Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 12,15-21

Pfarrer Uwe Seibel (ev)

10.10.2014 in der Auferstehungskirche in Bebra

Kreisdiakoniegottesdienst/10 Jahre Bebraer Tafel/Erntedank

10 Jahre Bebraer Tafel

Predigttext: Lk. 12,15-21 Gleichnis vom reichen Kornbauern

Manchmal erlebe ich in Diskussionen über die Frage der Finanzierung und Ausstattung Sozialer Arbeit, z.B. in der Pflege, das jemand sagt:
„Das Geld liegt auf der Straße“ – soll heißen: Es gibt genug Geld, es ist genügend Geld vorhanden. Einige Beispiele für diese Behauptung:
Im Gesundheitsfonds der gesetzlichen Krankenkassen liegen ca. 10 Milliarden Euro Netto-Reinvermögen.
Ein anderes Beispiel:
Deutschland hatte 2012 die höchste Ungleichverteilung von Vermögen innerhalb der Eurozone, das heißt: die reichsten 5% der Gesamtbevölkerung besaßen 46 % des Gesamtvermögens.
Auf der anderen Seite sieht es so aus: Knapp jede/r Fünfte (19,6 %) in Deutschland – das sind etwa 16 Millionen Menschen – war 2012 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen
Wenn wir uns die Zahlen über die Verteilung von Vermögen anschauen, dann wird klar: Es liegt nicht auf der Straße, sondern befindet sich in den Händen einiger weniger und ist damit ungerecht verteilt.

Was passiert aber, wenn jemand das Geld wortwörtlich auf die Strasse legt?

Diese Frage hat sich der Künstler Ralf Kopp gestellt und im Juli diesen Jahres, einem Freitagnachmittag eine Kunstaktion mit echtem Geld durchgeführt:

Aus 54.000 1-Cent-Stücken – bevor sie jetzt rechnen: das sind 540,00 Euro - hat er das Wort „VERTRAUEN“ gebildet. In großen Buchstaben hat er dieses ca. fünf Meter lange Kunstwerk auf das Pflaster gelegt: Wo? In der Bankenmetropole Deutschlands, im Schatten des Kapitals, auf der Konsummeile schlechthin, in Frankfurt auf der Zeil:
vor den Türen der Katharinenkirche

Im Internet, auf youtube- hat er zu Beginn seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass am Ende mehr Geld sichtbar sein würde als zu Beginn. Er ist sich unsicher, ob das Geld noch am selben Abend verschwunden ist oder zwei Wochen liegen bleibt, unbewacht und ohne Zaun versteht sich.

Mich hat dieses Experiment bewegt, weil ich mich natürlich frage, wie ich im Vorbeigehen reagiert hätte. Hätte ich etwas dazu gelegt oder gar einen Batzen eingesteckt, wenn jemand Geld auf die Straße legt. Und dann gespendet oder selber verwendet? Ich komme ins Nachdenken:

Ist Vertrauen größer als die Kraft des Geldes? Oder frisst „Gier“ das „Vertrauen“? Schützt die Bedeutung des Wortes vor Zerstörung?

Es sollte anders kommen, soviel sei schon jetzt verraten, und am Ende der Predigt werde ich davon erzählen.

Wir groß die Kraft des Geldes ist, was dadurch und durch die Gier danach ausgelöst werden kann, das hat schon Jesus in einer Geschichte deutlich gemacht.

Hören wir den Predigttext:

Lukas 12,15-21

Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen.
Und der dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.
Und er sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte
und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?
So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Jesus erzählt dieses Beispiel, weil er unmittelbar vorher von einem Mann zu strittigen Erbschaftsangelegenheiten um Rat gebeten wurde, was er zum Anlass nimmt über die Habgier zu sprechen und damit den Mann zurechtweist.

Ich finde in der Geschichte vom reichen Kornbauer zunächst nichts Ungerechtes: Er besitzt Felder, ist reich und hat das Glück einer sehr guten Ernte. Wir erfahren nichts darüber, wie er bisher mit seinem Reichtum umgegangen ist, ob er seine Tagelöhner gerecht entlohnt und sein Getreide fair verkauft hat. Er hat schon mehrere Scheunen. Er hat seine Gaben als Bauer genutzt und war mit unseren Worten erfolgreich. Daran hat Jesus nichts auszusetzen. Vielleicht hat er sogar die Regel befolgt, die folgendes besagt: „Alle drei Jahre sollst du den ganzen Zehnten deines Ertrages von jenem Jahr aussondern und ihn in deinen Toren niederlegen. Und der Levit – denn er hat keinen Anteil noch Erbe mit dir – und der Fremde und die Waise und die Witwe, die in deinen Toren wohnen, sollen kommen und essen und sich sättigen, damit der HERR, dein Gott, dich in allem Werk deiner Hand, das du tust, segnet“ (5. Mose 14,28-29)

Der reiche Kornbauer wird jedenfalls nicht für, das, was er bisher erreicht hat, kritisiert. Das bedeutet für mich: Nutze das was du hast, nutze deine Fähigkeiten und Begabungen, nutze die Pfunde, die Gott dir anvertraut hat. Sei achtsam mit dir selbst, mit dem was, dir anvertraut ist.

Jetzt komme ich zu dem entscheidenden Punkt: Es geht um die Frage, was der Kornbauer aus seinem Reichtum macht. Er scheffelt noch mehr, braucht größere Scheunen, die den alten, zu klein geratenen weichen müssen. Damit begeht er den Fehler, der sich einstellt, wenn das Maß für Genug und Zuviel aus der Waage gerät. Er hat genug, nicht nur ausreichend. Er hat mehr als er braucht, und mehr als er jemals wird verbrauchen können:
„Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ Eigentlich eine komfortable Situation: Ein Leben in der Gewissheit, genug zu haben, bis ans Lebensende. Ein Platz an der Sonne. Wer von uns hat nicht schon mal davon geträumt, wie das wäre, wenn ein Lottogewinn auf einen Schlag alle finanziellen Bedürfnisse befriedigen könnte. Nicht mehr arbeiten, und wenn, dann aus Spaß, nicht mehr sparen müssen für Auto, Haus, Urlaub, Ausbildung der Kinder, Pflege der Eltern oder was in ihrem Leben an dieser Stelle steht. Eigentlich eine komfortable Situation, aber nur eigentlich, denn es entsteht eine falsche Sicherheit. Der reiche Kornbauer vergisst, dass es im Leben keine endgültige Sicherheit gibt, auch nicht wenn sie vermeintlich finanziell abgesichert ist. Er misst seinen angehäuften Reichtum zu viel Bedeutung bei.

Martin Luther schließt daraus: „Woran der Mensch sein Herz hängt und worauf er sich verlässt, das ist sein Gott.“ Woran das Herz hängt, viel treffender kann man es nicht sagen. In unserer Geschichte: „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“

Und weiter schreibt Luther zu Beginn des Großen Katechismus im Jahr 1529:
„Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles zur Genüge, wenn er Geld und Gut hat; er verlässt sich darauf und brüstet sich damit so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Sieh, einer solcher hat auch einen Gott: der heißt Mammon. ... Das ist ja auch der allgemeinste Abgott auf Erden.“

Der Abgott in dieser Beispielerzählung ist die Habgier.

Der Kabarettist Wilfried Schmickler hat dazu einen treffenden Text geschrieben:

Die Gier

Was ist das für ein Tier, die Gier?
Es frisst an mir,
Es frisst in dir,
Will mehr und mehr
Und frisst uns leer.

Wo kommt das her,
Das Tier, und wer
Erschuf sie nur,
Die Kreatur?

Wo ist das finstre Höllenloch,
Aus dem die Teufelsbestie kroch,
Die sich allein dadurch vermehrt,
In dem sie dich und mich verzehrt?

Und wann fängt dieses Elend an,
Dass man genug nicht kriegen kann
Und plötzlich einfach so vergisst,
Dass man doch längst gesättigt ist
Und weiter frisst und frisst und frisst?

Und trifft dann so ein Nimmersatt
Auf jemanden, der etwas hat,
Was er nicht hat und gar nicht braucht,

Dann will er’s auch.

Wie? Das soll’s schon gewesen sein?
Nein, einer geht bestimmt noch rein!
Und überhaupt – da ist doch wer,
Der frisst tatsächlich noch viel mehr.
Und plötzlich sind sie dann zu zweit:
Die Gier und ihre Brut der Neid.

Das bringt mich noch einmal ins Grab,
Dass der was hat, das ich nicht hab,
Dass der wo ist, wo ich nicht bin,
Das will ich auch, da muss ich hin!

Warum denn der?
Warum nicht ich?
Was der für sich,
Will ich für mich!
Der lebt in Saus
Und lebt in Braus
Mit Frau und Hund und Geld und Haus
Und hängt den coolen Großkotz raus.

Wahrscheinlich alles auf Kredit,
Und unsereiner kommt nicht mit.
Der protzt und prahlt
Und strotzt und strahlt.
Wie der schon geht.
Wie der schon steht.
Wie der sich um sich selber dreht.

Und wie der aus dem Auto steigt
Und aller Welt den Hintern zeigt.

Blasierte Sau!
Und seine Frau
Ist ganz genau
So arrogant
Und degoutant!

Und diese Blagen,
Die es wagen
Die Nasen so unendlich hoch zu tragen!

Dann hört er aber auf, der Spaß! –
So kommt zu Neid und Gier der Hass

Und sind die erst einmal zu dritt,
Fehlt nur noch ein ganz kleiner Schritt,
Bis dass der Mensch komplett verroht
Und schlägt den anderen halbtot.

Und wenn ihr fragt:

Wer hat ihn bloß so weit gebracht?
Das hat allein die Gier gemacht!

Liebe Gemeinde, deutliche Worte für ein deutliches Verhalten, für einen Abgott.

Gott ist unserer Geschichte vom reichen Kornbauern auch nicht zimperlich:

Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Nicht in ein paar Jahren oder Monaten, nein, in dieser Nacht, da gibt es keinen Aufschub, keine Verlängerung, keine Bewährung, keine Stundung: Diese Nacht wird das Urteil gesprochen und wir ahnen, es wird Heulen und Zähneklappern geben.

Was hätte er denn tun sollen, der Kornbauer? Das ist nicht schwer zu beantworten. Abgeben, teilen. In meiner Vorstellung von einer gerechten Welt haben nicht 5% der Bevölkerung 46% des Gesamtvermögens.
In meiner Vorstellung von einer gerechten Welt, haben die Erzieherin und der Busfahrer, die Pflegekraft im Altersheim und der Pfleger im Krankenhaus, die Sozialtherapeutin in der Beratungsstelle für Erziehungsfragen und der Hausmeister mehr im Portemonnaie.

In meiner Vorstellung von einer gerechten Welt gibt es ein bedingungsloses Grundeinkommen.

In meiner Vorstellung von einer gerechten Welt ist unser Land nicht der drittgrößte Waffenexporteur, sondern macht wieder Schwerter zu Pflugscharen.

In meiner Vorstellung von einer gerechten Welt, müssen Einkaufsläden eine Adventssteuer entrichten, wenn sie schon im September Dominosteine und Lebkuchenherzen verkaufen.

In meiner Vorstellung von einer gerechten Welt öffnet der reiche Kornbauer seine Scheunentore und schreibt darauf: Sale, alles muss raus, und veranstaltet ein Fest,
weil nämlich „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Eigentum verpflichtet – schon mal gehört? Artikel 14 Grundgesetz.

Ich komme zum Schluss, mit dem Grundgesetz, warum nicht, nein, nicht ganz: Wie war das also mit dem Experiment am Fuß der Monetendome und Kapitalkathedralen in Frankfurt:

Bis in die Nacht hinein bleibt der Schriftzug nicht nur erhalten, sondern einige Passanten legen Geldstücke hinzu.

Menschen brachten das Wort „Vertrauen“ wieder in Form, nachdem ein Fahrradfahrer versehentlich drüber gefahren war.

Nach 14 Stunden löst sich der Schriftzug innerhalb einer Stunde auf, da einige wenige Passanten größere Mengen von Münzen einsteckten und damit die öffentliche Plastik zerstört hatten.

Dann passierte etwas Unplanbares: Vier Jugendliche räumen den verbliebenen Großteil der Münzen ab und geben das Geld einem Wohnungslosen

Der Künstler Ralf Kopp schreibt:

„Die wenigen Menschen, die sich das Geld aus Gier eingesteckt haben (ich meine nicht die Obachlosen) können die vielen positiven Momente nicht im Ansatz negativieren:

Die vielen Menschen, die Geld dazu gelegt haben, die Reaktion der Jugendlichen mit dem Obdachlosen, die guten Gespräche und Diskussionen, dass viele zum Nachdenken angeregt haben.“

Wenn Sie also das nächste Mal Geld auf der Straße sehen, denken Sie daran, es könnte ein Experiment sein, geplant von wem auch immer.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen