Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 12,15-21

Pfarrerin Renate Zilian

in der Neanderkirche Düsseldorf

Erntedanksonntag 2003

Liebe Gemeinde,

alle Zeichen stehen auf Plus: das Feld hat gut getragen!
Auch unsere Felder haben gut getragen – trotz der Trockenheit.
Obst und Gemüse sind reichlich vorhanden und das heißt für uns: erschwinglich zu haben. Und wir haben mehr als nur das, was zum bloßen Überleben reicht.
Auch die Stimmung in der Geschäftswelt hat sich aufgehellt.
Der Dax ist im Aufwärtstrend begriffen, wenn auch langsam.

Der Predigttext, die Beispielgeschichte, die Jesus einmal erzählte, enthält sogar ein doppeltes Plus. Es heißt da am Anfang:
„Das Feld eines reichen Mannes hatte gut getragen."
Einer, der sowieso schon viel mehr als genug hat, hat viel mehr geerntet, als erwartet. Einem, dem es sowieso schon gut geht, wird noch mehr Gutes beschert.
Es ist der Segen, der zur Arbeit dazukommt und der sich manchmal in Fülle ausschüttet.
Es ist das Sahnehäubchen Glück, das noch auf gutes Gelingen oben drauf kommt.
Der Himmel meint es auf einmal überaus gut mit einem.
Nicht nur wettermäßig, sondern lebensmäßig:
Da brauchen wir nur die Hände aufzuhalten und es prasselt soviel Gutes auf uns nieder, dass wir gar nicht wissen, wie wir das auffangen, geschweige denn festhalten können. Eine übervolle Gabe Leben im Arm.
Ein großer Geldbetrag, der auf Jahre die Existenzsorgen nimmt, ein Beruf, in dem die Freude die Arbeit überwiegt, dazu noch Gesundheit und Leistungsfähigkeit und gute Beziehungen, die tragen und wärmen.
Alles Lebensmittel!

Und das Merkwürdige ist, dass genau hier der Gedanke aufbricht, wie wir denn diese Fülle des Guten halten können, irgendwie portionsweise strecken können auf die Zukunft, konservieren können.
Vom Plus her, vom doppelten, vielfachen Plus her wirft sich die Frage auf. Was mach ich jetzt mit all dem Guten?
Und sofort erscheint auf dem Plan wie eine Fata Morgana der Gedanke der Sicherheit. Es könnte ja in Zukunft wieder schlechter kommen. So sagt die Erfahrung.
Ein mögliches Defizit erhebt sich drohend am Horizont wie eine dunkle Wolke.
In einer neuen Sammlung der Witze der Deutschen gibt es einen heißt es so:
„Sagt ein Telekom-Aktionär zum anderen: „Wie geht es dir heute?" Sagt der andere: „Besser als morgen."

Ja, hätten sie das gewusst, die vielen Kleinanleger, die gar nicht so Reichen, die ihre hart erarbeiteten Ersparnisse angelegt hatten für die spätere Zeit des Ruhestandes und davon träumten, dass sie wachsen und wachsen und Sicherheit geben.
So entfernt sind die Gedanken der nicht so Reichen gar nicht von denen der ganz Reichen. - Es liegt mir übrigens völlig fern, den Unterschied zu verwischen zwischen Reich und Arm auch in unserer Gesellschaft, der immer krasser wird, oder gar den zwischen den reichen und den armen Ländern und den ungerechten Strukturen. –
Aber hier geht es heute um einen Selbstdialog der Seele, der jedem von uns irgendwie bekannt vorkommt. – Ob wir vom Reichtum und Fülle des Guten nur träumen oder das in Händen halten.

Und hier ist er der Dialog mit der eigenen Seele:
„Das will ich tun: Ich will meine viel zu kleine Scheune abreißen. – Das griechische Wort für Scheune heißt übrigens „Apotheke"; eine Apotheke ist ein Lagerraum, in dem für den Notfall bereitliegt, was uns hilft und heilt. –
Ich will diese viel zu klein gewordene „Apotheke" abreißen und ein größeres Gebäude errichten, ein größeres Depot, und darin will ich all mein Korn und all meine Güter sammeln und aufbewahren. All das Gute.
Das Gute erhalten, die Versorgung für morgen und übermorgen sichern, den Freundeskreis und die Gesundheit pflegen, das Geld anlegen, Vorsorge treffen!
Wer das nicht tut, der ist ein Narr, so würde ich sagen.
Und es gibt auch ein biblisches Vorbild dafür: Joseph mit seiner Vorratswirtschaft in Ägypten. Mit ihm schrieb Gott seine Segensgeschichte weiter.
Es wird Zeit, dass dem Reichen in dieser Geschichte (und nicht nur in dieser Geschichte) Ehre widerfährt und nicht gleich auf ihm rumgehauen wird.
Es ist sein Korn und sind seine Vorräte. – Was ist daran schlecht, dass er sie hortet, und wer sagt denn, dass er damit nicht auch noch viel Gutes tun wird?

Der Fehler muss woanders liegen. So wird nun höchst verdächtig, was er zu seiner Seele sagt:
„Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss und trink und habe guten Mut!"
Aber auch hier möchte ich zunächst eine Ehrenrettung vornehmen: „Liebe Seele".
Wer spricht so liebevoll zu sich selbst?
Wer hört seiner Seele zu, was sie braucht, was sie vermisst, wo ihr Verlangen ist und ihre Leidenschaft, wo ihr Feuer brennt, wohin ihre Lebensenergie hin will?
Die Seele ist im biblischen Sprachgebrauch das innerste Verlangen nach Leben und Lebenserfüllung.
Jesus warnt vor Habgier, aber er weiß auch um unsere Seele und was sie braucht.
Er kennt unser Verlangen nach Leben und Erfüllung und Ruhe!
Dem Ort jenseits des Existenzkampfes und der täglichen Plage.

Nicht dieser Wunsch ist schlecht!
Der Fehler, der Denkfehler, die Falle, in die die Seele tappt, ist die scheinbare Sicherheit, in der sie sich mit dem Haben und noch mehr Haben wiegt und meint, sie habe damit das Leben der kommenden Jahre in der Hand und die Ruhe, nach der die Seele sucht.
„Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?"
Ein schrecklicher Satz! Schockierend fremd.
So hart muss es einem klingen, der aus den Träumen der Selbstillusion gerissen wird.

Aber es soll nicht beim Erschrecken bleiben, bei uns Hörenden.
Der Schock soll uns aufwecken.
Der Ast der Selbstsicherheit wird vor unseren Augen abgesägt, aber genau da sollen uns Flügel wachsen.
So wie manche jungen Vögel einfach aus dem Nest geschubst werden und erst dann entdecken, dass sie fliegen können, getragen werden, Nahrung finden.
„Seht die Vögel unter dem Himmel an; sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?" (Matthäus 6,26)
Das sagt Jesus den Sorgenden in der Bergpredigt, und dieser Abschnitt ist die Textgrundlage für den zweiten Teil unserer Kantate, die in das Vertrauen ruft.

Entdecken, wieder entdecken sollen wir den weiten Horizont der Treue Gottes, seiner Sorge für uns, die sich jenseits unserer Selbstversorgung auftut.
Nicht nur in den schlechteren Zeiten, auch in den guten Zeiten.

Aber das entdecken wir nur im freien Flug des Vertrauens auf diesen Gott.
Einer, der weiß, was wir nötig haben, wonach wir uns sehnen und der es für uns immer wieder in wunderbarer Weise bereithält.
Der Text in unserer Kantate, der gleich folgt, ist geradezu eine Weiterführung und weitere Auslegung, wenn es heißt:

„Halt ich nur fest an ihm mit kindlichem Vertrauen
und nehm mit Dankbarkeit, was er mir zugedacht,
so werd ich mich nie ohne Hilfe schauen,
und wie er auch vor mich die Rechnung hab gemacht.
Das Grämen nützet nicht, die Mühe ist verloren,
die das verzagte Herz um seine Notdurft nimmt;
der ewig reiche Gott hat sich die Sorge auserkoren,
so weiß ich, das er mir auch meinen Teil bestimmt.“

„Reich sein in Bezug auf Gott."
In Beziehung auf diesen ewig reichen Gott, der seine Sorge um uns, die wir ihm unendlich wert sind, zu seiner persönlichen Sache gemacht hat, zur Herzenssache, das ist der weite Horizont, in den wir entlassen werden.
Der lässt die Fata Morgana, die aus dem ungestillten Lebensdurst erstand, verschwinden. Und jetzt erst sehen wir richtig.
Sehen, wie viel Grund wir haben zu danken. Wir reich beschenkt wir sind.
Unendlich reich.

Amen.