzukriegen"; er ist vielmehr immer bei uns. Nicht nur im Gebet, sondern auch bei der Arbeit und in der Freizeit teilt er in Liebe unsere Wege.

Wie mit einem guten Freund, einer guten Freundin kann ich mit Gott reden – und wie von einem guten Freund, einer guten Freundin alles erwarten. Gebet ist keine Leistung, sondern Antwort auf Gottes Zusagen.

Das Gebet ist Ausdruck meines Glaubens und Vertrauens, dass Gott mich und die ganze Welt in Händen hält, komme, was wolle. Und dass dieser Gott nicht fern im Himmel thront und unansprechbar ist, sondern ein offenes Ohr hat. Nicht alles erhört, aber alles hört.

Hilft beten?

Die Antwort auf diese Frage brachte Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt. Er sagte: "Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen."

Gott verspricht uns nicht, dass wir ein Leben ohne Sorge führen werden, dass kein Leid uns etwas anhaben kann. Sondern Gott verheißt uns, dass er mit uns geht, dass er bei uns ist in schweren und in schönen Tagen und dass seine Verheißung an die Menschen der Bibel auch uns gilt.

Amen.