Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 1,26-38

Jan von Lingen (ev.-luth.)

19.12.2010 in der Marktkirche Hannover


Liebe Gemeinde,
kennen Sie den „englischen“ Gruß? Bevor Sie jetzt in ihren Englisch-Kenntnissen kramen und überlegen, wie in England wohl gegrüßt wird – verrate ich es Ihnen lieber gleich: Nein, dieser Ausdruck hat nicht mit England zu tun. Der „englische Gruß“ ist ein Begriff aus der Theologie und bezieht sich auf eine ganz besondere und ungewöhnliche biblische Geschichte. Sie ist unser heutiger Predigttext. Und in diesem „englischen“ Gruß grüßt – na, vielleicht ahnen Sie es schon – ein „Engel“. 

Im Lukasevangelium im 1. Kapitel heißt es:
26 Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, 27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? 30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. 32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, 33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. 34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? 35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. 36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Gemeinde: Die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel. Wenn wir jetzt durch die Reihen gehen würden und fragen würden, wie Sie diese Geschichte hören, was sie dabei empfinden, was Ihnen dazu einfällt – die Reaktionen wären wohl sehr unterschiedlich...

Die einen haben vielleicht Bilder vor Augen. Denn wie oft wurde diese Szene von Künstlern dargestellt! Auf Altarbildern, Kirchenfenstern, Gemälden. Meist sehen wir sehen Maria in einem blauen Gewand. Das ist die Farbe des Himmels und der Götter, denn blau war die kostbarste Farbe des Altertums. Im Gewand einer Königin sehen wir aber --- eine Magd. Oft ist sie in einem ganz normalen Haus zu sehen, einem Zimmer, vielleicht umgeben von Säulen oder Möbeln. Sie ist  bei der Hausarbeit. Maria näht oder liest, vielleicht betet sie auch. Ich kann mir vorstellen, wie allein schon dieses Motiv Künstler wie Boticelli oder Da Vinci gereizt hat: Maria eine von uns. Eine Magd im Königswand. Eine Angestellte mit einer großen Verheißung.

Bis der Blick auf den Engel fällt: Auch hier variieren die Darstellungen der Künstler: Die einen zeigen einen prächtigen Engel umgeben von himmlischen Heerscharen und Wolken – so oft dargestellt in der Zeit des Barock. Moderne Künstler zeigen das anders: In einem zeitgenössischen Bild kommt der Engel geradezu von der Straße, lehnt sich durch ein offenes Fenster und verkündet Maria in ihrem Wohnzimmer seine Botschaft. Ein anderes zeitgenössisches Bild zeigt den Engel bei seiner Verkündigung noch ungewöhnlicher: Er ist nur ein Lichtstreifen --- mehr nicht. Wie sollte ein Künstler auch einen Engel malen können! Aber: Dass der Engel tatsächlich da ist, das zeigt der Teppich, er ist verrutscht, hat eine Falte. Eine wunderbare Idee des Künstler: Engel sind nicht klar zu erkennen, aber sie bringen Unordnung in die Welt, sie stören unsere gewohnten Abläufe.

Zurück zu Maria! Sie lauscht! Sie lauscht auch auf dem großen neugotischen Bild hier in der Marktkirche. In einem der ausgemalten Fenster im Altarraum schwebt ein Engel vom Himmel herab, zu sehen sind auch eine Lilie und eine Taube, die Zeichen für Maria und den heiligen Geist. Wenn Sie möchten, schauen Sie mal nach dem Gottesdienst dieses Bild – folgen Sie dem Weihnachtsstern im Altarraum, und dann links!

Interessant ist wie unterschiedlich Maria reagiert. Auf dem Bild der Marktkirche ist Maria interessiert, sie betet. Auf anderen Bildern hat sie die Hände vorgestreckt – eine Abwehrhaltung. Manche Hände weisen den Engel zurück oder bedecken schützend das Gesicht. Oder ihre Hände sind zum Gebet gefaltet oder blättern in einem Buch, der Thora, unserem Alten Testament. Auf anderen Darstellungen zeigt ihre Hand auf sie selbst: Meinst Du wirklich mich, Engel?

Wenn Sie diesen Predigttext hören – denken Sie also an Bilder? Jetzt zumindest ja! Wenn ich nun ein paar Reihen weiter gehen und fragen würde, vielleicht würden andere sagen: Ich hab´s nicht so mit Kunst. Mit Engeln kann ich auch nichts anfangen. Sie sind nicht einmal genuin christlich oder jüdisch, sie kommen ja auch in anderen Religionen vor. Vielleicht sagt jemand: Engel gehören für mich eher in das Reich der Erzählungen.

Tatsächlich gibt es auch für diese Deutung Argumente:
Vielleicht sind wir beim Kern der weihnachtlichen Texte. Denn einzig und allein der Evangelist Lukas erzählt von der Verkündigung des Engels. Warum schweigen die anderen Evangelisten Matthäus, Markus, Johannes? Und als Lukas diese Geschichte und sein Evangelium niederschreibt sind 90 Jahre vergangen seit der Geburt Jesu. Was für ein Zeitraum! Während Lukas seine „Vor-Weihnachtsgeschichte“ notiert, liegen also zwei, drei Generationen zwischen ihm und den Ereignissen um die Geburt Jesu. Ist es da nicht möglich, dass sich Legenden gebildet haben?

Liebe Gemeinde, auch diese Antwort ist möglich und hat ihr Recht. Aber wir können und müssen diese Frage nicht abschließend beantworten und entscheiden, darauf könnte ein anderer hier in den Bankreihen hinweisen: „Wir können und müssen nicht diskutieren über Engel! Das gilt genauso für ihre Botschaften, das entzieht sich unserem verstehen.“ Stimmt! Wie soll das sein – ohne Mann, fragt Maria Und der Engel sagt: Der Geist Gottes wird über Dich kommen. Darum wird Dein Sohn „Gottes Sohn“ genannt...

Ich möchte das gerne so deuten: Tatsächlich lassen sich Engel und ihre Botschaften nicht mit dem Verstand begreifen. Sie entziehen sich unserem Verstehen, lösen kein Geheimnis, sondern deuten vielmehr ein Geheimnis an. Engel sind Boten, die immer dann zur Stelle, wenn Großes geschieht. Engel und ihre Botschaften bleiben dabei unangreifbar. Engel symbolisieren die Frage nach Gott, das ist ihr Wesen. Und sie erinnern uns daran, dass Gott ein Geheimnis bleibt. Das gilt auch für Ankündigung der Geburt Jesu.

Aber noch einen dritten Zugang sehe ich. Neben den farbenprächtigen Bildern, der argumentierenden  Logik, dem Verständnis für Engel und ihre Botschaften --- oder sagen wir: neben dem Schauen, dem Verstehen, dem Glauben – sind da noch die Worte --- unser Hören! Wie kunstvoll wird hier erzählt:

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!  Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?  Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben.

Es ist ein dreifacher Gruß des Engels:
Gott ist mit Dir. Du findest Gnade.
Es wird ein Sohn geboren.
Der sogenannte englische Gruß. Oder sollte man eher sagen: Der engel-lische Gruß?

Für katholische Christen ist hier ein Zentrum ihres Christseins. Manche sprechen die Worte des Engels nach – zum Beispiel mit Rosenkranz in der Hand, eine Gebetsschnur mit Perlen und einem Kreuz. Sie beginnen ihr Gebet mit den Worten des Engels „Gegrüßt seist Du Maria“. Und wir Evangelische? Nein, wir müssen nicht „marianisch“ werden, wir dürfen Distanz wahren und die Geschichte des Engels anders deuten.

Im Kern verstehe ich das so: Wir können uns die Weihnachtsbotschaft nicht selber sagen. Ein anderer muss uns ansprechen, die Botschaft mitteilen. Wir brauchen Boten, die uns erreichen – mitten im Alltag, zwischen dem was, zu tun ist oder gelassen werden könnte. Wo verrutscht unser Teppich im Alltag, weil uns eine himmlische Nachricht berührt? Wo halten wir im geschäftigen Tag inne, weil uns plötzlich wie aus heiterem Himmel klar, worum es Advent und Weihnachten eigentlich geht? Wann legen wir das Buch und das Laptop zur Seite, weil ein Stück Himmel auf die Erde kommt? Oder DAMIT ein Stück Himmel die Erde berührt?

Ich entdecke hier etwas, das zu unserem evangelisch-lutherischen Bekenntnis gehört. Die Antworten des Glaubens liegen nicht in uns selbst verborgen, so dass wir nur meditieren müssten, um zu Gott zu finden. Es geht vielmehr um das Wort Gottes, das uns gesagt werden muss. Das Wort, die Schrift – darauf baut sich unsere Kirche auf. In unserem Predigttext nimmt das Wort Gottes Gestalt, kommt in den Worten eines Engels. Es ist ein Gruß, ein Zuspruch, ein Versprechen, das uns erreicht zwischen Hausarbeit und Gottesdienst, zwischen Alltag und Festtag.

Liebe Gemeinde  --- wir können uns das Wort Gottes nicht selber sagen. Wir können uns auch die Weihnachtsbotschaft nicht selber sagen. Darum sind die Geschichten der Bibel so wichtig – sie beleuchten uns die Weihnachtsbotschaft und bereiten uns auf das Fest der Feste vor. 

... und manchmal geschieht das auf überraschende Weise. So wie in jener großen Einkaufspassage zur Mittagszeit. Das ist in einem kurzen Film im Internet zu sehen.

Es ist eine wunderbare Adventsgeschichte: Da sind Menschen beim Einkaufen. Sie unterbrechen ihren Vorweihnachtsstress. Stellen ihren Taschen ab, machen Pause und sitzen an Tischen. Teller klappern, Stimmengemurmel, irgendwo leise Orgelklänge. Jingle Bells. Plötzlich beginnt die Orgel eine neue Melodie. Es sind die ersten Töne aus Georg Friedrich Händels prachtvollem Halleluja-Chor aus dem Oratorium „Der  Messias“. 

Da plötzlich – eine junge Frau steht auf und singt zu den Orgelklängen so laut sie kann: „Halleluja, Halleluja“!
Verwunderte Blicke an den Tischen. Da steht ein junger Mann auf, stellt sich sogar auf den Stuhl und antwortet singend ebenso lauf und fröhlich: Halleluja!
Damit nicht genug, denn jetzt steigt das Pärchen am Geldautomaten zweistimmig ein - und sogar der Hausmeister im Blaumann, der gerade vorbei geht, singt mit. Und nach und nach stehen immer mehr Menschen auf - 100 Sängerinnen und Sängern singen vielstimmig. Erst jetzt wird klar: Sie sind Mitglieder eines Chors: Sie geben ein Überraschungskonzert in einem Einkaufszentrum. Gefunden habe ich ihre Geschichte im Internet. Es ist ein kurzer Film, der um die Welt geht.

Für mich ist dies die schönste Ankündigung der Geburt Jesu in unserer Zeit. Sie zeigt, was wirklich wichtig ist. Eben nicht nur der Einkauf oder die stressigen Vorbereitungen, sondern auch die Musik und die Botschaft der Weihnacht. Auf musikalische Weise entsteht mitten in der Ellenbogengesellschaft der Kaufhäuser plötzlich Gemeinschaft. Advent verbindet und geht zu Herzen, wenn wir dieser Zeit eine Chance geben. Und wenn sich im Gesang der „King of King and Lord of Lords“  angekündigt wird, dann ist das tatsächlich ein englischer Gruß – der dem „englischen Gruß“ in unserem Predigttext sehr nahe kommt, wenn es da heißt:
Er wird Sohn des Höchsten genannt werden; und er wird König sein in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
Ein Ankündigung der Geburt Jesu aus unserer Zeit. Und die Einkaufenden, die Passanten, wie reagieren sie?

 Wie Maria auf den vielen Bildern! Sie sind völlig überrascht. Sie hören, schauen. Kommen aus dem Staunen nicht heraus. Aber dann: Dann werden Handys gezückt, es wird gefilmt. Eltern nehmen ihre Kinder gerührt an die Hand, Senioren wischen sich die Tränen aus den Augen. Es geht ihnen so wie der überraschten Maria, die es zunächst nicht glauben kann und dann doch glauben lernt. Und auf immer mehr Gesichtern ist Freude zu sehen, Lachen, Begeisterung. Mehr als 23 Millionen Mal wurde der Film schon angeklickt.
Wäre das nicht eine Aufgabe für die kommenden Tage bis Weihnachten? Lauschen, staunen, glauben, sich freuen? Und diese Freude weitergeben?

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre uns Herzen und Sinne in Christus Jesus.  AMEN