Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 17,11-19

Joost Reinke

06.10.2002 in der Ev.-Freik. Gemeinde Kreuzkirche Hückeswagen

Guten Tag, es ist eine besondere Ehre für mich, heute vor diesem erlauchten Publikum sprechen zu dürfen. Mein Name ist Simon. Ich stamme aus Palästina, genauer aus einem kleinen Nest in der Provinz Samaria. Ich war viele Jahre sehr schwer krank, totkrank. Wissen Sie, das geht nicht so spurlos an einem vorüber; das hängt einem auch nach Jahren noch in den Kleidern.

Heute bin ich gesund. Ich wurde geheilt, wissen Sie, von einem Wanderprediger - er heißt Jesus. Ich kenne ihn kaum, aber ich glaube, er kennt mich. Er ist ein wunderbarer Mensch. Er hat mich in meiner Not gesehen - können sie das nachvollziehen? Ich war ein Ausgestoßener der Gesellschaft, ich lebte am Rande, ich war gesundheitlich nicht gut dran. Ich war behindert; mein Leben war nicht schön. Ich hatte neun Kumpels, auch alle krank, auch alle abgeschrieben, ausgegrenzt, an einen Ort verbannt, wo nur Kranke leben. Wissen Sie, was das bedeutet? Wie man sich da fühlt?

Wir lebten wie in der Verbannung. Immer, wenn sich andere Menschen unserer Siedlung näherten, mussten wir laut rufen: "Aussatz, Aussatz, wir sind krank," damit die Gesunden einen Bogen um uns herum machen konnten; damit sie gesund blieben und uns nicht sehen mussten, unser Elend nicht ertragen mussten. Wir haben das Leben der Gesunden gestört - man wollte uns nicht sehen, denn wir waren anders als sie.

Ich war krank, totkrank. Aber heute bin ich gesund. Jesus hat mich geheilt; (nervös lächelnd) sehen Sie, das war..., also..., wissen Sie, ich kann da heute noch schlecht drüber reden; das regt mich innerlich ziemlich auf. Verstehen Sie, das Leben hatte doch nichts mehr für mich. Ich war dem Tode nahe. Da gab es keine Hoffnung . Ich hatte keine Perspektiven, außer dem täglichen Einerlei in unserem Lager.

Wir hatten aber gehört - von demjenigen, der uns immer das Essen brachte -, dass da dieser Jesus sich in der Nähe aufhielt; dieser Wanderprediger..., ein...., ein..., wie soll ich sagen? Ein faszinierender Mensch. Mehr als das; er konnte heilen.

Ich erinnere mich noch genau, es war früher Nachmittag, da sah ich ihn. Er wurde von mehreren Leuten begleitet und kam direkt auf unser Dorf zu - direkt auf unser Lager. Ich wusste gleich: Das ist er. Ich hatte ihn noch nie gesehen, aber ich spürte das, ich konnte ihn sehen, ich konnte Jesus sehen....
Er war noch ein ganzes Stück entfernt, vielleicht 100 Meter; aber er kam immer näher. Er wollte ins Dorf. Und da hab ich zu meinen Kumpels gesagt: "Jungs, er ist da. Jesus kommt. Los," hab ich gesagt, "rafft euch auf, wir gehen da hin". Bis auf etwa 20 Meter sind wir dann rangegangen und wir wollten rufen: "Aussatz, Aussatz, wir sind krank", so wie immer. Aber dann, mit einem Mal habe ich laut losgeschrien: "Jesus, erbarm dich über uns." Und dann haben die andern mit gerufen: "Jesus! Meister! Erbarme dich über uns."

Und Jesus blieb stehen, und alle anderen natürlich auch und er hat uns angeguckt. Ich habe sein Gesicht gesehen, seine Augen - und mit einem Mal wusste ich - hier drinnen (an die Brust schlagen) - ich habe es gespürt: Jetzt passiert was!

Dabei kannte ich ihn doch gar nicht. Ich war doch für ihn ein völlig Fremder, ein Samaritaner, ein Nichts. Und dann hat er gesagt: Wir sollen zum Gesundheitsamt gehen und uns untersuchen lassen.
- Pause -

Das war der Hammer. Das war so seltsam. Und dennoch bin ich losgegangen und wir haben uns auf den Weg zur nächsten Kreisstadt gemacht, denn in unserem Dorf gab es doch kein Gesundheitsamt. Und einer von uns hat noch gesagt: "Wat soll ich denn da? Da ham´se mich schon mal rausgeschmissen".

Und wir waren noch keine 500 Meter gegangen, da wurde mir am ganzen Körper total warm und ich spürte: Jetzt passiert´s. Und ich guck auf meine Hand - alles gut. Und ich sag noch zu den andern: "Hey, Jungs, meine Hand ist heil." Mein ganzer Arm war gesund, meine Haut am Körper wie neu. Und die anderen sagten alle das Gleiche.

Wir sind beim Gehen gesund geworden - wie ist das möglich? Ich kann das nicht erklären. Aber eins weiß ich: Ich war totkrank und heute bin ich gesund. Und dann hab ich gesagt: "He, Mann, wir müssen uns bei Jesus bedanken!" Aber die anderen haben was von "langem Weg" und "untergehender Sonne" und "keine Zeit verlieren" gemurmelt.

Da bin ich einfach alleine umgekehrt und ich bin gerannt, so schnell ich konnte und bei jedem Schritt spürte ich: Ich bin geheilt. Ich war so happy. Ich fing einfach an, zu beten: "Danke Gott!" Ich habe das laut raus geschrien. Ich habe Jesus noch vor unserem Ort eingeholt. Ich hab gerufen: "Jesus, Jesus" und da ist er stehen geblieben. Dann habe ich mich vor ihm in den Staub geworfen. Ich hab mich hingekniet, ich habe sein Gewand berührt und habe ihm gedankt. Ich habe die ganze Zeit geheult. Ich sehe noch heute die braunen Sandalen von Jesus vor mir und wie sie durch meine Tränen immer nasser wurden. Ich habe geheult wie ein kleines Baby. Ich war wie von Sinnen. Ich war so glücklich. - (versonnen) Ich war ganz bei mir und war zugleich ganz bei Jesus.

Und er stand so ruhig da. Ich konnte diese Kraft spüren, die von ihm ausging. Das war unglaublich - als wenn sich der Himmel über mir öffnen würde. Nach einer Weile hat Jesus etwas gesagt und seine Worte habe ich nur wie durch einen Schleier gehört. Irgendwie war ich ganz weit weg. Er sagte: "Zehn habe ich gesund gemacht. Wo sind denn die anderen neun? Warum sind sie nicht auch zurückgekommen, um Gott die Ehre zu erweisen, wie dieser Fremde hier?"

Der Fremde, das war ich. Ich dachte noch bei mir: "Er hat ja so recht. Wie kann man nur so undankbar und gleichgültig sein?"
- Pause -

Dann wurde ich allmählich ruhiger. Da hat Jesus seine Hand auf meine Schulter gelegt und gesagt: "Steh auf und geh nach Hause. Dein Glaube hat dich gerettet."
Ich bin dann aufgestanden und habe, glaube ich, noch Mal "danke für alles" gesagt und er hat mich in den Arm genommen und gesagt: Gott soll mich segnen und begleiten. Dann bin ich gegangen.

Über seine Worte habe ich noch lange nachgedacht. Ich meine, ich habe verstanden, was Jesus damit sagen wollte. Wer zu ihm kommt, wer alles andere zurückstellt, um Jesus zuerst zu danken, und wer Gott die Ehre gibt, der ist auf dem Weg der Rettung. Der wird gerettet, nicht nur von seiner Krankheit oder irgendeiner Behinderung, sondern wird gerettet von einem sinnlosen Leben ohne Gott. Wer Gott dankt und ihm vertraut, der ist auf dem Weg des Heils - auch wenn er ein Außenstehender ist, so wie ich. Und bei Jesus bekommt man die wahre Heilung, das ewige Heil von Gott. Deswegen sagen manche Leute auch: Er ist ein Heiland.

Sehen Sie, das ist meine Geschichte. Die Geschichte eines kleinen, unbedeutenden Mannes aus einem kleinen, unbedeutenden Dorf irgendwo in der Provinz Samaria. Ich war totkrank, aber durch Jesus habe ich erlebt, was wahre Heilung bedeutet. Er hat mir sein Heil verliehen. Er hat sich über mich erbarmt. Er hat mein Herz verändert. Und auch das habe ich gelernt: Wer danken kann, für den bekommt die Welt ein neues Gesicht. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen auch. Gott segne Sie. Auf Wiedersehn (Abgang; es folgt ein Moment der Stille).

Amen.