Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 12,15-21

Pfarrer Otfried Pappe (ev.)

12.09.2009 Erntedankgottesdienst in Erfurt-Bindersleben

Liebe Gemeinde!

Da macht sich einer Sorgen.
Einer, der viel gearbeitet, etwas geschafft hat, der ein Ziel hatte, das er nicht aus dem Blick verlor.
Jetzt hat er alles vor sich und muss sich fragen, wohin mit all dem Erreichten, damit es ihm lange dient?
Er denkt nicht nur an heute, morgen und übermorgen sind ihm schon gegenwärtig. Sein Erfolg führt nicht dazu, dass er sich blenden lässt von der Heutigkeit.
Sorgen ist eine schöne menschliche Eigenschaft. Wer sorgt, denkt nicht nur an heute. Wer sorgt, weiß, auch morgen wollen seine Kinder essen, auch morgen wollen sie sauberes Wasser trinken, gesunde Luft atmen, in Freiheit sich entfalten können.
Die Sorge macht den Menschen schön, wie ein Mensch immer schön wird, der mehr bedenken kann als sich selber.
Wer nicht sorgt, hat keinen Blick für die Zukunft. Ihm fehlt die Phantasie für das mögliche Glück und das drohende Unglück, und er wagt es nicht, einer gefährdeten Zukunft ins Augen zu schauen.
So macht der Mensch, von dem Jesus im Gleichnis berichtet, alles richtig, er denkt nicht nur an das Hier und Jetzt.

Zu vermuten ist, wir handeln ebenso: vorrausschauend, an morgen denkend, das Übermorgen nicht aus dem Blick verlierend.
Eine Lebensversicherung soll uns dabei helfen, auch eine Hausratversicherung, dazu eine Rechtsschutzversicherung, morgen und übermorgen nicht aus dem Blick zu verlieren.
Ein eigenes Haus, diese Kapitalanlage fürs Alter schaffen sich viele, noch mehr streben danach.
Die Sorge bricht die Bedenkenlosigkeit des Alltages und öffnet die Augen.
All dies lässt sich im guten Sinne dem reichen Menschen unterstellen, von dem Jesus erzählt.
Und doch läuft bei ihm irgendetwas schief.
Sammelt er die falschen Schätze, die, die verderblich sind und eine Vorratshaltung auf lange Sicht sinnlos machen?

Wir haben ja alle unsere Erfahrung mit den flüchtigen Dingen des Lebens.  
Vielleicht liegen ein paar schöne Urlaubstage hinter ihnen:
ein Kaffee in der Strandbar mit Blick aufs Meer; oder der Blick vom Gipfel eines Berges, zu dessen Füßen die Welt liegt;
der laue Sommerabend bei einem Glas Wein mit Freunden dazu angeregte und ausgelassene Gespräche.

So schnell verfliegen diese Augenblicke. Und wir nehmen sie mit als eine Erinnerung in den Alltag unseres Lebens, rufen sie wach mit gemachten Fotos und Videofilmen, mit denen wir versuchen Flüchtigkeit festzuhalten.
Wir machen die Erfahrung, das Schöne, Glücksmomente, Nicht-Alltägliches aufzuheben, hinüberzuretten in die Zeit danach, gelingt nicht.
Das Beste lässt sich nicht für morgen und übermorgen aufheben und was wirklich wichtig ist, lässt sich in Vorräten nicht anlegen.

Was wirklich wichtig ist nennt Jesus „Schätze bei Gott“.
An alles hat der Mann im Gleichnis gedacht, nur nicht daran.
Seiner Seele hat er einen Vorrat verschafft, damit sie sich nicht mehr sorgen braucht, und doch gerät er in die Kritik, denn das Wichtigste hat er vergessen.
Unsere Fragen danach beantwortet Jesus im Gleichnis nicht.
Was also ist ein (unser) Schatz bei Gott?

Liebe Gemeinde, zwei Jahrzehnte sind seit der friedlichen Revolution in unserem Land vergangen.
Hunderttausende sind damals mit Kerzen und Gebeten auf die Straße gegangen und haben gewaltlos einen Unrechtsstaat in die Knie gezwungen, der selber immer auf Einschüchterung, Bespitzelung und Gewalt gesetzt hat.
Solcher Mut des Widerstehens gehört zur Schönheit des Lebens und ist ein Schatz bei Gott.
Es ist die Erfahrung von Freiheit.
Eine Freiheit, die keine Rückversicherung abschließt und dennoch wagt.
Eine Freiheit, die die Sorgen ernst nimmt und sich dennoch nicht von ihnen binden lässt.
Es ist die Freiheit, die über sich hinausschauen lässt und Verantwortung im Nächsten findet.
Freiheit ist ein Glücksmoment, der sich nicht festhalten lässt, sich nicht horten lässt für morgen und übermorgen.
Freiheit ist  verderblich, jeden Tag neu muss ich sie ins Leben tragen. Auch gegen die Widerstände meiner genügsamen Seele, die sich abfinden möchte mit dem eigenen Gutergehen.

Diese Freiheit wiegt oft nicht viel, scheint gar eintauschbar gegen das Brot der Unfreiheit.
Eine Freiheit aber, die sich der Verantwortung für das Leben bewusst ist, leben, ist ein Schatz bei Gott.

Mut und Freiheit - Schätze bei Gott.
Lassen wir diese Schätze brach liegen, lassen wir Gaben des Lebens brach liegen.
Mut steht auch immer für andere ein, Mut verbindet Menschen miteinander. Und Freiheit wird nur in der Freiheit auch des anderen zur Schönheit des Lebens. Beides lässt sich weder vertagen noch aufsparen für später. Diese Erfahrung haben wir vor zwei Jahrzehnten machen können, Gott sei Dank.
Liebe Gemeinde, wie halten wir es mit diesen Schätzen bei Gott heute?
Wie wertvoll sind uns Mut, Zivilcourage im Blick auf die Ökologischen Probleme, die auf uns zukommen?
Sind wir bereit die Sorge für unsere Kinder und Kindeskinder mutig hinauszutragen, damit die Erde, die Schöpfung Gottes, auch in den nächsten Generationen von der Schönheit des Lebens erzählen kann?
Sind wir bereit, für mehr Gerechtigkeit in der ganzen Welt einzutreten und mutig zu bekennen, unser Wohlstand steht auch auf der Armut anderer und das muss sich ändern?
Sind wir bereit der Freiheit mehr Achtung und Würde zu geben in einer auf Gewinnmaximierung orientierten Welt?

„Mut und Freiheit, das sind Gaben, die wir bitter nötig haben“, so die Worte in dem bekannten Tauflied „Kind, du bist uns anvertraut“.
Wie Kinder ihren Eltern anvertraut werden, hat Gott dem Leben Gaben anvertraut zum sofortigen Gebrauch.

Dem reichen Mann im Gleichnis hat nichts gefehlt, seiner Seele hat er Sorglosigkeit verordnet. Eine, wie mir scheint, lebensfeindliche Sorglosigkeit, die jeden Gedanken an bedrohliche Wahrheiten verbietet.
Verstockung des Herzens, heißt es im AT.
Das nicht hören und sehen wollen, was Gott will.
Verstocken reißt den Leichtsinn aus dem Herzen, ohne den Mut und Freiheit nicht sein können. Den Leichtsinn, der weiß, dass man zwar in allerlei Angst und Sorgen fallen kann, aber nicht aus der Hand Gottes.
Und so heben wir in all unserem Tun und Machen Lebensgaben auf für morgen und übermorgen, wie das Manna in der Wüste, das doch am dritten Tag stank.

Liebe Gemeinde, es gibt den leichten Sinn und die Schönheit derer, die dem Leben vertrauen und die wissen, dass sie im Glück und Unglück aufgehoben sind, wohin sie auch immer fallen. Gottvertrauen sagen wir dazu.
Das wir in unserem Land einen so mächtigen Umbruch erlebt und auch mitgetragen haben, dessen Gewaltlosigkeit  zum herausragenden Merkmal geworden ist, empfinde ich als Gabe und Güte Gottes. Ein Schatz bei Gott.
Es ist diese Erfahrung von Geborgenheit, das Leben braucht sie, um sich geborgen zu wissen auch in der Unsicherheit des Alltags.
Ist es letztendlich die Geborgenheit in Gott, die dem reichen Mann im Gleichnis vom Kornbauern gefehlt hat?
Ich denke, es ist der größte Schatz, den wir sammeln können: das eigene Leben öffnen für Gott.

Amen.