Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 13,1-11

Pastor Bernhard Busemann

02.03.2008 in der Kirche in Heppens

Im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel „glaubwürdig“

Im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel „glaubwürdig“

Das Badezimmer des Glaubens
aus der Predigtreihe „Wo der Glaube zuhause ist“

Liebe Gemeinde,

Ein Morgen nach einer unruhigen Nacht.
Nicht entspannt und gekräftigt aufgewacht. Sondern schwere Gedanken, Sorgen, Träume haben keinen tiefen Schlaf zugelassen. Gleich Druck in der Seele: „O nein das und das kommt heute auf mich zu. Das habe ich nicht geschafft, dazu habe ich keine Lust, davor Angst.“

Es gibt ja solche Morgende, kennen wir alle, wo man sich erstmal ein ganz kräftigen inneren Ruck geben muss, um einen Fuss aus dem Bett zu tun und eigentlich lieber die Bettdecke hochziehen würde.

Das hilft aber auch nicht. Also raus aus dem Bett und als erstes natürlich ins Badezimmer. Wir sind angekommen im Badezimmer.

Unser Thema heute. Das Badezimmer ist der Ort für die ersten Schritte in den neuen Tag. Die Blase voll, die Augen noch verschlafen und verklebt, die Zähne nicht geputzt, der komische Geschmack im Mund, noch kein Schlag Wasser im Gesicht. Die Frische eines neuen Tages muss erstmal ankommen bei uns. Und wir müssen uns entleeren und wach werden. Das alles passiert im Badezimmer. In diesem intimen Raum in dem wir allein sein wollen, unbeobachtet. Der Raum mit der größten Bandbreite an Gerüchen. Vom edlen Parfüm bis zu eher niederen Düften – das soll sich jeder selbst vorstellen. Kann man, oder?

Das Badezimmer ist so auf der einen Seite ein sehr ehrlicher Raum, so ehrlich, dass es manchmal wehtut. Weil wir dort letztlich auch uns selbst ungeschminkt, nackt und mit allen Narben, Gerüchen, Pickeln, Falten und Fettröllchen begegnen. Und manchmal in der Tat beim Blick in den Spiegel denken: Kenn ich nicht! Will ich nicht kennen.

Aber das Badezimmer ist auch das ganz andere: Lässt uns eintauchen in die lebendige Frische des Lebens: Wasser, Dusche, ein wohlriechendes Entspannungsbad, oder sogar kleiner Whirlpool. Zähne putzen, Haare kämmen (das geht bei dem einen oder der anderen ein bisschen flotter), rasieren, frisch machen, Parfüm anlegen. Nett und dezent ein bisschen Schminke auftragen, den Schmuck anlegen und sich selbst gefallen und schön finden. Das Badezimmer ist der Raum der kleinen und großen Eitelkeiten und kann von hier aus ganz viel Lebendigkeit und Schönheit versprühen. Eine Startrampe in den Tag. Ein spritziges Cape Canaveral für die Seele.

Und diese zwei Seiten finde ich prickelnd. Das Badezimmer als ernüchternd ehrlicher Raum, in dem bloßgelegt wird und sich die Frage nach ganz persönlichen Schamgrenzen stellt.

Aber eben auch ein Raum von wohltuender und tiefgründiger Stärkung und Zuwendung. Wir sind mittendrin in ganz anregenden Fragen, die nahtlos unseren Glauben zuhause in unseren vier Wänden, unserem Leben berühren. Auf der Suche nach Gott im Badezimmer.

Und wir holen uns, um unseren Blick zu schärfen, noch gedankliche Verstärkung aus dem Bibeltext, den wir eben gehört haben (Lk 13,1-11). Jesus wäscht seinen Freunden die Füße. Spürbare Zärtlichkeit und Berührung, Nähe und Zuwendung. Aber eben auch Abgrund: Verrat. „Ihr seid nicht alle rein“. Und kleine Detailerzählungen die aufhorchen lassen: Es reicht wenn die Füße gewaschen sind. Dann brauche ich deine Hände und den Kopf nicht mehr waschen, sagt Jesus. Dann kannst du gestärkt gehen, Schritt für Schritt den Boden unter den Füssen gutmachen. Die Füsse waschen! Wer Konferfahrten mit Jugendlichen gemacht hat und dieses besondere Aroma von pubertierenden, durchgeschwitzen Turnschuhfüssen kennt, der weiß: Jesus spricht hier eine bodenständige Wahrheit aus. Auf jeden Fall – Füsse waschen!
Jesus zu unseren Füssen. Gott im Badezimmer.

Das sind Bilder, die uns im Glauben helfen können und neue Ideen entdecken lassen. Das eine, stärkend und klar wie reines Gebirgswasser: Gott als Kraft des sprühenden Lebens! Das berührt sehr und eröffnet eine Glaubensdimension, die wir alle kennen. Wenn gute Worte und Gedanken, zärtliche Berührung, tiefe Erlebnisse und Gesten uns umhüllen oder sich über unserem Leben ausgießen. Wie eine Dusche. Wie die Fußwaschung, die die Freunde von Jesus erleben. Eigenartig und besonders intim. Und doch ungemein spritzig und frisch, wohltuend und klar von unglaublicher Zärtlichkeit und Wärme. Ich glaube, so ist Gott ganz oft zu uns. Lässt uns großzügig teilhaben an der unergründlichen und unerschöpflichen Quelle des Seins. Schenkt uns Leben in seiner ganzen Fülle und Klarheit. Und wir ahnen: Das ist von Gott. Da hilft Gott uns auf die Sprünge, auf die Füße.

Aber da ist eben auch das andere: Der schonungslose Blick in den persönlichen Lebensspiegel, der so weh tut. Der schmerzhafte Satz „nicht alle sind rein“. Die Angst, wenn ich so nackt und ungeschminkt vor Gott stehe, ganz allein und unbeobachtet: Ob ich ihm gerecht werde, ob ich anderen Menschen gerecht werde? Oder mir selbst? Wir ahnen: Hinter den aufwendigen und glänzenden Fassaden unseres Lebens steckt oft verzweifelte Entfremdung, Lüge, Verwesungsgeruch und der Verrat der Schönheit des Lebens. Auch das wollen oder müssen wir vor Gott bringen. Dem ins Auge sehen, dass wir mit unserem Leben oft weit weg sind von der frohen Botschaft der Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Mich hat eine Geschichte eines sehr derben Zeitgenossen berührt. Er sitzt im Hochsicherheitsgefängnis. Und ich vermute, sein Strafregister hat es ziemlich in sich. In seiner kleinen Zelle ist alles in einem Raum: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer. Beim unausweichlichen Blick in seinen unzerbrechlichen Aluminiumspiegel (zerbrechliches Glas wäre zu gefährlich und ist nicht erlaubt) über dem kleinen Waschbecken sieht er jedes Mal sich. Über Jahre hinweg. Und er sieht natürlich auch die tiefen Abgründe seines Lebens. Unausweichlich. „Irgendwann waren zwei Typen hier von der Kirche“ erzählt er, „wir sind nicht richtig warm geworden. Aber sie haben ein Geschenk hier gelassen, das hat meinen Blick in den Spiegel echt verändert.“

Im Rahmen einer Aktion für die Jahreslosung vor wenigen Jahren wurden kleine transparente und selbstklebende Kunststofffolien im Knast verteilt. Rot umrandet steht in fröhlich tänzelnder Schrift auf dem Spiegel: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an.“

Ganz sicher ein guter Gedanke für uns alle, wenn wir nüchtern oder ernüchtert auf unser Leben schauen. Vielleicht sehen wir nicht tief genug? Auch bei uns selbst? Und wir werden demütig erinnert daran, dass wir ganz sicher nie alles sehen, sondern vieles übersehen und überhören – übrigens oft gerade die schönen und dankbaren Seiten unseres Lebens. Gott im Badezimmer – das heißt: Wir müssen uns immer wieder neu aufmachen, aufstehen, um die lebendigen und kraftvollen Zeichen Gottes zu entdecken.

Und uns erinnern: Immerhin taufen wir mit Wasser und im Namen des dreieinigen Gottes. Das lässt ganz tief blicken. Und hilft uns vielleicht, jeden Tag von neuem, Schritt für Schritt, die sprühende Frische und frohe Kraft des Lebens nicht loszulassen oder aus den Augen zu verlieren.

Amen.