Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 12,16-21

Pastor Ralf Reuter

06.10.2002 in Holte bei Osnabrück

Bilanz der Seele

Jesus sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Liebe Gemeinde am Erntedankfest!

Mit der Erntekrone und den Früchten des Feldes und der Gärten in der Kirche lässt es sich gut reden über die Gestaltung des Lebens. Da sind die Grundlagen schon vor Augen, Gott als Schöpfer und Erhalter, die Menschen im Bebauen und Bewahren, und vor allem im Danken und Feiern der Ernte. Es ist gut, dass wir die Kirche geschmückt haben, wir laufen angesichts der Katastrophen Gefahr, nur noch das Negative zu sehen, uns in eine rein menschliche Betroffenheit zurückzuziehen. Kein gutes Erntejahr in der Landwirtschaft, die Flut im Osten, kein gutes Jahr in der Wirtschaft, - bis zu 40.000 Insolvenzen werden erwartet, mit all den Auswirkungen auf die Arbeitsplätze, - keine guten Aussichten für den Frieden in der Weltpolitik, und immer wieder bitteres persönliches Leid wie in Frankfurt, der 11jährige Junge, der da unfassbar sterben musste.

Angesichts der Katastrophen ist unsere Seele gefordert, nicht nur unser Arbeiten und Streben. "Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern", diese Nacht, das sind die schweren Herausforderungen an uns, sind die Brocken des Lebens, sind die Abläufe, die wir nicht ändern können, sind aber auch die persönlichen Krisen, denen wir immer wieder ausgesetzt werden. Dann kommt es darauf an, was wir innerlich einzusetzen haben, was in unserem Herzen als Glaubenssaat aufgegangen ist, was wir an himmlischen Schätzen in uns tragen.

Die Geschichte vom reichen Kornbauer ist heute die Geschichte vom hart arbeitenden Manager oder vom strebsamen und fleißigen Arbeiter, Beispiele von Menschen, die nur äußerlich sorgen und arbeiten, die nur die Bilanzen ihres Kontos kennen, aber nicht die Bilanz ihrer Seele. Das sind auch Eltern, die meinen, die Mathe- und Englischstunden ihrer Kinder müssten erhöht werden, man kann ja dafür Religion streichen. Das ist die Frankfurter Buchmesse, die meint, die 50 evangelischen Verlage ins Abseits schieben zu können. Das sind die Zeitgenossen, die immer so milde herablassend über die Kirche spotten, über die, die da zum Gottesdienst gehen, aber bei der ersten harten Krise zusammenklappen und sich nicht mehr rauswagen.

Wir müssen uns als Christen wieder trauen, die Wahrheit zu sagen, aus Liebe zu unseren Mitmenschen, sagen, dass es nicht reicht, nur neue Scheunen im Leben zu bauen, nur in die materielle Existenz zu investieren, in den Hof, in die Firma, in das Haus, in das Auto, in den Urlaub. Je mehr einer äußerlich aufbaut, desto mehr muss er auch für seine Seele sorgen, desto mehr muss er auch hier investieren und erweitern. Sonst laufen wir Gefahr, äußerlich groß und mächtig zu werden, aber innerlich schwach und hohl und ohne Sinn und Werte.

Das wahre Leben ist immer ein gleichmäßiges Wachsen, ist die Verbindung von Gestaltung und Spiritualität, von Handeln und Glauben, von Arbeit und Sonntag, von Fabrik und Kirche. Da gleichen wir den Früchten auf den Bäumen, so schön auch ihre äußere Schale ist, wenn sie innen faul sind, taugen sie nichts. Wer keine Zeit für sein religiöses Leben findet, wer vor lauter Arbeit nicht zur Bibel, zum Gebet und zum Gottesdienst kommt, ist ein Narr, so sagt es uns dieses Beispiel.

Was sind die Inhalte dieser religiösen Welt, von der wir innerlich reich werden, die wir brauchen in der Bewältigung des Lebens? Vielleicht wie beim Erntedankfest in der Kirche, die Tropfen des Glaubens spüren, die Strahlen der Hoffnung entdecken, die Momente der Liebe nutzen. Gottes Spuren sind auf dieser Erde, in den Menschen, im Säen und Ernten, im aktiven Gestalten zu finden. Offene Augen und Ohren, intuitives Wahrnehmen und Spüren, hier geht Gott selber übers Land, ist plötzlich bei mir, hilft mir, den nächsten Schritt zu tun.

Tropfen des Glaubens, die reichen schon, Tautropfen seiner Schöpfung, wenn wir sie aneinander reihen, sind sie wie himmlische Perlen, schmücken uns. So ein kleiner Tropfen ist die Entdeckung der Gaben und Fähigkeiten, die Gott in einem angelegt hat. Nicht wir selber, er hat uns geschaffen, wir sind gefordert, seinen Entwurf zu leben. So ein kleiner Tropfen ist die Verbindung zu anderen Menschen, Ehe, Freundschaft, auch Kinder. Von Gottes Hand sich gefunden, miteinander verbunden, die Liebe jung gehalten. So ein Tropfen sind auch die Wegweiser des Lebens, die Gebote, wie gut, dass wir sie haben, damit wir den Weg auch immer wieder finden und gehen. Tropfen des Glaubens, das ist auch die Kraft zum Trösten, zum Versöhnen, zur Geduld, zum Frieden und vor allem zum Neuanfang, da, wo wir Brüche erleben. Unsere inneren Schätze des Glaubens sind es, die uns bestehen lassen, die uns helfen in den Katastrophen des Lebens.

Und die Strahlen der Hoffnung, die von jenseits des Horizontes auf uns zukommen, die uns leuchten von Gottes Ewigkeit her. Es gibt eine Antwort auf den Tod, die mächtiger ist als dieser: die Auferstehung von Jesus Christus. Glaube doch keiner, Gott führe seine Ernte nicht in seine himmlischen Scheunen ein, ließe uns vielleicht ungenutzt verkommen, niemals. Wir haben einen Gott, der auf uns wartet, und der auch die Menschen nimmt und schützt, die vor der Zeit gehen. Es sind diese Strahlen der Hoffnung, die die Eltern und Geschwister des 11jährigen Jungen weiterleben lassen, trotz des unfassbaren Leides. Es gibt diese Strahlen für uns Menschen.

Ja, und heute, an diesem Erntedanktag, Momente der Liebe, davon leben wir täglich. Liebe zur Arbeit, seine Arbeit als Landwirt und als Arbeiter und als Angestellter und als Unternehmer tun, ohne zu wissen, ob es den Hof, die Fabrik, die Firma, die Branche morgen überhaupt noch gibt. So geht es uns doch inzwischen. Solch eine Liebe ist keine bittere Liebe, die nur durchhält, weil es keine Alternative gäbe, diese Liebe hat etwas von der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, die trotzdem da ist, auch wenn Gott sich nie sicher sein kann, was seine Geschöpfe alles anstellen. Hinter dieser Liebe steht viel Vertrauen in das geschenkte Leben, in das positive Gestalten, das Gott von uns will, diese Liebe ist verbunden mit der Treue zu der Aufgabe, die für uns da ist, sie ist gelebte Verantwortung für diese Welt und ihre Menschen.

Erntedank ist nicht zuletzt die Freude über all die Menschen, die mit Liebe leben und mitgestalten, Menschen, denen wir viel verdanken, denen auch wir viel geben konnten. Im Miteinander dürfen wir nicht nachlassen, zwischen Frauen und Männern, Jungen und Alten, Reichen und Armen, katholischen und evangelischen Christen, hier gilt es zu säen und zu ernten, das Energiefeld des heiligen Geistes aufzubauen, das uns und diese Welt trägt und nach vorne bringt.

Unter der Erntekrone in der Kirche wird einem schnell klar, was in diesem Leben zählt, worauf es ankommt, was wir nicht versäumen dürfen, Tropfen des Glaubens, Strahlen der Hoffnung, Momente der Liebe. Damit unsere Seele antworten kann, wenn sie gefordert wird, damit wir reich werden bei Gott.

Amen.