Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 17,20-24

Pfarrer Thomas Berke

09.11.2003 in der Ev. Kirche zu Mülheim (Mosel)

Anlässlich des 9. Novembers

© privat

Liebe Gemeinde,

heute ist der 9. November. Viele nennen ihn den Schicksalstag der deutschen Nation:
Abdankung des Kaisers und Ausrufung der Republik
Reichskristallnacht/Reichspogromnacht mit Zerstörung der Synagogen und organisierten Überfällen auf jüdische Bürger
Fall der Berliner Mauer – Anfang vom Ende der DDR

Heute, am 9.11.2003 sagt uns Jesus auf die Frage, wann denn das Reich Gottes kommt: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch bzw. inwendig in euch!“

Zwischen den Ereignissen des 9. Novembers und diesem Wort Jesu gibt es einen Zusammenhang. Jesus spricht in diese Ereignisse geradezu herein:
Am 9.11.1918 wurde schmerzhaft klar: Das Deutsche Reich mit dem Kaiser an der Spitze war kein Stück Reich Gottes auf deutscher Erde, auch wenn der Kaiser als preußischer König Oberhaupt der evangelischen Kirche in weiten Teilen Deutschlands war. Zugleich wurde unübersehbar: Aufklärung und technischer Fortschritt führen nicht zu einem besseren Menschen, besseren Verhältnissen, besserer Politik, sind kein Weg zum Reich Gottes, wie viele es im 19 Jahrhundert meinten.
Dafür war der 1. Weltkrieg zu schrecklich. Fortschritt und Technik haben sich in ungeahntem Ausmaß gegen den Menschen gewendet. Fortschritt und Technik erweitern die Möglichkeiten des Menschen nicht nur zum Guten, sondern auch zum Bösen.
Der 9.11.1938 hätte eigentlich die Augen öffnen müssen: Dieses Dritte Reich, fünf Jahre vorher enthusiastisch begrüßt, führt nicht zum Reich Gottes. Denn wo Menschen wegen Rasse und Religion mit Füßen getreten werden, hat der Teufel die Oberhand gewonnen. Da kann Gottes Reich nicht sein.
Der 9.11.1989 schließlich hat allen Träumern die Augen geöffnet, die gemeint hatten, der Sozialismus sei ein Weg in Richtung auf Gottes Reich auf Erden, in eine bessere Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Wer in der DDR gelebt hatte, der wusste dies. Denn die Unterdrückung war tagtäglich erfahrbar. Hier bei uns im Westen aber, auch in der westdeutschen evangelischen Kirche, haben viele die Augen zugemacht vor der Realität im sowjetischen Machtbereich.
Der dreifache 9. November im 20. Jahrhundert hat uns also dreimal in schmerzhafter Weise gezeigt: Das Reich Gottes kommt weder durch Aufklärung und Fortschritt, es kommt auch nicht durch Nationalsozialismus oder Sozialismus. Die irdische Reich-Gottes-Hoffnung, die Massen in den Bann gezogen hat, auch eine Vielzahl von Menschen in der Kirche, diese irdische Reich-Gottes-Hoffnung ist an diesem Datum 9.11. in ganz schmerzhafter Weise entzaubert worden. So wie Jesus es gesagt hat: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; … und sie werden zu euch sagen: Siehe, da! Oder Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!“

Der dreifach 9.11. hat jeweils unübersehbar gezeigt: Ihr seid hingegangen und ihr seid nachgegangen. Von daher ist dieses Datum ein Datum der Schuld: Wir und unsere Väter und Großväter haben auf andere und anderes mehr gehört als auf Jesus.
Gottes Reich kommt nicht sichtbar in die Welt, nicht durch Bewegungen, Ideologien, nicht durch Fortschritt oder Aufklärung, nicht durch eine bestimmte Politik.
Alles, was aus diesen Richtungen kommt, sind Versuchungen!

Aber wie kommt Gottes Reich dann?
Jesus gibt darauf eine überraschende Antwort: „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch!“ Was meint er damit?
Er meint damit offensichtlich sich selbst.
Ich, Jesus Christus, bin Gottes Reich. Eine erstaunliche, provozierende Aussage. Und ich wage zu sagen: Wenn diese wichtige Aussage Jesu bei mehr Menschen im Hinterkopf gewesen wäre, es wäre uns viel erspart geblieben, wir wären kritischen gewesen gegenüber Ideologien und Verführern.
Ja, mit Jesus Christus ist das Reich Gottes zu uns gekommen. Durch niemand anderes. Und wer an Jesus Christus glaubt, der braucht nicht zu glauben, dass das Reich Gottes durch anderes käme. Der ist davon befreit.
Das wird klar, wenn wir überlegen, was Gottes Reich überhaupt ist: Reich Gottes sind alle Menschen, die Gott als ihren König angenommen haben und auf sein Wort hören, vertrauen und danach leben. Jesus Christus ist der eine Mensch, der dies getan hat. Und in ihm ist Gott selbst in die Welt gekommen. Denn Gott hat gesehen, wie unmöglich es ist, seine Gebote zu erfüllen, wie sehr wir uns gerade auch bei dem Versuch, dies zu tun, verrennen und verstricken können. Gott hat eingegriffen und ist in Jesus Christus selbst in die Welt gekommen, um alles zu erfüllen. Für dich, weil du es nicht kannst!
Der erste Satz, den Jesus öffentlich sagt, lautet darum nach Markus 1,15: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Darum tut Buße – ändert eure Gesinnung – und glaubt an das Evangelium.“
Ja: In der Person Jesus Christus ist Gottes Reich herbeigekommen. In seiner Person ist Gottes Reich da. Jetzt verstehen wir, was Jesus meinte: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Er meint damit sich selbst, der mitten unter den Menschen gelebt hat. Wir können uns das bildlich vorstellen: Jesus steht mit Leuten zusammen, die ihn fragen, wo und wann denn das Reich Gottes komme. Und Jesus sagt: Ihr braucht nicht weit zu gucken – schaut auf mich. In meiner Person ist Gottes Reich da. Denn ich bin Gottes Sohn, der auf den Vater hört und alles erfüllt hat. Für euch! Weil ihr es nicht könnt.
Und wenn in der alten Luther-Bibel übersetzt wurden: Das Reich Gottes ist inwendig in euch, dann ist das gar kein Widerspruch. Jesus Christus, der mitten unter uns da ist, kommt durch den Glauben in unser Leben hinein. Und damit auch Gottes Reich, das in seiner Person für uns da ist. Luther hat also mit seiner Übersetzung den Zielpunkt stärker betont; der, der mitten unter uns da ist, kommt auch in unser Leben hinein – durch den Glauben.
Dass mit Jesus Christus durch den Glauben Gottes Reich in der Welt ist und auch in unserem Leben ist, ist unsre Gewissheit im Leben und im Sterben. Denn wo Gott durch den Glauben das Regiment übernommen hat, wo sein Wort da ist und wirkt, da hat der Tod keine Chance mehr. Da hat auch der Teufel keine Chance mehr, der immer wieder neu den Versuch macht, uns weiszumachen, Gottes Reich müsste von Menschen politisch verwirklicht werden.

Jesus selbst hat dieser Versuchung widerstanden (Der Teufel hat ihm alle Reiche der Welt angeboten, wenn er ihn anbetet.). Und das hatte in seiner Zeit Folgen. Denn Jesus hat es abgelehnt, sich an die Spitze einer Widerstandbewegung gegen die Römer zu setzen, um diese mit Waffengewalt zu vertreiben. Jesus wusste: Das Reich Gottes beginnt nicht dann, wenn das Heilige Land von den ungläubigen Römern befreit ist. Das Reich Gottes hat in seiner eigenen Person begonnen. Es breitet sich aus, wo Menschen an ihn glauben, bis zum heutigen Tag. Jesus hat den Knecht einen römischen Hauptmanns geheilt, um zeichenhaft zu zeigen: Gottes Reich kann auch bei einem Angehörigen der römischen Besatzungsmacht sein – durch den Glauben.

Dass Jesus damit Anstoß erregte, ist klar. Dass dies auch ein Grund war, dass man ihn ans Kreuz geschlagen hat, wird uns an dieser Stelle deutlich.
In ihm ist Gottes Reich da – durch den Glauben für all Menschen grenzüberschreitend, und damit auch für dich und für mich. Das macht uns frei von der teuflischen Versuchung, Gottes Reich selbst herstellen zu wollen. Das macht uns zugleich frei, in unserem persönlichen Leben Gottes Wort zu leben. Aus der Gewissheit heraus: Gottes Reich ist in Jesus Christus bereits da. Es braucht nicht erst hergestellt zu werden. Weil er da ist, brauchst du dein Leben nicht mehr zu erretten und auch die Welt nicht mehr zu erretten. Aber du kannst mit ihm widerstehen und mit Gottesfurcht Gottes Liebe leben, die keinen Menschen verloren gibt.

Amen.