Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 17,5-6

Pfarrer Dr. Benedikt Bruder (ev.-luth.)

08.09.2013 in Schwaig b. Nürnberg

Ökumenischer Gottesdienst im Zelt anl. des Schlossfestes

Liebe Gemeinde,

wie stark ist eigentlich Ihr Glaube? Können Sie das sagen? Beispielsweise auf einer Skala von 1-10? Wo würden Sie sich einordnen?

Im unteren Bereich? 1-3, na das wäre ziemlich schwach, ein bisschen mehr würde ich Ihnen zutrauen.

Sagen, wir im mittleren Bereich, da sollten wir eigentlich hinkommen oder, mindestens so 4-6; mit ein wenig Frömmigkeit schafft man das, zu glauben, Gott zu vertrauen, sich nicht umwerfen lassen; einen christlichen Lebenswandel pflegen, oder?

Oder geht noch mehr? 7,8,9 oder gar zehn? Ich hab so meine Zweifel. Ein bisschen Luft nach oben muss ja bleiben. Und überhaupt: wenn wir schon 8 oder 9 haben, wo steht dann Martin Luther, oder Bonhoeffer, oder den Heiligen Franz von Assisi oder die Heilige Mutter Theresa...?

Andererseits: als Pfarrer sollte ich doch mindestens auf eine 7 kommen, oder? Was meint Ihr, liebe Kollegen?

Die Jünger Jesu wollten da offenbar ganz nach oben klettern, auf der Glaubensleiter. Hören wir den Predigttext bei Lukas im 17. Kapitel:

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Sind wir Kleingläubige?

Ist der Glaube der Jünger so klein, dass sie mehr brauchen?

Ihr Kleingläubigen – das hat Jesus oft genug Menschen vorgeworfen, wenn sie ihm nicht vertraut haben. Auf dem Segelschiff im Sturm zum Beispiel; die Jünger wollten unbedingt schon die Rettungsmaßnahmen einleiten, aktionistisch quasi, irgendwas muss passieren. Jesus schläft und rügt hinterher ihren Kleinglauben.

Müssen wir uns diesen Vorwurf auch gefallen lassen? Alle die, die bei 1-3 oder auch noch bei 4-6 sich gemeldet haben?

Sicherlich ist das schwierig; das sollte sich wohl niemand anmaßen, über den Glauben eines Anderen so zu urteilen. Und mit der Einstufung kommen wir an unsere Grenzen, das merken wir wohl recht schnell.

Aber anders herum: Stärke uns den Glauben!

Da möchte ich doch schon viel eher einstimmen. Das ganze positiv wenden. Stärke uns den Glauben! Wer wollte das nicht sagen??

Ganz besonders vielleicht derjenige oder diejenige, deren oder dessen Glaube sehr auf die Probe gestellt wird. Das könnte die Frau sein in mittlerem Alter, der bei einem routinemäßigen Arztbesuch eine schlimme Krankheit diagnostiziert wird; steht jetzt alles in Frage? Mein Beruf? Meine Familie? Mehr glauben – wahrscheinlich fällt es dann sogar schwer, darum überhaupt noch zu bitten.

Ähnlich geht es vielleicht dem Jugendlichen, der plötzlich erfährt, dass die Eltern sich scheiden lassen. Eine Welt bricht zusammen – wie kann ich da noch glauben?

Vielleicht sind da auch Menschen, die sich in ihrem Glauben ein bisschen eingerichtet haben. Menschen, für die der Glaube selbstverständlich geworden ist. Regelmäßiger Besuch in der Kirche, zumindest alle paar Wochen, Morgengebet, Abendgebet, Tischgebet – alles gut und sinnvoll. Und doch stellt sich vielleicht irgendwie das Gefühl ein: das ist alles Routine, da spüre ich nicht mehr viel von Lebendigkeit, von einer Kraft des Glaubens. Das gehört so zum Leben wie Kaffeekochen und Wäsche waschen.

Stärke meinen Glauben! So können Menschen durchaus dann rufen.

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht genau, was der Grund für die Jünger war, um mehr glauben zu bitten. Ob sie ihre Zweifel hatten, dass der Weg richtig ist, mit Jesus zu gehen. Ob sie ahnten, welch schwere Stunden Jesus bevorstanden. Vermutlich hat jedenfalls die Gemeinde, der der Evangelist Lukas diese Geschichte erzählt, Anfechtungen erlebt, die den Glauben beschwert haben. Streitigkeiten untereinander, falsche Lehren, die von außen eindrangen.

Was auch immer es war: was mich beeindruckt, ist zunächst schlicht die Tatsache ihrer Bitte. Stärke uns den Glauben!

Hätten die Jünger nicht schon ein wenig Glauben gehabt, ich denke, sie hätten diese Bitte gar nicht ausgesprochen. Wer nicht glaubt, dass da einer ist, der diese Bitte hört, der braucht nicht zu rufen. Wer nicht glaubt, dass es da eine Antwort geben könnte, ja, dass diese Bitte irgendetwas verändert, der würde gar nicht bitten. Der würde vielleicht verzweifeln und gar nicht mehr rufen. Diese Bitte allein zeugt schon von Mut und Zuversicht!

Stärke uns den Glauben!

Jesus hört die Bitte. Und doch: er antwortet anders als erwartet. Die Jünger hätten vielleicht tatsächlich eine übernatürliche Veränderung erwartet. Ein „upgrade“ ihres Glaubens, eine neue Erfahrung, einen plötzlichen Gewinn an Zuversicht und Vertrauen zu Jesus; eine neue Sicherheit, die alle Zweifel wegnimmt.

Doch zunächst: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Liebe Gemeinde,

ich habe es schon gesagt – die Bitte setzt eigentlich schon Glauben voraus.

Und man kann auch die Antwort Jesu vermutlich so übersetzen, dass es heißt: wenn Ihr Glauben habt – wahrscheinlich meint Jesus hier keinen unwahrscheinlichen Fall!

Nein, er sagt: diesen Glauben habt ihr schon. Ihr, die Ihr zweifelt, ob unser Weg gerade richtig ist. Ihr, die Ihr Angst hattet auf dem Schiff.

Diesen Glauben habt Ihr, ihr die Ihr heute hier versammelt seid.

Ihr, die ihr vielleicht wirklich Eure Fragen an Gott und das Leben habt, weil eine Krankheit die Zukunft so ungewiss erscheinen lässt. Ihr, die ihr euch unsicher seid, ob Euer routinierter Glaube noch die Kraft hat, die er vielleicht haben sollte. Ihr Jugendlichen, die Ihr fragt, was das Leben bringt.

Wenn Ihr Glauben habt – ihr habt ihn schon. Ihr seid ja da. Ihr erwartet ja wahrscheinlich irgendwas von diesem Gott; dass er mit Eurem Leben etwas zu tun hat; auch dann, wenn ihr gar nicht genau wisst, was und wie.

Wenn Ihr Glauben habt – liebe Gemeinde, es deutet sich an, dass Jesus da wohl etwas ganz bestimmtes unter „Glauben“ versteht.

Er würde nicht sagen: Wer nichts weiß, muss alles glauben

Es geht nicht um einen Gegensatz von Glaube und Wissen.

Glaube, das ist also kein System, das alle Unsicherheiten unseres Wissens und Könnens absichert.

Aber auch keine Information, welche die erübrigen können, die schon viel Können und Wissen.

Es geht offenbar um eine Bewegung, eine Kraft, die die Welt verändert.

Der Maulbeerfeigenbaum war ein besonderer Baum. Ein Baum mit sehr tiefen Wurzeln. Er musste im Unterschied zu anderen Bäumen 50 Ellen von Brunnen entfernt gebaut werden (andere Bäume nur 25), um die Brunnen nicht zu beschädigen. Für einen solchen Baum reicht ein Senfkorn? Ich zeige ihnen mal eines – können sie es sehen? [natürlich war es nicht zu sehen – viel zu klein]

Woher kommt diese Kraft?

Wer dieses Senfkorn sieht, der weiß: die Kraft kommt nicht von den Menschen, die besonders toll glauben. Nicht von heldenhaften Typen, die auf der Skala ganz oben stehen. Da würde man andere Bilder verwenden. Einen Felsen vielleicht oder eine deutsche Eiche.


Aber sie kommt von dem, für den sie sich im Glauben öffnen. Nicht aus dem Glauben, sondern von dem, an den Menschen glauben.

Glaube – das ist etwas für Menschen, die von Gott etwas erwarten

Liebe Gemeinde,

Glauben, das ist dann etwas für Menschen, die ehrlich zu sich selbst sind. Die sagen: ich habe meine Fragen und Zweifel.

Manche sagen vielleicht: ich bin richtig verzweifelt, angesichts einer Krankheit oder der Scheidung der Eltern.

Menschen, die sagen: oft begegne ich Gott mit Misstrauen, oft auch anderen Menschen. Oft schaue ich nur auf mich selber. Menschen, die dann die Worte über die Lippen bringen: bitte verzeih mir, schenk mir einen Neuanfang. – das zeugt von Glauben. Und da wächst etwas – da wächst Glauben. Da wachsen Beziehungen, auch zu anderen Menschen.

Glauben, das ist etwas für Menschen, die sich sagen: ich kann es nicht alleine. Ich will meinen Senfkornglauben wachsen lassen, aber nur zusammen mit anderen. Ich bin mir nicht selber genug. Mit anderen zusammen. Auch in der Ökumene. Ich will spüren, dass da auch Andere sind. Andere mit ihrem Senfkornglauben. Andere die ihre Fragen und Zweifel mitbringen. Das beflügelt doch, ganz bestimmt.

Glauben, das ist etwas für Menschen, die Sehnsucht haben nach dem Reich Gottes. Die anfangen, es in die Tat umzusetzen; nicht mit großen Projekten oder öffentlichkeitswirksamen Aktionen. Mit einem freundlichen Wort, einem offenen Ohr, einer gehaltenen Hand am Krankenbett.


Liebe Gemeinde, wo stehen wir also jetzt auf der Skala? Können wir die Frage jetzt besser beantworten?

Ein Senfkorn, mit solch riesiger Kraft!??

Können wir wohl nicht. Weil sie blödsinnig ist. Weil es darum nicht geht, wie gut oder schlecht unser Glaube ist. Es geht vielmehr um das, was wir von einem Anderen, von Gott, erwarten.

Darin glaube ich, sind wir uns auch in der Ökumene einig. Im Verständnis des Glaubens gibt es zwar sicher auch – nicht unwichtige – Unterschiede. Und doch ist klar: der Anfänger und Vollender unseres Glaubens ist der Herr der Kirche selber.

Glaube, das ist etwas für die Menschen, die die Skala getrost bei Seite lassen. Menschen, die von sich selber nicht so furchtbar viel, dafür von Gott alles erwarten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.