Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18,31-43

Dr. Frances Back

18.02.2007 in der Nikolaikirche in Göttingen

Universitätsgottesdienst

Universitätsgottesdienst

Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten, und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.

Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre.
Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst Du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk sah es und lobte Gott. (Lk 18, 31-43).

1.

Siehe! Das entscheidende Wort wird gleich am Anfang gesagt. Es geht um das Sehen. Augen werden geöffnet, Blindheit aufgehoben, Schleier weggezogen, die den freien Blick verhindern. Klarheit wird versprochen in der Erzählung, in der am Schluss das ganze Volk sieht: „Und das ganze Volk sah es und lobte Gott.“

Am Ende der Erzählung ist es soweit. Am Anfang sieht niemand etwas. Alle tappen im Dunkeln mit den Jüngern, die auch keinen Durchblick haben.

Schleierhaft ist ihnen, wohin der Weg nach Jerusalem führen soll. Vom tiefsten Punkt der Erde, in der Jordansenke, soll es losgehen, kurz vor Jericho, 250 Meter unter dem Meeresspiegel, wenn man dem Reiseführer Glauben schenkt. Und dann tausend Meter steil bergauf auf kleinen Straßen durch die steinige Wüste auf die Bergrücken, von denen man schließlich die heilige Stadt sehen kann. Dunkel ist die Ankündigung, dass dort ein Mensch misshandelt, getötet und am dritten Tag auferstehen wird. Wie soll man das verstehen?
Drei lange Sätze beschreiben die Blindheit der Jünger: sie verstanden nichts, das Wort war verborgen vor ihnen, sie erkannten das Gesagte nicht.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel – das ist auch für uns, die wir im 21. Jahrhundert leben, nicht unbedingt leicht zu verstehen. Und wie klingt das wohl in den Ohren eines Menschen, der nie mit dem Christentum in Berührung gekommen ist, ohne Kontakt zur Kirche aufgewachsen ist und als Zaungast an einem christlichen Gottesdienst teilnimmt. Im Osten von Deutschland gibt es ja viele Menschen, denen es so geht.

Aber auch geübte Christen können die Erfahrung machen, dass einem die Worte des Glaubensbekenntnisses nicht zu jeder Zeit gleich viel sagen. In manchen Zeiten im Leben muss man sich noch einmal ganz neu um sie bemühen, oder auch um sie kämpfen. Einige von uns haben vielleicht schon solche Situationen erlebt, in denen man intensiv um den Glauben ringt und nach Antworten sucht. Oder ihn verteidigen muss gegen Kritiker, die die Worte des Glaubensbekenntnisses mit abstrakten Lehren verwechseln und mit erstarrten Formeln, die man anerkennen und bejahen muss.
Dann stellt man sich die alten Worte am besten wie Fenster vor, durch die man hindurchschauen kann in eine große, lebendige und farbenfrohe Landschaft. Sie öffnen den Blick für einen weiten Raum, in den wir hineingestellt sind, und geben uns Hinweise, so dass wir uns in diesem Raum zurechtfinden können. Sie sind wie orientierende Zeichen auf einer Landkarte, auf der viele Wege verzeichnet sind, die in verschiedene Richtungen führen.

Glauben heißt, einen Blick für diesen weiten Raum haben, der um uns ist, und sich zugleich darin geborgen wissen. Halt gewinnen auf einem sicheren Boden und fest stehen im Grund - wie ein Baum, der tief verwurzelt ist und den auch Kyrill und Lanzelott nicht umwerfen können. Für einen solchen Glauben öffnet uns die Erzählung von der Heilung des Blinden die Augen.

2.

Der Blinde sitzt am Stadtrand von Jericho am Weg und bettelt, als Jesus und die Jünger vorübergehen. Sie sind nicht alleine. Ein ganzer Menschenzug geht vor ihnen und hinter ihnen her. Einige pilgern zum Passafest nach Jerusalem, andere haben sich aus Neugierde angeschlossen und wieder andere, weil sie Hilfe suchen und geheilt werden möchten – ein Strom von Menschen voller Wünsche und Sehnsüchte und Hoffnungen.

Wie das Wunder geschieht, wird nicht erzählt. Aber am Ende wird berichtet, dass der Blinde auf einmal klar und deutlich sieht: Den Platz, auf dem er gesessen hatte, die staunende Menschenmenge und den, der ihn geheilt hat. Vor allem aber kann er jetzt hoffnungsvoll in die Zukunft sehen, er hat wieder eine Perspektive. Als Geheilter ist er nicht mehr abhängig vom Mitleid und Wohlwollen anderer, er muss nicht mehr betteln, er kann selbst arbeiten und für sich sorgen.

Dein Glaube hat dir geholfen. Kein Ritual, keine medizinischen Heilmittel, keine Beschwörungen, sondern: Dein Glaube hat dich sehend gemacht.

In diesem Satz steckt eine Zumutung und ein Trost zugleich. Heißt das doch, dass uns Kräfte zugetraut werden, die wir einer Krankheit oder einem körperlichen Leiden entgegensetzen können. Vielleicht ahnen wir noch gar nichts davon und es stecken ungeahnte Energien in uns. Du bist nicht Spielball und Opfer der Krankheit. Du verfügst über eine Kraft, die stärker ist und aktiv am Heilungsprozess beteiligt ist. Das Immunsystem des Glaubens.

Wie es funktioniert, kann man an dem geheilten Blinden in der Geschichte sehen:
Er besinnt sich auf das, was ihm gegeben wurde: Er hat ein feines Gehör, mit dem er die besondere Situation wahrnehmen und erspüren kann. Etwas ist anders als sonst, viel mehr Menschen sind unterwegs, Unruhe, gespannte Erwartung, Aufregung liegt in der Luft. Er hat Mut zu fragen und sich zu erkundigen – was ist da los? Kommt da vielleicht einer, der mir helfen kann?

Die Not ist so groß, dass ihn auch die bösen Zungen, die ihn zum Schweigen bringen wollen, nicht hindern, um Hilfe zu rufen – Sohn Davids, erbarme Dich!
Einmal wieder das Licht der Sonne schauen, den blauen Himmel sehen, die Farben des Regenbogens, die Augen eines geliebten Menschen, ihren Glanz, ihre Wärme, das Strahlen, aber auch den Schmerz und die Tränen, endlich ausbrechen aus dem Gefängnis der ewigen Nacht, wieder leben, Licht trinken – Herr, erbarme dich, Kyrie eleison!

Gott kann auch das Unmögliche möglich machen. Wer mir das Leben gegeben hat, kann auch Blinde sehend machen und Tote lebendig. Glauben ist manchmal wie ein trotziges Anglauben gegen die Realitäten – ein geradezu blindes Vertrauen auf die Macht, mit der Gott eingreifen und alles verändern kann, wo die Vernunft schon längst gesagt hätte „gib auf“. Das sind irreversible Prozesse. Aber der Glaube gibt nicht auf, er hofft immer weiter. Das ist wie bei einem Paar, mit dem ich vor einiger Zeit gesprochen habe. Viele Jahre hat es gewartet und dann doch noch das lang ersehnte Kind bekommen.

Dein Glaube hat dir geholfen. Das hat auch etwas mit Mut zu tun, etwas riskieren, den Fuß in ein Neuland setzen, über eine Grenze gehen, wie damals, 1989, als die Mauer fiel, in ein unbekanntes, ganz anderes Deutschland.
Auch ein Studienbeginn weit weg von zuhause kann solch ein mutiger Sprung ins Neuland sein, oder eine neue Stelle in einer anderen Stadt. Vielleicht war man vorher etwas unsicher und hat sich gefragt – finde ich gute Freunde, denen ich mich anvertrauen kann, passt das Studienfach zu mir, wird mir der Beruf Freude machen, kann ich mich in der fremden Stadt zuhause fühlen?

Blindes Vertrauen wird ja oft negativ bewertet – jemand, der blind vertraut, ist naiv, vielleicht sogar wahnsinnig, er rennt in sein Unglück, er macht sich verletzlich und angreifbar. In Wirklichkeit ist es eine große Kraft und Stärke, sich verlassen zu können, rückhaltlos, sich aus der eigenen Hand geben zu können, ohne Absicherung, im festen Vertrauen darauf, dass unten einer steht, die Arme ausbreitet und einen auffängt: Wer etwas erwartet und sich traut zu springen, kann viel gewinnen. Der Glaube ist eine Kraft, die einen retten kann. Das gilt auch dann, wenn man nicht geheilt wird.

3.

Vielleicht denkt jetzt der eine oder andere – ich würde ja gerne so vertrauen, aber ich kann es oft nicht. Ich bin oft unruhig und angespannt, und manches macht mir Sorge.
Solch ein fester Glaube, wie ihn der geheilte Blinde hat, lässt sich sicherlich nicht erzwingen. Man kann ihn nicht „machen“.

Es kann aber sein, dass einem die Augen geöffnet werden. Wie bei dem Volk in der Geschichte von der Heilung des Blinden. Am Anfang der Erzählung hat noch niemand etwas gesehen. Aber nach der Heilung des Blinden sind die Menschen in der Lage, die Wirklichkeit neu zu deuten. Die Heilung des Blinden hat ihnen die Augen geöffnet, für das, was Gott tun kann, so dass sie die Realität in einem neuen Licht sehen und dankbar sind.

Die Bibel nennt das Offenbarung. Unsichtbares wird sichtbar. Augen werden geöffnet, Blindheit aufgehoben, Schleier weggezogen. Enthüllung, Klarheit, Licht. Sehen, was Gott tut. Man muss dafür nicht selbst bei der Heilung dabei gewesen sein. Manchmal ist es schon genug, wenn man davon erzählt bekommt – dann erinnert man sich vielleicht daran, dass man selbst auch schon einmal Ähnliches erlebt hat, überraschende Hilfe und Heilung.

„Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ So begann die Erzählung von der Heilung des Blinden. Und sie schließt mit den Worten: „Und das ganze Volk sah es und lobte Gott.“

Amen.