Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18,27 (Jahreslosung für 2009)

Pfarrer Thomas Berke

31.12.2008 in der Ev. Kirche zu Mülheim (Mosel)

Altjahresabend

© privat

Anmerkung: An die Gottesdienstbesucher wurde ein Blatt mit einer Kopie der „betenden Hände“ von Albrecht Dürer verteilt.

 

 Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.

Liebe Gemeinde,

 Silvester heißt: Zurückblicken. Zurückblicken auf ein bewegtes Jahr 2008, in dem zunächst Wirtschaftswachstum und Ölpreis gleichermaßen in die Höhe schossen, um dann ausgelöst durch die weltweite Bankenkrise – auf eine unerwartete Talfahrt zu gehen. Wer hätte im Sommer gedacht, dass der Ölpreis am Ende dieses Jahres so niedrig sein würde. Wer hätte im Sommer gedacht, dass die Wirtschaftsaussichten so düster sein würden. „Der Mensch denkt und Gott lenkt“, heißt es im Alten Testament. Oder anders gesagt: Es gehört zu Gottes Plan mit dieser Welt, dass die guten Tage genauso vergehen werden wie die schlechten Tage. Letzteres ist ungemein tröstlich. Auch die schlechten Tage bleiben nicht ewig! Es wird nie immer nur aufwärts gehen. Es wird auch nie immer nur abwärts gehen. Auch das sollten wir wissen. Glaube bewahrt vor Überschwang wie vor übertriebener Schwarzmalerei. Gottes Wort ist realistisch - wirklichkeitsnah -. Ob es bergauf geht oder bergab geht, wir brauchen Halt in Gottes Wort durch den Glauben.

Hier haben wir bereits eine erste Antwort auf die Frage nach dem, was Gott möglich machen kann über das hinaus, was Menschen vermögen: Gott kann unserem Leben Halt geben! Wir selbst können es nicht, die Dinge der Welt können es auch nicht.

Es gibt ein Bild, in dem diese Dimension unseres Lebens zum Ausdruck gebracht wird: Es sind die „betenden Hände“ von Albrecht Dürer. Sie sind in diesem Jahr 2008 500 Jahre alt geworden.

Es handelt sich um eine Studie Dürers für ein Altargemälde in einer Frankfurter Kirche. Die Ausführung im Ölgemälde ging 1729 in Flammen auf. Die Strichzeichnung der Studie blieb hingegen erhalten.

Jahrhunderte lang blieben die „betenden Hände“ unbeachtet. Ausgerechnet im „modernen“ 20. Jahrhundert traten sie ihren Siegeszug an. Eine große deutsche Sonntagszeitung schrieb vor Weihnachten: „Lange schlummerte die Zeichnung vor sich hin, erst im unruhigen, tröstungssüchtigen 20. Jahrhundert wurde sie ungeheuer populär.“ (Welt m Sonntag, 21.12.08, S. 1). Die „betenden Hände“ zeigen: Es gibt noch etwas anderes als diese Welt mit ihrem Leid, ihrem Unfrieden, ihrem Unrecht, ihren Blüten und Krisen, ihren Kriegen und Gewalttaten.“ Die „betenden Hände“ sind ein stiller Protest gegen den Materialismus, für den nur die vergänglichen Güter zählen, gegen die Verdrängung von Gott aus unserer Welt und unserem Leben, gegen Hoffnungslosigkeit und Resignation. Sie weisen auf Gott hin: Er vermag etwas, was Menschen nicht können. Gott vermag uns nicht nur Halt zu geben. Die Hände weisen nach oben. Sie zeigen: Gott vermag uns das ewige Leben zu geben.

Auch das ist etwas, was Menschen nicht können. Wir Menschen können selbst das ewige Leben weder machen noch kaufen. Keiner von uns. Wir sind darin voll und ganz auf Gott angewiesen. Die „betenden Hände“ weisen vertrauend nach oben. Am Ende wird Gott mein Leben heil machen. Er ist dafür Mensch geworden. Jesus Christus wird für mich eintreten, damit ich nicht verloren gehe. Das ist meine Gewissheit. Sie beruht nicht auf dem, was ich oder irgendein Mensch tun könnte. Sie beruht ganz allein auf Gott.

Indem die „betenden Hände“ nach oben weisen, entlasten sie. Diese Entlastung haben wir alle nötig. Die Verweltlichung und Säkularisierung hat eine enorme Belastung mitgebracht. Da Gott nichts zugetraut wurde, lastet folglich alles auf dem Menschen. Er soll „die Schöpfung bewahren“, seine Gesundheit und Jugend auf ewig erhalten, eine gerechte und vollkommene Gesellschaft schaffen. Dies alles ist eine maßlose Überforderung!

Die „betenden Hände“ verweisen entlastend auf Gott. Gott bewahrt diese Welt, und wir haben den Auftrag, diese Welt verantwortlich zu gestalten. Dies können wir, nicht mehr und nicht weniger.

Genauso ist es mit unserer Gesundheit: Gott schenkt sie und nimmt sie irgendwann. „Meine Zeit steht in Gottes Händen“. Der Sinn der „betende Hände“ Dürers besteht gerade nicht darin, dass die Zeit im Gebet still steht (wie die große deutsche Sonntagszeitung in ihrer Ausgabe am 4. Advent behauptet hat). Das wäre unrealistisch. Unsere Zeit steht nicht still, sie verrinnt und vergeht. Wer betet, erkennt dies, braucht sich aber nicht davor zu fürchten!

Die „betenden Hände“ weisen auf Gott hin. Er sorgt für dich! Vertraue auf ihn. Wir können verantwortlich mit der kostbaren Gabe der Gesundheit umgehen, nicht mehr und nicht weniger.

Es hat im 20. Jahrhundert die Weltanschauung gegeben, die propagiert hat, der Mensch solle die vollkommene, gerechte Gesellschaft, den perfekten Staat verwirklichen, den inneren und äußeren Frieden. Was für eine Anmaßung! Wie sollen unvollkommene Menschen, die jeden Tag neu schuldig werden, so etwas schaffen. Ein für den Menschen unmögliches Unterfangen.

Die „betenden Hände“ Dürers wurden gerade da in den Wohnstuben aufgehängt, als diese Ideologien, die die Menschheit mit einer perfekten Gesellschaft beglücken wollten, mit Gewalt, Krieg und Terror die Menschheit drangsalierten. Sie erinnern daran: die Mächtigen, die dieser Versuchung erlegen sind, werden eines Tages abtreten und sich vor Gott verantworten müssen. Die Macht der Mächtigsten ist begrenzt, allein Gott herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Wir spüren: Der Satz „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“ ist keine Geringschätzung unseres diesseitigen Lebens. Im Gegenteil: die Begrenzung unserer Möglichkeiten, die wir als Menschen haben, ist realitätsnah, entlastend und setzt Kräfte frei. Erst wo ein Mensch die Grenzen des Menschseins anerkennt, wird der Blick für Gott frei. Wo der Blick für Gott frei wird, kann Gott in unser Leben eintreten und Halt, Kraft und Orientierung geben.

Auch die „betenden Hände“ Dürers zielen auf die Realität unseres Lebens ab. Die Art und Weise, wie Dürer die Hände zeichnet, bringen dies zum Ausdruck. Sie sind stark, schlank, vom Leben gezeichnet, elegant und abgearbeitet zugleich, manche Last und Mühsal des Lebens ist ihnen abzuspüren, zugleich strahlen sie Hoffnung und Zuversicht aus.

Der tiefe Sinn der „betenden Hände“ besteht darin, dass Gott mit unserem wirklichen Leben in eine Beziehung gebracht wird. Und zu unserem Leben gehört eben, dass die Zeit nicht still steht, sondern voranschreitet. Es geht um den Trost, der von Gott her möglich ist im unaufhaltsamen Verrinnen und Vergehen der Zeit, unserer Lebenszeit.

Gott ist da, mitten im Alltag, mitten in den Sorgen und Nöten, mitten in Glück und Leid meines Lebens. Das zu wissen, ist tröstlich. Das Leben hier vergeht, aber das ewige Leben, das Gott uns gibt, bleibt. Unsere Zeit geht nicht ins Leere, sondern auf Gott zu.

Anders gesagt: Solange Gott uns noch Zeit schenkt, sollen wir sie nutzen. Keine Welt- oder Lebenskrise soll uns davon abhalten. Die „betenden Hände“ sind ein Zeichen für Glaube, Hoffnung und Liebe hier in diesem Leben und zugleich für Trost und Heilung im Letzten durch Gott. Denn: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Amen.

 

 

Wir beten:

Herr Jesus Christus, komm du selbst in unser Leben hinein, befreie es von den Lasten des Alten, erneuere es durch deine Liebe und richte es neu auf dein Wort hin aus. Durch deinen Heiligen Geist. Amen.