Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 14,25-35

Pfarrer Markus Schnepel (ev)

30.06.2013 in der Emmausgemeinde Moskau in der Deutschen Botschaft Moskau

zum Abschiedsgottesdienst derjenigen, die Moskau zum Sommer verlassen

Was es kostet, ein Jünger Jesu zu sein

Mitteilung: Denen, die gingen, wurde als Abschiedsgeschenk eine Matroschka gefüllt mit grobem Salz geschenkt.

 

25 Scharen von Menschen begleiteten Jesus, als er weiterzog. Da wandte er sich zu ihnen um und sagte: 26 »Wenn jemand zu mir kommen will, muss er alles andere zurückstellen – Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben; sonst kann er nicht mein Jünger sein. 27 Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, der kann nicht mein Jünger sein.

28 Angenommen, jemand von euch möchte ein Haus bauen. Setzt er sich da nicht zuerst hin und überschlägt die Kosten? Er muss doch wissen, ob seine Mittel reichen, um das Vorhaben auszuführen. 29 Sonst kann er, nachdem er das Fundament gelegt hat, den Bau vielleicht nicht vollenden, und alle, die das sehen, werden ihn verspotten 30 und sagen: ›Seht euch das an! Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und war nicht imstande, es zu Ende zu führen.‹

31 Oder nehmen wir an, ein König macht sich auf, um gegen einen anderen König in den Krieg zu ziehen. Wird er sich da nicht zuerst hinsetzen und überlegen, ob er in der Lage ist, sich mit seinem Heer von zehntausend Mann einem Feind entgegenzustellen, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? 32 Wenn er sich nicht für stark genug hält, wird er, solange der andere noch weit weg ist, eine Abordnung zu ihm schicken, um Friedensbedingungen auszuhandeln.

33 Darum kann auch keiner von euch mein Jünger sein, wenn er sich nicht von allem trennt, was er hat.

34 Salz ist etwas Gutes. Wenn jedoch das Salz seine Kraft verliert, womit soll man sie ihm wiedergeben? 35 Es ist dann nicht einmal mehr als Dünger für den Acker geeignet; man kann es nur noch wegwerfen.

Wer Ohren hat und hören kann, der höre!«

Liebe Gemeinde,

ist Ihnen jetzt schon langweilig im Gottesdienst? Finden Sie das Ganze zu fade?

Jetzt gibt es eine gesalzene Predigt! Das kann ich Ihnen versprechen.

Zumindest fordert das Jesus von uns, von mir.

(Grobes Salz zum Probieren rumgeben)

Auf jeden Fall sind es radikale Forderungen, die Jesus hier aufstellt: Alles zurückstellen.

Jesus streut Salz in unsere Wunden. Man hat das früher tatsächlich gemacht. Salz in die Wunden, war ein radikales Reinigungsprogramm. Das Salz zerstörte die kranken, aber eben auch gesunde Zellen. Das tut weh. Aber offensichtlich braucht es manchmal solch eine radikale Reinigung, um im Leben weiterzukommen.

Die Menschen laufen Jesus nach.

Viele Menschen sind fasziniert von der religiösen Ausstrahlung Jesu. Er hat einen besonderen Draht zu den Menschen, heilt sie innerlich und äußerlich, bringt sie zurecht.

Davon wollen Viele profitieren, bis heute. Wir säßen, sonst nicht hier.

Aber Jesus stellt klar: Meine Botschaft ist radikal!

"Achtung Achtung liebe Gemeinde eine wichtige Zwischenansage:

Diese Predigt hat nichts Moralisches, sie hat nichts mit Moral zu tun. Es geht nicht darum ein bisschen besser zu werden ein bisschen weniger egoistisch zu sein ein bisschen mehr Liebe und Frieden in die Welt zu bringen. Diese Nachricht Jesu ist gefährlich und hat erhebliche Nebenwirkungen. Sie kann tödlich sein für dein Ego. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Bibel. Oder fragen Sie Ihren Pfarrer, Ihre Pfarrerin oder andere Gemeindeglieder, die auf diesem Weg sind."

Diese radikalen Forderungen Jesu, waren ein Schock für die Menschen damals, und sie sind es auch für uns.

Aber, all diejenigen die völlig zufrieden sind die sagen es ist alles in Ordnung in meinem Leben, können jetzt eigentlich weghören, sich ein schönes Lied im Gesangbuch suchen oder einfach ihren Gedanken nachhängen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Das meine ich ernst.

Aber all diejenigen, die diese Sehnsucht tief in sich spüren, leben zu wollen, die irgendwie nicht zufrieden sind, nicht aus ihrer Schale heraus kommen, die alten Lügen und Fassaden satt haben, die nicht wissen wie sie weiterkommen können, aber weiter wollen, die bitte ich mir weiter zuzuhören.

Es ist so vieles was in uns rumort. So vieles was raus will, das an die Oberfläche will aber doch nicht kann. (Luftballon mit dem Wort „Ich“ darauf nach und nach während der weiteren Predigt aufblasen)

Willkommen all denjenigen, die sich für besonders wichtig halten, all denjenigen die die Welt retten wollen, immer wieder jeden Tag aufs Neue. Willkommen jenen die völlig unverzichtbar sind in der Firma in der Botschaft in der Schule in der Familie.

Willkommen aber auch denjenigen, die gerne wichtig wären die gerne mit oben am Tisch sitzen würden, bei den Wichtigen, Reichen und Einflussreichen. Die, die sich tief unten im Herzen unwichtig fühlen und den Eindruck haben eigentlich interessiert sich keiner für mich. Willkommen all jenen, die aufgegeben haben, die Welt zu retten, aber die doch gerne dabei wären, wenn etwas Entscheidendes passiert. Willkommen auch den Resignierten, die sagen es hat eh alles keinen Zweck, die sich längst in den Kränkungen ihres Lebens eingerichtet haben und davon zehren.

Willkommen all denen die sich nicht entscheiden können zwischen festhalten und loslassen zwischen einbringen und raushalten.

Willkommen all denen, die auf der Suche sind nach dem perfekten Ort, der perfekten Zeit, dem perfekten Job, dem perfekten Partner, der perfekten Familie - einfach auf der Suche nach der perfekten Welle.

Willkommen in der Schar derer, die hinter dem Leben, die hinter Jesus her sind. Die einfach was abhaben wollen vom großen Kuchen "Leben".

Und Jesus: Keiner von euch kann mein Jünger sein, der sich nicht von allem trennt, was er hat! Und da geht es um alle Besitzstände, nicht nur um Geld und materielle Güter.

Das alles lass los, sagt Jesus. Stell es hinten an! Nimm ihm alle Wichtigkeit! Vergiss ob du es gut oder schlecht, richtig oder falsch, schön oder hässlich findest.

Wenn du mit mir zum Leben zu Gottes neuer Welt ziehen willst, dann ist das alles völlig unwichtig!

Wie bitte? Das ist doch mein Leben, sagst du zu Recht! Das bin doch ich. Was bleibt denn da noch von mir übrig wenn das alles unwichtig ist?

(Luftballon loslassen, er saust durch den Raum und verliert die Luft).

NICHTS! Ja nichts!

Willkommen bei Jesus in Gottes Welt, im Leben und ja sogar bei dir selbst. Jetzt bist du reif. Jetzt erst hat das Leben eine Chance zu dir zu kommen.

Nein, das stimmt nicht ganz. In Wirklichkeit ist es ja schon da, ist es die ganze Zeit da, es ist in dir neben dir um dich in deinem Nebenmann, deiner Nebenfrau überall immer, jetzt und hier.

Schwimmen zwei junge Fische im Wasser, begegnet ihnen ein alter erfahrener und sagt: Das Wasser ist heute wieder schön, oder? Die zwei Jungen schauen sich verständnislos an und schwimmen weiter. Nach einer Weile fragt der eine den anderen: Was meint er mit Wasser?

Es ist da, aber wir nehmen es nicht wahr.

Wir haben uns eingemauert in all unseren Selbstbildern, Wünschen, Verzweiflungen und Fantasien. Halten uns mit aufwändigen Gedankengebäuden das Leben vom Leibe im wahrsten Sinne des Wortes.

"Achtung Achtung liebe Gemeinde noch einmal eine wichtige Zwischenansage:

Diese Predigt hat nichts moralisches, sie hat nichts mit Moral zu tun. Es geht nicht darum ein bisschen besser zu werden ein bisschen weniger egoistisch zu sein ein bisschen mehr Liebe und Frieden in die Welt zu bringen. Diese Nachricht Jesu ist gefährlich und hat erhebliche Nebenwirkungen. Sie kann tödlich sein für dein Ego. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Bibel. Oder fragen Sie Ihren Pfarrer, ihre Pfarrerin oder andere Gemeindeglieder, die auf diesem Weg sind."

Überlegt euch, ob ihr das wirklich wollt, sagt Jesus. Jeder vernünftige Mensch überlegt erst mal, ob sein Vorhaben gelingen kann. Ein Häuslebauer genauso, wie ein Feldherr. Kann ich mir das Haus überhaupt leisten? Kann ich den Krieg überhaupt gewinnen? Will ich den Preis für die Nachfolge Jesu überhaupt zahlen?

Jeder von uns überlegt genau, wohin jetzt, wie lange noch hier in Moskau, wo ist es optimal? Wie ist es für meine Familie am besten? Wie halte ich die Kontakte in die Heimat zu meinen Lieben?

Für die, die jetzt von hier weggehen: Dieser, wie jeder Neuanfang, hat eine große Chance. Wie Jesus es fordert, können wir Altes hinter uns lassen und neu durchstarten. Das brauchen wir immer mal wieder im Leben und deshalb dichtet Hermann Hesse jedem neuen Anfang einen großen Zauber an.

Es gibt nur ein Problem. Ich nehme mich selber mit. Von Groucho Marx stammt wohl das Zitat: Einem Club, der Leute wie mich aufnimmt, möchte ich nicht angehören. So schön der Neuanfang, ich werde mir selbst wieder begegnen.

Und im tiefsten geht es nach Jesus darum, mich selbst in meiner ganzen Wichtigkeit hinter mir zu lassen. Luft raus aus diesem Popanz, der mich so gefangen hält. Und dafür braucht es die Unterbrechung. Den Gottesdienst, das Innehalten am Morgen, am Abend, Gebetszeiten, Meditation, Auszeiten, was auch immer.

Und hier steigt die Frage dann in mir auf:

Will ich also den Preis für die Nachfolge Jesu überhaupt zahlen?

Natürlich können wir das nicht so einfach. Denn alles in uns sträubt sich dagegen. Warum also dieser Vergleich mit dem Häuslebauer und dem Feldherrn? Die Kosten für die Nachfolge lassen sich nicht kalkulieren. Das Leben an sich ist so unendlich wertvoll, dass wir es eh nicht bezahlen können. Wir versuchen es zwar mit aller Macht, kapieren dabei aber nicht, dass wir das Leben nur als Geschenk annehmen können. Wie der Wochenspruch es sagt: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“

Ich denke, dass die Gleichnisse eingefügt wurden, damit wir unseren gewohnten Trott unterbrechen. Anhalten, fragen, wo bin ich, wo will ich hin? Wir sitzen hier und richten uns auf das Kreuz aus, das alle unsere Konstruktionen durchkreuzt. Wir richten uns aus auf das, was unser Leben trägt und was wir uns selbst nicht geben können. Wir sitzen, damit sich das in uns setzt: Damit wir das Wasser, das Leben, das Reich Gottes in und um uns spüren.

"Dass uns ein Sanftes geschähe, wenn uns der Himmel berührt, wenn seine atmende Nähe uns ganz zum Hiersein verführt." (Jean Gebser) Das Reich Gottes ist kein Jenseits nach unserer Zeit. Es ist die Gegenwart jenseits der Zeit, die wir uns konstruieren.

Die Antwort Jesu ist Salz in unsere Lebenssuppe. Aber auch Salz in unsere offenen Wunden. Sind wir bereit für diese Reinigung? Sind wir bereit für das Geschenk des Lebens? Sind wir bereit einfach zu empfangen? Jetzt und hier in Moskau. Morgen, wo immer auf der Welt? So bleiben wir nicht sitzen, sondern geraten in Bewegung. Unterwegs als wanderndes Gottesvolk, uns des Provisoriums unserer Pläne bewusst, beheimatet nicht an einem Ort, sondern in der Liebe Gottes, im Leben selbst, das uns in der Stille begegnet.

Können wir so überlegen, ob es überhaupt vernünftig ist, sich auf Jesu Ansage einzulassen? Können wir nicht. "Denn der Friede Gottes, welcher höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unseres Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen."