Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,11-32

Kaplan Thomas Biju (kath.)

15.03.2010 in der Kirche St. Anna, Köln-Ehrenfeld

Der barmherzige Vater, der ältere Sohn und der verlorene Sohn

Liebe Schwestern und Brüder,

Die Geschichte, die wir gerade im Evangelium gehört haben,
ist die Geschichte von jedem von uns.
Die zwei Brüder sind zwei Typen von Menschen.
Die zwei Brüder sind die zwei Seiten eines jeden Menschen.

Der jüngere Sohn, der ältere Sohn und der Vater können
drei Phasen oder drei Entwicklungsstufen im Leben eines Menschen sein.
Aber nicht alle gehen durch alle diese drei Phasen und Stufen,
einige bleiben auf der ersten Stufe stehen
und viele andere kommen nicht über die zweite Stufe hinweg.

Der jüngere Sohn:
er steht für das unreife Verhalten,
für die pubertäre Eigenart und für die jugendtypische Denkweise
im Leben eines jeden Menschen.
Der jüngere Sohn steht für die wilden jungen Jahre
im Leben eines jeden Menschen,
wo man Lust auf alles hat,
wo man alles durchprobieren will,
wo man sich alles erlaubt,
wo man alles, was man tut, in Ordnung findet.
„Er führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen“,
so spricht das Evangelium über den jüngeren Sohn.

Der jüngere Sohn steht für die Phase im Leben eines Menschen,
in der man die Familie, die Kirche, die Schule, die Gesellschaft –
alles andere als sich selber- als lästig und bekloppt findet.
Man glaubt, dass man das alles nicht mehr aushält,
man will weg von all diesen Systemen, die einen fesseln und bremsen.
„Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen
und zog in ein fernes Land“, so das Evangelium über den jüngeren Sohn.

Der jüngere Sohn steht für unsere unreife, unerfahrene,
naive und neugierige Phase im Leben.
Da verhält man sich egoistisch,
man glaubt, dass die anderen- die Eltern, die Gesellschaft-
die eigenen Wünsche erfüllen müssen und dafür leben müssen.
Und in dieser Phase glaubt man, dass man dazu ein Recht hat.
„Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht“- ist die Einstellung in dieser Phase.

In dieser Phase spielen die materiellen Güter meistens
eine große Rolle im Leben.
Man lebt konsumorientiert,
die Freunde haben einen großen Einfluss auf einen
und man erkennt nicht wirklich, wer die wahren Freunde sind.
Geld, Sex, Freunde sind die Merkmale des jüngeren Sohns,
als er von Hause fort war.
Die Verse13 „Er führte ein zügelloses Leben“,
und Verse 30 „… dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat“,
verraten die Lebensweise des jüngeren Sohnes,
nachdem er von Hause fortging.

In dieser Phase des Lebens glaubt man,
dass man durch sein Verhalten extra cool ist,
aber eigentlich ist man nur besonders blöd.
Denn man bleibt nicht immer jung, hübsch, gesund und reich.
Da kam die „große Hungersnot“ über das Land,(Vers .14).
Früher oder später kommt die nicht- so- schöne -Zeit im Leben.
Und diese „Hungersnot“-
dies kann irgendeine schwierige Situation, eine Krise im Leben sein-
kann im Leben einiger Menschen die Stunde der Erkenntnis oder
der Tag der Erleuchtung werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir kommen nun zu dem älteren Sohn
Er symbolisiert die sogenannten „braven“ Menschen,
die sich über die jüngeren ärgern.
Der ältere Sohn ärgert sich ständig über den jüngeren
und tröstet sich mit dem Gedanken
wie gut es ihm geht,
obwohl er selbst sich nicht glücklich fühlt.
Seine Worte – „mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt,
damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte“ (Vers 29) verrät,
dass er beim Vater nicht wirklich glücklich war.

Der ältere Sohn symbolisiert die Menschen,
die sich über die Fehler der anderen freuen,
die von dem Fehler der anderen profitieren wollen.
Sie versuchen angesichts des Schlimm-seins der Anderen,
sich gut darzustellen.
„Ich, der die ganze Zeit bei dir war,
ich, der nichts von dir verlangte,
ich, der ich viel geopfert habe,
ich, der ich meine eigenen Wünsche zurückgestellt habe“ (Vers 29).
Ja, er, der ältere Sohn, behauptet, dass er heilig sei,
er spielt sich als Märtyrer auf.
Aber er kann das Gesicht seines Bruders nicht sehen.
„da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen“ (Vers 28)
„dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat“ (Vers 30).

Der Bruder, dein jüngerer Sohn, er ist eine Schande für die Familie!
Er ist nur eine Last für die Gesellschaft!

Können wir diese Gedanken
und dieses Gefühl des älteren Sohnes nicht verstehen?
Vielleicht haben wir selber sogar dieses Gefühl und diese Gedanken
gegenüber einigen Menschen in unserer Gesellschaft.
Ich arbeite hart und die da,
die leben von meinem Geld,
von meinen Steuern!

Da ärgere ich mich mächtig!
Und mit Recht!
Das ist der ältere Sohn in mir,
der brave, der zu Hause bleibende, der bewahrende.
Ich bin brav und anständig,
ich will nicht gegen die Gesetze und Normen der Gesellschaft verstoßen.

Aber ich, der brave, anständige, treue,
ich habe auch eine andere Seite:
ich will zu Hause bleiben,
weil ich „Hotel Mama“ noch weiter nutzen möchte,
ich habe keinen Mut für einen eigenen Weg,
ich will kein Risiko eingehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich möchte eine kleine Geschichte erzählen:

„Eine religiös eingestellte Frau beklagte
das Verhalten der jungen Generation.
„Die Autos sind daran schuld.
Denken Sie nur,
wie weit die jungen Leute heute
zum Tanz oder zu einer Verabredung gehen können.
Zu unserer Zeit war das anders, nicht wahr, Großmutter?“

Darauf antwortete die siebenundachtzigjährige Dame:
„Ach, wir gingen sicherlich so weit, wie wir konnten!“

Der ältere Sohn-
war er wirklich so brav, wie er von sich behauptet?
Wie konnte er wissen,
dass sein Bruder das Geld mit den Dirnen verbracht hat?
War er nicht auch vielleicht früher einmal von zu Hause weggegangen?
Oder hat er die Jugendzeit einfach übersprungen?
Ja, er wollte auch mit seinen Freunden Partys feiern (Vers 29).
Die meisten von uns haben in unserer Jugendzeit das gemacht,
was zu dieser Zeit gehörte,
und was wir heute vielleicht als „Blödsinn“ bezeichnen würden.
Aber wir haben es gemacht-
natürlich im Rahmen unserer Gegebenheiten.
Die meisten von uns haben das getan,
so weit wie wir konnten.
Nun gestehen wir es vielleicht nicht
und vielleicht behaupten wir,
dass wir ganz anders waren,
dass wir ganz brav waren-
ja wir, die braven älteren Söhne und Töchter!
Wir, die die Kurve richtig gekriegt haben- Gott sei Dank-,
haben wir ein Recht die Generation nach uns
für ihr unreifes Verhalten zu beschuldigen?
Müssen wir so intolerant ihnen gegenüber sein?

Der Vater –
er ist die dritte Stufe der Entwicklung der menschlichen Reife.
Er versteht den jüngeren Sohn,
aber auch den älteren Sohn.
Denn er hat vielleicht die Erfahrungen der beiden
schon hinter sich.
Vielleicht hat er seine eigenen Erfahrungen und sein Leben
genau beobachtet und darüber meditiert.
Und deswegen kennt er die Bedürfnisse des jüngeren Sohnes
und versteht das Ärgernis des älteren Sohnes.
Er versteht die beiden, weil er vielleicht in seinem Leben
durch die beiden Phasen gegangen ist.
In der Geschichte reagiert er immer mit einer gelassenen Ruhe.
Er verschließt vor keinem die Tür.
Er zeigt Verständnis für den Jüngeren, als er weggehen wollte
Und er empfängt ihn mit offenen Armen, als er zurückkommt.
Er versucht auch den älteren Sohn zu verstehen.
„Der Vater kam heraus und redete ihm gut zu“ (Vers 28 )
Der Vater versucht auch ihn zurechtzuweisen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Diese drei Stufen gehört zum menschlichen Leben.
Aber einige kriegen die Kurve von der ersten Stufe nicht richtig
und bleiben immer wie der jüngere Sohn,
sie bleiben verloren.
Sie wagen nicht nach Hause zurückzugehen.
Sie haben den Mut nicht, dem Vater -und vielleicht auch dem Bruder -
ins Gesicht zu schauen.
Auch in der Geschichte reagiert der Bruder so,
wie der jüngere Bruder es gefürchtet hat.

Können wir wirklich einige unserer jüngeren Geschwister beschuldigen,
wenn sie aus ihrem Verloren-Sein nicht herauskommen?
Denn sie müssen nicht nur einem Vater begegnen,
sondern auch uns, den älteren Brüdern.

Durch die Darstellung des älteren Sohnes kritisiert die Geschichte
die gesellschaftlichen und politischen Systeme,
die der Liebe und dem Erbarmen keinen Raum geben
und so Menschen zur Unversöhnlichkeit verführen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Das heutige Evangelium stellt uns drei Charaktertypen als Denkmodelle vor:
Das Modell des jüngeren, wenn man scheitert:
Er ist mir vorgestellt als ein Modell für meinen Umgang mit mir,
wenn es mir schlecht geht:
Ich darf nicht zögern nachzudenken, meine Fehler einzusehen
und sie zu gestehen,
ich darf auch nicht vergessen, dass ich keinen Anspruch mehr habe.
Ich sollte nicht stolz sein,
verloren zu gehen oder verloren gewesen zu sein.
Aber ich darf hoffen, dass mir noch eine Chance gegeben wird,
ich muss mich nicht schämen, zurückzugehen.

Das Modell des älteren Sohnes:
er ist auch ein Modell für meinen Umgang mit mir,
wenn es anderen gut oder schlecht geht:
Ich muss erwachsen werden, im Denken und Handeln,
ich darf mich nicht mit den Anderen vergleichen,
ich darf nicht neidisch und eifersüchtig sein,
wenn es einem Anderen gut geht,
obwohl, nach meinem Urteil, er es nicht verdient hat.
Ich darf mir selbst keinen Heiligenschein aufsetzen,
auch wenn ich wirklich „brav“ gewesen bin.

Das Verhalten des Vaters wird uns vorgestellt
als ein Modell für unseren Umgang mit Anderen.
Ein Vater, der das Erwachsensein seines Sohnes ernst nimmt,
der seinen Beitrag in Form des Erbteils als Startbasis
für die Selbständigkeit seines Sohnes leistet,
der die Freiheit der Anderen und ihrer Entscheidungen und Wege respektiert,
der in Offenheit die Entwicklungen Anderer zulässt,
ist die Reife der menschlichen Persönlichkeit,
zu der wir alle berufen sind.

Das Verhalten des Vaters ist für alle,
die mit und für verlorene Menschen arbeiten –
Lehrer, Sozialarbeiter, Therapeuten, Polizisten, Seelsorger – ein Beispiel:
Ohne die Freude an der Rückkehr der Verlorenen
können wir unseren Beruf, der auch eine Berufung ist,
nicht lange effektiv ausüben.
Nicht die Gesetze, die Vorschriften und die Gerechtigkeit sollen uns leiten,
sondern die Barmherzigkeit.
Wir brauchen Gerechtigkeit in der Welt,
um die Lebensordnung aufrecht zu erhalten;
wo es aber darum geht, Menschen zu heilen,
Verwundungen zu heilen, Fehler zu heilen,
dort brauchen wir Barmherzigkeit.
Möge Gott uns allen die Gnade schenken
nicht nur nach Hause zurückzukommen,
sondern wie der Vater
mit offenen Armen die Zurückkommenden zu empfangen.
Amen.