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Predigt über Lukas 18,1-8

Pfarrer Matthias Figel

11.11.2007 in der Lukaskapelle in Seitingen

Liebe Gemeinde,

nichts rutscht so schnell auf der Prioritätenliste
ganz nach hinten wie das Gebet.
Ach, eigentlich wollten wir ja noch beten.
Aber jetzt haben wir leider keine Zeit mehr.
Schade eigentlich.
Es gibt nichts Wichtigeres!
Im persönlichen geistlichen Leben,
im Hauskreis, in der Jungschar,
im Frauenkreis, im Gottesdienst.
So sieht das zumindest Jesus:

„Er sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber,
dass sie allezeit beten
und nicht nachlassen sollten,
und sprach:
‚Es war ein Richter in einer Stadt,
der fürchtete sich nicht vor Gott
und scheute sich vor keinem Menschen.
Es war aber eine Witwe in derselben Stadt,
die kam zu ihm und sprach:
‚Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!‘
Und er wollte lange nicht.
Danach aber dachte er bei sich selbst:
‚Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte
und keinen Menschen scheue,
will ich doch dieser Witwe,
weil sie mir soviel Mühe macht,
Recht schaffen,
damit sie nicht zuletzt komme
und mir ins Gesicht schlage.‘
Da sprach der Herr:
‚Hört, was der ungerechte Richter sagt!
Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten,
die zu ihm Tag und Nacht rufen,
und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen?
Ich sage euch:
Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.
Doch wenn der Menschensohn kommen wird,
meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?‘“


“Herr, segne du Reden und Hören. Amen.”

Beten.
Regelmäßig, ohne sich entmutigen zu lassen.
Dran bleiben – wie die Witwe.
Zu solchem Gebet möchte ich Sie heute ermutigen:
Lasst uns beherzt und anhaltend beten,
denn wir haben einen Gott,
(1) der gerne hört,
(2) der bald errettet,
(3) der besorgt wartet.

(1) Wir haben einen Gott, der gerne hört.

Die Frau hat schlechte Karten.
Denn als Witwe hilft ihr niemand.
Ist sie ganz auf sich allein gestellt.
Wer hörte damals schon auf eine Frau?
Dennoch schafft sie es!
Womit?
Durch ihren Mut.
Ihre Zähigkeit.
Ihren langen Atem.
Ist es mit dem Gebet auch so?
Dermaßen einfach?
Gott lange genug in den Ohren liegen,
bis er endlich eingreift und hilft?
Als ob Gott eine Zählmaschine
und das Gebet eine Technik wäre.
Die ich nur richtig anwenden müsste.
Oft genug.
In der nötigen Frequenz.

Nein, das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott.
Ein Gespräch mit dem himmlischen Vater,
der sich (hoffentlich!) jammern lässt.
Ein Reden und Ringen.
Leidenschaftlich, angefochten, verletzlich.
Gott kann Ja oder Nein sagen.
Das habe ich nicht in der Hand.
Im Gebet setze ich mich aus.
Steh ich vor Gott mit leeren Händen.
Arm, elend, nackt und bloß.
Als Bittsteller.
Als Bettler, das ist wahr.
Angewiesen auf seine Güte.
Sein zugewandtes Angesicht.

Nein, die Hartnäckigkeit macht es nicht.
Eher die Entschlossenheit der Witwe.
Sie zwingt den Richter in die Knie.
Resolut steht die Frau täglich auf der Matte.
Draufgängerisch, zu allem bereit.
Wie lasch ist dagegen oft unser Gebet!?
Erwartungslos falten wir die Hände.
Rasseln unsere Gebetsanliegen herunter.
Beten zum Abschluss der Sitzung noch ein Vaterunser.
Routiniert. Abwesend. Nebenbei.
Ganz anders die Frau.
Die Witwe will etwas erreichen.
Setzt alles daran. Steht dahinter. Mit ganzem Herzen.

Zu solchem Gebet will uns Jesus ermutigen.
Gerade weil Gott anders ist als dieser fiese Richter.
Ganz anders.
Im Grunde das genaue Gegenteil.
Er liebt Gerechtigkeit und schützt das Recht.
Er hilft Waisen und Witwen.
Bei Ihm rennen wir offene Türen ein.
Weil Er stets ein offenes Ohr hat.
Zuhört – interessiert und mitfühlend.
Ohne Sprechzeiten.
Rund um die Uhr.
Angesichts dieses Richters wird uns bewusst:
Wir haben einen Gott, der gerne hört.

(2) Wir haben einen Gott, der bald errettet.

Auch wenn es lange dauert.
Und wir ungeduldig rufen: Schaffe mir recht!

Was ist unser Recht vor Gott?
Kann ich Gesundheit einklagen?
Segen erstreiten?
Auf Wohlstand bestehen? Nein!
Niemand hat ein Recht darauf,
ungestreift durch’s Leben zu kommen.
Was uns an Bewahrung, Gesundheit und Segen widerfährt,
das bekommen wir geschenkt.
“Der mich mit allem,
was not tut für Leib und Leben
reichlich und täglich versorgt,
in allen Gefahren beschirmt
und vor allem Übel behütet und bewahrt.
Und das alles aus lauter väterlicher,
göttlicher Güte und Barmherzigkeit,
ohn all mein Verdienst und Würdigkeit.”

Worauf kann ich pochen?
Auf einen Platz im Himmel?
Weil ich mich vor vielen Jahren bekehrt habe?
Kann ich mein Heil reklamieren? Wohl kaum.
“Der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat,
erworben und gewonnen von allen Sünden,
vom Tode und von der Gewalt des Teufels.
Nicht mit Gold oder Silber,
sondern mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben.”
Was Gott mir in seiner Güte gönnt,
und was Er mir durch seine Barmherzigkeit schenkt,
darauf habe ich kein Anrecht.
Ich erhalte es unverdient. Gratis.

Ich darf ihn darum bitten.
Um das zeitliche Wohl und das ewige Heil.
Aber ich kann es nicht anmahnen.
Schon gar nicht einfordern.

Liebe Gemeinde, wie sieht eigentlich unser Gebet aus?
Worum bitten wir?
Worauf liegt der Schwerpunkt?
Ist unser Gebet nicht meist eine narzistische Nabelschau?
Fixiert auf mich, mein Befinden und meine Wünsche.
Oft bitte ich Gott um etwas –
und schlage Ihm gleich vor,
auf welche Weise ER mein Gebet erhören soll.

Als die Jünger Jesus fragten,
wie und was sie beten sollten,
lehrte er sie das Vaterunser:
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Das können wir einklagen.
Dass endlich Sein Reich anbricht.
Klar und deutlich. Für alle unübersehbar.
“Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen.”
Dann wird Er uns Recht verschaffen.
Darauf hoffen wir. Ungeduldig. Sehnsüchtig.
“Sollte er’s bei ihnen lange hinziehen?”
Offensichtlich schon.
Mit halber Stimme gesteht das Lukas ein.
Doch Gottes Zögern ist Gnade.
Kein Nicht-Wollen eines herzlosen Richters.
Statt dessen: Chance für uns.
Zeit zur Vorbereitung.
Einladung zum Glauben.
Wir haben einen Gott, der bald errettet.

(3) Wir haben einen Gott, der besorgt wartet.

Gott wartet. Auf uns.
Nicht das ist die bedrängende Frage,
ob Gott unser Reden, unser Gebet hört.
Bei Gott stehen alle Ohren und alle Türen offen.
Die Frage ist, ob Christus bei uns Zugang findet.
An Gott scheitert unser Heil nicht.
Es könnte an uns scheitern.
“Wenn der Menschensohn kommen wird,
meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?”
Das ist die zentrale,
die alles entscheidende Frage.
“Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden.
Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.”
Auf den Glauben kommt es an.
Wenn Jesus wiederkommt.
Und heute schon.
“Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade,
jetzt ist der Tag des Heils”

Darum lasst uns beherzt und anhaltend beten,
denn wir haben einen Gott,
(1) der gerne hört,
(2) der bald errettet,
(3) der besorgt wartet.

Amen.