Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18, 1-8

Pastorin Ute Ehlert-In (ev.-luth.)

10.11.2013 in der Simon-Petrus-Kirche in Poppenbüttel

anlässlich des 10. Jubiläums des Fördervereins Simon-Petrus am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

„Zehn Jahre sind im Leben jedes Menschen eine lange Zeit.“

Liebe Gemeinde!

Bleiben Sie einmal einen Augenblick bei sich und überlegen Sie: Was ist in Ihrem Leben in den vergangenen zehn Jahren geschehen? In den Jahren 2003 bis 2013?

Pause

Wenn ich auf mein Leben gucke, dann sind meine Kinder in dieser Zeit von Kleinkindern zu Teenagern geworden. Gemeinsam mit meinem Mann haben wir seine Krebskrankheit ausgestanden und er ist wieder gesund geworden und last, but not least: vor zwei Jahren habe ich meine Stelle gewechselt und bin seitdem hier bei Ihnen in Poppenbüttel.

„Zehn Jahre sind im Leben jedes Menschen eine lange Zeit.“

Mit diesem Satz beginnt auch das Buch Widerstand und Ergebung von Dietrich Bonhoeffer. An der Wende zum Jahr 1943 legt er Rechenschaft ab über die vergangenen zehn Jahre und nutzt dieses Sich-Rechenschaft –Ablegen dazu, um nach gewonnenen Erkenntnissen zu fragen auf dem Gebiet des Menschlichen, nicht auf dem Gebiet von Theorien. Er fragt sich: was haben er und sein Umfeld, in dem er gelebt und gearbeitet hat, in der Zeit zwischen 1933 und 1943 an zwischenmenschlichen Erfahrungen gemacht? Woran sind sie gewachsen und gereift?

Ich finde, das sind spannende Fragen auch für unseren Förderverein - zu fragen: was haben wir denn an zwischenmenschlichen Erfahrungen in den vergangenen zehn Jahren gewonnen? Also nicht nur, was sind für Projekte angeschoben oder auch verwirklicht worden – so wichtig diese Frage natürlich auch ist.

Und wenn wir bei dieser Fragestellung angekommen sind, dann möchte ich an dieser Stelle unseren Predigttext ins Spiel bringen; denn ich glaube, dass er uns bei unseren Antworten einige wertvolle Spuren weisen kann. Denn auch in unserem Predigttext geht es um zwischenmenschliche Erfahrungen. Unser Lektor Herr Nevermann hat die Geschichte von der bittenden Witwe schon vorgelesen. Ich rufe sie uns noch einmal ins Gedächtnis, indem ich sie kurz zusammen fasse: Da ist ein Richter, der fürchtet weder Gott noch Menschen. Und da ist auf der anderen Seite eine Witwe, die liegt ihm in den Ohren. Er soll ihr Recht verschaffen. Der Richter reagiert lange Zeit nicht. Die Witwe gibt aber nicht auf. Schließlich denkt er bei sich: „Na gut, ich tu’s halt. Sonst krieg ich noch einen Schlag ins Gesicht.“

Was für zwischenmenschliche Erfahrungen macht die Witwe? Woher nimmt sie die Kraft, immer wieder zu diesem Richter zu laufen? Gibt es Menschen, die ihr den Rücken stärken? Ich gehe jedenfalls davon aus. Ich gehe davon aus, dass sie Menschen hat, denen sie abends erzählt: „Du, ich war heute wieder bei diesem Richter. Und wieder hat er mir nicht geholfen.“ Und dass diese Menschen dann zu ihr sagen: „Du bist mutig, dass du da immer wieder hingehst. Lass dich bloß nicht entmutigen; du bist im Recht.“ Die Witwe wird diese Rückenstärkung und wohl auch echtes Mitleiden erlebt haben.

In ihrer Not wird sie auch gebetet haben. Sie wird Gott ihr Leid geklagt und um Beistand und Hilfe gebeten haben. Und auch aus dem Gebet wird sie Kraft und Hilfe geschöpft haben.

Und sie macht noch eine weitere zwischenmenschliche Erfahrung. Sie erlebt, dass ihr nach langen Kämpfen ein hartherziger Richter Recht gibt. Sie erlebt, dass sie ganz neu und anders wieder leben kann. Dass sie aufrecht durch die Straßen gehen kann im Bewusstsein, dass ihr Recht gegeben wurde.

Und der Richter? Was macht er für Erfahrungen? Immer wieder hat er in seinem Leben gelernt, dass er machen kann, was er will. Niemanden ist er Rechenschaft schuldig. Er kann herrschen, und er kann das Leben genießen.

Und dann kommt da diese Witwe, und er erlebt etwas ganz Neues: Die macht ihm Mühe, kommt immer wieder. Die nervt ihn. Und dann kriegt er auch noch Angst. Angst vor Rache, vor Schlägen. Deshalb und nur deshalb verhilft er ihr zu ihrem Recht. Seine zwischenmenschliche Erfahrung ist, dass ihm Grenzen gesetzt werden. Er bekommt nur dann seine Ruhe, wenn er für Recht sorgt.

Und da ist noch eine dritte Gruppe, die zwischenmenschliche Erfahrungen macht: das sind die Menschen um Jesus, denen er diese Geschichte erzählt. Jesus erzählt diese Geschichte, um Mut zum Beten zu machen. Schon das ist merkwürdig, dass er dazu solch eine Geschichte benutzt, und er wird damit bei seinen Zuhörerinnen und Zuhörern Irritationen ausgelöst haben.

Ein Richter verhilft einer Witwe zu ihrem Recht, nicht deshalb, weil sie im Recht ist, sondern weil sie immer wieder kommt und weil er Schläge befürchtet.

Auch bei mir löst das Verwirrung aus. Und auch wenn ich mir bewusst mache, dass ich auch immer wieder mal handele, nachgebe, weil jemand immer wieder kommt und etwas von mir erbittet–von meinen Kindern kenne ich das und ich selber handele auch manchmal so- also auch wenn ich mir das bewusst mache, so denke ich trotzdem: Die Leute zur Zeit Jesu, die werden über solch eine Geschichte auch gelacht haben. Und vermutlich war es ein befreiendes Lachen; denn ich kann mir vorstellen, dass sie in Israel sonst andere bittere Erfahrungen mit Richtern und Umgang mit Recht erlebt haben –zumal unter römischen Besatzung.

Sie werden gelacht haben, noch bevor ihnen aufgefallen ist, wie skandalös es ist, Gott mit einem hartherzigen Richter zu vergleichen. Sie werden gelacht und befreit aufgeatmet haben und als sie dann auch noch von Jesus hören, dass Gott ganz anders ist als dieser weltliche Richter, da haben sie vielleicht die Möglichkeit bekommen, neu und anders mit diesem Gott zu reden, vor ihm zu treten und zu ihm zu beten. Mit anderen Worten: Sie haben Befreiung erlebt, als Jesus ihnen diese Geschichte erzählt. Und genau in dieser befreienden Erfahrung ist Gott zu spüren und kommt uns Menschen nahe.

10 Jahre sind im Leben jedes Menschen eine lange Zeit. Was für zwischenmenschliche Erfahrungen haben wir in den vergangenen 10 Jahren mit dem Förderverein gewonnen?

Ich würde als erste Antwort sagen: Wir haben wie die Witwe erlebt, dass Menschen einander den Rücken stärken können. Bei der Turmsanierung haben wir es erlebt. Da waren Menschen da, die sagten: Ja, wir brauchen hier an der Simon-Petrus-Kirche einen Kirchturm, der weithin sichtbar ist, der zeigt, hier ist eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die versuchen ihren Glauben zu leben. Ja, wir brauchen die Glocken im Turm, die uns zum Gottesdienst rufen, die den Sonntag einläuten oder die läuten, wenn jemand aus unserer Gemeinde gestorben ist. Wir haben erlebt, wie Menschen mithilfe des Fördervereins einander den Rücken stärken, wie sie mitleiden an einem kaputten Kirchturm, wie sie ermutigen und wie sie es schließlich möglich machen, dass eine neue Situation eintritt, dass der Kirchturm repariert werden kann .

Aus solchen zwischenmenschlichen Erfahrungen gehen wir bestärkt und gestärkt hinaus. Und letztendlich erleben wir wie die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu damals so etwas wie Aufatmen. Lachen wird möglich; mit anderen Worten: wir erleben Befreiung. Genau in dieser Erfahrung kommt Gott uns nah; wir spüren etwas vom gnädigen, gütigen Gott, und so treten wir dann vor Gott und richten unsere Gebete an ihn. Da wird Erleichterung und Dankbarkeit spürbar sein.

Eine Frage habe ich noch: Sind diese zwischenmenschlichen Erfahrungen und die damit verbundenen Gottesbegegnungen erfüllend und ausreichend genug, um weiter im Förderverein mitzuarbeiten und gemeinsam in die Zukunft zu gehen? Ich habe meine Antwort dazu; ich meine ja, solche Arbeit ist erfüllend, aber Sie, liebe Gemeinde, Sie müssen sich selbst entscheiden.

Dietrich Bonhoeffer hat sich in seinem Rechenschaftsbericht dafür ausgesprochen, auch in der schwierigen Zeit, in der er lebte, sich weiter für eine bessere Zukunft einzusetzen und nicht aufzugeben. Und so will ich ihn als letztes sprechen lassen: „Es gibt Menschen“, schreibt er, „die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ Amen.