Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 14,16-24

Pfarrerin Susanne Böhringer (ev.-luth.)

14.06.2015 in Wunsiedel

am 2. Sonntag nach Trinitatis

Stell dir vor, sagt Baschad in Damaskus zu seiner Frau Marjam: Wir haben das große Los gewonnen! Wir sind auf der Liste der Flüchtlinge, die nach Deutschland ausreisen dürfen. Ganz legal. Mit dem Flugzeug. Wir müssen nicht unser ganzes Geld den Schleppern geben, uns in enge Wagen durch die vielen Länder zittern, bis wir vielleicht irgendwo ankommen, wo wir in Sicherheit sind. Und das Beste ist: Wir dürfen deine kranke Mutter mitnehmen. Alle zusammen werden wir fahren. Ich habe ja gedacht, wir stehen das hier durch. Aber nach dem, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, habe ich keine Hoffnung mehr. So viele sind gestorben. Die Gewalt wird immer schlimmer. Unser Haus ist kaputt. Jeden Tag habe ich Angst um dich, um uns. Ich gehe nicht gern weg von zu Hause. Aber das ist vielleicht die einzige Chance, unser Leben zu retten. Wir sind eingeladen!

Liebste, sagt Simba in Kigali zu seiner Frau Mariama – es geht so nicht mehr weiter. Die Gewalt hier wird immer schlimmer. Jeden Tag habe ich Angst, dass sie mich auch in eine der Gewalttruppen zwingen – und ich möchte nicht töten. Ich möchte leben- für dich und die Kinder, die wir bekommen werden. Und ich möchte für euch sorgen. Hier gibt es keine Zukunft. Wieder habe ich keine Arbeit gefunden, trotz meiner guten Schulabschlüsse. In so ein Land  wie unseres, wo Gewalt und Korruption herrschen, investiert ja auch niemand! Wie soll hier jemals etwas entstehen! Ich mache mich auf den Weg nach Europa. Ich weiß, es wird schwer, aber ich werde durchkommen. Dort finde ich Arbeit, ganz bestimmt – und ich schicke dir das Geld. Dann kannst du hier für die Familie sorgen. Nein, sagt Mariama, ich lasse dich nicht gehen – und lebe hier weiter in Angst und habe außerdem noch Angst um dich. Wenn du gehst, gehe ich mit. Aber das ist viel zu beschwerlich! Das ist mit egal, wir schaffen das – auch, wenn wir wissen: Wir sind dort nicht eingeladen!

 

Was meinst du, sagt Sergej in Astana zu seiner Frau Marija: Sollen wir jetzt auch endlich nach Deutschland ausreisen? Mein Bruder hat uns eingeladen. Er hat jetzt ein Haus gebaut und meint, da wäre noch Platz für uns. Und Arbeit gibt es auch. Der ganzen Familie geht es ja gut in Deutschland, besonders meiner Mutter. Die hat ihr Leben lang von Deutschland erzählt, obwohl sie noch nie da war. Am Anfang war es schon schwer, da haben sie uns aus Kasachstan in Deutschland immer als Russen angesehen. Erst waren wir hier die verhassten Deutschen, dann dort auf einmal Russen. Aber jetzt, nach all den Jahren hat sich das gelegt. Freilich, gut deutsch sprechen muss man schon – aber das ist ja klar. Ich denke, das würden wir auch schnell lernen. Und mit unseren Berufen, du als Krankenschwester und ich als Elektroingenieur hätten wir gute Chancen. Meinst du, wir sollten es nochmal wagen? Etwas ganz Neues? Die Einladung von meinem Bruder steht.

 

Schau mal, sagt John in Boston zu seiner Frau Mary: Ich habe eine Einladung aus Deutschland bekommen. Zu meiner goldenen Konfirmation. Was ist das denn, goldene Konfirmation? Na, du weißt doch: In der lutherischen Kirche wird man erst getauft. Mit 14 Jahren gibt es eine große Feier und man sagt, dass man zur Kirche und zu Gott gehören will. Alle Verwandten kommen und man fühlt sich wichtig und erwachsen.  In der Kirche feiert man zusammen mit den anderen Jugendlichen. Ein Jahr lang gehört man zu dieser Gruppe und erlebt viel gemeinsam. Das war vor 50 Jahren – und wird jetzt wieder gefeiert. Ich hatte damals zwei sehr gute Freunde, Jürgen und Kurt. Die würde ich gerne wieder treffen. Was meinst du? Machen wir mal wieder einen Trip nach good old Germany? Ich weiß nicht, sagt Mary, eigentlich wollte ich doch mit Mutter  auf die Bahamas. Und von deinen Freuden kenne ich doch niemand! Fahr mal lieber alleine.

 

In einer kleinen Stadt in Deutschland bereitet sich die Kirchengemeinde auf ihr jährliches Gemeindefest vor. Wie immer soll es ein buntes, fröhliches Fest werden. Eines, an dem man merkt: Wir sind hier zusammen, weil wir etwas gemeinsam haben, so verschieden wir auch sind. In Gottes Namen kommen wir zusammen, jeden Sonntag im Gottesdienst. Bei den vielen anderen Gottesdiensten, die wir feiern und die die Menschen auf ihrem Lebensweg begleiten, den Taufen, Hochzeiten und  Beerdigungen, den Kindergartengottesdiensten, den Segnungen. Bei den wunderbaren Konzerten und vielen Veranstaltungen, die wir hier erleben. In den Chören, den Gruppen und Kreisen, im Kirchenvorstand, bei den Aktivitäten der Gemeinde: Wir leben hier unseren Glauben in der Gewissheit, dass Gott da ist. Wir geben hier unserer Hoffnung Ausdruck, dass das Leben gelingen kann. Wir zeigen, dass uns dieser Glaube frei und fröhlich macht, tröstet, leitet, aufbaut, begleitet. Und beim Kirchenfest sind wir einmal alle zusammen und spüren, wie vielfältig dieser Glaube und dieser Gott ist.

Beim Vorbereitungstreffen sagt Maria, die Leiterin des Teams: Schicken wir dieses Mal wieder Einladungen an den Bürgermeister und die Stadträte raus? Die kommen sowieso nicht.  Naja, im Sommer sind halt zu viele Feste, antwortet Gerd, der für das Catering zuständig ist. Aber ja, die sollen wissen, dass sie auch eingeladen sind. Ich fände aber wichtig, dass es dieses Mal auch etwas Vegetarisches zum Essen gibt, wir haben ja auch Gäste, die keine Bratwürste essen.  - Ja, und vielleicht machen wir eine Runde, wo die Gäste von weiter her erzählen, wo sie herkommen, schlägt noch ein dritter vor. Denn bei uns wird es ja immer bunter!

Beim Gemeindefest, nach dem Gottesdienst, sitzen sie dann tatsächlich alle unter den schattigen Bäumen vor der Kirche, essen, feiern und reden gemeinsam.

Zugegeben, dass, was ich jetzt erzähle, klingt schon ein wenig utopisch – aber passieren könnte es:  Dort sitzen Baschad, Marjam und ihre Mutter aus Damaskus. Sie sind anerkannte Flüchtlinge und leben in einer Wohnung in der kleinen Stadt. Sie können schon ganz gut Deutsch und Baschad hat auch schon Arbeit gefunden.

Sergej und Marija haben es auch gewagt. Sie sind mit ihren vielen Nichten und Neffen zum Gemeindefest gekommen. Die treten dort bei der Aufführung des Kindergartens und im Jugendchor auf. Sergej und Marija wundern sich, dass in Deutschland so viele zur Kirche gehören – und was dort alles getan wird. Sie werden sich bald taufen lassen.

John aus Boston ist auch da. Die feierliche goldene Konfirmation hat ihn an Vieles aus seiner Jugend erinnert. Wie geborgen er sich in der Gemeinschaft der Gruppe und der kleinen Stadt gefühlt hat. Wie kostbar die Freundschaften waren, die er jetzt auffrischen konnte. Sogar sein Konfirmationsspruch ist ihm wieder eingefallen – und er hat gemerkt, dass er in seinem Leben wahr geworden ist: Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Schade, dass Mary nicht mitgekommen ist. Sie wird sich sicher ärgern, wenn ich ihr erzähle, wie man hier feiert: Glocken und Orgel, Bier und  Bratwürste und die vielen jungen Leute, die zur Gemeinde gehören.

Das Vorbereitungsteam ist zufrieden: Die Bänke sind gut gefüllt, die Sonne scheint – es haben sich sogar einige Stadträte sehen lassen.

Ja – und was ist mit Simba und Mariama aus Kigali in Ruanda?  Die waren nicht eingeladen! Sie sitzen auch auf dem Platz vor der Kirche. Sie haben es tatsächlich geschafft, durch die Wüste, in einem kleinen Boot übers Mittelmeer bis ins Lager nach Italien und von dort irgendwie nach Deutschland. Nur, hier sind sie nicht willkommen. Sie sollen ausgewiesen werden, erst wieder nach Italien,  dann zurück. Mariama hat inzwischen ein Baby bekommen, trotz allem. Eine ganze Zeit lebten sie schon in der kleinen Stadt, können sich ganz gut verständigen – und haben Heimat in der Kirchengemeinde gefunden. Und weil die nicht wollte, dass die junge Familie wieder fortgeschickt wird, leben die drei jetzt für eine Zeit im Gemeindehaus, im Kirchenasyl. Die Gemeinde versorgt sie mit allem, was sie brauchen. Eigentlich dürfen sie nicht vor die Tür gehen. Aber heute, am Gemeindefest, sitzen sie mit allen anderen zusammen an den Tischen unter den Bäumen und spüren: Wir gehören zusammen.

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herr, unser Gott,

du hast uns eingeladen in dein Haus und an deinen Tisch.

Du gibst allen Menschen Raum zum Leben

und zur Gemeinschaft mit dir.

Gib dein lebendiges Wort und deinen Leben schaffenden Geist,

dass wir dir folgen und erfahren, wie freundlich du bist.

Das bitten wir im Vertrauen auf Jesus Christus, unseren Herrn,

der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert

heute und in Ewigkeit. Amen.

 

Wochengebet für den 2. Sonntag nach Trinitatis

Gott, gütig und ewig,

gerecht und freundlich.

Bei dir ist die Fülle des Lebens.

Wir danken dir für deine guten Gaben:

den Sommer,

das helle Licht,

die Kinder,

den freundlichen Blick deiner Geschöpfe,

Brot und Wein.

Dich beten wir an und rufen:

Kyrie eleison

 

Gott, treu und geduldig,

du siehst den Reichtum der Armen

und die Armut der Reichen.

Öffne den Reichen und den Armen das Herz,

damit sich Gerechtigkeit ausbreitet,

damit Feindschaft und Vorurteile aufhören,

damit Respekt und Freundschaft wachsen,

damit deine Menschen im anderen dein Ebenbild erkennen.

Dich beten wir an und rufen:

Kyrie eleison

 

Gott, barmherzig und voller Liebe,

du siehst die Angst der Bedrohten

und die täglichen Sorge deiner Menschen.

Lass aus dem guten Willen deiner Menschen

Gutes entstehen,

damit die Flüchtenden Schutz finden,

damit die Verarmten eine Zukunft haben,

damit die Ängstlichen Courage gewinnen.

Dich beten wir an und rufen:

Kyriel eleison

 

Gott, machtvoll und gnädig,

du siehst die Tatenlosigkeit der Mächtigen

und die Folgen unseres heutigen Tun und Lassens.

Begeistere die Einflussreichen für dich und deine Geschöpfe,

damit sie miteinander reden,

damit Lügen entlarvt werden,

damit sie Gutes tun,

damit wir leben.

Dich beten wir an und rufen:

Kyrie eleison

 

Gott, voller Mitleid und Trauer,

du siehst die Schmerzen der Verfolgten

und die Tränen der Trauernden.

Zeige dich,

damit die Kranken geheilt werden,

damit die Weinenden aufatmen,

damit die Bedrohten Schutz finden,

damit unsere Verstorbenen bei dir geborgen sind.

Dich beten wir an und rufen:

Kyrie eleison

 

Du unser Gott,

Vater, Sohn und Heiliger Geist,

du siehst den Glauben deiner Gemeinde in aller Welt.

Wirke Taten der Liebe in unserer Mitte,

damit deine Gemeinde in Syrien, im Irak, im Sudan die Bedrohungen überlebt,

damit unsere Kinder die Freude an dir erfahren,

damit wir dich mutig und glaubwürdig bezeugen.

Heute und an jedem neuen Tag.

Wir beten dich an und rufen: Kyrie eleison. Amen.