Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18, 1-8

Dr. iur., M. Th. Lars Esterhaus (ev) , Hochschullehrer und Jurist

12.03.2014 im Audimax der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung im Zentralbereich Brühl

Hochschulandacht in der Passionszeit

„….in einer Stadt lebte ein Richter, der weder Gott noch einen Menschen achtete. Auch eine Witwe lebte in jener Stadt; die kam immer wieder zu ihm und sagte: „Verschaffe mir Recht gegenüber meinem Gegner!“ Eine Zeit lang wollte der Richter nicht. Dann aber sagte er sich: „Wenn ich auch Gott nicht fürchte und keinen Menschen achte, werde ich doch dieser Witwe Recht verschaffen, weil sie mich belästigt. Sonst kommt sie noch am Ende und schlägt mich ins Gesicht. Da sagte Jesus: „Hört was der ungerechte Richter sagt. Aber Gott sollte denen, die Tag und Nacht zu Gott schreien, kein Recht schaffen und für sie keinen langen Atem haben? Ich sage Euch: Er wird Ihnen Recht schaffen in kurzer Zeit…“ (Text: Bibel in gerechter Sprache)

I.

Dania ist gerade elf Jahre alt geworden. Am liebsten spielt das kleine Mädchen mit den dunklen Augen und dem schwarzen Haar in der warmen Sonne. Es gibt ja soviel zu entdecken. Es tobt sich unbeschwert, im Sand, auf Bäumen, im Hinterhof! Jede Ecke, jede Tür, jede Kiste verbirgt ein neues Geheimnis. Sei lieb, hat der Vater noch gerufen. Aber die Ermahnung verhallt fast ungehört.

Kennen Sie Dania, liebe Hochschulgemeinde? Nein? Wahrscheinlich doch! In diesen Tagen ist ein Foto von ihr um die Welt gegangen. Unicef hat es zum Foto des Jahres gekürt. Man sieht Danias Kopf, der in zwei schützend geöffnete Hände gelegt ist. Ihre schwarzen Augen sind weit aufgerissen, sie blicken am Betrachter des Bildes vorbei. Das Rot Ihrer Lippen geht unscharf in das Rot Ihres blutverschmierten Gesichtes über. Ihre Hände hat sie auf den Oberkörper gelegt, so als hielte sie ein Kuscheltier an die Brust gepresst. Das fröhlich gelbe Shirt ist über und über rot besprenkelt. Das Foto ist im Krankenhaus von Aleppo in Syrien aufgenommen worden Die Granate kam völlig unerwartet, etliche Splitter haben das Gesicht von Dania getroffen. Ein kleines Mädchen als Opfer des Krieges – kann es eine größere Ungerechtigkeit geben?

II.

Auch in unserem Predigttext geht es um ungerechte Verhältnisse: Auf der einen Seite wird uns ein Richter präsentiert, der offensichtlich jedes Berufsethos verloren hat. Die Formulierung: „Er fürchtet weder Gott noch irgendeinen Menschen“ war für den zeitgenössischen Hörer der Geschichte eine ungeheure Provokation, die wir nicht sofort verstehen. „Gott fürchten – Menschen achten“ das sind die höchsten Gesetze der hebräischen Bibel. Ein Richter, der beide nicht beachtet, tritt die ganze Rechtsordnung mit Füßen. Das ist etwa so, als würde einem heutigen Verwaltungsbeamten, Bundespolizisten, Richter attestiert, er spreche den Bürgern jede Form der Menschenwürde ab - so jedenfalls formulieren wir Heutigen unser „höchstes Gebot.“ Ein Richter also, der die Grundlagen jeder gerechten Entscheidung längst verlassen hat und trotzdem hoheitliche Macht ausüben darf? Spüren Sie die Ungeheuerlichkeit?

Und auf der anderen Seite steht eine Frau, die in gängigen Bibelübersetzungen gern mit „Witwe“ übersetzt wird. Das griechische Wort „Chera“ ist jedoch damit nur sehr unzutreffend wiedergegeben. Es steht nicht nur für die Frau, deren Ehemann verstorben ist, sondern auch für die, die überhaupt ohne Ehemann leben1. Eine geschiedene, eine getrennt lebende, eine gleichgeschlechtlich liebende oder auch eine niemals verheiratete Frau. Die Hörer des Textes lebten in einer zu patriarchalischen Gesellschaft. Der rechtliche Schutz von Frauen war allein über Familienverband und Ehemann gewährt. Alleinstehende Frauen hatten weder erbrechtliche noch sozialrechtliche noch sonstige vermögensrechtliche Ansprüche. Im Übrigen waren sie zutiefst verdächtig – wer ohne soziale, sprich: männliche Kontrolle überlebt, der muss etwas zu verbergen haben: finanzielle, magische oder erotische Geheimnisse? Alleinstehend sein– so sagen es uns die Sozialgeschichtler – war für Frauen gleichbedeutend mit rechtlicher Schutzlosigkeit und sozialer Verelendung, ganz „den Exzessen, Egoismen und dem Druck unterworfen, der von den Mächtigen (…) ausgeht“2. Wir ahnen schon jetzt, dass unser Predigttext gar nicht soweit weg ist von Dania und ihren Freundinnen – Kinder, die zwischen die Fronten der geraten und höchste Preise zu zahlen haben.

So gewendet erlangt die Geschichte auch für uns eine starke Brisanz: Ein korrumpiertes Rechtssystem – symbolisiert von einem ungerechten Juristen. Und eine rechtlos gestellte Frau, die sich nicht fügen will. Immer und immer wieder taucht sie beim ihm auf, obwohl er sie während sehr langer Zeit nicht mal anhören will. Und er ist so mächtig und sie so klein, dass er sie nicht mal abweisen muss. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Sie tritt nicht als Bittstellerin in Erscheinung. Das hätte man von ihr erwartet. „Verschaffe mir Recht!“ – ein „schneidender Imperativ“3, eine selbstbewusste Forderung. „Ich will Gerechtigkeit!“ Was für eine Grenzüberschreitung!

Die eigentliche Pointe der Geschichte – Sie haben es gemerkt – liegt in einer überraschenden Happy-End-Situation. Anders als in Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“, in der nur der Tod verzweifelte Rechtsfindung beendet, kommt die Frau zu ihrem Recht. Der Richter lässt sich überwältigen: „Weil Sie mir Ärger bereitet, will ich ihr Recht verschaffen.“ Das im griechischen Text verwendete Verb, das oft mit „ins Gesicht schlagen“ übersetzt wird, hat wörtlich die Bedeutung von „die Augen blau schlagen“, „foltern“ „demütigen“. Wie armselig, wenn die Macht Angst vor der Folter hat. Sie merken, wie Lukas hier sehr geschickt die Rollen vertauscht – der mächtige Richter hat Angst von einer schutzlosen Frau gefoltert zu werden. Eine schon ziemlich absurde Vorstellung…

III.

Absurde Vorstellung? Wahrscheinlich. Aber das scheint mir der Kern des Textes zu sein. Ich möchte eine Spur anbieten in die ungleich vielfältigeren Perspektiven und zum Weiterdenken anregen:

„Gute Mädchen kommen in den Himmel….böse Mädchen…“ naja, sie wissen schon. Dieser zweifelhaft erfolgreiche Buchtitel suggeriert, dass religiöses Leben was für brave Menschen sei. Der Predigttext nimmt die genau entgegengesetzte Perspektive ein. Wo Ungerechtigkeit Raum greift, wo das Argument der Macht gegen die Würde des Menschen eingesetzt wird, da ist Gott mit denen, die ihre Stimme erheben. Mit denen, die Aufbegehren, gegen autoritäre Väter. Mit denen, die kämpfen, gegen Ausgrenzung von gleichgeschlechtlich Liebenden. Mit denen, die nicht aufgeben, für Menschlichkeit in Wirtschaft und Verwaltung einzutreten. Mit dem Bundespolizisten, den das Schicksal von Obdachlosen am Bahnhof nicht völlig kalt lässt und der bis auf den Tod verzweifelte Flüchtlinge nicht nur als Frontex-Problematik, sondern als Menschen sieht.

Wo es um das Recht auf Lebensmöglichkeiten geht, um Gerechtigkeit, um die Würde als Mensch - da darf unsere Stimme nicht schweigen. Die aktuelle Debatte versucht, uns eine Trennung zwischen vermeintlich religiösen und politischen Themen aufzuwingen. Die Kirche soll in ihre spirituelle Kuschelecke gehen und die Politik den Großen überlassen. Unser Predigttext sendet das klare Signal: Religion kann nicht hinter dicken Kirchenmauern bleiben, wenn Ungerechtigkeit über Hand nimmt. Das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden ist eine zutiefst religiöse Kategorie. Gerechtigkeit kommt nicht von selbst – wir sind Gottes Hände, die Gerechtigkeit schaffen

Ich spüre im Raum einen Einwand. Was, so könnten Sie fragen, unterscheidet dann diesen Predigttext noch von einer revolutionären Ballade: „Völker hört die Signale…Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun - Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“ Die Antwort erschließt sich auch aus dem Text und ist die Perspektive des Glaubens: Wenn schon ein ungerechter Richter am Ende die Waffen streckt, wieviel Hoffnung wächst dann aus dem Glauben an einen gerechten Gott. Keine Vertröstung auf ein Jenseits – nein es ist unser diesseitiger Kampf. Aber das begründete Vertrauen, dass diese Welt und jeder Mensch von Gott her kommt stärkt in uns die Hoffnung, dass diese Welt nicht der Ungerechtigkeit Preis gegeben bleibt.

IV.

Und Dania – das Mädchen aus Syrien, auf das wir zum Abschluss nochmal zurückkommen wollen? Sie hat den feigen Anschlag überlebt. Trotz der bösen Verletzungen konnte sie das Krankenhaus verlassen. Eine Hoffnungsgeschichte. Auch hier hat das Schwache und Zerbrechliche über die Macht von Granaten gesiegt. Aber Sie werden zu Recht einwenden, dass das nicht ausreicht. Wohl 70.000 Kinder sind allein im syrischen Bürgerkrieg ums Leben gekommen. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Sind wir nicht alle verrückt, in dieser Welt noch an Gerechtigkeit und Frieden glauben? Mich trösten die Zeilen des Juden Schalom Ben-Chorin, der 1942 im Konzentrationslager die Zeilen dichtet:

<colgroup><col width="217"> <col width="213"> </colgroup>

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering, in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.



Liebe Hochschulgemeinde – es ist Frühling. Alles beginnt zu leben. Ist das nicht ein Fingerzeig, dass unsere Hoffnung auf eine bessere Welt nicht vergebens ist?

Amen

1 http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/witwe-und-waise-3/ch/276f46c33ff167bf5fb52b5de3c69cb6/

2 Bavon, Francis, EKK LK. 18, Rn. 3.

3 Bavon, a. a. O., Fn. 37.