Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 15,11-32

Pfarrer Peter Krogull (ev.)

14.03.2010 in der Salvatorkirche – Citykirche für Duisburg, Ev. Kirchengemeinde Alt-Duisburg

Anlass: Entfernung der Kreuze aus den Düsseldorfer Gerichten im Frühjahr 2010

Predigt über Lukas 15,11-32: „Der verlorene Sohn“

„Wenn die ganze Bibel verloren ginge, und es bliebe nur dies Gleichnis übrig,
so wäre alles gerettet.” Martin Luther


„Ihre Suche nach Bibel ergab 0 Treffer.“ Zufrieden schaute Paula auf ihren Computer-Bildschirm. Auf diesen Moment hatte Sie lange hingearbeitet. Auf den Moment, dass Ihre Internet-Suchmaschine ihr die Meldung machen würde:
„Ihre Suche nach Bibel ergab 0 Treffer.“ Eine Meldung, die den erfolgreichen Abschluß ihrer Arbeit bedeutete; Paulas Arbeit, die darin bestand, die Bibel und ihre Geschichten aus dem öffentlichen Bewusstsein zu löschen.
Im Jahre 2138 hatte Paula ihre Arbeit aufgenommen. Das Bundesministerium für Toleranz und Religionsfreiheit hatte sie eingestellt und beauftragt, sämtliche Spuren der Bibel und ihrer Geschichten aus dem Internet zu eliminieren.
Ein Auftrag, der sich als schwierig erwiesen hatte, weil es doch immer wieder mal vorkam, dass einzelne, im Untergrund organisierte Christen biblische Texte im Netz veröffentlichten. Doch jetzt, 5 Jahre später, im Jahr 2143 war es gelungen, auch die letzten dieser unverbesserlichen Störenfriede, die sich Christen nannten, dingfest zu machen. Zufrieden schaute Paula auf ihren Computer-Bildschirm, denn endlich war das große Ziel des Ministeriums erreicht: Es gab keine im Umlauf befindlichen Bibeln mehr, weder physische noch virtuelle.

Begonnen hatte alles um die Jahrtausendwende herum, als man mit der Verbannung der christlichen Symbole aus dem öffentlichen Raum angefangen hatte. Die Entfernung der Kreuze aus Schulen und Gerichtssälen war ein erster wichtiger Schritt gewesen, gefolgt von der Abschaffung des Religionsunterrichts und der Sonntagsruhe, alles aufgrund von ökonomischen Sachzwängen.
Die Bibel und ihre Geschichten waren erst Jahre später in den Fokus der Kritik geraten. Es muss so um das Jahr 2070 gewesen sein, als der Vorwurf laut wurde, dass die Bibel und ihre an manchen Stellen gewaltbeinhaltenden Texte zensiert gehörten, so wie man es auch mit vielen anderen literarischen Texten damals gemacht hatte; alles in der Hoffnung, die Zahl der Gewalttaten durch diese  radikale Zensur zu verringern. Eine Maßnahme, die leider nicht das erhoffte Ziel erreichte, die Zahl der Verbrechen nahm auch weiterhin zu, jedoch die Bibel blieb im Kreuzfeuer der Kritik.
Und als dann auch noch im Jahr 2091 ein grundsätzliches Verbot für alle religiösen und weltanschaulichen Schriften ausgesprochen wurde, war das Schicksal der Bibel besiegelt. Schon Paula hatte keine physische Ausgabe der Bibel mehr in Händen gehalten, auch die meisten Geschichten der Bibel waren ihr fremd und konnten es auch sein: Ihr Computer wurde mit Stichwörtern gefüttert und arbeitete fast von alleine.

Zufrieden aber auch mit einem Gefühl von Leere schaltete Paula ihren Computer aus und ordnete ein letztes Mal den Papierstapel auf ihrem Schreibtisch.
Die meisten Zettel konnte sie nun wegwerfen oder zu den Akten legen, nur ein Papier wollte sie noch einmal durchsehen.
Es war eine ausgerissene Seite aus einem alten Schulbuch für den Deutsch-Unterricht (die Bücher für den Religionsunterricht waren schon seit langem aus dem Verkehr gezogen); jedenfalls hatte einer ihrer Mitarbeiter diese Seite gefunden und ihr zukommen lassen mit der Frage, ob es sich bei diesem Text nicht auch um eine biblische Geschichte handeln könnte. Paula überflog die Geschichte, die in diesem Deutschbuch wohl als Beispiel für eine bestimmte literarische Gattung abgedruckt war.
Auf den ersten Blick deutete nicht viel auf einen biblischen Text hin, es fehlten z.B. die Stichwörter „Gott“, „Jesus“ und „Glaube“. Aber da Paula noch etwas Zeit hatte und auch sonst nichts Besseres zu tun, machte sie sich an die Lektüre.

Eine interessante Geschichte, dachte sie nach dem ersten Lesen.
Eine Familiengeschichte, die von zwei Brüdern und ihrem Vater handelte. Zwei Brüder, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Der eine fleißig und mit Familiensinn, der andere ein Schwerenöter, der das Erbteil seines Vaters verprasst hatte. Paula schmunzelte. Bei diesen unterschiedlichen Brüdern musste sie an sich und ihre Schwester denken, zwei, die auch nicht gerade immer einer Meinung waren. „Fighting Twins“, kämpfende Zwillinge waren sie sogar früher von ihren Eltern manchmal genannt worden, weil es immer irgendeinen Grund zu Streit und Zank gegeben hatte. Jedenfalls war sich Paula im Hinblick auf diese Geschichte schon mal bei zwei Sachen sicher: Erstens: Der Verfasser war jemand, der selber Geschwister hatte. Wie sonst hätte er so präzise und so einfühlsam eine solche Familie beschreiben können?
Und zweitens: diese Geschichte konnte eigentlich keine Geschichte aus der Bibel sein. Schließlich lautete doch einer der weitverbreiteten Vorwürfe gegen die Bibel, dass sie hauptsächlich weltfremde Geschichten von Gott oder einen Haufen von unmenschlichen Geboten beinhaltete. Diese Geschichte hier war ganz anders. Sie war weltlich und menschlich. Weltlich, weil die Welt in der diese Geschichte spielte, eine sehr reale Welt war, mit Hungersnöten und katastrophalen Arbeitsbedingungen. Und menschlich auf der anderen Seite, weil diese Geschichte so einfühlsam geschrieben war. Ja, sie war sogar mit so viel Einfühlungsvermögen geschrieben, dass man sich gut in jede Person dieser Geschichte hineinversetzen konnte: in den jüngeren Sohn, der nach dem Verprassen seines Erbteils wieder reumütig nach Hause kommt, in den älteren Sohn, der sauer ist, weil der Jüngere trotz seines offensichtlichen Fehlverhaltens in Ehren und mit Tamtam zuhause aufgenommen wird. Und natürlich in den Vater dieser Geschichte, den der Anblick seines heruntergekommenen Sohnes bei der Rückkehr jammert; dieser Vater, der seinen Sohn trotz allem mit heißem Herzen wieder in seine Arme schließt.

Gar nicht leicht war es, sich hier für eine bestimmte Person oder Position zu entscheiden. Ja, erst jetzt, beim genaueren Nachdenken merkte Paula, wie anders diese Geschichte war; wie sehr sie sich von dem unterschied, was es sonst im Jahr 2143 so zu lesen gab: Romane, Essays, Leitartikel, die meistens nur einem einzigen Ziel dienten: dem Ziel, die Moral des Volkes zu stärken. Brave Bürger zu bleiben, Nachkommen zu produzieren und vor allen Dingen: effizient und leistungsorientiert zu arbeiten.
Einfache Botschaften, die die Menschen motivieren und beeinflussen sollten, damit die Wirtschaft nicht ins Stottern geraten würde.
Einfache Botschaften, die Paula im Grunde ihres Herzens hasste, weil sie die Menschen für dumm verkauften. Denn so einfach war das Leben nicht. Es gab nicht nur schwarz und weiß, gut und böse, richtig und falsch. Wie wohltuend erschien ihr da diese seltsame und wenn man der urtümlichen Sprache nach urteilten konnte, alte Familiengeschichte, die offenkundig keine einfache und platte Moral verbreiten wollte. Ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass der verlotterte, jüngere Sohn am Ende in Ehren aufgenommen wird, passte so gar nicht zu den Vorstellungen des Jahres 2143, wo es meistens darum ging, effektiv und schnell zu arbeiten.

Nein, eine platte Moral will diese Geschichte nicht erzählen, etwas ganz anderes steht in ihrem Mittelpunkt, dachte Paula und sah sich noch einmal diese eine Stelle an, die ihr schon beim ersten Lesen eine Gänsehaut bereitet hatte: die Stelle, als der jüngere Sohn nach Hause kommt und von seinem Vater mit offenen Armen empfangen wird. Eine Stelle, die Paula auch beim zweiten Lesen zu Herzen ging und ihr die Tränen in die Augen steigen ließ. „So ein Mist“, dachte sie und griff nach einem Taschentuch. Normalerweise war sie wirklich keine, die nah am Wasser gebaut war, doch diese Szene berührte sie. Berührte sie, weil sie auf einmal an ihre eigene Tochter denken musste.
Ihre Tochter, die mit ihren knapp 6 Jahren zwar weit davon entfernt war, nach ihrem Erbteil zu fragen, doch die Liebe, mit der der Vater seinem Sohn in dieser Geschichte begegnete, das war auch ihre Liebe, diese bedingungslose, unendliche Liebe, die sie empfand, wenn sie an ihre eigene Tochter dachte.
Es ist diese Liebe, die diese kleine Geschichte antreibt, dachte Paula, eine Liebe, die so stark ist, dass sie durch alle Fehler und alles Trennende hindurchsieht,
eine Liebe, die so unverbrüchlich ist, dass sie durch keine Einwände, selbst durch die vernünftigen nicht, verunsichert werden kann. Gedanken, bei denen sie an die Worte des Vaters in der Geschichte denken musste, wie hieß es da doch gleich: „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden“.
Wieder und wieder las Paula diese geheimnisvollen Worte und eines wurde ihr bei jedem Lesen deutlicher: dass die Liebe, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt, jede noch so starke zwischenmenschliche Liebe übersteigt. Die Liebe, die der unbekannte Verfasser in eine Geschichte gegossen hatte, ist eine Liebe, die selbst an der Grenze des Todes nicht halt macht. Eine Liebe, nach der sich Paula gerade im Angesicht ihrer Tochter von Herzen sehnte. „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden“.

Was, wenn der Verfasser dieser Geschichte recht hatte und es tatsächlich etwas gab, was den Tod überwinden könnte. Was wenn sie alle falsch liegen, ihre Zeitgenossen, die im Namen der Vernunft, womit sie in der Regeln ihren eigenen, engen Horizont meinten, die also im Namen der Vernunft immer wieder verkündeten, dass mit dem Tod alles aus und vorbei sei? Und dass es deshalb darum gehe, möglichst viel in diesem Leben aus dieser Welt und aus seinen eigenen Möglichkeiten herauszuholen und Erfüllung zu finden.
Was, wenn sie alle falsch liegen? Was, wenn es da doch noch etwas gibt, doch noch jemanden gibt? Eine Macht, einen Vater wie in der Geschichte, einen (Paula wagte sich kaum, das Wort zu denken) einen Gott, der die Menschen liebt, der alle Menschen liebt, nicht nur die beständigen Musterschüler, sondern auch die Irrläufer und Verlierer des Lebens? An einen solchen Gott würde sie gerne glauben, dachte Paula. Bisher hatte sie auf Nachfragen immer geantwortet, dass sie an irgendeine höhere Macht glaubte, wahlweise auch an sich selber, doch in dieser Stunde am Schreibtisch hatte sie etwas anderes vor Augen und im Sinn:
Den Vater aus der Geschichte. So sollte der Gott sein, an den sie glauben wollte. Nur gut, dass diese Geschichte anscheinend keine aus der Bibel war, dachte Paula. Nur gut, dass Ihr Mitarbeiter sie noch nicht weggeschmissen hatte, denn sie hatte mit dieser Seite noch etwas vor. Sie würde sie gerne heute Abend ihrer Tochter vorlesen und wissen, was sie von dieser Geschichte hält.
Und es gab auch noch ein paar andere Menschen in ihrem Umfeld, denen sie diese Geschichte gerne schenken würde. Paula nahm die Seite und machte sich auf den Weg zum Kopierer.    
Amen.