Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Lukas 18,28-30

Pastor Norbert Masslich


Liebe Gemeinde,

„Machen Sie eine typische Handbewegung!“ Viele Menschen haben diesen Satz noch im Ohr. Er stammt aus einer Zeit, als die „Qual der Wahl“ beim Fernseh-Programm noch überschaubar war: Erstes deutsches Fernsehen, das Zweite und das Regionalprogramm. „Machen Sie eine typische Handbewegung!“, mit dieser Aufforderung wurde Robert Lembke als Quizmaster berühmt. Sein „Heiteres Berufe-Raten“ lockte damals Millionen von Zuschauern vor den Bildschirm. Vier prominente Rate-Füchse saßen an einem Tisch und sollten die berufliche Tätigkeit der Gäste erraten. Die „typische Handbewegung“ war dabei der einzige konkrete Hinweis.

Was könnte die „typische Handbewegung“ eines Hotel-Pagen sein? Das Drehen der rechten Hand, mit dem der Hotel-Bedienstete dem Gast die Zimmertür aufschließt? Die Verbeugung vor den Gästen, mit der der Mitarbeiter andeutet, dass er sich nun zurückzuziehen gedenke? Bekannter ist eher die Karikatur einer solchen Geste. In unzähligen Filmen kommt sie zur Aufführung: Der Hotel-Page hat dem Gast gerade das Gepäck aufs Zimmer gebracht, die Vorhänge zur Seite gezogen, den Zimmerschlüssel überreicht. Anstatt sich nun als dienstbarer Geist zurückzuziehen, bleibt der gute Mann an der Zimmertür stehen und wartet. Und weil der Gast nicht gleich „schaltet“, hält der Angestellte ihm – demonstrativ - die Hand unter die Nase. Besser gesagt: den mit einem weißen Dienst-Handschuh bekleideten Handteller, der wie geschaffen scheint für ein saftiges Trinkgeld!

Wir ahnen, wie manche Hotelgäste – im Film – reagieren. Einige sind darauf vorbereitet und zahlen. Andere klopfen die Taschen ihrer Garderobe ab und schütteln traurig den Kopf. Es gibt auch Gäste, die eine solche Geste einfach nicht verstehen oder verstehen wollen. Die nehmen die ihnen entgegenstreckte rechte Hand und schütteln sie. So, als wollten sie sich einfach nur bedanken und den Mitarbeiter des Hotels zur Tür hinaus verabschieden. Die „derbe Version“ in der Palette der Möglichkeiten ist aber noch eine ganz andere: Da benutzt der Gast die ihm dargebotene Hand als Mülleimer. Statt eines Trinkgeldes legt er seinen gebrauchten Kaugummi darin ab. Natürlich ist der Gast Amerikaner...

„Machen Sie eine typische Handbewegung!“ Was könnte die typische Handbewegung unseres Lebens sein? Eine Handbewegung, die immer wieder auftaucht, direkt oder indirekt, in Ihrem Leben, in meinem Leben? Eine Handbewegung, die kennzeichnend ist für uns. Oder auch verräterisch. Immer wieder taucht sie auf, legt sich nahe: die schon angesprochene, ausgestreckte Hand mit der Handfläche nach oben. Sie fordert, sie mahnt, droht, erinnert, bittet. Sie wartet darauf, dass sie Lohn empfängt, vielleicht damit auch Anerkennung, Wertschätzung, Dank.

Was habe ich davon? So fragen viele Menschen. Und oft auch wir. Womit kann ich rechnen? Was springt für mich dabei raus? Was bringt´s? Besonders junge Leute stehen in der Gefahr, ihren Beruf, ihre ganze Zukunft danach auszusuchen: Wie viel ist damit zu verdienen? Was bekomme ich am Monatsende auf die Hand (oder auf das Konto)? Doch wer hat den jungen Menschen ein solches Denken vorgelebt? Steckt das nicht ganz tief in uns Menschen verborgen – ganz unabhängig vom Alter?

Häufig sind wir mit einem „inneren Taschenrechner“ unterwegs und berechnen: Lohnt sich der Aufwand oder ist alles am Ende doch nur vergebliche Liebesmüh? Wenn ich dies Geschenk überreiche, was darf ich dann später als Gegen-Geschenk erwarten? Wenn ich diese Aktion jetzt durchführe, welche Re-Aktion kommt mir zugute? „Es muss sich rentieren“, sprach der Lappe und stand mit seiner Rentier-Herde vor dem Schlachthof...

Mit Rentieren kannte er sich nicht aus, dafür aber – um so besser – mit Fischen. Gemeint ist: Petrus. Ein Mann, der die Ärmel hochkrempelt und anpackt. Von nichts – kommt nichts. Wer wagt, gewinnt. Das Glück ist auf Seiten des Tüchtigen. Anstrengung muss sich lohnen. Fleiß zahlt sich aus. Einmal – freilich, fiel dieses Grundmuster seines Lebens in sich zusammen. Schuld daran war – Jesus. Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen, so gab Petrus zur Antwort, als Jesus ihn aufforderte, ein zweites Mal hinauszufahren auf den See. Das waren seine Worte. Im Innern aber dachte er anders. Als erfahrener Fischer konnte er nur den Kopf schütteln: Jesus, Zimmermann aus Nazareth, bleib bei deinen Leisten! Davon hast du keine Ahnung. Mitten am Tag fischen – meine Kollegen werden sich totlachen! Doch die vermeintliche „Null-Nummer“ wurde ein Volltreffer. Der Fang war gigantisch. Die Netze begannen zu reißen. Nicht ein Boot – gleich zwei Boote wurden voll. Auch gegen seine Erwartung und Berufserfahrung. Gegen die Gleichung von Tun und Ergehen, das Lebensmuster von Leistung und Erfolg, wenn dies – dann jenes. Zusammengesunken, wie ein Häufchen Elend, muss Petrus bekennen: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.

Doch sie ist damit nicht weg: diese Frage. Bei Petrus nicht, auch nicht bei uns. Wenn ich dies oder jenes tue, was habe ich davon? Wenn ich dies oder jenes lasse, mit welchem Lohn kann ich rechnen? Unser Predigttext heute setzt mit dieser Frage ein – wenn auch ein wenig versteckt. Und natürlich ist es wieder Petrus, der Jesus diese Frage vorlegt: Petrus, der Sprecher der Jünger. Petrus, der „Aus-Sprecher“ unserer nur allzu menschlichen Gedanken.

(Lesung des Predigttextes Lukas 18,28-30)

Von Walt Disney wird erzählt: Der erfolgreiche Unternehmer hatte auf seinem Schreibtisch ein Aquarium stehen. Von Besuchern nach den Gründen gefragt, soll er geantwortet haben: „Es ist beruhigend, Wesen um sich zu haben, die nicht jedes Mal, wenn sie den Mund aufmachen, eine Gehaltszulage fordern!“ Wobei wir wieder bei den Fischen wären. Bei Petrus. Und bei uns, den Menschen und ihrem „inneren Taschenrechner“: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Klammer auf: Und was haben wir jetzt davon? Oder später? Klammer zu.

Doch halt! Ehe wir womöglich auf Petrus herabsehen, ehe wir in ihm nur noch den Nörgler und Ewig-Unzufriedenen vermuten, sollten wir uns erinnern: Jesus selbst hat von den „Kosten“ gesprochen, die der Glaube mit sich bringt. Jesus selbst hat uns aufgefordert, die Kosten, den Aufwand zu überschlagen (Lukas 14,27f): Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen? In der Tat. Wer das Land des Glaubens betritt, der unternimmt eine weite Reise. Und die sollte er als „Unternehmer“ dann auch bedenken. Die Kosten überschlagen, das bedeutet – damals wie heute: Pro und contra abwägen. Risiken und Nebenwirkungen in Betracht ziehen. Sein ganzes Können und Wollen in die Waagschale werfen, aber auch mit Turbulenzen und Rückschlägen rechnen, die niemand vorhersehen kann. Drei Jahre mit Jesus unterwegs, da hatte Petrus genügend Zeit, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen. Für und wider abzuwägen.

Andererseits: Wenn Gott ruft, dann werden alle Rechnungen und Berechnungen zweitrangig. Wenn Jesus einen Menschen ansieht, ihn anspricht, dann geht die Tür auf und Gottes Liebe erfüllt den Raum. Die Einladung ist ausgesprochen. Der Tisch ist gedeckt, das Mahl ist bereitet. Kommt und seht! Schmecket, wie freundlich der Herr ist! Auch das hatten Petrus und die anderen Jünger erfahren. Fürchte dich nicht!, hatte Jesus gesagt. Von nun an wirst du Menschen fangen. Und es wird nicht berichtet, dass Petrus sich daraufhin mit Taschenrechner und Unternehmensberater in sein Haus zurückgezogen hätte, um zunächst eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen. Im Gegenteil. Sehr spontan ist seine Reaktion und die seiner Kollegen: Und sie brachten die Boote an Land und verließen alles und folgten ihm nach. Was haben wohl die Frauen der Jünger damals gedacht? Versetzen wir uns hinein – in die Familien, in die Kinder: ihre Tränen, ihr Kummer, ihr Unverständnis, ihre Wut? Was haben wohl die Eltern und Schwiegereltern gedacht, die durch den Weggang der Jünger jetzt auch um ihre Altersversorgung bangen mussten? Warum? Wozu soll das gut sein?

Ja, diesen Männern (nach Lukas sind auch Frauen dabei gewesen) müssen wir zugestehen: Wenn jemand das Recht hat, Jesus mit einer solchen Frage zu behelligen, dann sind es – die Jünger! Menschen, die unendlich viel riskiert haben. Menschen, die auf „gut Glauben“ und Jesu Wort hin ihr ganzes Leben umkrempeln ließen von diesem Mann aus Nazareth: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.

Die wenigsten von uns – heute – werden so etwas sagen können. Auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die auf vieles verzichten, um anderen Gutes zu vermitteln. Auch wenn heute noch Menschen große Opfer auf sich nehmen, auf glänzende Karrieren verzichten, satte Gehälter links liegen lassen, weil sie nur ein Ziel im Auge haben: Sie möchten die gute Nachricht von Gott und seiner Liebe den Menschen nahe bringen. In Wort und Tat. Mit einem Leben, verstanden als „Gottesdienst im Alltag“: Gott dienen – weit weg von zu Haus. Gott dienen in Kirche, Krankenhaus, Werkshalle, Bürogebäude. Gott dienen mit Bibel, Gesangbuch, Verbandskasten, Skalpell, Schraubenschlüssel, Bohrmaschine, Zollstock, Tafelkreide, Laptop. Die wenigsten von uns werden einen solchen Ruf hören und ihm folgen.

Und doch meldet sich diese Frage auch bei uns. In der „gemäßigten Zone“, in der gedämpften Lautstärke, im gepflegten Umgangston: Siehe, wir haben unser Leben bei dir festgemacht, Gott. Wir haben uns eingelassen auf die Reise in das Land des Glaubens. Wir haben so manche Möglichkeit ausgeschlagen, auf manches verzichtet, manches sogar investiert, um als Christ durchs Leben zu gehen. Wir haben uns bemüht, manchmal auch gequält. Das ist nicht immer leicht gewesen. Darum die Frage, hier und jetzt: Wo geht die Reise hin? Was trägt die Sache aus? Lohnt sich der ganze Aufwand? Ganz im Ernst, Jesus: Es würde uns leichter fallen, wenn wir eine Antwort darauf bekommen würden. Die ganze Rücksicht auf andere, während die ihre Ellenbogen gebrauchen und uns locker links überholen. Die Liebe zu den Menschen, die so anstrengend ist, weil manche Exemplare es uns so schwer machen. Der Respekt vor deiner Schöpfung, der uns Zeit, Geld und viele Gedanken kostet. Der Umgang mit dem Leben, der uns sensibel macht, verletzlich und voller Sorge, während andere mit dickem Fell und Hornhaut es im Leben krachen lassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Die schrägen Blicke, die Witzeleien, die versteckten Anspielungen, die verschärfte Beobachtung, unter der wir manchmal stehen, nur weil unsere Umgebung weiß: Wir sind Christen, wir halten uns zur Kirche, wir machen nicht überall mit, dafür machen wir Dinge, über die andere längst nicht mehr nachdenken. Versteh doch, Herr: Es würde uns manches leichter fallen, wenn wir wüssten, worauf das Ganze hinausläuft...

Und Jesus? Er – versteht! Lässt unsere Fragen zu. Hält sie aus. Wird nicht ärgerlich oder ungehalten. Jesus antwortet sogar darauf.
Aber: Er antwortet auf einer anderen Ebene. Petrus fragt auf der menschlichen Ebene. Die ist auch uns gut vertraut. Die ist uns übergegangen in Fleisch und Blut. Auf dieser Ebene, der menschlichen, machen wir die Erfahrung: Wer einzahlt, der bekommt Zinsen. (Gewisse Enttäuschungen an der Börse bestätigen die Regel). Am Ende ist der Betrag um ein Vielfaches gewachsen. Die Sache hat sich „gelohnt“. Auf dieser Ebene hätte es sich vielleicht „gelohnt“, wenn Petrus Minister geworden wäre – im Reich Gottes. Oder Pressesprecher im himmlischen Jerusalem. Das wäre dann „Geben und Nehmen“ auf einer Ebene. Leistung und Lohn. Menschlicher Einsatz und menschlicher Anspruch auf himmlische Bezahlung. Doch Jesus lässt sich auf diese Ebene nicht ein. Er spricht nicht von Lohn, dafür aber von Gewinn: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

Jesus spricht nicht von Lohn. Er stellt etwas viel Größeres in Aussicht, eine völlig neue Dimension, ein „Quanten-Sprung“. Wenn Gott gibt, dann nicht als Schuldner. Nicht als Bezahlung, die – zu Recht oder Unrecht oder auch nur aus Gnaden – gewährt wird, ausgezahlt, überwiesen. Wenn Gott gibt, dann nur als Geschenk. Unverdient. Und unverdienbar. Jesus Christus schenkt uns, was wir niemals verdienen können. Er gibt uns Heimat- und Familienrecht (Mk 3,35): Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Das verleiht uns Würde und Schutz. Und das nicht erst am „Sankt Nimmerleins-Tag“, sondern schon jetzt: Wir dürfen dazugehören! Nicht „dermaleinst“, sondern schon jetzt, in dieser Zeit, in unserem Leben heute. Was das bedeutet, dämmert uns manchmal erst, wenn die anderen „Sicherheiten“ im Leben nicht mehr zur Verfügung stehen. So wie Petrus, der mit seinem „Fischer-Latein“ am Ende ist und vor Jesus auf die Knie sinkt.

Es geschah im Frühjahr 1945. In Dresden. Der Bombenhagel war auf die Stadt niedergegangen. Trümmer und Ruinen, wohin man auch sah. In einer Hausruine lag ein Hügel mit Schutt. Auf diesem Hügel lag ein Kranz und ein Schild aus Pappe. Auf der Pappe hatte der Hausbesitzer eine Gesangbuchnummer gemalt. In unserem neuen Gesangbuch ist es die Nummer (EG) 370, Strophe 1. Die lautet: „Warum sollt ich mich denn grämen? Hab ich doch Christus noch, wer will mir den nehmen? Wer will mir den Himmel rauben, den mir schon Gottes Sohn beigelegt hat im Glauben?“

Hier ist nichts zu sehen von einer Hand, die sich Gott entgegenstreckt und Lohn einfordert. Etwas anderes ist zu spüren: Hier ist eine Hand, die wird von Gott ergriffen und gehalten. Und aufgerichtet. Die Hand, die diesen Menschen hält, trägt das Zeichen des Kreuzes. Es ist die Hand dessen, der unsere Sorge überwindet durch seine Für-(uns-)Sorge, unsere Angst durch seine Gegenwart, unsere Grenzen durch seine Zukunft. Wir gehören jetzt zu seiner Familie.

Amen.

 

(aus: Friedrich-Otto Scharbau (Hg.), Die Lesepredigt, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005)


 


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