Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 1,26-35+38

Prof. Dr. Okko Herlyn (ev)

24.12.2010 in der Ev. Kirche Duisburg-Rumeln

Christmette am Heiligabend 2010

Jungfrauengeburt mit Verstand

Ich treffe sie am Glühweinstand auf dem Bochumer Weihnachtsmarkt. Sie ist Studentin unserer Hochschule und gehört zu jener Generation junger Leute, der mein ganzer Respekt gilt: selbstbewusst, fit an Körper und Geist, Laptop und Facebook, karriereorientiert. Nicht unsympathisch.

 

Wir kommen so über dies und das ins Gespräch. Was sie denn Weihnachten so mache. Ach, wenn sie ehrlich sein solle, sie sei gar nicht so schrecklich religiös. Doch so ein bisschen Romantik und sentimentale Stimmung gehöre für sie nun einmal doch schon dazu. Deshalb werde sie Heiligabend wohl auch in den Gottesdienst gehen. Eins allerdings habe sie an Weihnachten immer gestört. Das sei diese Geschichte mit der Jungfrauengeburt. Schon damals im Konfirmandenunterricht, als man noch häufiger in den Gottesdienst gehen musste, habe sie an der Stelle im Glaubensbekenntnis, wo es um das „geboren von der Jungfrau Maria“ ginge, immer eine Pause gemacht. So etwas zu glauben, sei doch völlig absurd. Sie sehe nicht ein, dass sie ihren Verstand an der Kirchtür abgeben müsse.

 

Hat sie recht? Ist es so, dass wir bei der Botschaft von Weihnachten unsern Verstand an den Nagel hängen müssen? Müssen wir an die Jungfrauengeburt glauben?

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Besonders häufig wird die Sache mit der Jungfrauengeburt in der Bibel nicht erwähnt. Zwei, drei Stellen mögen es sein. Eine davon habe ich mitgebracht:

 

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!  Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

 

 

Man kommt dieser Geschichte vielleicht am besten auf die Spur, wenn man sein Augenmerk zuerst auf ein paar vermeintliche Äußerlichkeiten richtet.

 

Da ist zunächst Galiläa. Eine kleine Provinz im Norden des Landes. Im Bewusstsein der Leute eher ein wenig hinterwäldlerisch. Läge Galiläa in Deutschland, so hieße es vermutlich Ostfriesland oder Uckermark. Na, jedenfalls die ganz große Weltpolitik spielt sich hier in Galiläa nicht ab. Und ausgerechnet hierhin kommt der Engel Gottes.

 

Dann: Nazareth. Ein trübes Nest mit ungutem Ruf: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ so sagen sie Leute. Wir kennen solche Orte, von denen angeblich nichts Gutes zu erwarten ist. „No-go-Areas“ sagen die Amerikaner dazu. Gegenden, die der friedliche Bürger besser meidet. „No-go-Area“ Nazareth. Und ausgerechnet hierhin kommt der Engel Gottes.

 

Und schließlich: Maria. Wer ist sie? Eine Heilige? Eine reine, unbefleckte Magd? Madonna, Mutter Gottes, Himmelskönigin? Ohne unseren katholischen Mitbrüdern und Mitschwestern zu nahe treten zu wollen, aber von alledem sagt unser Text nichts. Maria ist ein einfaches, unbekanntes Mädchen in der Provinz. Sein jüdischer Name: „Miriam“. Und ausgerechnet zu ihr kommt der Engel Gottes.

 

Hinterwäldlerische Provinz, „No-go-Area“, einfaches jüdisches Mädchen. Es hat allen Anschein, als seien wir mit diesen vermeintlichen Äußerlichkeiten dem eigentlichen Wunder von Weihnachten bereits dicht auf der Spur. Dem Wunder nämlich, dass Gott schlicht zur Welt kommt, Mensch wird. Nein, was sage ich? Nicht einfach Mensch wird. Dass Götter Menschen werden, das gab es in den antiken Religionen zuhauf. Meist waren das brüllende Heroen auf irgendwelchen Schlachtfeldern. In unserer Geschichte indes kündet sich Gottes Kommen in seine Welt sehr unheroisch an: in Galiläa, in Nazareth. Und genau so kommt er wenig später tatsächlich zur Welt: nicht in einem Prachtbau, sondern im Stall. Nicht in einem königlichen Luxusbett, sondern in einer unhygienischen Futterkrippe. Nicht bei den Reichen und Schönen, sondern bei einem einfachen jüdischen Mädchen, das sich selbst als „Magd“ bezeichnet.

 

Das ist das eigentliche Wunder von Weihnachten. Ein Wunder, hinter dem alle anderen Wunder, die es geben mag, weit verblassen müssen: Dass der große und heilige Gott sich nicht zu schade ist, es mit unserer kleinen und schäbigen Welt überhaupt zu tun haben zu wollen. Dass er, „der Höchste“, sich für sein Kommen ausgerechnet die „No-go-Areas“ seiner Erde aussucht, das fasse, wer kann. Galiläa, Nazareth, später: Stall und Krippe, geboren von einer einfachen Magd – nur auf diesem Hintergrund tritt das eigentliche Wunder von Weihnachten hervor.

 

Was Wunder, wenn der Evangelist Lukas uns von diesem Wunder mit Hilfe einer Wundergeschichte erzählt! Wenn er versucht, das Unerhörte der Menschwerdung Gottes, dieser Menschwerdung Gottes, nun in einer Geschichte erzählt, die selbst etwas Unerhörtes, ja geradezu Anstößiges an sich hat: eben eine Jungfrauengeburt. Zu Hilfe kam ihm dabei eine alte Verheißung aus der Bibel. „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel“, so heißt es etwa bei dem Propheten Jesaja. Dieses alte Wort baut er nun in seine Geschichte fast wörtlich ein. Lukas ist ein frommer Mann und dessen gewiss, dass in diesem Jesus sich tatsächlich die Verheißung auf einen Messias erfüllen wird. Aber – ist es uns aufgefallen? – Lukas macht aus der „jungen Frau“ nun eine „Jungfrau“.

 

Ein peinlicher Versprecher? Oder ein bloß geistreichelndes Wortspiel? Hat der Mann seinerzeit im Biologieunterricht nicht richtig aufgepasst oder ist er schlicht verrückt geworden? Gemach. Lukas war nicht nur ein frommer, sondern auch ein sehr gebildeter Mann. Von Beruf Arzt. Wir dürfen ihm unterstellen, dass er über die biologischen Abläufe von Zeugung und Geburt Bescheid wusste. Aber warum dann diese absurde Geschichte mit der Jungfrauengeburt?

 

Um hier einen Schritt weiterzukommen, muss man sich klar machen, dass es in der Antike, etwa in Ägypten durchaus üblich war, ein neugeborenes Königskind mit dem Titel „von einer Jungfrau geboren“ zu schmücken. Es sollte die außergewöhnliche Besonderheit eines solchen Kindes zum Ausdruck bringen. Lukas, der mit seinem Evangelium sich ja genau das vorgenommen hat, nämlich die Besonderheit, ja das Wunder des Kommens Gottes in seine Welt zu predigen, greift nun zu einem erzählerischen Mittel, das zumindest seine Zeitgenossen sehr wohl verstanden: In dem Kind in der Krippe wird ein König zur Welt kommen. Gewiss ein sehr anderer König als die in den Palästen Ägyptens. Aber dennoch ein König. Was heißt: ein? Der König schlechthin: „Er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“

 

So gesehen kann ich den Lukas mit seiner Jungfrauengeburt durchaus verstehen. Ich brauche dabei meinen Verstand gar nicht an den Nagel zu hängen. Ganz im Gegenteil. Ich muss ihn dazu kräftig in Anspruch nehmen, sonst begreife ich diese wunderbare Geschichte ja gar nicht.

 

So gesehen kann ich auch unsere Väter und Mütter im Glauben gut verstehen, die das berühmte „geboren von der Jungfrau Maria“ in unser Glaubensbekenntnis aufgenommen haben. Sozusagen als einen heilsamen Stolperstein, der uns davor bewahrt, das unerhörte Wunder von Weihnachten nicht zu schnell zu übergehen, nicht zu rasch in die Ecke des Romantischen und des Stimmungsvollen abzuschieben.

 

So gesehen kann ich auch alle die Christinnen und Christen gut verstehen, die hier Sonntag um Sonntag wacker mitbekennen: „geboren von der Jungfrau Maria“. Nicht als ein intellektueller Opfergang, bei dem wir für ein paar Sekunden alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über den Haufen werfen müssen. Sondern als ein ganz kleines, schwaches, staunendes Echo auf die Botschaft von dem Gott, der es – o Wunder – auch mit uns zu tun haben will. Als kleiner Hinweis darauf, dass Gottes Kommen in eine Welt, die weitgehend von ihm nichts wissen will, alles andere als selbstverständlich ist.

 

Der christliche Glaube glaubt nicht an eine biologische Absurdität. Er glaubt an den lebendigen Gott. Dazu ist Christus geboren. Mitten in einer erbärmlichen Umgebung. O Wunder. Maria lässt dieses Wunder zu. Darin kann sie uns allerdings ein Vorbild sein: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“

 

Vielleicht treffe ich sie irgendwann einmal wieder, die selbstbewusste, vernünftige und nicht unsympathische Studentin unserer Hochschule. Nächstes Jahr an irgendeinem Glühweinstand auf irgendeinem Weihnachtsmarkt. Denn ich würde ihr wünschen, dass auch ihr in ihrer Welt des kühlen Kalküls und der forschen Karriereplanung irgendwann einmal dieser große und nahe Gott – wo und auf welche Weise auch immer – begegnen möchte. Und dass sie dabei um Himmels willen nicht ihren wundervollen Verstand an den Nagel hängen müsste, sondern ihn – um jenes wunderbaren Gottes willen – einsetzen dürfte für eine Welt, die Gottes Kommen auch heute noch bitternötig hat.