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Predigt über Lukas 13,1- 5

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)


Buß- und Bettag 1999

Predigttext: Lukas 13, 1-5

„Um diese Zeit kamen einige Leute zu Jesus und erzählten ihm von den Männern aus Galiläa, die Pilatus töten ließ, als sie gerade im Tempel Opfer darbrachten; ihr Blut vermischte sich mit den Opferblut. Doch Jesus sagte zu ihnen: „Meint ihr etwa, daß sie einen so grausamen Tod fanden, weil sie schlimmere Sünder waren als die anderen Leute in Galiläa? Nein, ich versichere euch: wenn ihr euch nicht ändert, werdet ihr alle genauso umkommen! Oder denkt ihr an die achtzehn, die der Turm am Schiloachteich unter sich begrub! Meint ihr, daß sie schlechter waren als die übrigen Einwohner, Jerusalems? Nein, ich versichere euch: ihr werdet alle genauso umkommen, wenn ihr euch nicht ändert!"

Liebe Gemeinde,

die gleichen Fragen der Mitmenschen Jesu beschäftigen uns auch, wenn wir in den Nachrichten, in der Presse oder im Bekanntenkreis von einem tragischen Unfall hören, der Menschenleben gefordert hat.

Wir fragen nach den Unfallsgründen und auch nach den Schuldigen. Wir wollen es wissen, weil wir im Sinne der Wechselbeziehung von Ursache und Folge denken. Wir wollen den Grund kennen oder den Schuldigen benannt haben, um das Geschehen zu verstehen oder zu erklären. Eine Antwort auf einen tragischen Vorfall bringt unsere Sicht der Ereignisse in Ordnung. Wir können die Gründe des Vorfalls einsehen und wir haben auch die Schuldfrage geklärt und können dann auch den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen.

Doch wenn wir auch ab und an keinen einsichtigen Grund in ein tragisches Geschehen erfahren, dann vermuten wir den Anlaß in einem unergründlichen geheimnisvollen Vorgang oder in einer geheimnisvollen vergangenen Erbschuld zu sehen; denn alle Schuld rächt sich hier auf Erden. Nicht nur die Philosophen und Dichter denken so, sondern auch die Bibel, wenn wir uns das Gespräch der drei Freunde mit Hiob vergegenwärtigen. Jeder büßt für seine Schuld. Dies ist die landläufige Meinung und auch das Gesetz dieser Welt.

Viele Menschen unserer Zeit beschäftigen sich mit der hinduistischen Karmalehre und mit dem germanischen Schicksalsglauben, um unerklärbare Frage zu beantworten. Oder fragen wie eine Diakonisse, die mir von einen tragischen Unfall berichtet hat: „Gott, wo bist du gewesen?“ Der Mensch als denkendes und erkennendes Wesen will Einsicht in die Vorgänge und ganz besonders in die tragischen haben oder eine Erklärung bekommen.

So wird auch Jesus von seinen Mitmenschen mit gleicher Fragestellung bestürmt: „Warum sind diese Männer aus Galiläa von den Soldaten Pontius Pilatus im Tempel beim Opfern erschlagen worden?“

Die Fragenden sind außer sich, daß Menschen im Tempel bei einer Kulthandlung von den Römern erschlagen worden sind. Denn auch die Römer haben den Tempelkult nicht unterbunden, sondern geachtet. Daher die Frage nach den Gründen: „Warum werden gerade diese bei einer Strafaktion des Pontius Pilatus getötet?"

Doch hinter dieser Fragestellung verbirgt sich auch die Frage nach der Suche nach der Schuld. Jesus erkennt die Absicht der Fragenden: Sie wollen wissen, ob er die geheimen Vorgänge und Zusammenhänge aufdecken oder erklären kann. Die Menschen wollen von Jesus die Gründe wissen: ob diese Männer heimliche Sünder gewesen sind, über die plötzlich das Strafgericht hereingebrochen ist. Oder ob aus der Vergangenheit noch ungesühnte Verbrechen in die Lebensgeschichte der Männer hereinreichen.

Zu allen Zeiten und auch heute fragen Menschen nach der Schuld angesichts eines Unglücks, wie die Mitmenschen Jesus. In seinem Roman „Die Brücke von San Luis Rey“ schildert der Autor Thornton Wilder, wie ein Mönch sich zur Lebensaufgabe setzt, die Lebensgeschichte von sechs Menschen zu erforschen, die bei einem Brückeneinsturz in den Tod gerissen worden sind. Er versucht dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und will auch wissen, ob das Schicksal hier ein Exempel statuiert habe. Er erforscht jahrelang die Biographie der sechs Menschen und kann kein schuldhaftes Verhalten herausfinden. Seine Vorgesetzten verbieten ihn jedes weitere Forschen und vernichten seine Unterlagen.

Damit wird deutlich, daß die Schicksalsschläge nicht ergründbar sind. Es steht dem Menschen nicht zu, sich zu Richtern aufzuspielen; denn es erscheint als unmöglich, das Lebensschicksal anderer Menschen zu durchleuchten. Denn letzten Endes bleibt alles bei Mutmaßungen und die Vermutungen ohne Gründe. Es ist ein zweckloses Grübeln.

Auch Jesus beantwortet nicht die Fragen seiner Mitmenschen nach den Gründen angesichts der Tragödie im Tempel. Er sieht sich nicht berufen, über das Schicksal, die Gründe oder die heimliche Schuld grausam umgekommener Menschen zu reflektieren. Er will sich auch nicht auf diese Gedankenspur führen und damit in die Irre leiten. Jesus hat aus dem Hiobbuch gelernt. Er hat erkannt, wie nutzlos die Mutmaßungen seiner Freunde Hiobs über seine Schicksalsschläge sind. Er fühlt sich in seiner Not durch die angeführten Gründe seiner Freunde: Sünde, Schuld und Ungerechtigkeit seelisch allein gelassen, denn er kann sie nicht auf sich beziehen. Er ärgert sich sogar über ihre Argumentationsweise in seiner Not, weil sie ihm dumm schwätzen. Zum Schluß muß Hiob bei Gott für seine drei Freunde Fürsprache einlegen.

Für Jesus steht fest, daß das Schicksal sich nicht ergründen läßt. Aus diesem Grund enthält er sich jeden Urteils über die durch Pontius Pilatus getöteten Menschen. Offen gesteht er über sie, sie sind schlimmer gewesen als die anderen Menschen.

Ja, Jesus läßt sich mit seinen Mitmenschen angesichts des Mord im Tempels auf keine Diskussion über Schicksalsfragen ein. Ja, er gibt ihnen zu verstehen, daß er auch den unerklärlichen Einsturz des Turms am Schiloahteich, der 18 Menschen erschlagen hat, kenne und fragt seine Mitmenschen: „Meint ihr, daß die Menschen schlechter waren als die übrigen Einwohner Jerusalems?“ Mit dieser Beispielgeschichte nimmt Jesus seine Zuhörer ernst; denn er kennt ihre Fragen und Vermutungen. Er weiß, was sie ihm antworten werden. Darum gibt er selbst die Antwort: „Nein." Mit dieser Erklärung befreit Jesus die Menschen von unnützen Fragestellungen, vor allem auch vor Mutmaßungen und Schuldzuweisungen.

Jesus kennt den Menschen sehr wohl. Er weiß, daß keiner schuldig sein möchte. Er hat beobachtet, wie gerne andere Menschen ihre Mitmenschen die Schuld zu weisen. Damit verbietet er nicht, Menschen vor Verbrechen abzuhalten und zu bewahren. Doch, was er mit uns klären und verhandeln will, ist, daß angesichts tragischer Ereignisse Schuldzuweisungen unangebracht sind. Gewiß wir zeigen gerne mit dem Finger auf andere Menschen und sagen: „Du bist schuld!“ Doch Jesus will nicht, daß wir über den anderen richten. Immer wieder sagt er dies in seiner Botschaft. „Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen?" (Matthäus 7, 3)

Jesus will zum eigenen rechten Verhalten in der angefangenen Diskussion über Schuld anleiten. Deshalb schiebt er die Frage nach dem Schicksal des Anderen beiseite und fordert seine Zuhörer und damit auch uns auf, über sich und uns nachzudenken und sich zu ändern. „Wenn ihr euch nicht ändert, werdet ihr alle genauso umkommen!“ Jesus lenkt die Frage der Mitmenschen nach den Sünden der anderen auf die Fragesteller zurück. „Wie ist es denn bei euch?“ „Wer von euch noch nie gesündigt hat, der soll den ersten Stein auf sie werfen.“ (Joannes 8,7) „Meint ihr wirklich bessere Menschen zu sein als die anderen?“

Eigentlich geht es Jesus nicht darum, ob die Fragenden und auch wir bessere Menschen sind als die anderen, sondern wie sie sich und wir uns selbst und wahrnehmen und ob sie und wir ihr und unserer Verhalten ändern wollen.

Im griechischen Urtext steht für „sich ändern“: „Metanoete", das übersetzt heißt, wenn ihr eure Vernunft, euren Verstand nicht ändert. Wir können über Jesus Aufforderung sich zu ändern noch andere Vorstellungen finden, wie etwa: etwas in Gehirn, im geistigen Sinne verstanden, im Denkorgan und Denkvorgang, im Bewußtsein sich ändern und was sich verständlicher anhört, im Geist sich ändern, erneuern. Gerade eine solche Meditation über die Vorstellung „sich-ändern“ verhilft jedem denkenden Menschen zur klaren Einsicht und zur Vertiefung seiner Denkvorgänge über das „sich-ändern“ und „erneuern“.

Jesus spricht die Mitmenschen und uns auf ihre und unsere Fähigkeit und Bereitschaft zum Sinneswandel, zur Sinnesänderung an. Es ist die Aufforderung, das Leben besser zu gestalten. Jesus richtet sein Wort an den Einzelnen und bittet ihn, dies auf sich zu beziehen und zu bedenken.

Dieses Nachdenken über „sich-ändern“ erscheint als ein geistiger Vorgang. Darauf will Jesus seine Zuhörer ansprechen. Er fragt sie und uns also: Welches Geisteskind seid ihr denn? Wie sieht denn euer Denken über den anderen, über die Welt und Natur aus? Wir sieht es aus?

Wenn wir ehrlich sind, dann ergeht es uns genauso wie Jesus Mitmenschen. Wir können wie sie zugeben: Wir urteilen schnell über Menschen und Sachen, ohne das „Für und Wider“ abzuwägen. Wir haben desöfteren vorgefaßte Meinungen über unsere Mitmenschen und wir schätzen sie nach unserem Gutdünken ein, ohne mit ihnen gesprochen und sie verstanden zu haben. Natürlich denken wir von uns aus. Wir nehmen uns zum Maßstab und erblicken uns besser als die anderen.

Haben wir nicht in diesen Punkten manchmal unsere Gedanken und Vorstellungen zu überprüfen, um aus den vorgefaßten Vorstellungen auszubrechen? Müssen wir uns nicht ändern, damit wir in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zusammenleben. Damit es uns gut gehe.

Was Jesus seinen Mitmenschen und uns mit der Aufforderung „sich zu ändern“ ans Herz legt, ist: Überprüft euer Denken. Schaut, ob ihr in alten Vorstellungen verhaftet seid, denn alte Denkschablonen führen in das Verderben und können tötlich sein.

Wenn wir leben wollen und wenn wir lebendige Menschen sein wollen, dann ruft uns Jesus zur Sinnesänderung auf. Es gilt aus alten Vorstellungen herauszutreten, um Neues zu schaffen. Im Epheserbrief heißt es: „Laßt eure Gesinnung vom Geist Gottes erneuern! Zieht den neuen Menschen an, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat und der so lebt, wie Gott es haben will. Der Weg dazu ist euch durch das Wort der Wahrheit eröffnet, das nicht trügt.“ (Ephesser 4, 23 ff)

Damit wird ein geistiger Prozeß beschrieben. Denn es lassen sich letztlich immer kreative Ideen, geistige Kräfte, die Veränderung in der Gesellschaft und im Denken der Menschen bewirken nur durch die Sinnesänderung des Einzelnen einleiten. Wir können dies als Christen begreifen und auch der Meinung des Nobelpreisträgers Manfred Eigen zustimmen: „Wenn eine Lösung kommt, dann aus dem Gehirn, nicht aus den Genen.“

Doch wir haben sie von unserem Glauben an die Erlösung durch Jesus Christus inhaltlich zu füllen, indem wir alles vor Gott bedenken und an uns seinem Willen orientieren.

Jesus fordert den einzelnen Menschen zur Sinnesänderung auf. So wichtig nimmt er den Einzelnen. Denn wenn der Einzelne gesund ist, dann ist auch seine Umwelt gesund. Denn vom Einzelnen gehen die Veränderung in der Gesellschaft aus. Jesus schätzt den Einzeln, weil dieser an seinem Ort und in seiner Zeit mit seinen Mitmenschen spricht und handelt. Durch seinen neuen Geist trägt er zur Neugestaltung seiner selbst, der Gesellschaft und der Mitmenschen bei. Es ist so, daß der Einzelne durch seinen Geist die Atmosphäre und das Zusammenleben bestimmt und prägt.

Wenn wir am Buß- und Bettag einmal von dem Geist Christi dies überdenken, dann erkennen wir, warum Jesus uns zunächst auffordert: „Ändert Euch". Wir können dies tun, wenn wir unsere Selbsteinschätzung überprüfen und wahrnehmen wie wir unsere Stärken und Schwächen bewerten. Dies führt uns zur Befreiung von manchen falschen Vorstellungen und macht uns gelassen den Anderen gegenüberzutreten. Diese neue Erkenntnis geschieht durch die Begegnung mit Jesus. Sie erst ermöglicht unseren Mitmenschen als Geschöpf Gottes zu sehen und neu die Beziehungen zu ihm neu ordnen und verbessern. Wenn wir unsere Umwelt als Schöpfung Gottes ansehen, dann erkennen wir sie als unseren verantwortlichen Lebensraum.

Es gilt mit der Veränderung bei sich selbst anzufangen und dies strahlt dann aus und wirkt dann auch auf andere.

Damit das geschehen kann haben wir Gott um seinen Heiligen Geist zu bitten, daß er unseren Geist anspricht und wir mit ihm im Gespräch bleiben:

„Mache mich zum guten Lande,
wenn dein Saatkorn auf mich fällt.
Gib mir Licht in den Verstande
und, was mir wird vorgestellt,
präge du im Herzen ein,
laß es mir zu Frucht gedeihn.“ (Evang. Gesangbuch 166, 4)

Amen