Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 12,15-21

Pfarrer Rüdiger Thurm (ev.)

04.10.2009 Ev.-Luth. Stiftskirche Bielefeld Schildesche

Erntedanksonntag

Erntedanksonntag

Liebe Gemeinde,

die Erntedank-Sinfonie hat einen erstaunlichen Klang.

Im Erntedank klingt das Lied der Vögel unter dem Himmel, der Jubel der Kreatur: Der himmlische Vater versorgt uns. Ein Preislied auf den Schöpfer, der alles herrlich regiert. Ein Staunen, ein Choral in den höchsten Tönen, über die Wunderwerke Gottes, die unbeschreibliche Weisheit seiner Schöpfung, über die Fülle und den Reichtum seiner Gaben, die Schönheit der Lilien auf dem Feld, über den Überfluss an Gutem, von dem wir leben, gut leben, nicht nur unser Dasein fristen, sondern die Fülle haben, ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß an Gottesgaben.

Der Jubel der Kreatur: Und wenn ich die Vögel am Himmel singen höre, wenn ich wirklich hinhöre, dann bin ich überzeugt, dass sie im Einklang sind mit dem Schöpfer, dass sie glückliche Geschöpfe sind, dass sie, die nicht pflügen und nicht streuen, darüber jubilieren, dass unser himmlischer Vater sie doch ernährt. Sie preisen Gott, mit Herz und Schnabel, mit allem was sie haben, sie singen und machen auf Erden kund, dass es einen guten Gott im Himmel gibt. Jeder Vogel mit seiner Stimme: Das Jubilieren der Nachtigall, das Trostlied der Amsel, das Gurren der Tauben, das Gackern der Hühner, das Krächzen der Raben. Die Vögel unter dem Himmel vermitteln uns etwas von der Leichtigkeit des Seins, von einem Leben im Einklang mit der Schöpfung und dem Schöpfer. Jesus führt sie uns vor - als Beispiel für ein unbedingtes Gottvertrauen, für einen Glauben, der nun wahrhaftig und ausschließlich seine Hilfe von Gott erwartet und von gar nichts anderem, erst recht nicht von der eigenen Arbeit und Leistung. „Seht sie an (sagt Jesus), die Vögel - sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben auch keinen Keller und keine Scheune, und Gott ernährt sie doch.“

Einmal Vogel sein, einmal fliegen, einmal im Einklang sein, einmal mitgetragen werden von einem sanften Luftzug, leicht sein wie eine Feder, einmal mitsingen, wenn alles singt, und dem Höchsten ein Loblied erschallen lassen, in den höchsten Tönen.

Vogel sein unter Gottes freiem Himmel. Der Sonne nahe, einen Sommer lang, der Sonne folgen in südliche Gefilde, wenn es Herbst wird. Jubilieren, ein Leben lang, und eines späten Abends tot vom Himmel fallen, als ein kleiner, lebenssatter Spatz, nicht tiefer als in Gottes Hand, der doch jeden Sperling kennt.

Sorget nicht. Was für eine Leichtigkeit des Seins liegt in dieser Melodie.

Das ist die eine Melodie von Erntedank, und die eine Melodie, die bei Lukas im 12. Kapitel erklingt: Die Einladung zu einem grenzenlosen Gottvertrauen, die Entdeckung der Dankbarkeit, der Dankbarkeit als furchtloser Oberstimme und Cantus Firmus des ganzen Lebens, Dankbarkeit, eine Melodie, die uns immer wieder neu anrührt und bewegt und beglückt. (Kurze Besinnungspause.)

Erntedank ist eine Sinfonie. Und da sind noch mehr Töne, andere Klänge, da ist eine Tiefe in dieser Sinfonie, die mir einen Schauer über den Rücken jagt.

Jesus erzählt von den Vögeln unter dem Himmel und von den Lilien auf dem Feld. Und sogleich, im selben Atemzug beinahe, lässt er eine andere Perspektive mitklingen, eine Melodie aufscheinen, einen Kontrapunkt erkennen: Lukas 12, was für ein dramatisches Kapitel! Da ist er, der reiche Kornbauer, der Mensch inmitten der guten Schöpfung, der Mensch, das Mängelwesen, der Sorgen- und Bedenkenträger, der kluge Ingenieur und Planer, der Vermesser und Kalkulator, der Projektmanager seiner Bedürfnisse, der Sicherheitsbeauftragte der ganzen Schöpfung.

Was für eine Melodie! Der Komponist dieser Erntedankklänge hat alle Register gezogen. Er scheut nämlich nicht vor den dunkelsten Tönen zurück, er lässt die Abgründe mitklingen, den Abgrund, über dem unser Leben gebaut ist, den Tod als die Grenze des Lebens, die alles in Frage stellt. Jesus stellt ihn uns vor, den Kornbauern, mit wenigen Strichen ist sein Portrait gezeichnet: Ein Buddenbrook, dominus providebit, ein Mann der Tat, einer, der Erfolg sucht und findet, und der Großes wittert, wo andere noch zaudern.

Ein Mann der klugen Vorsorge, ein Mann der Vernunft, ein Mann, der Möglichkeiten erkennt, der Sicherheiten kalkuliert, Vorteile zu ergreifen und zu nutzen versteht. Und der nach getaner Arbeit dann zu sich selber spricht, die schönen, allzu menschlichen Worte (ich sehe ihn vor mir, wie er sich zurücklehnt in seinem Sessel, die Füße hochgelegt, die Aktenordner beiseite gestellt, ich höre, wie er dann - „im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick“ - wie er zu sich sagt): „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und sei guter Dinge!“ - „Sie haben ihr Ziel erreicht.“ - sagt sein inneres Navigationssystem, unser menschliches Grundprogramm. Die Rente ist sicher.

Und der reiche Bauer hat vergessen, dass sein Leben über dem Abgrund gebaut ist, wie unser aller Leben, dass sein Leben nur haarbreit vom Tode getrennt ist, ein schmaler Grat, ein Deich, der jederzeit brechen kann, und der ausgerechnet jetzt bricht, ein Tsunami, der das Paradies hinwegfegt: Du Narr, spricht Gott, noch in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?!“

Der Tod ist auf dem Plan, ist hineinkomponiert in den Erntedank, die stärkste Prüfung des Lebens, das eigentliche Thema des Lebens sogar: Wie können wir überhaupt leben, angesichts des Todes? Das Tabuthema unseres alltäglichen Wohlstandes: Freut euch des Lebens, Essen, Trinken, Fröhlichsein, solange das Lämpchen glüht, denn morgen sind wir tot.

Jesus erzählt eine kurze Geschichte der Lebenszeit, ein Rafferleben im Zeitraffer, und er scheut dabei nicht vor der denkbar stärksten dramaturgischen Wendung zurück, um seine Botschaft uns Zuhörern einzuprägen: Der Tod stellt die Frage nach dem Sinn eures Lebens. „Heute Nacht wird man deine Seele von dir fordern!“ Nun hat es ihn dahingerafft.

Was für ein Erntedank! Welche Ernte habe ich denn da eingefahren, angesichts des Todes?! Und auf einmal wird es uns kalt, in unserer wohlanständigen Wohlstandswelt. Die Erntedanksinfonie ist nichts zum Mitschunkeln.

Wir haben es uns so gut eingerichtet, die meisten von uns, unsere meisten Bekannten auch, unsere meisten Freunde, die knappe Mehrheit von uns, die, die noch sicher im Sattel sitzen.

Doch diese Erntedankklänge lehren uns: Da ist keine Sicherheit. Es gibt keine Versicherung, keinen Kornspeicher, keinen Arzt, keinen Rechtsanwalt, nichts und niemand kann uns schützen vor den letzten Fragen, niemand könnte uns vertreten, wenn man unsere Seele von uns fordert. Nichts ist sicher. Nichts ist so sicher, wie allein der Tod, und der kostet das Leben, der kostet alle vermeintlichen Sicherheiten, der verschlingt unseren schönen Profit, der fährt unsere Rente auf Null, der nimmt alles mit sich, und wir nehmen nichts mit.

„Ja, so kann´s gehn,“ sagt Jesus. So lapidar beendet er die Geschichte vom reichen Kornbauern. So kann es gehen. Es ist ein Abgrund in die Erntedank-Sinfonie hineinkomponiert, eine Götzendämmerung, ein Ende der falschen Götzen, ein Scherbengericht über den Mammon und alle seine Masken.

So kann es gehen, sagt Jesus, dem, der sich Schätze sammelt - und ist nicht reich bei Gott.

Herr, gib uns unser täglich Brot.
Hilf, alles Leben ist bedroht,
weil unser satter Sinn vergisst,
dass du des Brotes Geber bist.

Du gibst uns unser täglich Brot.
Lass uns bereit sein in der Not
zu teilen, was du uns gewährt.
Dein ist die Erde, die uns nährt.

Herr du bist unser täglich Brot.
Du teilst dich aus in deinem Tod.
Wir loben dich und danken dir.
Aus deiner Liebe leben wir.

(Edwin Nievergelt, Schweizer Kirchenmusiker)

Amen.