Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 12,41-48

Moderator des Reformierten Bundes Pfarrer Peter Bukowski

in der Synode der Lippischen Landeskirche

© reformiert.info

Ob es Ihnen passt oder nicht: Sie sind gemeint, speziell Sie, die in ihrer Gemeinde und Ihrer Kirche besondere Verantwortung übernommen haben. Die Kirchenältesten und die Kirchenbeamten, die Synodalen die Pfarrerinnen und Pfarrer, ich selbst also auch. Uns ist viel gegeben, darum wird man bei uns viel suchen - uns ist viel anvertraut, darum wird man von uns umso mehr fordern und wehe uns, wenn wir unserer Verantwortung nicht gerecht werden!

Als ahnte er schon, daß die Sache heikel wird, hat Petrus unmittelbar vor den Worten über den treuen und den treulosen Verwalter gefragt: Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns oder auch zu allen? (V.4 1) "Zu allen" wäre gut. Denn wenn alle gemeint sind, dann bin jedenfalls nicht nur ich gemeint, sondern auch die andern, und dann sind womöglich die andern ein wenig mehr gemeint als ich, so daß ich getrost zuwarten kann ob und wie die anderen sich Jesu Worte zu Herzen nehmen. Nicht wahr, wenn's um Rechenschaft, wenn's gar um Gericht geht, dann wird auch der autoritärste Knochen unversehens zum Radikaldemokraten und entdeckt ein Herz für die anderen. Da wird der Adam plötzlich ganz partnerschaftlich: "Das Weib, das du mir zugesellt..." - und die Eva wird mitgeschöpflich: "Die Schlange betrog mich, so daß ich aß."

Professor Karl-Wilhelm Dahm hat kürzlich im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland eine Befragung zum Thema Pfarrberuf durchgeführt. Ein Ergebnis ist in unserem Zusammenhang aufschlußreich: Pfarrerlnnen und Kirchenälteste wurden gefragt, ob sie die pastorale Vorbildfunktion für wichtig erachten. Das Ergebnis: Für die Vorbildfunktion des Pfarrers / der Pfarrerin sprachen sich drei mal mehr Presbyter aus als Pfarrer. Darauf angesprochen sprudelten die theologischen Argumente nur so: immerhin hätten wir Protestanten doch das Priestertum aller Gläubigen (in Worten: aller) - von der Rechtfertigungslehre ganz zu schweigen. Dabei möchte ich die Kirchenältesten ernsthaft bitten, jetzt nicht schadenfroh zu werden. Denn ich bin sicher, das gleiche Unverhältnis ergäbe sich, wenn man Kirchenälteste und sogenannte normale Gemeindeglieder nach der Vorbildfunktion der Kirchenältesten befragen würden. Ich habe es bei Gemeindeberatungen wieder und wieder erlebt, daß die jeweils zur Rechenschaft Gezogenen groß darin waren, diese von sich wegzudelegieren bzw. zu vergesellschaften. Man wünscht sich, es ginge bei uns immer so partnerschaftlich, und so gemeinschaftlich und so großzügig zu wie beim Abschieben und Weitergeben von Verantwortung.

Eben deshalb müssen wir uns den Einspruch des Evangelisten gefallen lassen. Gerade wo es um Rechenschaft geht, sind nicht alle gleich. Vielmehr gilt: Wem viel anvertraut ist, bei dem wird man viel suchen. Aus dieser Verantwortung kann sich eine Gemeinde- und eine Kirchenleitung nicht wegstehlen. Nicht von ungefähr hat Lukas im Erzählen des Gleichnisses Jesu Worte gewählt, die diesen Sachverhalt unterstreichen: Der Haushalter, im Griechischen der "Ökonom" ist nun mal nicht einer unter vielen, auch nicht einer wie alle, er ist "anders", hat eine besondere Funktion und damit eine herausgehobene Position. Gewiß, die Grenzen sind nicht starr. Lukas geht es um das Einüben von Verantwortung und nicht um die Inthronisation einer klerikalen Kaste mit entsprechend pfäffischem Gehabe - das gerade nicht! Darum mag es gut sein, sich daran zu erinnern, daß im 1. Petrusbrief auch einmal jede und jeder in der Gemeinde als Haushalter der bunten Gnade Gottes bezeichnet werden kann (1Petrus 4, 10). Aber das eine hebt das andere nicht auf: Sie als Synodale gehören nun einmal zu denen, die mit besonderer Verantwortung betraut sind. Da gibt's kein Sich-Wegstehlen, und käme es auch noch so klug und theologisch gebildet daher. Darum lassen Sie uns fragen, welche Orientierung uns das Gleichnis für unseren besonderen Dienst bietet.


II.
Was zeichnet den klugen und treuen Haushalter aus? Mit einem Wort gesagt: Er tut den Seinen gut. Womit? Indem er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht. Näher am Urtext: indem er ihnen zur rechten Zeit das Lebensnotwendige austeilt. Das Lebensnotwendige - in der Matthäusparallele heißt es ganz elementar: Er gibt ihnen zu essen. Liebe Schwestern und Brüder - darum geht es in all unserem gemeindlichen und kirchlichen Tun - nur darum: daß die uns Anvertrauten bei uns satt werden an Leib und Seele. Darum geht's, daß sie durch unser Reden und Tun und durch unseren Umgang miteinander bei Kräften bleiben oder zu neuer Kraft finden, Wegzehrung erhalten oder überhaupt erst wieder auf die Beine kommen. Am Ende des Johannesevangeliums wird erzählt, wie der auferstandene Jesus den Säulen der Jüngerschaft am See Genezareth begegnet. Sie, für die längst schon wieder der Alltag eingekehrt ist, konfrontiert Jesus mit der alles entscheidenden Frage: "Kinder, habt ihr nichts zu essen?" (Joh 21,5). So fragt er damals und so wird er seine Kirche bis ans Ende der Zeit fragen: Habt Ihr etwas, das nährt? Habt Ihr Brot für die Hungernden, Gerechtigkeit für die, die Unrecht leiden, Bleibe für die Unbehausten, Trost für die Traurigen, Wärme für die erstarrten Seelen? Habt Ihr was? Wird man bei Euch satt?

Das Lebensnotwendige, verstanden als das Sättigende, muß, wie es heißt, "zur rechten Zeit" weitergegeben werden, das schließt ein: situationsgerecht. Wer sättigen will, muß die Frage beantworten: Wer braucht was wann? Liebe Schwestern und Brüder, das klingt so selbstverständlich und ist doch so schwer! Was hätten wir uns an Richtungsstreitigkeiten und Grabenkämpfen in der Kirche nicht alles ersparen können, wenn wir uns in diese Frage eingeübt hätten, statt uns am unseligen Entweder-Oder wund zu reiben: Evangelisation oder politisches Engagement - Verkündigung oder Diakonie - Ökumene oder Volksmission - alles Quatsch (auch wenn's in Form theologischer Konzeptionsdebatten klug daherkommt), weil hier die Frage nach der rechten Speise erörtert wird unter Ausklammerung des Hungrigen und seiner Situation!

"Zur rechten Zeit" - das meint gewiß auch: frische Speise. Wenn es wahr ist, daß die Güte des Herrn alle Morgen neu ist, dann muß auch das, was die Haushalter von den Gütern des Herrn weitergeben, Frischkost sein. Kein Instant, kein fast food und bitte keine Konserven! Mit dem "Zur rechten Zeit" ist der zeitlosen Wahrheit ein für alle mal das Recht verwehrt.

Und noch etwas: Der Verwalter soll den Leuten das Lebensnotwendige aus den Beständen seines Herrn geben. Als Mitarbeiter und erst recht als Gast dieses Hauses habe ich ein Recht darauf, zu wissen, wo ich bin. Damit sind den Möglichkeiten des (geistlichen) Catering Grenzen gesetzt. Also laßt uns zeitgemäß und situationsgerecht weitergeben, was uns anvertraut ist: die unverwechselbare Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Bund und Treue hält ewiglich und der nicht losläßt das Werk seiner Hände.

Denn selig sind wir, wenn der Herr uns das tun sieht. Das Tun wird, gut jüdisch, noch einmal eigens unterstrichen. Ob der Haushalter treu ist, entscheidet sich im letzten nicht an seiner Haltung, sondern an seiner Handlung. Nicht an seiner Gesinnung (die allein macht nicht satt), sondern an seinen Taten. Wenn der Herr wiederkommt, fragt er allenfalls in dritter oder vierter, Linie danach, welche Meinung wir vertreten haben und was wir im Blick auf die geistlich oder leiblich Hungernden an Statements abgegeben haben. Er wird vielmehr prüfen, ob unsere Worte und Taten praktisch und faktisch seine Güte bezeugt und den uns Anvertrauten gedient haben.

Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie mich Ihnen wenigstens mit wenigen Worten zu sagen, wo ich Ihr Bemühen um treue und weise Haushalterschaft als hilfreich und orientierend erlebe. Nur Stichworte kann ich nennen. Das erste lautet: Bibel (also: Zeugnis); ich danke Ihnen für Ihr intensives Bemühen, den biblisch bezeugten Grund unserer Hoffnung, die Quelle unserer Kraft auf vielfältige und kreative Weise in Erinnerung zu bringen und weiter zu geben. Auch unsere Reformierte Liturgie, an deren Entstehen Sie intensiven Anteil hatten, ist Teil dieses Bemühens. Zweites Stichwort: Gerechtigkeit (also: Dienst). Was Sie gerade zum Thema der ökonomischen Gerechtigkeit erarbeitet haben, war im reformierten Bund, ja sogar im Reformierten Weltbund ermutigend und orientierend. Und schließlich: Gemeinschaft; Sie waren und sind weit über die Grenzen Ihrer Landeskirche hinaus wichtige Zeugen dafür, daß kirchliche Gemeinschaft glaubwürdig gelebt werden kann nur dann, wenn sie neben der Innen- auch eine Außenperspektive hat: die Gemeinschaft der Kirchen. Ihr ökumenisches Engagement ist wohlbekannt: sei es im südlichen Afrika oder in Togo und Ghana, in Mittel- oder in Osteuropa. Sie nehmen Partnerschaft als Lebensäußerung der Kirche wahr, und ich freue mich, daß ich heute Zeuge des Partnerschaftsvertrages zwischen Ihrer Kirche und der reformierten Kirche in Ungarn sein kann.

Wo immer Sie sich als treue und weise Haushalter erwiesen haben und erweisen, blüht ihnen - Seligkeit. Seligkeit, das ist Bestätigung und Segen. Wachstum des von uns Begonnenen.
Und Weitung des Horizontes: "Wahrlich, ich sage euch: er wird ihn (den treuen Haushalter) über alle seine Güter setzen."


III.
Fast ist mir, als müßte ich mich entschuldigen, wenn ich nun auch noch einiges über den verfehlten Weg jenes verantwortungslosen Knechtes sage. Aber das ist deshalb zwingend notwendig, weil es sich bei ihm nicht um einen anderen, zweiten Menschen handelt, sondern vielmehr um ein und denselben, der vorher in seinen positiven Möglichkeiten gezeichnet wurde. Offenbar will Jesus darauf hinweisen, daß jeder von uns, auch der treuste und klügste den anderen, den, der in die Irre geht und abstürzt als Versuchung, als Schatten mit sich trägt.

War der treue Haushalter der, der den ihm Anvertrauten gut tut, so ist der verantwortungslose (er wird jetzt nur noch "Knecht" genannt, offensichtlich weil er seiner zugedachten Rolle nicht mehr gerecht wird) derjenige, der den Seinen schadet. Und zwar auf dreifache Weise: durch Selbstbezogenheit, durch Machtmißbrauch und durch Rausch: Da wird in die eigene Tasche gewirtschaftet, da werden die Grenzen anderer verletzt, und da herrscht am Ende nur noch Nebel.

Es wäre viel zu harmlos, zur Illustration irgendwelche spektakulären Greueltaten der Kirche Revue passieren zu lassen. Das, was uns als bedrohlicher Schatten begleitet, wird in aller Regel alltäglicher, verborgener, aber nicht weniger abgründig daherkommen. Da sind theologische Sätze und Argumente nicht länger nahrhafte Speise für den anderen, nein, sie werden zur Waffe gegen den anderen. Zur Waffe, mit der ich ihn einschüchtere, mir gefügig mache, platt mache, schachmatt setze. Da wird aus der befreienden Botschaft eine Fessel, die Menschen bindet, eine Peitsche, die verwundet.
Man muß das gar nicht wollen, es reicht schon Unachtsamkeit, um hier in eine gefährliche Schieflage zu kommen. Die Grenze ist schmal zwischen notwendiger Wahrheitsliebe und nervender Rechthaberei, zwischen evangelischer Vollmacht und selbstverliebtem Machtgehabe. Und - wenn ich jetzt einmal für die Pfarrer reden darf - es erwächst eine besondere Versuchung daraus, daß wir uns mit der Weitergabe des Evangeliums den eigenen Lebensunterhalt verdienen müssen. Was für andere Berufe selbstverständlich ist, ist für uns eine dauernde Gefahr: daß wir einerseits treu das Evangelium ausrichten zu wollen, aber andererseits eben mit dieser Tätigkeit Einfluß nehmen und Erfolg haben zu wollen. Da lauern Abgründigkeiten, die Eduard Thurneysen einmal zu dem Ausruf bewogen haben, der Beruf des Theologen sei ein von Grund auf verfehlter Beruf! Da bedürfen wir Pfarrerinnen des Verständnisses und der Fürbitte der Geschwister!

Wenn wir auf Abwege geraten, werden wir zur schädlichen Kirche, die den Menschen nicht mehr gut tut, sondern die sie hungrig läßt oder sie gar verletzt. Wo Menschen nicht wachsen, sondern verkümmern. Und statt Treue und Klarheit finden sie Nebel. Stell dem treulosen Verwalter einfache Fragen: Wo bin ich hier? Wofür steht dieses Haus? Was habe ich hier zu erwarten? Und du kriegst zur Antwort gewundenes Gestammel, Ausflüchte, Umwege, kurzum: Rhetorik eines Betrunkenen.

Und was das Schlimmste ist: Am Anfang dieses Irrweges steht keine manifeste Bosheit, sondern ein Selbstgespräch über Gott: "Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an.." Das war und das ist der Anfang von Elend der Kirche, wenn sie der Gegenwart und damit der Zukunft ihres Herrn nicht mehr sicher ist. Wenn sie sich nicht mehr von ihm gesammelt, geschützt und erhalten weiß, dann kann sie gar nicht anders, als das zu tun, was sie nie tun dürfte: sich um sich selber sorgen, in die eigene Tasche wirtschaften, sich betäuben. Damit aber schädigt sie nicht nur andere, damit richtet sie sich selbst zugrunde. Wir hörten: Der Herr wird den treulosen Knecht in Stücke hauen lassen. Das Gericht wird hier mit den Farben der antiken Rechtsprechung ausgemalt. Uns ist dieses Bild fremd, unbekannt ist es uns nicht - zumindest was die Kirche als ganze betrifft, denn bis zum heutigen Tag bietet sie das Bild eines in einzelne Stücke zertrennten Leibes.


IV.
Wem viel anvertraut ist, von dem wird man viel fordern. Liebe Schwestern und Brüder, ich sprach eingangs von unserer besonderen Verantwortung. Es steht viel auf dem Spiel. Aber, gerade deshalb möchte ich zum Schluß noch einmal unterstreichen, daß uns hier kein gleichschenkliges Dreieck vor Augen gemalt wird, mit Christus in der Spitze und uns als entweder in die Ecke der Treuen oder der Treulosen gestellten. Bei Jesus gibt's keine Statik von Gut und Böse. Nicht von ungefähr redete er von ein und demselben Verwalter, der hierhin gehört und von dorther bedroht ist. Nun gibt es Bedrohungen, denen erliegt man gerade dann, wenn man zu lange zu intensiv hinblickt. Jesu Warnung ernst nehmen kann deshalb nun nicht bedeuten, ständig vor sich hinzumurmeln: "Bei mir wird man viel suchen, von mir wird viel gefordert." Unsere Treue wird wachsen, wenn wir uns täglich daran erinnern lassen, wie viel uns gegeben, wie Wunderbares uns anvertraut ist. Das Gewahrwerden der Fülle wird uns am ehesten davor bewahren, kleinlich zu klammern und auf Kosten anderer zu wirtschaften. Laßt uns immer daran denken: Als Haushalter, als Ökonomen des lebendigen Herrn Jesus Christus sind wir unheimlich reich. Er schenkt uns Trost im Leben und im Sterben. Er vertraut uns an: die Botschaft von Gottes freier Gnade für alle. Das reicht für uns und für die anderen. Das ist mehr als genug.