Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18,9-14

Regina Fritzsche (ev.)

23.08.2009 Ev. Kirche St. Nicolai in Weißensee/Thr.

Anlässlich der Beauftragung zum Prädikantendienst

Gnade sie mit euch und Friede, von GOTT unserem Vater und unserem HERRN Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde;

mussten Sie in der Schule damals auch den Roman „Effi  Briest“ von Theodor Fontane lesen?
Jene ausführliche und tragische Geschichte von Effi,  die den wesentlich älteren
Baron Geert von Instetten heiratet, dabei alles andere als glücklich ist und sich auf eine Affäre mit Major von Crampas einlässt?
Jener groß angelegte Gesellschaftsroman, der von gesellschaftlichen Konventionen, aber auch unerfüllten Wünschen und Träumen erzählt und der seine Heldin Effi am Ende tragisch enden lässt. Fontane beschreibt in eindrücklichen Bildern das Leben seiner Zeit, die Menschen, ihre Beziehungen, ihre Geschichten, aber auch vor allem die Landschaft, seine Mark Brandenburg, in der er und auch seine Romanfiguren leben, lieben, leiden und sterben.

Im ersten Kapitel lernen wir Effis Welt kennen, hier noch heil und behütet – und wir lernen ihre drei Freundinnen kennen.
Eine davon ist die Tochter des Pastors Niemeiyer mit Namen Hulda.
Es klingt nicht gerade freundlich, wie Fontane sie hier beschreibt:
....“ sie war damenhafter als die beiden anderen, dafür aber langweilig und eingebildet, eine lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden blöden Augen.....“

Es ist Hulda, die jenen berühmten Ausspruch der lebenslustigen und unbekümmerten Effi entgegenwirft:
„Hochmut kommt vor dem Fall!“
Ich sehe heute noch meine Deutschlehrer, ein Mann wie ein Schrank, donnernd und laut uns dieses Zitat immer wieder sehr eindrucksvoll und vor allem sehr theatralisch entgegenrufen.
Ich weiß nicht, wie viele Schülergenerationen in so manchem Deutschaufsatz über diesen Worten gegrübelt und geschwitzt haben.
„Hochmut kommt vor dem Fall“ – dieser Satz kam mir bei der Beschäftigung mit unserem  heutigen Predigttext auf einmal wieder in den Sinn.

Unser Predigttext, den wir als Evangelienlesung vorhin bereits gehört haben ist so eine Geschichte von Hochmut, von geistlichem Hochmut, von geistlicher Arroganz und Selbstüberschätzung.
Und -es ist die Geschichte zweier ganz unterschiedlicher Menschen.

Ich lade Sie ein, gehen wir mit den beiden mit, im nötigen Abstand hinter ihnen, begleiten wir sie und gehen wir gemeinsam hinauf zum Tempel, halten wir uns im Hintergrund und schauen und hören wir, was die beiden in den Tempel zieht.

Der eine ist ein Pharisäer, ein Jude.
Z. Zt. Jesu bildeten die Pharisäer unter den verschiedenen jüdischen Strömungen die einflussreichste und bedeutendste Gruppe.
Wenn Sie an Pharisäer denken, was fällt Ihnen ein, wer waren sie? Widersacher und Gegner Jesu? Sie haben recht – in der Tat wurden die Pharisäer in den späteren Überlieferungen oft pauschal als Gegner Jesu schlechthin charakterisiert. Aber ich denke, wir müssen genauer hinschauen. Machen wir es uns nicht so einfach!
Ja, das Verhältnis zwischen Jesus und den Pharisäern war konflikt- und spannungsgeladen, es war geprägt durch harte und intensive Auseinandersetzungen. Aber es war auch und vor allem geprägt durch echte und intensive Streitgespräche, durch das Suchen und das Ringen nach Antworten auf existenzielle Fragen, auf Glaubens - und damit auf Lebensfragen.

Der andere ist ein Zöllner, auch ein Jude, aber missachtet in doppelter Hinsicht:
Von den Juden wird er dafür verachtet, dass er für die verhasste römische Besatzungsmacht die Steuern eintreibt.
Die Römer dagegen betrachteten die Zöllner, obwohl sie sich ihrer bemächtigten, als stur, gewinnsüchtig und korrupt.
Beide zieht es hinauf zum Tempel. Beide wollen dort das gleiche tun – beten.
Das Haus Gottes, der Tempel, unsere Kirche, damals wie heute Orte des Gebetes, Orte des Dialogs mit Gott.
Ein guter Ort, ein wichtiger Ort, ein heilsamer Ort. Ein Ort zum Aufatmen, Durchatmen – Innehalten. Hier können wir ablegen, was uns belastet, hier müssen wir die falsche Fassade nicht mehr aufrechterhalten, hier können wir unser nur mühsam lächelndes Gesicht entspannen und weinen, weil uns zum Heulen zumute ist, hier können wir klagen, loben und danken, hier müssen wir nicht mehr sein, was wir gar nicht sind, hier müssen wir uns nicht erklären.

Beide, den Pharisäer und den Zöllner, zieht es hierher – vielleicht aus den eben erwähnten Motiven.
Beide stehen sie jetzt im Tempel vor Gott.

Der Pharisäer – aufrecht steht er und betet, ja er dankt GOTT und stellt sich in das rechte Licht. Er tut viel, er gibt sich wirklich Mühe ein gottgefälliges Leben zu führen. Er hält sich an die Regeln, die Gott gegeben hat. Er fastet, er gibt ab, von dem was er besitzt und er lebt ein ordentliches Leben, er stiehlt nicht, er betrügt andere nicht und er hintergeht seine Frau nicht - kurzum – der Pharisäer meint: „Lieber Gott, ich bin o.k.!“ – das ist auch o.k.
Gesundes Selbstvertrauen brauchen wir im täglichen Leben. Ein aufrechter Gang, das Wissen darum, was ich kann, was ich gut kann, was mir gelungen ist, was ich wert bin, das ist wichtig für unser eigenes Selbstwertgefühl. Wir müssen uns nicht künstlich klein machen, was uns gelungen ist, das können wir auch als gelungen benennen.
Was unsere Geschichte hier so in die Schieflage bringt das ist dieser Vergleich, der scheele, der herabwürdigende hämische Blick zur Seite, dieser Tritt nach rechts oder links:
„Zum Glück bin ich nicht so wie dieser Zöllner neben mir!“
Es ist diese Verachtung, es ist dieses Klein-machen des anderen, es ist diese Arroganz, es ist dieser Hochmut.
Schaut her: Ich bin so gut, weil der andere neben mir schlecht ist - das gibt dieser Geschichte den bitteren Beigeschmack.

Der Zöllner – er steht fernab, im gehörigen Abstand zum Pharisäer. Wir können in nur von hinten sehen. Er hat den Kopf tief gesenkt.
Was hat er auf dem Herzen, was schleppt er mit sich herum?
Wir erfahren nichts Konkretes. Wir wissen nicht wie viele Menschen er betrogen, wen er alles über den Tisch gezogen hat. Ja, vielleicht ist er ein Schurke, ein Halunke.
Aber - vielleicht ist es auch ganz anders, vielleicht leidet er unter seiner Tätigkeit, hat seinen Job so satt, sucht schon lange nach einer beruflichen Alternative, die so schwer zu finden ist angesichts der Krise.

Und so fasst er alles, was ihn bedrückt, was ihn schon lange quält in einem Satz zusammen und richtet diesen an die einzig  richtige Adresse: „Gott sei mir Sünder gnädig.“ Alles legt er damit quasi auf den Tisch, seine ganze unvollkommene, fehlerhafte, schuldhafte Realität – alle legt er vor GOTT. Und er erkennt, WER ihn da einzig wieder aufrichten kann, GOTT, der einzig Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit ist!

Ich möchte unsere beiden Hauptfiguren nicht gegeneinander aufwiegen, ja, sie evtl. sogar gegeneinander ausspielen, sie in eine Schublade packen, den einen zu den Guten, den anderen zu den Bösen, obwohl zugegebenermaßen es reizt. Vielmehr möchte ich noch einmal einladen, nachzudenken über die beiden und über uns.

Dieser schräge vergleichend - abwertende Blick, das ist das eigentlich Fatale.
Wenn ich mich als den besseren Christen betrachte, wenn wir meinen, wir sind die bessere Gemeinde, wir leben frommer als die anderen und wir machen sowieso alles besser als die anderen, dann zeigen wir diesen schrägen Blick, dann begeben wir uns in die Gefahr, geistlich hochmütig zu sein.
Und Jesus zeigt mit diesem Gleichnis genau diese Gefahr auf und richtet diese Geschichte an diejenigen, die Gefahr laufen, geistlich hochmütig zu werden, sich über andere zu erheben, meinen besser zu sein als andere und damit andere zu missachten, damals wie heute.
Er rüttelt uns auf und ruft uns zu: „Passt auf, erhebt euch nicht über andere!“
Sparen wir uns den schrägen Blick zur Seite am Sonntag „Na, was will der oder die denn hier lange nicht gesehen– die kommen ja auch nur....“
Sparen wir uns den schrägen Blick am Heiligen Abend auf all die, die wieder nur an diesem einzigen Abend im Jahr gekommen sind..
Sparen wir uns den schrägen Blick auf das Brautpaar, was sich kirchlich trauen lässt, aus welchen Motiven auch immer – weil die Orgel so schön spielt, weil es so schön feierlich ist oder vielleicht aus ganz anderen Gründen…?
Sparen wir uns den schrägen Blick auf das Elternpaar, welches sein Kind taufen lässt und eigentlich nicht so recht weiß warum, weil die Oma es will, weil es nicht schaden kann....
Nehmen wir den Anderen, den Menschen neben uns, im besten Sinne unseren Nächsten, wer auch immer das sein mag, ernst. Nehmen wir seinen Glauben ernst, seine Art zu glauben, nehmen wir sein Suchen ernst, seine Zweifel, seine Unvollkommenheit im Glauben, achten wir das, was er mit sich bringt, achten wir das, was er vor GOTT legt, denn wir wissen nicht, was er da ablegt.
Achten und respektieren wir die Glaubens – und Lebensgeschichte unseres Nächsten, so krumm und brüchig, so verknotet und schuldbeladen, so unverständlich für uns sie auch sein mag.

Wer zu Gott geht, wer vor Gott tritt, hat den ersten Schritt bereits getan.
In Gottes Haus hat jeder und jede Platz. Niemand von uns hat das Recht, irgendjemanden diesen Platz streitig zu machen oder gar zu beurteilen, wer würdig ist hierherzu kommen.
In Gottes Haus sind alle herzlich willkommen, der Pharisäer, der Zöllner, die Frommen die Suchenden, die Zweifelnden, die Unzufriedenen, die Dankbaren, die Schuldig gewordenen, die, deren Leben ein einziger kaputter Scherbenhaufen ist.


Gott sammelt die Scherben unserer Scherbenhaufen, die wir angerichtet haben wieder auf und baut Stück für Stück daraus ein neues Leben.
Gott richtet unser Leben wieder auf. Er richtet das Zerbrochenen und den Zerbrochenen wieder auf.
„Gott sei mir Sünder gnädig“ – es kann sein, dass es mitunter das Einzige ist, was wir über die Lippen bringen - das reicht – alles Andere macht GOTT.


Und der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen uns Sinnen in Christus Jesus  Amen.