Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 18,9-14

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

31.08.2003 in der Jesus Kirche Bad Aussee/ Österreich

Liebe Gemeinde,

in dieser Beispielgeschichte hält uns Jesus einen Spiegel vor. Wir sind so wie dieser Pharisäer und dieser Zöllner. Mit diesen Charaktertypen veranschaulicht Jesus menschliches Verhalten. Ja wir selbst übernehmen sie, um Mitmenschen zu bezeichnen: "So ein Pharisäer".

Die Begriffe "Pharisäer" und "Zöllner" haben sich in unser Bewusstsein eingeprägt und rufen in uns sofort Bilder wach und erklären die mitmenschliche Gegebenheit, ja auch unser Verhalten.

Diese zwei Begriffe "Pharisäer" und "Zöllner" haben einen negativen Klang. Ja, jeder versteht sofort, was gemeint ist. Keiner will als ein Pharisäer tituliert werden, weil er damit als ein zwielichtiger Charakter gemeint ist, auf der einen Seite fromm und auf der anderen Seite doch auf seinen Vorteil bedacht. Ebenso ist es mit dem Begriff "Zöllner", der schnell mit dem des Sünders in Zusammenhang gebracht wird.

Bei genauerem Hinsehen der Bibelstellen wird deutlich, dass der Pharisäer ein achtenswertes, untadeliges Leben führt, in dem er nicht nur im Reden, sondern auch im Leben mit Gottes Geboten ernst macht.

Eigenartig: Jedes Vorbild hat auch seine Schattenseiten, so haben manche Pharisäer mit ihrer Frömmigkeit geprahlt. Sie wollen einen Ehrenplatz bei den Menschen und vor Gott haben. Ja, sie rechnen Gott ihre Verdienste vor, so wie es üblich ist: Wir sind besser als die anderen. Die Mitmenschen haben dieses ambivalente Rollenspiel der Pharisäer durchschaut und wenig von ihnen gehalten.

Ebenso ist es mit den Zöllner, die auch von ihren Mitmenschen als zweifelhafte Personen angesehen werden. Sie haben sich ihren Posten als Zollbeamte von den Herrschenden erkauft. Durch überhöhte Zollforderungen haben sie ihre Ausgaben wieder eingetrieben und sich bereichert. Sie leiden unter der gesellschaftlichen Ächtung. Aus diesem Grund wollte Zachäus, mit Jesus ins Gespräch kommen. Er versteht seine seelische und erlöst ihn von ihr.

Ziel Jesu Rede ist, nicht über die beiden gesellschaftlich geächteten Menschen zu reden, wie Menschen gerne über andere sprechen, um nicht von sich mitzuteilen.

Jesus legt den Schwerpunkt auf den geheimen Wunsch des Menschen nach Erlösung. Er nimmt die menschlichen Wünsche in seiner Rede auf: ein neuer Mensch zu werden, ja sich ändern zu können. In dieser Beispielgeschichte bringt er die frohe Botschaft, dass Gott ein Gott der Erneuerung ist und auf den Menschen zukommt.

Jesus schildert, wie zwei Menschen vor Gott stehen, weil sie aus ihrer geächteten Situation heraus wollen. Sie wollen neue Menschen werden. Darum geht es in der Beispielgeschichte Jesu. Sie spricht uns deshalb an, weil wir auch neue Menschen werden wollen.

Gewiss hat schon jeder selbst darüber nachgedacht: einen neuen Namen sich zuzulegen; in eine andere Stadt zu zieht. Doch wird durch diese äußeren Dinge ein Mensch ein neuer Mensch? Wahrscheinlich nicht. Es bedarf einer neuen Einstellung. Es bedarf eines neuen Lebensziels in der Gemeinschaft der Mitmenschen.

Jesus zeigt die Menschen, Pharisäer und Zöllner, vor Gott im Tempel. Es kommt für beide auf die Gottesbeziehung an. Sie bestimmt den Menschen.

Gewiss ist dies den Menschen zur Zeit Jesu bewusst gewesen. Sie leben nicht im Glauben aus dieser Gottesbeziehung. Deshalb muss Jesus von neuem darüber sprechen und auch jede Generation. Auch wir sind nicht entlassen. Es wäre gut, wenn der Gottesbezug in die Präambel der EU-Verfassung aufgenommen werden könnte, um manchen wieder daran zu erinnern, dass der Mensch von Gottes Gnade her lebt. Denn aus der Beziehung zu Gott erwächst auch die Beziehung zu den Mitmenschen. Wer Gott liebt, der kann auch ein gutes Verhältnis zu seinen Mitmenschen haben. Der Gottesglaube ist immer ein praktischer Glaube.

Jesus schildert die Gebetshaltung des Pharisäers und des Zöllners vor Gott. Sie offenbart wie sich ein jeder vor Gott selbst sieht. Die äußere Haltung lässt auf die innere schließen.

Der Pharisäer steht vorne im Gottesdienstraum. Er spricht im Gebet vor Gott, wie er sich selbst sieht. Er findet sich gut. Ja, er vergleicht sich mit anderen Menschen, so mit dem Zöllner und sieht sich als ein besserer als jener. Jeder darf sein Bemühen schon nennen. Gewiss, es muss auf die Unterschiede geachtet werden und es darf nicht alles über einen Leisten gezogen werden. Nur soll es dabei zu keiner Überheblichkeit kommen, die schnell in Hochmut umschlägt. Bei aller Selbstgerechtigkeit verkennt der Pharisäer, dass er vor Gott steht und somit ein unvollkommener Mensch ist und bleibt. Auch wenn er sich noch so bemüht, perfekt zu sein, wie er schildert, dass er zwei Tage in der Woche fastet und dass er von seinem Besitz den Zehnten gibt. Durch diesen Leistungsdruck wird der Pharisäer nicht vollkommen. Es kommt auf das Wissen an, dass alles Gnade ist und auf seine Beziehung zu den Mitmenschen. So lange der Pharisäer nicht zu dieser religiösen Erkenntnis kommt, kann er kein neuer Menschen werden und kann sich nicht erlöst fühlen.

Dr. Martin Luther hat dies im Kloster erkannt, deshalb sieht er von seinen Bußübungen ab, um vor Gott gerecht zu werden. Er erkennt, dass Gott sich den Menschen durch Christus zuwendet und ihn in Gnaden ansieht.

Irgendwie hat der Zöllner dies erspürt. Er hat vor Gott im hinteren Teil des Gottesdienstraumes gebetet und ihm bekannt, dass er kein guter Mensch sei. "Gott, hab Erbarmen mit mir, ich bin ein sündiger Mensch!". Sein Lebensüberblick vor Gott lässt ihn zu keinem Vergleich mit anderen Menschen kommen, sondern nur zur Selbsterkenntnis und zur Bitte: "Gott, hab Erbarmen mit mir". Damit sagt er bewusst aus, dass er von Gott her lebt. Trotz aller Verfehlungen wirft er sein Vertrauen auf Gott, der ihn bisher durchs Leben trägt und tragen wird. Diese Glaubenshaltung führt zu einer neuen Lebenseinstellung. Solch eine Erkenntnis hat manch Jugendlicher, wenn er aller Verfehlungen gesteht: "Ich bin für einen noch liebenswert." Dieser Glaube hilft zu einer neuen Lebenseinstellung und öffnet das Leben zum Zusammenleben in der Gemeinschaft. Also nicht: "Ich bin gut", wie der Pharisäer, sondern wie der Zöllner: "Ich bin für einen, also Gott, liebenswert." Daraus erwächst der Weg zu einem neuen Leben.

Jesus zeigt zwei Haltungen, die wir alle kennen und in uns stecken. Wir sind auf der einen Seite selbstbewusst und auf der anderen zerknirscht. Wir sind zerrissene Menschen. Jesus zeigt uns an der Haltung und an der Glaubenseinstellung des Zöllners, dass nur die Erkenntnis Gottes, dass er der barmherzige ist, dem Menschen zu einer neuen Lebenseinstellung und zu einer Erlösung verhilft. Der Gottesglaube bestimmt das Menschenleben. Wer sich Gott anvertraut, der erleichtert sein Gewissen und erlebt die Befreiung von mancher Last. Ja, er kann somit den Mitmenschen neu sehen, weil ihm Barmherzigkeit widerfahren ist.

Es möge bei einem jeden zu dieser Erkenntnis des Zöllners kommen. So kommt es zu einer echten Reue und nicht "Es ist halt so gekommen". Die Hinwendung zu Gott hat aus dem Inneren zu kommen. Der Glaube an Gott macht Hoffnung. Ja, der Glaube trägt auch. Glauben und Leben gehören zusammen. Der Zöllner hat dies erkannt und dadurch eine Befreiung zum Neuanfang in seinem Leben erfahren. Als von Gott Beschenkter kann sich neu seinen Mitmenschen zuwenden. Dies möge uns auch unser Glaube an Gott schenken. Christlicher Glaube ist etwas Lebendiges, so dass es immer wieder neue Erfahrungen zu machen gilt, um die Größe, Breite und Tiefe des Reichtums Gottes zu erleben.

Amen.