Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15, 1-7 Das verlorene Schaf

Pfarrer i.R. Peter Berner (ev)

21.06.2015 in der Thomaskirche in Ebingen

Gottesdienst mit Taufe

Drei Erzählungen

Taufspruch:  Ps. 91,11
(Ein 10-jähriges Kind, Monika Ulshöfer,  4. Klasse Grundschule, hatte von sich aus den Wunsch, getauft zu werden. Nach der Taufe singen die Klassenkameraden mit der  Klassenlehrerin ein  Lied und sprechen Wünschen zur Taufe aus.
Zwischen den Erzählteilen musiziert ein Gospelchor, in welchem die Mutter des Taufkindes mitwirkt)

 

 

 

1.  Ein Schaf erzählt

Ich gebe zu, ich war leichtsinnig.  Mit der ganzen Herde zogen wir über eine grüne Wiese, und es gab viel zu fressen. Ich war ganz außen und stand direkt an einer Böschung, wo es steil hinab ging. Da sah ich am Rand einen großen Busch bunter Kräuter, die auch wunderbar rochen. Ein paar Kameraden aus der Herde riefen: Komm schnell, es geht weiter. Aber die musste ich noch haben. Und ich beugte mich weit hinaus. Plötzlich gab der Boden nach, und ich rutschte die Böschung hinab. Schnell versuchte ich, wieder hoch zu klettern. Aber ich rutschte immer wieder ab. Da wurde mir angst, und ich schrie:  Hilfe, nehmt mich mit!  
Aber schon konnte ich von der Herde nichts mehr hören und sehen. Da stand ich,
verloren und allein.

Was sollte ich tun?  Ich wollte wieder zur Herde kommen. Also lief ich die Böschung entlang. Vielleicht konnte ich woanders wieder den Hang hinauf kommen. Aber ich kam nur tiefer hinab in ein steiles, tiefes Tal. Und dann kam ich in einen dichten Wald. Endlich fand ich eine Lichtung, ein hübsches Fleckchen. Aber was nützte es mir. Ich wollte doch zur Herde zurück. Es wurde immer später, bald würde es dunkel werden. Ich schaute hoch, wollte sehen, wo die Sonne stand. Und was sah ich?  Da kreist ein Adler. Ach Gott, der wird sich doch nicht auf mich stürzen, da bleibe ich lieber unter einem dichten Baum. Wenn doch nur sonst kein böses Tier kommt!  Es wurde langsam dunkel. Sollte ich hier die Nacht verbringen müssen? 

Plötzlich knackt es im Gebüsch. Und ich sah zwei Augen auf mich gerichtet.  Hilfe, ein Wolf!  Ich duckte mich dicht an den Boden, um nichts zu sehen.
Da spürte ich, wie ich am Kopf geleckt wurde. Eine weiche Zunge strich mir über Augen
und Nase. Was war das?  Es war nicht der Wolf. Es war der Hund des Hirten.  Er bellte laut, und da kam auch gleich sein Herr. Und auch er streichelte mich und redete mir gut zu und nahm mir alle Angst. Dann hob er mich auf seine Schulter, und nun ging`s zurück. Ich war gerettet!

Aber wo brachte mich der Herr hin?  Er ging  gar nicht zum Schafstall, sondern in sein Haus. Er setzte mich in den Garten, und der Hund spielte mit mir. Dann kamen die Nachbarn.
Und ihre Kinder spielten auch mit mir und hörten nicht auf, mich zu streicheln. Und die Nachbarn saßen im Kreis und vesperten und tranken Wein. Und der Hausherr war ganz glücklich.
Und er rief: Freut euch mit mir!  Denn ich habe mein Schäfchen gefunden, das verloren war. Gott sei Dank, dass wir`s gefunden haben. Und sie sangen viele schöne Lieder.  Aber der Glücklichste von allen war ich. Ich war verloren gewesen und wurde gefunden -
Es gibt nichts Schöneres.  Ich war selig.


2.  Ein Kind berichtet

Ich heiße Aischa. Bei uns zu Hause war Krieg. Jeden Tag mussten wir weit hinaus vors Dorf und uns in Erdlöchern verstecken, weil Bomben und Granaten auf die Häuser fielen, und erst am Abend konnten wir zurück. Zum Glück war unser Haus noch heil. Aber viele Nachbarn kamen zu uns, weil ihre Häuser kaputt waren.

Dann sagten meine Eltern, komm, wir müssen fliehen, solange wir noch am Leben sind.
Auf einem Lastwagen fuhren wir lange bis in eine Stadt. Dort mussten wir durch die Straßen laufen, bis wir ans Meer kamen. Dort lag ein altes Schiff. Es war schon voller Leute, und wir mussten auch hinein.  Es war sehr eng. Mein Vater musste vorher sein ganzes Geld einem Mann geben. Dann fuhr das Schiff los. Bald fing es an zu schaukeln. Viele Leute mussten sich erbrechen, und es stank fürchterlich. Gott sei Dank ging es mir besser, denn ich hatte schon lange nichts mehr gegessen. Dann kam ein gewaltiger Sturm, und alle schrieen vor Angst.
Die Schiffsleute meinten, das Schiff würde zerbrechen. Aber der Sturm ließ Gott sei Dank nach.

Dann kam ein ganz großes Schiff. Das sah gut aus. Von dort wurde eine Brücke herüber gelassen, und wir konnten hinüber gehen. Jetzt konnten wir endlich etwas trinken und bekamen zu essen. Wir kamen an ein Land. Dort verstanden wir niemand. Aber man setzte uns in einen Zug, und wir fuhren wieder lange bis in ein anderes Land. Die Leute sagten:
Es heißt Deutschland. Dort ging es in eine Stadt, wo ein Lager für Flüchtlinge ist.   Sie heißt Meßstetten.  Dort sollten wir eine Weile bleiben, bis wir dann endgültig irgendwo hinkommen, wo wir bleiben können. Dort bekamen wir auch Kleider. Wir konnten auch in die Stadt gehen, und sahen in den Schaufenstern viele schöne Dinge, die ich noch nie gesehen hatte.  Wir konnten aber die Leute nicht verstehen. Manche sahen uns auch böse an
und gingen auf die andere Seite, wenn wir kamen.

Ein paar Tage später kamen ein paar Kinder aus einer Schulklasse zu uns. Sie sagten, sie kämen aus der Nachbarstadt, die heißt Ebingen. Sie nahmen uns mit zu einem Tierpark
und einem Spielplatz. Unsere Dolmetscherin ging auch mit, damit wir uns verstehen konnten.
Sie gaben mir alle die Hand und sagten: Grüß Gott.
Die Dolmetscherin sagte, das sei Allah, und sie würden uns in seinem Namen grüßen.

Nun bin ich schon seit vielen Wochen weit weg von meiner Heimat. Ich bin traurig,
dass ich meine große Familie und meine alten Freundinnen nicht mehr habe. Mit diesen Kindern aus Ebingen habe ich mich zum ersten Mal wieder richtig freuen können.
Und jetzt kann ich auch selber sagen: Grüß Gott.

 


3.  Im Vorhof des Himmels
     begegnen sich der Erzengel Gabriel und Luzifer.
 


Luzifer: 

Gabriel, warum so eilig. Wo willst du hin?

Gabriel:

Zum Fest natürlich.  Zum Freudenfest. Der liebe Gott hat doch eingeladen.
Kommst du nicht mit?

Luzifer:

Worüber sollte sich Gott freuen?  So, wie es in der Welt zugeht, kann sich doch kein Gott freuen, höchstens der Teufel. Kriege, Verbrechen, Menschen auf der Flucht - 
nur Böses, wo man hinschaut.

Gabriel:

Ich weiß. Aber heute freut sich Gott. Er hat sogar dreimal Grund, sich zu freuen.           
Das eine ist die Geschichte von dem verlorenen Schaf, das von seinem Herrn wieder gefunden wurde.
Die hast du doch gehört.

Luzifer:

Du liebe Zeit, wegen diesem einen Schäfchen  ein solches Trara zu machen,
was für ein Unfug! Und darüber freut er sich auch noch!
Weißt du, was ich getan hätte?  Ich hätte mich über meine 99 Schafe, die mir noch geblieben sind, gefreut, und hätte noch besser auf sie aufgepasst. Aber dieses eine,
auf das kommt es doch nicht an!

Gabriel:

Siehst du, so bist du halt. Und so geht es auch in der bösen Welt zu. Da denkt jeder nur an sich selber  und an seinen Besitz.
Aber Gott ist anders. Ihm kommt es auf jeden einzelnen an, vor allem auf die Verlorenen, auf die niemand achtet. Und sein Bote, Jesus von Nazareth,
denkt genauso. Für die Verlorenen  sind sie da.

Luzifer:

Und was gibt es sonst noch?

Gabriel:

Hast du die Flüchtlingskinder in Meßstetten gesehen, wie die sich freuten, als sie von Schülern aus Ebingen besucht wurden?

 

Luzifer:

Ich hab`s gesehen, aber ich habe nicht darauf geachtet. Solche kleinen Dinge -
die interessieren mich nicht.

Gabriel:

Aber Gott hat`s beachtet. Und er hat sich sehr darüber gefreut.  Und auch deswegen lädt er heute zum Fest ein. Denn man soll`s überall merken: 
Solche kleinen Dinge machen die böse Welt doch ein Stück weit wieder gut.

Luzifer:

Und was noch?

Gabriel:

In der Thomaskirche in Ebingen will sich heute ein Mädchen taufen lassen,
sie heißt Monika. Sie ist zehn Jahre alt. Und sie will zu Jesus gehören.
Luzifer, du willst schon wieder etwas sagen. Aber sei ruhig.  Ich weiß,
dass das in deinen Augen wieder so eine kleine, unwichtige Sache ist.
Aber für  Gott ist es eine große Sache, und er  macht deswegen extra ein Freudenfest.
Und zu mir hat er gesagt, ich solle als ihr Engel sie behüten auf allen ihren Wegen. Das will ich auch fleißig tun.