Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,11-24

Bernd Friedrich (ev.-methodistisch)

20.09.2009 in Stuttgart, Auferstehungskirche

Anlass: Nachtreffen des Sommerzeltlagers 2009 mit Teilnehmern und Mitarbeitern

Einmal hin und zurück - wohin geht die Lebens-Reise?

Liebe Zeltlagerkinder und Eltern, liebe Gemeinde,

in dem Zeltlager in den letzten Sommerferien hat Gerd Schnüffelnase ganz schön was erlebt. Wahrscheinlich ist er ein Detektiv wie Sherlock Holmes, ein Abenteurer und Schatzsucher eben. Die Kinder haben ihn in den Theaterstücken auf dem Zeltlager begleitet. "In sieben Tagen um die Welt", war das Motto. Gerd Schnüffelnase war in China und New York, in Kenia und Australien. Und schließlich landet er in Rio de Janeiro.

Euer Gerd Schnüffelnase ist einer, der es zu Hause nicht aushält. Er sucht das Leben, seine Bestimmung, irgendeinen Schatz, der glücklich macht. Ein bisschen Gerd Schnüffelnase steckt in den meisten Menschen drin: Viele suchen einen Schatz, für den sich das Abenteuer Leben lohnt.

So ein Typ, der kommt auch in einer Geschichte vor, die Jesus einmal erzählt hat. Die Bibelexperten kennen die Geschichte unter der Überschrift "das Gleichnis vom verlorenen Sohn". Die Geschichte hat Jesus erzählt. Sie steht im Lukasevangelium Kapital 15. Der Sohn hat da keinen Namen. Darum nenne ich ihn heute einfach mal Benjamin Jedermann. Alle nennen ihn Ben - und Ben hat eine spannende Reise hingelegt. Auf seiner Lebenssuche ist er einmal ganz hipp und einmal ganz down. Einmal ist er ganz nah dran am Lebensglück und dann ist er ganz im Frust gelandet, am Abgrund.

Ben ist ein Junge aus einem so genannten guten Elternhaus. Vielleicht kennt ihr das auch: Drei Mahlzeiten täglich, Schule und Klavier üben, dann die Hinweise wie zum Beispiel "du könntest mal den Müll rausbringen" oder "Rasenmähen" und "Warum liegen eigentlich immer die Socken auf dem Schreibtisch und nicht im Wäschepuffer?". Diese täglichen Ermahnungen, diese ätzenden Routinen, die können einem ganz schön auf die Waffel gehen.

Vielleicht ist Ben gerade volljährig geworden, den Führerschein in der Tasche. Er hat genug von all diesen Ermahnungen, den Regeln, dem täglichen Stress. Und da setzt sich ihm die Frage im Kopf fest: Soll das alles sein? Eingezwängt in ein Korsett, bei dem heute schon feststeht wie es die nächsten Jahre weitergeht? Diese Frage kommt nicht nur bei Zeltlagerkids oder Mitarbeitern vor. Diese Frage kann jedermann „erwischen“: Soll das alles gewesen sein? Ist das schon das ganze Leben? Kann ich nicht mehr vom Leben erwarten als Routine und Stress, mehr als nervende Hausgenossen und grauer Alltag.

Auch in unserer Gemeinde kann man diese Frage stellen. Für viele ist das ja so eine Art zweites Zuhause, man singt, man betet, man kennt sich. Soll das alles gewesen sein? Stimmt das alles mit Gott, diese Geschichten aus der Sonntagschule, bewirken unsere schlichten Gebete etwas, das Hören der immer gleichen Bibeltexte, die trocknen Predigten, das Singen von Liedern aus dem Jahre 1876?

Also, unser Ben ist mutig. Er hat nicht nur die Nase voll, sondern er wird jetzt auch was ändern. Er hat Ideen, er hat einen Plan. Im O-Ton der Bibel steht es so drin:

„Ein Mann hatte zwei Söhne. Der Jüngere sagte: „Vater, gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht!“ Da teilte der Vater seinen Besitz unter die beiden auf. Nach ein paar Tagen machte der jüngere Sohn seinen ganzen Anteil zu Geld und zog in die Fremde. Dort lebte er in Saus und Braus und verjubelte alles."

Ben will seinen Erbteil, er will das, was ihm „zusteht“. Genau genommen steht ihm natürlich gar nichts zu, denn sein Vater lebt ja noch. Doch der Vater streitet nicht. Er weiß, mit guten Worten kann er seinen Ben nicht aufhalten. Das tut weh. Er hat es gut gemeint. Der Vater sagt „Ja“. Er teilt sein Vermögen auf. Keine Fragen, kein Vorwurf, kein Zwang.

Ben macht seinen Anteil zu Geld und zieht in fremde Länder und Metropolen. In Kenia war er wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht war er in Shanghai und New York, in Acapulco oder Rio. Irgendwo da draußen wird das Leben besser sein als hier. Endlich frei, das Leben als Musical, der Rausch von Beifall und Abenteuer. Überhaupt nicht zu vergleichen ist das neue Leben mit der täglichen Routine in der Landwirtschaft.
 
Ben lebt auf großem Fuß. Die Leute drehen sich nach ihm um, wenn er sich mit den angesagtesten Klamotten rausgeputzt hat. Waowh, diese Typ sieht echt cool aus. Kohle hat er auch genug - und wer viel ausgibt und wer viel angibt, der hat bald auch Kumpels und Mädchen - vielleicht auch Sex, Drugs and Rock'n Roll. In der Fremde lebt er – so heißt es im Text - in Saus und Braus und verjubelt alles. Sein Bruder vermutet hinterher sogar, dass er sein Geld mit Prostituierten durchgebracht hat.

In dieser High-Speed-Phase seines Lebens denkt Ben nicht an seinen Vater, nicht an sein zu Hause. Er hat jetzt wichtigeres zu tun. Doch: Sieht so die Freiheit aus? Ist das schon Glück, wenn man alles darf, alles hat und alles kann? Was bringt der Rausch des Neuen, wenn das Neue alt wird? Wie viel wert sind Freunde, die es auf mein Geld abgesehen haben? Was passiert mit mir, wenn der letzte Tanz gespielt und die Flaschen geleert sind? Reicht es für ein erfülltes Leben schon aus, immer in der ersten Reihe zu sitzen? Irgendwann spülen die kühlen Drinks nur noch den neuen Frust hinunter.

Der Schriftsteller Antoine des Saint-Exupery hat einmal gesagt: „Sehen Sie, man kann nicht mehr leben von Eisschränken, von Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es nicht mehr.“

Heute würden wir sagen: Man kann einfach nicht mehr leben von all diesen Werbebotschaften und Spielshows, von schöneren Diesel-Jeans, besseren Klingeltönen, von Computern und MP3-Playern. Das reicht nicht für Kinder um glücklich zu werden - und bei den Erwachsenen reicht es übrigens auch nicht zum Glücklichwerden, wenn das größere Auto vor der Tür steht und die Karriere einen Sprung nach oben macht.
 
Was Ben an Kapital mitgebracht hat, rinnt ihm durch die Hände wie Derivate und Zertifikate in der Kapitalmarktkrise. Er schafft nichts Neues. Er hat übersehen, dass im Casino kein Geld verdient wird. Er lebt von der Substanz. Ihm ergeht es wie einem Handy-Akku, der nicht aufgeladen wird und langsam leer läuft. Irgendwann geht es dann nicht mehr. Er hat da wohl etwas übersehen: Alles, was er verschleudert, stammt von seinem Vater: Sein Leben, seine Bildung, sein Geld. Es geht nicht, einfach seine Wurzeln abzuschneiden, ohne nach und nach zu vertrocknen. Die Geschichte von Ben sagt: Mensch Leute, ist das wirklich sinnvoll, was ihr tut? Ist es nachhaltig? Macht es euch wirklich zufrieden und glücklich?

Ben landet dann ziemlich schnell auf dem harten Boden der Realität. Irgendwann ist das Konto leer, denn niemand hat darauf etwas eingezahlt. In der Bibel ist das so beschrieben:

"Als er nichts mehr hatte, brach in jenem Land eine große Hungersnot aus; da ging es ihm schlecht. Er fand schließlich Arbeit bei einem Bürger des Landes, der schickte ihn zum Schweinehüten aufs Feld. Er war so hungrig, dass er auch mit dem Schweinefutter zufrieden gewesen wäre; aber selbst das verwehrte man ihm.

Ein Unglück kommt selten allein. Ben steht das Wasser bis zum Hals: Im Land herrscht Lebensmittelknappheit, alles Geld ist weg. Auch die Freunde sind weg, Heimat weg, Freiheit weg, Zukunft weg. Der Sohn befindet sich in der Sackgasse seines Lebens. Er hat richtig Hunger. Und dies können wir auch im übertragenen Sinne verstehen. Er ist ausgebrannt. Er ist leer gelaufen und hungert nach Leben. Was so cool angefangen hat, das ist jetzt nur noch Mist. Er landet bei den Schweinen, ganz unten auf der sozialen Leiter. Nicht einmal das Schweinefutter darf er essen. Überhaupt die Schweine. Sie sind für Juden unreine Tiere. Er gehört nicht mehr dazu, zur Gemeinschaft seines Volkes und seiner Familie.

Vielleicht kennt ihr auch jemand der abgestürzt ist durch Alkohol oder Drogen oder der kriminell geworden ist: Andere geschlagen und betrogen, beklaut oder gemobbt. Vielleicht gibt es auch heute unter uns welche, die in ihrem Leben so richtig Mist gemacht haben, sich verrannt haben in Unrecht und Hass. Was ist das für ein Leben, wenn die Schuld einem die Seele zerdrückt? Wenn es keinen Ausweg mehr gibt? Wenn niemand mehr da ist, der mich liebt?

Sein neuer Arbeitgeber verweigert Ben sogar das Schweinefutter. Er kann sich selber nicht mehr helfen. "Mein Gott, wie konnte es nur so weit kommen?" Und dann sitzt er da - in seinen zerschlissenen Diesel-Jeans mit ungewaschenen Haaren und übel riechend neben den grunzenden Vierbeinern. Und da kommt ihm ein Gedanke, eine Ahnung vom wirklichen Leben, ein Funken Hoffnung. Die Bibel berichtet:

"Endlich ging er in sich und sagte: “Die Arbeiter meines Vaters bekommen mehr als sie essen können, und ich werde hier noch vor Hunger umkommen. Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden; ich verdiene es nicht mehr, dein Sohn zu sein. Nimm mich als einen deiner Arbeiter in Dienst!“

Weiterwurschteln hat keinen Sinn. Der Sohn überlegt. Bei den Schweinen gewinnt er neue Einblicke in sein Leben. Er hat sein Erbteil verspielt und verloren. Er ist jetzt nicht mehr der Sohn. Er sieht ein: Mein Weg war falsch! Das wird er seinem Vater sagen. Er wird keine Ansprüche stellen. Vielleicht hat sein Vater einen Job als Hilfsarbeiter – so knapp unterhalb vom Mindestlohn mit 7,50 € - ein Job ohne Familienanschluss. Und dann geht er los, zurück zu seinem Vater.

Sehr gut, denke ich, bravo und klasse: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Die Einsicht von Ben ist die Voraussetzung für eine neue Hoffnung und einen neuen Anfang. Doch Achtung: Jetzt wird es doch schwierig - für euch und für mich. Der Junge heißt Ben Jedermann. Und jedermann, das bin auch ich und das bist du. Nicht nur Ben macht Fehler. Nicht die anderen: Ich bin gemeint, du bist gemeint. Und darum die Frage: Wo hast du dich verrannt? Vielleicht hat es keiner gemerkt, aber die Sache ist ungeklärt, ist falsch. Vielleicht musst du das Geld zurück zahlen, dass du zu Unrecht besitzt. Vielleicht musst du sagen, nicht der andere hat es getan, sondern ich war's. Es gibt Augenblicke in unserem Leben, da kommen wir aus dem ganzen Mist nicht raus, wenn wir weiter machen wie bisher. Ich bitte dich: Mach nicht weiter wie bisher, wenn der Weg falsch ist. Dann solltest du es ändern. Bei den Schweinen hat das Leben keine Zukunft!

Wie viele verlorene Söhne und Töchter schleppen sich heute in Stuttgart oder in deiner Schule oder an deinem Arbeitsplatz herum, die nicht heimkehren können, weil sie nicht zugeben können, dass sie mit ihrem eigenen Latein völlig am Ende sind. Wie viele Ehen gibt es, die nicht geheilt werden können, weil keiner zugeben kann, dass die eingefahrenen, lieblosen Wege falsch sind und Umkehr nötig ist. Wie viele Gemeinden sind erstarrt und niemand sieht, dass es mit eigener Kraft und alten Konzepten nicht weiter geht. Wie viel Not gibt es, weil Menschen – vielleicht uns selbst – die Einsicht fehlt, dass Buße nötig ist. Zur Kapitulation gehört Mut. Zur Umkehr gehört Mut.

Diese Geschichte, die Jesus erzählt hat, will uns sagen, dass es eine neue Chance gibt, wenn wir scheitern und dann umkehren. Der Weg zurück beginnt mit der Erkenntnis: Mein Weg war falsch. Gott ich habe gesündigt! Hilf mir auf dem Weg zurück ins wirkliche Leben!

So macht sich Ben Jedermann auf den Heimweg. Er weiß nicht, wie es ausgeht. Doch Probieren ist jetzt besser als aufzugeben. Und dann kommt das überraschende Finale dieser tollen Familiengeschichte. In der Bibel steht dazu folgendes:

"So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Der sah ihn schon von weitem kommen, und voller Mitleid lief er ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. „Vater“, sagte der Sohn, „ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden, ich verdiene es nicht mehr, dein Sohn zu sein!“ Aber der Vater rief seine Diener: „Schnell, holt das beste Kleid für ihn, steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Schuhe!“ Holt das Mastkalb und schlachtet es! Wir wollen ein Fest feiern und uns freuen! Mein Sohn hier war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt ist er wieder gefunden.“ Und sie begannen zu feiern."

Da stecken für mich die tollsten Sätze der ganzen Geschichte drin. Sein Vater sieht Ben von weitem kommen. Das heißt doch: Der Vater hat gewartet. Er läuft ihm entgegen. Er fällt ihm um den Hals. Monate sind vergangen, vielleicht Jahre. Doch der Vater ist nicht hart geworden, nicht kalt, nicht abweisend. Kein Vorwurf: "Mensch Junge, was hast du mir angetan." Nicht die Frage: "Wo bist du gewesen und was hast du gemacht?"

Dieses Ja ohne Bedingungen, das ist der Clou der Geschichte. Dieser Vater liebt seinen Sohn! Darum rechnet er nicht die alten Schulden zusammen. Die Liebe rechnet nicht. Der Vater verhält sich so, als hätte sich sein Sohn nie von ihm losgesagt. Er erhält einen Siegelring und wird damit in die alten Rechte eingesetzt. Er bekommt Schuhe, ein Zeichen der Freiheit. Der Vater organisiert ein Fest, denn sein Sohn war tot und jetzt lebt er wieder.  

Liebe Freunde, wer in seinem Leben aus seiner Sackgasse umgekehrt und sich auf den Weg zu Gott macht, der wird so empfangen wie Ben - mit einem Fest. Jesus sagt: Gott ist wie der Vater in dieser Geschichte. Wenn du weggelaufen bist, dann komme doch zurück. Gott wartet auf dich. Auf der Suche nach dem Glück da kann es passieren, dass man auf falsche Freunde setzt oder wirklich glaubt, dass Geld glücklich macht. Manchmal sind Umwege der schnellste Weg zum Ziel. Aber bitte vergiss niemals die Chance deines Lebens - und die heißt: Ab nach Hause. Vergib mir. Es war falsch. Und vielleicht ahnt ihr schon etwas davon wie Gott ist. Gott ist wie der Vater in der Geschichte, der seinem Sohn entgegen rennt und ihn in die Arme nimmt. Das macht er auch bei dir, wenn du weg bist und wenn du dann zu ihm nach Hause kommst.

Beim Zeltlager ward ihr mit Gerd Schnüffelnase in der ganzen Welt unterwegs. Heute habe ich mit euch über den verlorenen Sohn Benjamin Jedermann gesprochen. Beide haben am Ende ihren Schatz gefunden. Das wünsche ich euch auch, dass ihr den Schatz in eurem Leben findet. Er ist wahrscheinlich nicht in Shanghai oder Rio, sondern eher ganz in der Nähe zu Hause, bei einem Gebet oder hier in der Kirchenbank. Und lass dir sagen: Egal wo du unterwegs bist oder warst - Gott wartet auf dich. Da kannst du immer hin. Probier es aus. Vielleicht hast du dann auch deinen Schatz gefunden bei deiner Reise durch das Leben.

Amen.