Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 17, -10

Pfarrer Thomas Freytag (ev)

20.02.2011 in der St. Nikolauskirche Judenbach

Sonntag Septuagesimä

Stärke unseren Glauben

I.

Einen Moment lang hatten Petrus und seine Freunde gezweifelt: Ist unser Glaube wirklich stark genug?

 

Jetzt erinnern sie sich: Seit jenem Tag am See Genezareth war ihr Leben völlig verwandelt. Ohne Hoffnung waren sie damals hinausgefahren auf den See. Stunde um Stunde hatten sie vergeblich die Netze ausgeworfen. Die ganze Nacht und den halben Morgen hatten sie gefischt und nichts gefangen. Als sie mutlos und enttäuscht in den Hafen kamen, stand er da und auf sein Wort hatten sie diesen einen, letzten Fischzug unternommen. Am helllichten Tag. Ohne Hoffnung. Ohne Ziel. Wie durch ein Wunder hatten sie den Fang ihres Lebens gemacht.

 

Damals hatte alles begonnen.  Seine Worte hatten sie verwandelt. „Ihr sollt hinfort Menschen fischen“, hatte er sie geheißen. Und sie waren ihm gefolgt.

 

Wie viel hatten sie seitdem erlebt. Auf dem Feld waren sie ihm ganz nah. Keines seiner Worte haben sie vergessen: „Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich.“

 

Als sie vor Angst unterzugehen drohten, genügte sein Wort. Schon legte sich der Sturm. Gleich beruhigten sich die Wellen auf dem offnen See. 

 

Immer wieder hatten sie ihn gefragt und immer wieder hat er ihnen beschrieben, was er von ihnen erwartet: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt; wer nicht Vater und Mutter, Bruder und Schwester verlässt; wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut; wer nicht siebenmal vergibt, der ist nicht mein Jünger.“

 

Wollen wir das wirklich?

Bereit sein? Alles riskieren?  

Ist unser Glaube wirklich stark genug?

Einen Moment lang hatten die Zwölf gezweifelt.

 

II.

Es war Abend geworden über einen langen Tag.

Sie saßen am Ufer des Sees. Ein Feuer brannte. Der Duft von gebratenem Fisch lag noch in der Luft. Sie waren zusammengerückt. ER in ihrer Mitte.

 

„Stärke unseren Glauben!“ Ganz leise hatte einer in das Schweigen hinein gesagt, was alle dachten. Wie ein kalter Windhauch, der vom See her die Müdigkeit vertreibt, so wach waren sie und harrten seiner Antwort.  

 

„Wer unter euch hat einen Knecht?“ So hat ER sie zurückgefragt. Jeden einzeln angeschaut. Zwölf im Widerglanz des Feuers blitzende Augenpaare. „Wer von euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch?“

 

Nein, natürlich keiner. Obwohl nicht einer von ihnen ein Sklavenhalter war. Aber jeder von ihnen wusste:  Der Sitte nach bedient ein Sklave den Herrn und nicht umgekehrt! Und kein Knecht sitzt mit seinem Herrn zu Tisch!

 

Am liebsten wären sie ihm ins Wort gefallen, doch ER ließ keine Zeit für ihre Antwort. ER fragt gleich weiter:

 

„Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst auch du essen und trinken?“

 

Natürlich nicht! Natürlich hat ER recht! Zuerst muss der Sklave seinen Herrn bedienen. Erst nach getaner Arbeit darf der Knecht an sich selber denken!

 

Gern hätten sie IHM das geantwortet, wenn sie zu Wort gekommen wären.

 

„Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?“

 

Es lag ihnen auf den Lippen. Petrus hatte schon Luft geholt. Wollte sagen: Selbstverständlich nicht! Der Herr dankt nicht! Der Knecht hat nichts anderes als seine Pflicht und Schuldigkeit getan! So ist es Brauch.

 

Noch bevor Petrus die Stimme erheben konnte, schnitt ER ihm die Antwort ab: „So auch ihr!“

 

Unendlich still war es nun. Kein Wind, kein Rauschen, kein Vogelgesang.

 

In diese Stille hinein sein Wort: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“

 

 

III.

Wir, die armen Sklaven und ER, der Herr.

Soll ich das wirklich glauben?

Mein Lohn ist, das ich darf?

Gilt das auch unter uns?

Soll tatsächlich auf meinem Grabstein stehen:

„Müh und Arbeit war sein Leben?“ 

Ist unser Glaube wirklich so stark?

 

 

IV.

Das Kloster „Notre-Dame de l’Atlas“ ist umgeben von Pinien und Orangenbäumen. Im Hintergrund die  Berge des Atlas. Die Mönche sind von allem weit entfernt und zugleich nah am Wesentlichen: an der Schönheit, am Himmel, an der Klarheit.

Eine Szene aus dem Film „Von Menschen und Göttern“, der gerade im Kino läuft. Er spielt vor dem Hintergrund einer dramatischen Begebenheit, die sich Ende der 90iger zugetragen hat und nun ein Schlaglicht wirft, auf die Ereignisse in Nordafrika.

 

Der Film zeigt, wie das Leben im Kloster asketisch und bedächtig dahin fließt. Die Arbeit im Klostergarten und die Gebete prägen den Alltag. Das Zusammenleben mit den Menschen in der Umgebung gehört für die Brüder selbstverständlich dazu. Die Mönche betreiben eine Krankenstation. Sie verkaufen ihren Honig auf dem Markt. Pflegen Freundschaften mit den Nachbarn. Feiern ihre islamischen Feste mit.

 

Der Vorsteher des Klosters, Christian, besucht den Imam, das muslimische Oberhaupt des Dorfes. Tief betroffen erzählt der Imam, wie vor ein paar Tagen seine junge Nichte erstochen wurde – weil sie kein Kopftuch, keinen Schleier getragen hatte. „Was geht in diesen Leuten vor. Keiner von denen kennt den Koran.“ So klagt der Imam.

Kurz darauf werden kroatische Bauarbeiter unweit des Klosters ermordet. Der Bürgerkrieg in Algerien befindet sich auf seinem Höhepunkt. Die Extremisten dringen gewaltsam in das Kloster ein und verlangen, dass die Mönche ihren verwundeten Anführer gesund pflegen. Eines Tages kreist ein mit Maschinengewehr bewaffneter Armeehubschrauber unerträglich lange über dem Kloster. Die Mönche versuchen gegen das Dröhnen der Rotorblätter anzusingen. Sie begreifen, dass sie sich in großer Gefahr befinden.

 

In großer Sorge sitzen sie beisammen und überlegen, was zu tun sei. Ein Bruder sagt: „Ich bin nicht Mönch geworden um als Märtyrer zu sterben. “ „Wir sollten uns der Gewalt beugen und einen anderen Ort in Afrika suchen, an dem wir unser Zeugnis leben können“, meint ein anderer. Ein dritter wendet ein: „Zu Haus in Frankreich, beim letzten Besuch meiner Familie habe ich gespürt, wie ich mich zurücksehne nach diesem Ort. Hier in diesem Kloster und nirgends anders ist meine Heimat. “

 

In der Runde streiten die Brüder heftig, was zu tun sei.

Zweifel. Ängste. Gewissenserforschung.

 

„Wir sind wie Vögel und ihr seid unser Lebensbaum“, sagt eine Frau aus dem Dorf zu den Mönchen. Am Ende beschließen sie einmütig zu bleiben.

 

In der letzten Szene, bevor sie entführt werden, sitzen die Brüder wie beim Abendmahl zusammen. Auf dem Tisch stehen zwei Flaschen Rotwein. Aus dem Kassettenrekorder erklingt „Schwanensee“. Man sieht ihre lachenden und weinenden Gesichter ganz nah.

 

Bruder Luc sagt: "Ich habe keine Angst vor den Terroristen, noch weniger vor dem Militär. Ich fürchte den Tod nicht mehr, ich bin ein freier Mensch!" Er sagt das ohne heroische Geste, ohne glühende Bekenntnisaugen.

 

 

V.

„Stärke unseren Glauben!“ Das war alles, was sie noch bitten konnten an diesem Abend. ER, Jesus, hatte sie ratlos zurückgelassen. Wie arme Sklaven und unnütze Knechte? Tun, was zu tun ihre Pflicht und Schuldigkeit sei?

 

Lange schauten sie schweigend auf den See. Hinüber auf die Höhen des Gebirges. Im Gegenlicht des Vollmonds erschien es unüberwindlich. Plätschernde Wellen, zirpende Grillen. Vom Land her ein gerade noch warmer Windhauch, der sanft die Blätter bewegte. Herber Duft von Seetang und frisch geschnittenem Gras. Glimmendes Holz im verlöschenden Feuer.  

 

Immer und immer wieder hatten sie seine Worte gewendet.

Als ob sie’s nicht glauben können. Als ob nichts verloren gehen darf.

 

In der frühen Dämmerung schreckt sie ein zeitiger Vogel auf durch seinen Angstschrei.

 

Einer fragt  flüsternd: „Ist ein Knecht nicht zu Felddienst und Hausarbeit verpflichtet?“ Der nächste ergänzt: „Ist nicht ein Schüler verpflichtet seinem Lehrer zu folgen?“

 

Nun kommt Bewegung in der Runde. Die Körper straffen sich. Die Brüder schauen auf. Langsam werden alle wach.

 

„Können wir nicht froh sein, über einen solchen Herrn?“ „ER lädt uns ein!“ „Dass wir absichtslos für IHN da sind.“  „Dass wir IHM ohne Bedingungen folgen.“ „Mit leeren Händen.“ „Alles von IHM erwarten.“ „Frei sind und keine Angst mehr haben!“ „IHM allein vertrauen!“ „Ist es das, was ER von uns will?“

 

Da baten sie Jesus zum dritten Mal: „Stärke unseren Glauben!“

 

Amen.